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Dienstag, 26. Februar 2008 11:03 Uhr
Kategorie: Schreibwettbewerb, Multimedia

Von: Redaktion

write&change: Meeresfieber

Die Gewinnergeschichte des Monats Januar steht fest und wurde von phonobrand mit Schauspielerin Jo Kern als Sprecherin und Anno Köhler als Moderator vertont. Die Jury entschied sich für die kraftvolle Bildsprache von Autorin Simone Edelberg.

Jo Kern:

Jo Kern: Professionelle Schauspielerin und Sprecherin. U. a.  Tatort, Traumschiff, Wo ist Fred, Sterne des Südens u.v.m. Werbestimme von Nestlé Alete, 11880, Ramazotti etc.

www.jo-kern.com


Anno Koehler:

Ausgebildeter Schauspieler. Rollen unter anderem im Tatort und in der Literaturverfilmung Die Wolke.

www.annokoehler.de

 

 


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Meeresfieber

von Simone Edelberg

Fieber brannte in mir, wenn ich auf das Meer blickte. Es rief nach mir. Im Januar war der Ruf am lautesten. Dann spazierte ich am Strand neben angespültem Tang und Seegras entlang, lauschte den Wellen, spürte die Gischt auf meinen Wangen und war verloren.

Es war das Meerfieber, dessen Hitze sich nur beherrschen ließ, indem ich als Vogelwart auf der Hallig Habel arbeitete. Dort war ich dem Meer nah. Zwei Mal im Jahr bekam ich Besuch: Dann wanderte Schornsteinfeger Petersen über das Watt und sorgte dafür, dass mein Schornstein rauchte.

Das Meerfieber stieg von Jahr zu Jahr. Die Gezeiten pulsierten immer heftiger in meinem Blut. Ich wusste, der Tag, an dem das Meer mich holen würde, rückte näher. An jenem Januarmorgen war es so weit; Ebbe herrschte und der Wind war voll Geflüster.

Ich lenkte meine Schritte aufs Watt. Hier, wo sich Himmel und Horizont küssten, war ich allein mit Krabben und Ringelwürmern. Plötzlich sah ich eine Gestalt, die sich parallel zu mir bewegte und wunderte mich: Was machte jemand um diese Jahreszeit im Watt?

Ich kniff die Augen zusammen. Doch die Gestalt war im Morgennebel verschwunden. Hatte mir die Einsamkeit den Verstand verwirrt? Wie schnell wurde in der Fantasie ein Büschel Algen zu einem Meermonster!

Gellendes Kreischen riss mich aus meinen Gedanken. Wie Möwengeschrei, nur lauter. Ich fuhr herum. Wieder ertönte ein Schrei. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Ich ging weiter ins Watt hinaus, teilte den Nebel mit meinen Gummistiefeln und suchte nach der Kreatur, die den Schrei ausgestoßen hatte.

Ich kam zu einem Priel, den ich respektvoll umging. Wer wusste, was außer einem tödlichen Sog noch in diesem Wasserlauf lauerte? Meine Handflächen waren schweißnass. Ich horchte, hörte aber nichts außer meinem Atem.

Um mich herum sah ich nur den Nebel und den Schlick zu meinen Füßen. Wieder durchdrang ein Schrei die Stille, dicht hinter mir. Ich drehte mich um: Vor mir stand ein Mann und lächelte. Widerlicher Gestank stach in meine Nase. So hatte es gerochen, als der tote Schweinswal angespült worden war; ein Geruch nach verwesendem Eingeweide und Blut, nach Tod.

Ich konnte mich nicht bewegen, konnte den Mann – war es überhaupt einer? – nur anstarren: Er war nackt und trug einen Speer in der Hand. Einer dieser Aussteiger, die jetzt, nachdem Thailand überlaufen war, an der Nordsee auftauchten? Ein Naturbursche, der nie ein Krabbenbrötchen kaute und sich lieber von Müsli und rohem Gemüse ernährte?

Aber nein! Es war Januar. Die Temperatur lag bei gefühlten 3°C. Gewiss war doch auch ein Naturbursche nicht immun gegen den scharfen Südwestwind? Ich schaute genauer hin: Wassertropfen funkelten auf seiner Haut, seinem Haar, den Schwimmhäuten zwischen Fingern und Zehen ...

Schwimmhäute?

Die Geschichten über Seelen sammelnde Meermenschen kamen mir in den Sinn.

Der Meermann entblößte spitze grüne Zähne und sprach mich an:

„Ich habe dich gerufen, du bist gekommen. Lass uns gehen!“

An Stelle einer Antwort riss ich ihm den Speer aus der Hand. Doch bevor ich ihn auf den Meermann richten konnte, griff auch er danach. Wir bewegten uns in einem hypnotischen Tanz über den Schlick: Vor und zurück, rund um den Speer, der uns trennte und doch verband. Nach stundenlangem Tanz versank ich schließlich dankbar in Bewusstlosigkeit.

Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich zerschlagen am Strand. Eine Lachmöwe pickte neugierig an meiner zerfetzten Kleidung.

Es ist vorbei, dachte ich. Ich hörte das Rufen nicht mehr; mein Meerfieber war erloschen. Ich war frei!
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Simone Edelberg:
Simone Edelberg ist Autorin zahlreicher Fachbücher und Redakteurin für diverse Tageszeitungen.


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Kommentare

Dr.Hase schrieb am 28.02.2008 15:20

Ganz ehrlich, von diesem Bild auf einen Meermann und einen Speer zu kommen - dazu braucht man auf jeden Fall jede Menge Phantasie!




balljunge schrieb am 28.02.2008 15:19

Die Sprecherin ist der Hammer, finde ich. Gesprochen wirkt die geschichte noch viel fesselnder. Großes Kompliment!




esprit schrieb am 26.02.2008 17:22

Coole Geschichte, vor allem den Kampf mit dem Meermann finde ich unheimlich...lovecraft lässt grüßen :-)



 

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