Nur wenige Entdecker, Soldaten, Händler und Pilger wagten sich in ferne Länder. Die meisten Menschen lebten und starben in der Nähe ihres Geburtsortes.
Heute sind wir mobil. Dem amerikanischen Population Resource Center zufolge haben über 200 Millionen Menschen ihr Geburtsland verlassen, um anderswo ein neues Leben zu beginnen. Viele Hundert Millionen machen in der Ferne Urlaub oder Geschäfte. Kondensstreifen durchziehen den Himmel, elektronische Signale rasen durch Glasfaserkabel, und mit jedem Tag scheint unser Planet zu schrumpfen.
Mit wachsender Reiselust haben wir den Bezug zu unserer natürlichen Umgebung zunehmend verloren. Nur noch wenige Menschen verfügen über das lokale Umweltwissen, das einst ihre Vorfahren besaßen. Gleichzeitig sind wir über die größeren Zusammenhänge in der Natur im Bilde. Jemand vermag vielleicht den Baum in seinem Garten nicht zu bestimmen, kann jedoch problemlos ein Satellitenbild seines Stadtviertels auf den Laptop holen. Er mag ohne Kompass nicht wissen, wo Süden ist, doch mit Hilfe seines Handys benennt er den genauen Längen- und Breitengrad. Er mag keine Ahnung haben, was für ein Vogel vor seinem Fenster singt, leidet aber im Kino mit den Sorgen und Freuden antarktischer Pinguine mit. Kurzum: Wir wissen kaum etwas über die Region, die wir unsere Heimat nennen, und sind trotzdem mehr denn je über die Abläufe auf dem Planeten Erde informiert.
Diese beiden Aspekte – die globalen und die lokalen, die technischen und die heimischen – müssen miteinander verschmolzen werden. Die besten Umwelttechniken, die in Laboratorien und Werkstätten rund um die Erde entwickelt werden, sind optimal einzusetzen und mit dem lokalen ökologischen Wissen anzureichern, das aus einer intensiven Beschäftigung mit der Umgebung erwächst. So erhalten wir ein völlig neues Instrument für die Lösung der bedrohlichsten Probleme, mit denen unser Planet konfrontiert ist.
Die Beschäftigung mit der Umgebung versetzt uns in die Lage, vor Ort die Initiative zu ergreifen, und macht nebenbei auch noch Spaß. Die Verbindung mit der Natur ist uns angeboren und lässt sich mitten in einer Großstadt ebenso aufrechterhalten (man muss nur wissen, wo man hinsehen muss) wie im Wald. Das Studium der heimischen Pflanzen und Tiere oder des Wetters vermittelt zudem ein Heimatgefühl und ist intellektuell anregend. Wer schon einmal im Internet ein Luftbildprogramm ausprobiert hat, weiß, wie spannend es ist, die Erde immer wieder neu zu betrachten.
Wir sind allerdings nicht auf die Rolle des passiven Beobachters beschränkt. Mit dem rasanten Ausbau der »Bürgerwissenschaft« können wir zu Handelnden werden und unsere Insekten-, Wal- oder Klimaforschungen in ein umfassendes wissenschaftliches Projekt einbringen. Wir können an einem lokalen Umweltschutzprojekt mitarbeiten und beim Heckenschnitt oder beim Pflanzen heimischer Bäume die neuesten ökologischen Erkenntnisse umsetzen. Wir können sogar dabei helfen, im All nach intelligentem Leben zu suchen oder gefährliche Asteroiden aufzuspüren. Forschung kann richtig Spaß machen. Sie kann aber auch zum Horrortrip werden. Mit zunehmendem Wissen über den Felsbrocken, auf dem wir leben, wächst auch die Erkenntnis, dass wir ziemlich viel falsch gemacht haben. Ganze Ökosysteme geraten ins Wanken, Arten, die sich im Laufe von Jahrmillionen entwickelt haben, stehen vor dem Aussterben. Besonders erschreckend ist die Entwicklung unseres Klimas. Jedes Mal, wenn wir uns ins Auto setzen, beteiligen wir uns am größten planetarischen Experiment aller Zeiten – wir verändern das Klima, übersäuern die Meere, schmelzen die Eiskappen ab und zerstören eben die Systeme, die das Leben auf Erden ermöglichen.
Vor diesem Hintergrund erschließen uns die gleichen Instrumente, aufgrund derer die führenden Wissenschaftler ihre Warnungen formuliert haben, einen Weg zur Lösung der Probleme. Wir kennen nicht nur die Ursachen für die Klimakrise, sondern wir wissen auch, was wir dagegen tun können. Es gibt konkrete Beweise für die Klimaveränderung, und nach und nach erfahren wir auch, was wir regional zu erwarten haben. Mit zunehmender Genauigkeit lässt sich immer konkreter vorhersagen, was wir für die Überwindung der Treibhausproblematik tun müssen.
Es stimmt alles andere als fröhlich, der bitteren Wahrheit der Klimaveränderung, des Artensterbens und des Zusammenbruchs von Ökosystemen ins Gesicht zu sehen. Doch wir sollten den Mut nicht aufgeben.
Astronauten, die auf ihren Reisen ins kalte und leere Weltall zum ersten Mal den kleinen blaugrünen Ball sehen, berichten hinterher fast einmütig von einem überwältigenden Gefühl und der plötzlichen Erkenntnis, wie schön, fragil und harmonisch unser Planet ist. Auch wer sich nicht ins Weltall wagt, kann lernen, die Erde mit den Augen der Astronauten zu sehen und den gesamten Planeten als Heimat zu betrachten. Wir alle können zu der Erkenntnis gelangen, dass es höchste Zeit ist, sich seiner anzunehmen.

