Doch es gibt nicht nur Wachstumsprozesse, wie vor allem in den Entwicklungsländern. In etlichen Regionen Europas, aber auch in den USA schrumpfen viele Städte, vor allem aufgrund demografischer und industrieller Veränderungen und weil noch immer viele Menschen von der Stadt aufs Land ziehen.
Wir stehen vor gewaltigen und sehr unterschiedlichen Herausforderungen. In den Metropolen der Nordhalbkugel haben wir oft mit Verwahrlosung und Umweltverschmutzung, hohen Verkehrsbelastungen, Wohnungsnot, einer alternden Infrastruktur und der Ausbreitung der Vorstädte zu kämpfen. Unterdessen leiden die boomenden Megastädte der Südhalbkugel zusätzlich unter massiven Problemen, die kaum lösbar erscheinen: Bevölkerungsexplosion, große Arbeitslosigkeit und Armut, kaum handlungsfähige lokale Regierungen und kollabierende Systeme.
Wie lassen wir Städte wachsen? Wie schaffen wir menschenwürdigen Wohnraum und Arbeitsplätze? Wie lösen wir Umwelt- und Verkehrsprobleme? Was tun wir in den Städten für den Klimaschutz? Wie gestalten wir Wohngegenden und lebendige Nachbarschaften? Wie integrieren wir die Natur in die Orte, an denen wir leben? Alle diese Fragen werden massiv unsere Zukunft bestimmen.
Lösungsansätze sind an vielen Stellen erkennbar. Parallel zur Urbanisierung ist auch ein Boom bei der urbanen Innovation zu beobachten. Denn von jeher waren Städte auch Kulminationspunkte des Fortschritts, der Kultur, von Demokratie und Emanzipation. Mit anderen Worten: Wir lernen auch beim Städtebau und der Stadtentwicklung fortwährend dazu.
Aber lernen wir auch schnell genug? Verschärfen sich die Probleme womöglich rascher, als wir uns Lösungen ausdenken können? Vom Ausgang dieses Wettlaufs – zwischen dem Potenzial der Städte und ihrem Kollaps – hängen zum großen Teil die Hoffnungen der Menschheit ab. Städte sind der Schlüssel zu einer besseren Zukunft, und um diese Zukunft zu garantieren, müssen wir sie verstehen, erkennen, worin ihre Bedeutung besteht, und versuchen, sie zu verbessern.
In mancher Hinsicht kommt einem das Stadtleben zeitlos vor. Auf Abbildungen von Städten vor tausend Jahren erkennen wir sehr ähnliche soziale Muster wieder, die wir auch heute erfahren, ähnliche ökonomische Strukturen, auf die so viele Menschen, die an einem Ort leben, angewiesen sind. In vielerlei Hinsicht sind die heutigen Städte jedoch völlig neue Kreationen. Die Größe, die Geschwindigkeit, mit der sie sich verändern, die Ungleichheit zwischen den reichsten und ärmsten Bewohnern, die globale, gegenseitige Abhängigkeit, die sie fördern, sowie die kulturelle Vielfalt, die sie bergen – dies alles sind einzigartige Aspekte des 21. Jahrhunderts. Ausmaß und Tempo der Veränderung in den heutigen Weltstädten stellen alle bislang bekannten Phänomene in den Schatten.
Würde man eine Stadt genauso wie einen Motor in ihre Bestandteile zerlegen und alle Teile auf einem (einem sehr großen Tuch) ausbreiten, würden wir uns wundern, wie viele bewegliche Teile eine Stadt hat. Einmal abgesehen von dem interessantesten Teil des städtischen Lebens – den Menschen und ihren Beziehungen untereinander (denn Städte sind vor allem der ursprüngliche Ort der sozialen Begegnung) – entdeckt man eine wahre Fülle gigantischer Systeme: die gitternetzartig angelegten Stromleitungen (in manchen Städten über die gesamte Fläche; in anderen nur in den reichsten Wohngegenden); die verzweigten Wasserrohre (mal bis hin zum Wasserhahn in der Wohnung; mal zu zentralen Pumpstellen, von wo aus Menschen das Wasser in Eimern nach Hause tragen); das Gespinst aus Telefonleitungen, Rundfunkwellen und Satellitensignalen (in manchen Städten; in anderen – wenn überhaupt – der wöchentliche Briefträger auf dem Fahrrad). Überall entdecken wir sich überschneidende Netze und seltsame geflechtartige Strukturen aus Flugbahnen, Schienen, Straßen, Gehwegen und Pfaden. Diese physischen Systeme großer Städte zählen zu den kompliziertesten Apparaten, die Menschen jemals erbaut haben.
Wenn von Großstädten die Rede ist, denken wir in der Regel an London, New York, Tokio. Bis zum Jahr 2015 werden jedoch Dutzende neuer Megastädte entstehen – viele sind den meisten Menschen in der entwickelten Welt so gut wie unbekannt. Was wissen Sie zum Beispiel über Lagos in Nigeria und über das Leben seiner Bewohner? Wenn Sie zugeben müssen: »Nichts.«, dürften Sie sich in guter Gesellschaft befinden. Dennoch prognostizieren die Vereinten Nationen, dass bis zum Jahr 2015 über 23 Millionen Menschen dort leben werden – damit wird Lagos zur drittgrößten Stadt der Welt. Wie so oft im Süden lebt ein großer Teil der Menschen in Lagos in Slums. Leider ist aber gerade dieses häufige Phänomen ein wesentlicher Bestandteil der Probleme.
In Wahrheit bergen diese Städte ein gewaltiges Potenzial, wenn wir uns um Nachhaltigkeit bemühen. Die urbane Lebensweise, insbesondere in kleinen Gemeinschaften, bietet unzählige Möglichkeiten, den eigenen Umwelteinfluss zu verringern. Ein konzentriertes Wachstum anstelle einer unkontrollierten Ausbreitung verschont Farmen und Wälder außerhalb der Stadt. Überdies kann die Einführung neuer Technologien und Techniken den Bau grüner Städte erleichtern, was einen gewaltigen Einfluss auf die Zukunft unseres Planeten haben wird. Wenn wir ernsthaft Nachhaltigkeit anstreben, dann zählt die Wahl des Wohnsitzes in einer Stadt, die konsequent ökologische Lösungen umsetzt, wohl zu den besten Optionen.
Darüber hinaus fördern Städte den Wohlstand einer Nation. Sie sind die Motoren der globalen Wirtschaft, bieten oft bessere Möglichkeiten bei der Jobsuche, der Erziehung der Kinder und für einen Neuanfang im Leben. Aber gut durchdachte Städte der kurzen Wege befriedigen unsere elementaren Bedürfnisse (von sauberem Wasser und angemessener Unterkunft bis hin zu Bildung, Gesundheitsvorsorge und anderen sozialen Diensten) besser als weitläufige Vorstädte.
Jede Stadt ist einzigartig. Selbst moderne Städte, die nach dem Muster alter gebaut wurden (wie Shanghais Viertel »Bund«, das einer europäischen Stadt gleichen soll), sehen am Ende einzigartig aus, wenn Menschen in ihnen leben, sie nutzen und verändern.
Manche Menschen wissen so gut wie alles über ihre Städte und können einem ihre Geschichte erzählen, ihren Charakter und verborgene Eigenschaften enthüllen, aber sie sind sehr selten. Diese Menschen sind gleichsam die Landkarten und Enzyklopädien, die uns helfen können herauszufinden, wie wir die Städte umgestalten müssen. Wir müssen einen Ort genau kennen, wenn wir ihn verbessern wollen, weil sich eine städteplanerische Methode nicht auf alle Städte anwenden lässt. Je mehr wir über einen Ort wissen und je mehr wir ihn lieben, desto stärker wird unser Wunsch, an seiner Weiterentwicklung mitzuwirken. Die Macht, die Zukunft unserer Städte zu verändern, liegt zum großen Teil in den Händen der Politiker, Planer und einflussreichen Interessengruppen (je reicher der Ort, desto stärker trifft das zu), aber in zunehmendem Ausmaß verfügen auch wir Bürgerinnen und Bürger über die nötigen Werkzeuge, Modelle und Ideen, um bessere Lösungen zu fordern, ja, sie selbst umzusetzen. Wir sind die Visionäre und gemeinschaftlichen Architekten der Städte, die wir bewohnen.


