Gemeinsame Visionen sind die treibende Kraft der Innovation. Nicht nur Designer, wir alle können uns eine Situation oder Umgebung vorstellen, die noch nicht existiert und die wir uns wünschen. Wir beschreiben sie mit ausreichenden Details, damit sie als neue Version der echten Welt hervortritt.
Ob nun im positiven oder negativen Sinne: Die materiellen Dinge, mit denen wir uns umgeben, nehmen Einfluss auf unser Leben. Die Produkte des Marktes bringen allen, die es sich leisten können, den wohl maximalen menschlichen Komfort. Wir besitzen nützliche Sachen wie Kühlschränke und gute Schuhe, aber wir belasten uns zudem mit dem Abfall aus der vorangegangenen Generation von Dingen. Rund um unsere Wohlfühlzone zieht sich ein Streifen von Müll.
Die Tatsache, dass all diese Dinge – jeder Kugelschreiber und jedes Paar Flipflops – zu einem bestimmten Zweck produziert wurden, ist fast ebenso erstaunlich wie die bloße Anzahl von Dingen, die es rund um den Erdball zu kaufen gibt. Produktdesigner haben sich darum bemüht, dass wir unsere Kaffeemaschine bedienen können, ohne den Kopf anstrengen zu müssen. Aber gleichzeitig haben sie sichergestellt, dass ihr Produkt so schnell wie möglich schrecklich überholt wirkt. Die eingebaute Kurzlebigkeit von Produkten verursacht riesige Probleme. Diese ließen sich vermeiden, wenn wir uns kollektiv auf den allernötigsten materiellen Komfort beschränken würden. Alternativ dazu könnten wir auch einfach den Status Quo hinnehmen. Der erste Lösungsansatz scheint ein zu großer Rückschritt und zum Scheitern verurteilt, die zweite Option dagegen ist undenkbar. Eine bessere, nachhaltigere Zukunft erreichen wir viel- leicht nur, wenn wir kreative Auswege für Probleme finden.
Edwin Land, Erfinder der Sofortbildkamera, bezeichnete Kreativität einmal als »plötzliches Ende der Dummheit«. Das 20. Jahrhundert hat viele solche Momente erlebt, und es gab genug Gelegenheiten, unsere Produkte nachhaltiger zu gestalten. Uns fehlt es nicht an Kreativität, Ideen oder Strategien – all das ist reichlich vorhanden. Die größere Herausforderung besteht darin, all diese Fähigkeiten zusammenzubringen.
Produktdesign ist nicht nur Architektur im Kleinformat. Es handelt sich um einen Bereich, in dem eine ganze Reihe nicht fassbarer und unvorhersehbarer Faktoren berücksichtigt werden muss. Konsumartikel werden in Tausender-Stückzahlen hergestellt und in die Welt entlassen wie ein Schwarm Vögel. Ein Produktdesigner hat wenig Einfluss darauf, wohin diese Produkte gehen, wie sie tatsächlich verwendet werden und was mit ihnen geschieht, wenn sie defekt oder veraltet sind. Dennoch wird in der Designphase über den Großteil der ökologischen Auswirkung eines Produkts entschieden, und dabei wird oft die Chance für klügere und wirkungsvollere Lösungen nicht genutzt.
Der bekannte Sciencefiction-Autor und Designexperte Bruce Sterling veröffentlichte im Jahr 2000 sein Viridian Design Manifesto, in dem er einen komplett neuen Ansatz in Herstellung, Design und »sozialer Technik« verlangt. Das Manifest fordert attraktive umweltfreundliche Produkte, Dinge also, die für den Konsumenten allein wegen ihrer Schönheit unwiderstehlich sind und einen Markt schaffen, auf dem der Kauf von nicht nachhaltigen Produkten einem Verstoß gegen den geltenden Trend gleichkommt. Nur ein knappes Jahrzehnt später scheint Sterlings Vision wahr zu werden.
Die Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten steigt derzeit so stark an, dass die Hersteller kaum nachkommen. Noch bis in die 1990er Jahre hinein verstand man unter umweltfreundlichen Möbeln Klumpen aus recyceltem Plastik in Stuhl- und Sofaform. Heute ist es eher wahrscheinlich, dass ein edler und moderner Bürostuhl die umweltfreundlichste Wahl ist.
Die meisten derzeit erhältlichen »grünen« Produkte sind auf halbem Weg stehen geblieben und haben im Grunde nur einen symbolischen Bezug zur ökologischen Nachhaltigkeit. Ein solarbetriebenes Handy-Ladegerät sollte mehr sein als ein nettes, scheinbar umweltfreundliches Vorzeigegerät, mit dem man sein Gewissen beruhigt. Es sollte mit ökologischem Verstand und möglichst geringen Auswirkungen hergestellt, verwendet und entsorgt werden. Kleine, zögerliche Verbesserungen sind der beste Weg, ein kaputtes System am Laufen zu halten. Wir verfügen jedoch schon über viele Elemente, mit denen wir das System komplett überarbeiten könnten. Sie müssen nur noch zusammengesetzt werden. Das Prinzip der Nachhaltigkeit kann auf sämtliche Produkte angewandt werden.
Dazu müssen wir eine umfassende Zusammenführung der nachhaltigen Lösungsansätze erreichen. Menschen sind unermüdliche Tüftler. Die Herstellung von Dingen ist uns ein zentrales Bedürfnis. Seit Mitte der 1990er Jahre wird pfiffiges ökologisches Design stetig verbessert. Wir wissen, wie man aus Gras Möbel macht und wie man feuerhemmendes Gewebe herstellt, das zudem kompostierbar ist. Wir geben unsere alten Elektrogeräte zurück an die Hersteller, wo sie wiederverwertet werden, und wir können unsere schadstofffreien Laptops mit Sonnenenergie betreiben.
Produktdesigner, die damit beschäftigt sind, den ökologischen Wandel voranzutreiben, müssen sich leider oft mit technischen Details aufhalten, die ohnehin außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs liegen. So können sie ihre kreativen Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen. Nachhaltiges Design wird sich nur durchsetzen können, wenn wir die Ordnung und Wahrnehmung unserer materiellen Welt Stück für Stück verändern. Produktdesigner können zwar überzeugende Lösungen für die schwierigen Probleme finden, die wir Menschen uns geschaffen haben, aber sie alleine können unsere Welt nicht verändern. Geschäftsleute entscheiden darüber, was hergestellt wird. Regierungen verabschieden Gesetze. Der globale Markt dehnt sich aus. Und wir alle fällen ständig Entscheidungen darüber, was gekauft, verlangt, repariert oder aussortiert werden soll.
Der Designexperte John Thackara schreibt: »Unsere Gesellschaft ist auf die Technologie fokussiert, die beeindruckende Mittel, aber nur unklare Zwecke kennt. Niemand kann sagen, auf welches Problem unser Hightechglaube eine Antwort ist und welchen Mehrwert er unserem Leben gibt.« Wenn uns das Übermaß der Dinge einmal bewusst wird, können wir die Systeme der Veränderung überall um uns herum erkennen. Aber diese Systeme bleiben nur in Gang, wenn wir uns einbringen. Wir entscheiden, ob wir Dinge mit unseren Nachbarn teilen oder auf dem Dachboden horten. Wir sind diejenigen, die andere Kleidung wählen, spezielle Möbel aussuchen und Dinge länger nutzen als erwartet. Anstatt darauf zu warten, dass »grüne« Produkte – inklusive Gütesiegel und reinem Gewissen – auf den Markt kommen, können wir sie fordern oder selbst herstellen.


