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Montag, 26. April 2010 09:24 Uhr
Kategorie: Interview, TopThema

Von: LU

„Wenn sich ein Fuchs neben mir zusammenrollt, ist das ein Kompliment“

Wilde Tiere in der Großstadt sind schon länger keine Seltenheit mehr. Wildschwein, Fuchs und Co. suchen sich in letzter Zeit immer häufiger Plätze in öffentlichen Parks oder Wohngebieten. care&click sprach mit Autor und Fotograf Florian Möllers über die Faszination der Kombination aus Wildnis und Großstadt.

Bild: pixelio.de

care&click: Herr Möllers, wenn ich ein Tier wäre würden Sie mir Berlin als Lebensraum empfehlen?

Florian Möllers: Auf jeden Fall! Mit nur 25% bebauter Stadtfläche, einem Waldanteil von 17% und einem Gewässeranteil von 6% ist unsere Hauptstadt die grünste Metropole Europas!
Dazu kommt die außerordentliche Vielfalt an Lebensräumen - es gibt fast alles von spannenden naturnahen Biotopen wie Binnendünen und Mooren bis hin zu richtig urbanen Tierparadiesen wie alten Gleisanlagen und verlassenen Grundstücken. Und nicht zu vergessen die Innenstadt mit einem schier unerschöpflichen Nahrungsangebot und vielen Versteckmöglichkeiten für so anpassungsfähige Arten wie Füchse, Waschbären, Spatzen, Tauben oder Ratten. Wenn Sie sich wie diese Tierarten auf den Menschen als Nachbarn einstellen können, dann ist Berlin ein Paradies!

Natürlich gibt es aber auch eine Kehrseite der Medaille: viele Tiere verunfallen im Straßenverkehr, sterben an Vergiftungen oder Krankheiten, wie zum Beispiel Füchse an Staupe. Oder sie werden von Menschen gefüttert und müssen anschließend getötet werden, weil sie ihre natürliche Scheu verlieren.
Trotzdem: Berlin und andere Städte sind alles andere als nur Ersatzlebensräume für eine wachsende Zahl von Tierarten.

 

Wie sind Sie auf die Thematik des Zusammenlebens von Tier und Mensch in der Großstadt aufmerksam geworden? Gibt es ein Schlüsselerlebnis was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

 

Ein Polizist auf einem Stromkasten und vor seinem Dienstfahrzeug ein ausgewachsenes Wildschwein - dieses Bild hatte ich Ende der 90er Jahre in einer Zeitschrift entdeckt und daraufhin Kontakt zu den Berliner Forsten und der Senatsverwaltung aufgenommen, weil mich diese Szene nicht mehr losgelassen hat.
Während meiner vier Jahre in Berlin habe ich dann selber viele ganz ähnliche Szenen erlebt, besonders mit Füchsen, Wildschweinen, Eichhörnchen und Waschbären.

Wie sind diese Aufnahmen entstanden? Langes warten oder sind die wilden Tiere mittlerweile so zahm, dass sie gerne länger für einen Fototermin stillhalten?  

Es kommt darauf an, das Vertrauen der Tiere zu gewinnen, und das dauert oft mehrere Tage. Wenn ich beispielsweise eine Wildschweinbache entdecke, die in einem Park oder auf einem Friedhof ihre Frischlinge zur Welt gebracht hat, verbringe ich mehrere Tage mit den Tieren und begleite sie auf ihren Streifzügen in die nähere Umgebung.

Gerade Säugetiere merken recht schnell, ob man eine Gefahr für sie darstellt oder nicht. Dann bewegen sie sich irgendwann ganz vertraut in unmittelbarer Nähe, und so entstehen dann sehr intime Bilder. Wenn sich eine Fuchsmutter entspannt für ein Nickerchen nur drei oder vier Meter neben mir zusammenrollt, nachdem wir eine Woche lang den einen Berliner Garten miteinander geteilt haben, dass ist das für mich als Naturfotograf das größte und schönste Kompliment für meine Arbeit. Und ich hoffe, dass die Bilder diesen gegenseitigen Respekt dann auch wiedergeben.

Wie ist die Beziehung zwischen Mensch und Tier in der Großstadt? Kommt es oft zu einem Konflikt?

Ja, Konflikte sind an der Tagesordnung. Besonders mit den großen Drei: Wildschwein, Fuchs und Waschbär. Sei es im Vorgarten, wo eine Rotte Wildschweine die frisch gesetzten Tulpenzwiebeln ausgebuddelt hat, sei es eine Fuchsfamilie, die angeblich zu viel Krach macht, stinkt und eine Gefahr für kleine Kinder darstellt oder seien es die Waschbären, die einen Bootsschuppen oder einen Dachboden verwüstet haben.

Wildtiere gelten in der Stadt als herrenlos, das heißt, es gibt keinen finanziellen oder materiellen Ausgleich für Schäden an persönlichem Hab und Gut. Für einige betroffene Bürger ist das natürlich eine wirklich unbefriedigende Situation. Dazu kommt, dass viele Menschen einfach nicht wissen, wie sie sich angesichts eines größeren Wildtieres verhalten sollen. Da ist die Aufklärungsarbeit, die die Berliner Verwaltungen leisten, natürlich unheimlich wichtig. Aber auch die verhindert nicht, dass Grundstücksbesitzer zur Selbstjustiz greifen und junge Füchse ertränken oder erschlagen, vergiften oder in Schlagfallen erlegen.

Eine breite Aufklärung über das Verbot der Fütterung von Wildtieren und der konsequente Vollzug von Bußgeldern für eine solche Ordnungswidrigkeit würden viele Konflikte gar nicht erst entstehen lassen.

Und dann sind wir auch als Menschen, als Lebewesen gefordert: im Zuge des Städtebaus vernichten wir nach wie vor großflächig natürliche Lebensräume von Tieren, die daraufhin in unseren Städten neue Wohngebiete suchen. Respekt ist da wohl das Mindeste, was sie von uns erwarten dürfen, gerade auch in der Stadt.

Herr Möllers, vielen Dank für das Interview.

Anlässlich der Neuerscheinung von Florian Möllers Buch „Wilde Tiere in der Stadt“ zeigt care&click daraus ab dem 26. April eine Bilderstrecke.

 


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