Wie strahlt unser Leben auf die Wirtschaft aus – im Fluss von Elektronen, Wasser, Material, Signalen, die den industriellen Metabolismus unseres Planeten bilden? Wie wirken wir auf die Biosphäre – die Ströme, die die Erde als lebendes System antreiben? Wie sieht das Universum aus, das bei jedem von uns beginnt?
Wer sich selbst findet, schafft einen Ort. Es ist ein aktives Sich-Einbringen in die Welt, das vor unserer Haustür beginnt und in Raum und Zeit immer größer wird, je mehr wir im Verlauf unseres Lebens darüber erfahren und mit unserer Umgebung interagieren. Der Ort ist ein Denkkonzept, das mit uns reist, mit uns wächst und uns dabei hilft, immer neue Antworten auf die ewige Frage nach dem »Wo« zu finden. Seit Beginn der gesprochenen Sprache ging es bei der Verortung um Namen. Das Volk der Kwakiutl auf Vancouver Island in Kanada war da keine Ausnahme. Ehe die Kwakiutl mit der westlichen Kultur in Berührung kamen, gaben sie den Orten Namen, die Geschichten erzählten, etwas erklärten. »Der Ortsname war für sie nichts Gegebenes«, erklärt der Autor und Professor Kim Stafford, »sondern etwas, das geschieht. Sie nannten einen Meeresabschnitt ›Wohin der Lachs kommt‹. Sie nannten eine Flussbiegung ›Unzulängliches Kanu‹. Sie nannten eine bestimmte Wiese ›Blinde Frauen, die Kleewurzeln dünsten, werden Enten‹.« Die Orte werden in die Fantasie eingebunden, so dass ihre Attribute – Überfluss oder Mangel, Not oder Überraschungen – manifest werden und die Menschen leichter Erfahrungen machen können. Die Aborigines in Australien folgen den songlines, einer unsichtbaren mythischen Landkarte, quer über den Kontinent und erschaffen singend eine reale Welt. Auch in den Volkssprachen und Dialekten Europas sowie in den Stammesidiomen Afrikas, Asiens und des indischen Subkontinents finden sich Spuren einer solchen Vertrautheit mit dem Land. Namen, die aus der Vergangenheit oder über kulturelle Grenzen hinweg gerettet werden, geben eine Beschreibung von dem Ort.
Heute nun geht es bei der Verortung darum, das Wissen um die Natur und künstliche Artefakte zu einem dauerhaften Gewebe aus Identität und Zugehörigkeit zu verarbeiten. Für die Verortung stehen viele neue und nützliche Instrumente zur Verfügung, von Vogelstimmen als Podcast bis hin zu Themenkarten auf dem Computerbildschirm. Doch auch mit dieser digitalen Daten- und Bilderflut setzt die Selbstverortung die Bereitschaft voraus, die eigene Beziehung zum Planeten Erde zu klären. Indem unsere Sinne die Landschaft um uns, Stadt oder Land, wahrnehmen, eröffnen wir uns einen gänzlich individuellen Zugang zum Ort.
Wenn man den Ort als natürliches System begreifen will, so muss man zunächst die einfachsten Fragen stellen: Wo ist oben? Wo ist unten? Wer ist früher hier gewesen? Wie heißt der Berg dort? Was wird nächste Woche wohl geschehen? Was nächstes Jahr? Die Antworten fügen sich zu einer intuitiven ersten Annäherung an eine Biogeografie zusammen – das Studium der Verbreitung von Pflanzen- und Tierarten rund um den Erdball. Indem wir biogeografische Muster erkennen, beginnen wir, natürliche Einheiten wahrzunehmen – Wasserscheiden, Biome, Ökoregionen –, die willkürlich gezogene politische Grenzen in Frage stellen. Wir erkennen Gesetzmäßigkeiten für Wanderungsbewegungen, Wassersysteme und den Wechsel der Jahreszeiten, die jedem Ort seinen unverwechselbaren Charakter verleihen. Wir können die Rückkehr eines bestimmten Zugvogels vorhersagen, den Zeitpunkt der Beerenernte, den Sonnenstand an einem Aprilabend. Die eine leitet aus dieser Erkenntnis ein neues Engagement ab, politisches Handeln, das aus dem gesteigerten Zugehörigkeitsgefühl erwächst, während der andere lediglich eine Heimatverbundenheit entwickelt.
Eine andere Dimension der Selbstverortung ist das Wissen um den industriellen Metabolismus, in den jeder Mensch als Teil der globalen Wirtschaft eingebunden ist. Stadtbewohner, Landwirte, Wanderarbeiter – sie alle leben vom kommerziellen Fluss von Elektrizität, Wasser, Material, Abfall und Signalen, die in ihrer Allgegenwart schon fast wieder unsichtbar sind. Für ein Verständnis des Ortes müssen wir diese konvergierenden Systeme herausarbeiten; erst dann begreifen wir das Ausmaß unserer Abhängigkeiten.
In dem bahnbrechenden Artikel »Apartment« in der Zeitschrift New Yorker beschreibt der Umweltpublizist Bill McKibben (Das Ende der Natur; Genug: Der Mensch im Zeitalter seiner gentechnischen Reproduzierbarkeit), wie er den Strom und das Wasser, das er in seiner Wohnung in Manhattan ver- braucht, zur Quelle zurückverfolgt und auch die Orte besucht, an denen das Abwasser und der Müll entsorgt werden. Seine Reisen führten ihn zum Wasserkraftstaudamm von James Bay, Ontario, zur Uranmine Hack Canyon in Arizona, zu einer Bohrinsel in Brasilien, zu einem Süßwasserspeicher in den Catskill Mountains bei New York und zu den Müllbergen der gewaltigen (mittlerweile geschlossenen) Halde von Fresh Kills auf Staten Island in New York. Verschiedenste, für uns weitgehend unsichtbare Orte rund um den Globus bilden einen funktionalen Bestandteil von McKibbens Wohnung an der Ecke Bleeker Street und Broadway. Der »Ort« namens New York enthält sogar noch mehr solcher Lokalitäten. »Zum Teil Tausende von Meilen lange Leitungen und Rohre«, schreibt McKibben, »führen von meiner Wohnung bis zu den Außenbezirken von New York.«
Bedeutet das, dass jeder Ort wie eine Elektronenwolke um einen Atomkern weit in die Welt hineinreicht? Ja und nein. Ökosysteme sind real, Wasserscheiden haben physikalische Grenzen, Bioregionen eine natürliche Einheit. Doch das globale Leben basiert auf einem so vielgestaltigen und intensiven Austausch, dass die »Dinge« an einem Ort ständig im Fluss sind. Der Ökologe Raymond Dasmann unterschied zwischen »Ökosystem- Menschen« und »Biosphäre-Menschen«: Die einen leben überwiegend von der Vielfalt und Fülle eines Gebietes und bauen ihre Kultur darauf auf, die anderen beziehen über wirtschaftliche Verflechtungen Material und Energie von weit her, häufig vom Planeten Erde als Ganzem. Dasmann sah darin keinen Gegensatz, sondern ein kulturelles Kontinuum, in dem sich die Menschen frei bewegen können.
Wenn im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein rasantes Rennen hin zu einer globalisierten Wirtschaft der Biosphäre-Menschen stattfand, so ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei einigen Menschen eine bewusste Abkehr hin zu den Praktiken der Ökosystem-Menschen zu erkennen. Eine aufstrebende lokale Nahrungsmittelwirtschaft in den Städten rund um den Erdball illustriert diesen Wandel ebenso wie die wachsenden Märkte für Biokraftstoffe und erneuerbare, in Wohnortnähe produzierte Energien. Die Gesundung des Planeten Erde setzt in Wahrheit die Kombination aus einer globalen Vernetzung und einer Beachtung der Ökosysteme voraus. Mit dem Eintritt in dieses Zeitalter – eines veränderten industriellen Metabolismus der Gesellschaft und der Umgestaltung natürlicher Ökoregionen durch das Artensterben, das Eindringen neuer Arten und unvorhersehbare, vom Klimawandel ausgelöste Veränderungen – werden wir uns ein völlig neues Bild vom »Ort« machen müssen. In einer solchen Welt wird der Ort so fließend sein wie die Atmosphäre, die uns umgibt, und wer »an einem Ort leben« will, muss innovativ sein.
Im 21. Jahrhundert werden es die Realitäten auf dem Planeten Erde erforderlich machen, dass Menschen – auch solche, die sich dauerhaft an einem Ort niedergelassen haben – sich im Lauf ihres Lebens mehrmals »neu verorten«. Das Begreifen der Gesetzmäßigkeiten und Abläufe des neuen Ortes wird sogar in einer von der globalen Ökonomie und Kultur homogenisierten Welt zur Voraussetzung für Zugehörigkeit und Zulänglichkeit. Indem wir die sich wandelnden Orte neu benennen und begreifen, erkennen wir womöglich schon die Geschichten, die die nächste Phase der menschlichen Anwesenheit auf Erden einleiten werden.
Sich in einer sich wandelnden Welt zu verorten, heißt, den Wandel der Welt mitzubestimmen.

