Auf der japanischen Insel Hokkaido hat der amerikanische Präsident seine Position für die Atomkraft deutlich gemacht. Die Kernenergie scheint momentan eine Art Renaissance zu erleben. In Zeiten des drohenden Klimawandels wollen scheinbar immer mehr Wirtschaftsnationen auf die „klimafreundliche Energiegewinnung“ durch Atomkraft setzen. Entsprechend Präsident Bush, wer wirklich über die Erderwärmung besorgt sei, „solle doch deutliche Zeichen setzen und sich für den Ausbau von Atomkraftwerken stark machen“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung.
Nicht nur Bush ist daran interessiert, die Atomenergie weiter voran zu treiben. Der republikanische Kandidat John McCain ist ebenfalls davon überzeugt mit Atomenergie das Klima zu retten. Erst kürzlich hatte er seine Pläne zur Umweltpolitik bekannt gegeben: Falls McCain im November zum Präsidenten gewählt werde, werde er bis 2030 100 neue Atomreaktoren in Amerika errichten, um eine unabhängige Energieversorgung sicherstellen zu können.
G8-Staaten im Atomfieber
Auch andere G8-Mitglieder setzen vermehrt auf der Kernenergie. So betreibt Japan, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, momentan 55 nukleare Kraftwerke und hat in den letzten dreißig Jahren seinen Anteil an Atomenergie von 6,5 auf 31 Prozent erhöht. Auch Italien ist seit kurzem plötzlich von der Atomenergie begeistert, was einer energiepolitischen Trendwende gleicht: Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 hatte Italien mit einer 71prozentigen Mehrheit bei einer Volksabstimmung entschieden, die drei laufenden Atomkraftwerke zu schließen und das vierte gar nicht erst ans Netz zu lassen. Nun verkündet Regierungspräsident Silvio Berlusconi einen Widereinstieg in die Atomenergie, um die Energiepreise zu drosseln, und sein Land unabhängiger zu machen.
Nicht überraschend ist auch die große Zustimmung Frankreichs zur Atomenergie. Als größter Flächenstaat der Europäischen Union betreibt das Land derzeit 59 Nuklearkraftwerke und bezieht dadurch rund 75 Prozent seiner Energie aus der Atomkraft und fungiert zudem als weltweit größter Elektrizitätsexporteur.
Abschlusserklärung ohne klare Entscheidung
Einzig Deutschland hatte auf dem Gipfeltreffen den Atomausstieg verteidigt. Somit war das Ergebnis der Energieverhandlungen wenig konkret: Die Regierungsvertreter einigten sich einerseits darauf, keine explizite Empfehlung für den richtigen Energiemix zu erteilen, und den Staaten Handlungsspielraum zu gewähren.
In der erarbeiteten Erklärung, der „G8-Initiative zur Infrastruktur für die Nuklearenergie“, heißt es daher lediglich, eine wachsende Zahl an Staaten sei interessiert, die Kernkraft auszubauen. Die G8 erklärten sich aber mit der „3S“-Formel zur Kernenergie (Safeguard, Safety und Security) bereit, Staaten dabei zu unterstützen, ihre Atomanlagen sicherer betreiben zu können.
Störfall in Frankreich
Getrübt wird der neue Atom-Enthusiasmus von einem Störfall im südfranzösischen Werk Tricastin. Dort waren bei einer Kesselreinigung gestern rund 30.000 Liter radioaktive Uranlösung ausgetreten, umgerechnet rund 360 Kilogramm nicht angereichertes Uran. Über Regenwasser sei ein Teil davon in zwei Flüsse gelangt, so der Sprecher der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN, Charles-Antoine Louet. Von dort hieß es, die Gefahr für die Bevölkerung sei äußerst gering, und die erhöhten Konzentrationswerte, die momentan rund 1000 mal über dem Normalwert liegen, würden rasch zurückgehen. Trotzdem wurde in den drei betroffenen Gemeinden die Wassernutzung untersagt, die Bewässerung von Feldern sowie Angeln und Wassersport in den Gewässern verboten.
Der Vorfall hatte sich am gestrigen Vormittag ereignet. Berichten des Bayerischen Rundfunks zufolge sei die Warnung an die Bevölkerung erst gegen späten Nachmittag erfolgt. Der Betreiber eines nahe gelegenen Badesees hatte im Interview seine Bedenken erläutert, da am gestrigen Tag auf Grund der Unkenntnis normaler Badebetrieb geherrscht habe.
Laut ASN soll erst in den kommenden Tagen das Ausmaß der Umweltbeeinträchtigung geklärt werden. Somit dürfte dieser Vorfall, neben weiteren Störungen in spanischen Kraftwerken der jüngsten Zeit, für neuen Diskussionsstoff sorgen. Allerdings nicht mehr auf dem Gipfel der größten Wirtschaftsnationen, denn dieser endete ohne durchschlagende Ergebnisse am gestrigen Abend.


