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Montag, 19. Mai 2008 11:51 Uhr
Kategorie: WorldChanging

Von: AS, CB, HL, SR/© KNESEBECK VERLAG

Verseuchtes Land sanieren

Wie wir bereits gesehen haben, sollten wir uns zum Ziel setzen, jeden Quadratmeter städtisches Grundstück so effektiv wie möglich zu nutzen. Leider haben viele Orte, die in der Vergangenheit intensiv genutzt wurden, darunter gelitten und sind mittlerweile zerstört. Die Industrien, die sie zum Leben erweckten, haben sie kontaminiert. In jeder Stadt gibt es Brachflächen, vergiftete ehemalige Fabrikstandorte, aufgegebene Gebäude – Orte, die wir als Altlasten bezeichnen.

WorldChanging

Mit Hilfe neuer und leistungsfähiger Methoden, diese Orte zu reinigen und zu sanieren, sind sie mittlerweile das große Potenzial für eine grüne Stadtentwicklung. Der Architekt Peter Calthorpe sagte: Wenn wir wissen wollen, wie man ein Viertel verschönern kann, sollten wir mit den schlimmsten Orten beginnen und dort die besten Methoden anwenden, die wir uns denken können. Indem wir verlassene Flächen und Altlasten nutzen, wird nicht nur die kompakte Erschließung gefördert, die Stadt wird auch geheilt.

 

Kontaminierte Landstreifen können unter anderem durch das Einsetzen bestimmter Pflanzen in den vergifteten Boden gereinigt werden. Viele lebende Organismen filtern Toxine und Schadstoffe aus dem Boden und dem Wasser. Bei diesem organischen Prozess, der so genannten Bioremediation, werden Schadstoffe von Pflanzen umgewandelt. Hierbei werden sie entweder aufgespalten und in ungefährliche Bestandteile zerlegt oder dem Boden entzogen und in der Pflanze gespeichert, so dass sie problemlos entsorgt werden können. Es gibt viele Formen der Bioremediation, die jeweils einen bestimmten Organismus als Reinigungsvehikel einsetzen. Pflanzen haben von Natur aus die unterschiedlichsten Fähigkeiten, mit denen sie alles – von Schwermetallen bis hin zu Rohöl – in für den Menschen harmlose Bestandteile umwandeln können.

 

Viele Altlasten werden derzeit auf diese Weise saniert – die Reinigungsmethode ist, sowohl was den Arbeitsaufwand als auch die Kosten betrifft, sehr effizient. Viele Gebiete werden so für die Bebauung und gewerbliche Erschließung vorbereitet, andere sind sehenswerte Parks geworden.

 

Mykoremediation mit Austernpilzen

 

Können Pilze unsere verseuchte Welt entgiften? Der Mykologe Paul Stamets sagt: »Ja.« Er hat den Begriff Mykoremediation für eine spezielle Form der Bioremediation geprägt, die mit Hilfe von Pilzen Schadstoffe aufspaltet. Stamets, der Pionier dieses ausgefallenen Wissenschaftszweigs, hat bewiesen, dass die Sporen einiger Pilze mit ihren wundersamen Kräften eine Halde mit Giftmüll in einen grünen und blühenden Hügel verwandeln – dass von neuem ein lebendiges Ökosystem entsteht, indem die Pilze die Toxine aufnehmen und den Boden wieder fruchtbar machen.

 

Pilze arbeiten äußerst effektiv als biologische Filter. Die Myzelien – die Teile der Pilze, welche Nährstoffe aufnehmen und in verwertbare und überflüssige Substanzen zerlegen – sind imstande, verschiedene Umweltgifte zu absorbieren und in nichttoxische Bestandteile aufzuspalten. Pilze können zur Sanierung von Böden und Sedimenten dienen, die mit Schweröl, Erdölprodukten, Pestiziden, Alkaloiden, polychlorierten Biphenylen (PCBs) und sogar Kolibakterien verseucht sind.

 

Zu den bekanntesten Studien von Stamets zählt die der Reinigung eines Dieselölteppichs mit Hilfe von Austernpilzen. Der Versuch demonstrierte nicht nur, dass sich Myzelien am besten für diese Aufgabe eignen, sondern auch, dass die Pilze, die auf dem verseuchten Boden wuchsen, keine schädlichen Stoffe mehr enthielten, sobald die Schadstoffe absorbiert waren. Viele Umweltschutzgruppen betrachten Mykoremediation mittlerweile als eine praktikable Lösung für viele gefährliche Umweltprobleme wie Ölteppiche auf dem Meer, Quecksilberverseuchung und den Umgang mit Bergbauabfällen. Stamets Säuberungsaktion des verseuchten Wassers im Nordwesten des Pazifiks, wo er lebt, könnte den Weg frei machen für die Rekonstitution wilder Fischschwärme und den Schutz maritimer Ökosysteme.

 

Duisburg-Nord und IBA-Emscher-Park

 

Wenn etwas saniert wird, heißt das noch lange nicht, dass wir seine Vergangenheit auslöschen müssen. Überall ist derzeit die Bewahrung der industriellen Geschichte unserer Städte zu beobachten, etwa bei der Umwandlung ehemaliger Lagerhäuser und Fabriken in Wohn- und Büroräume. Die Fassade bleibt erhalten und erinnert eindrucksvoll an die Vergangenheit des Gebäudes.

 

In Duisburg wurde der bekannte Landschaftspark Duisburg-Nord auf einer ehemaligen Altlast angelegt. Der Park sollte die Industriegeschichte des Ortes nicht auslöschen, sondern einbeziehen, indem Artefakte der Vergangenheit wie Hochöfen, Gasometer und Erzlagerbunker eingegliedert wurden. Im Gegensatz zu vielen städtischen Parks wie dem New Yorker Central Park oder dem Pariser Parc André Citroën versucht Duisburg-Nord nicht, sich von dem städtischen Umfeld zu distanzieren, und will auch nicht die Überreste verbergen, auf denen er errichtet wurde. »Landschaft ist nicht das Gegenteil der Stadt«, sagt Peter Latz, ein Planer des Parks; »Landschaft ist Kultur«. Gehwege schlängeln sich durch die Werkshallen; Seerosen treiben in alten Kühltanks. Einige Areale der Anlage sind noch heute zu stark belastet für eine Nutzung, doch der größte Teil des einst wertlosen und unansehnlichen Gebiets ist in einen pulsierenden Park umgewandelt worden, der einer Stadt mit knapp 500 000 Einwohnern als Erholungsraum dient.

 

Duisburg ist Teil des Ruhrgebiets, einer ehemals stark durch Bergbau und Schwerindustrie geprägten Region, die einen extremen wirtschaftlichen Strukturwandel durchlaufen hat. Von den alten Industrien ist ökonomisch nicht mehr sehr viel übrig geblieben, wohl aber sind viele ihrer Bauten, ihre Altlasten und nicht zuletzt das Landschaftsbild, das von dieser Wirtschaft stark geprägt wurde, erhalten. Mit der groß und weiträumig (auf 800 Quadratkilometern; 17 Städte, 2,5 Millionen Einwohner) angelegten Internationalen Industrieausstellung Emscher Park, kurz IBA Emscher (1989 bis 1999) genannt, ging man einen innovativen Weg, der die neuen Perspektiven der Region aufzeigte und dabei ökologische Aspekte in den Vordergrund rückte. An 120 Standorten zwischen Duisburg und Bergkamen, die wie Puzzlesteine zueinander passen, wurde gezeigt, wie die Wunden der alten Zeit geschlossen und Planungsformen realisiert werden können, die den Menschen vor Ort neue Perspektiven eröffnen, beruflich und für ihre Lebensqualität: Auf 300 Quadratkilometern wurden Grünflächen saniert oder neu geplant, 350 Kilometer Wasserläufe neu gestaltet, 17 Technologiezentren entstanden, und je 3000 Wohnungen wurden neu gebaut beziehungsweise denkmalgeschützt saniert. Auch das Wissen und die Ideen der Bewohner wurden einbezogen; zahlreiche soziale Initiativen waren bei Planung und Umsetzung beteiligt. Kunst und Industriekultur (zum Beispiel in alten Zechen) integrierte man so, dass die Region heute sogar Touristen anlockt.

 

Kunst in Sanierungszonen

 

Der Gowanus-Kanal in Brooklyn, New York, ist nicht gerade eine Schönheit. 30 Jahre lang war er ein stehender, schwarzer Tümpel. Die Einheimischen munkelten, Gangsterbanden würden hier mit Vorliebe ihre Leichen entsorgen. Als das Industriegebiet rings um den Kanal jedoch zu einem Wohngebiet deklariert wurde, integrierten Umweltschutz- und Gemeindegruppen den Kanal und machten ihn zum Stolz der Gegend.

 

Sie reparierten einen Spültunnel, der schon vor Jahren eingestürzt war; die Austern, die sie aussetzten, überlebten. Schon bald waren Quallen, Barsche und sogar ein verirrter Seehund im Wasser zu sehen. Vögel wie Kormorane, Enten und Reiher kehrten ans Ufer zurück.

 

Als Reaktion auf die erstaunliche Regeneration des Kanals stellte eine Künstlergruppe, die sich Red Dive nennt, eine Multimedia-Show über die Geschichte des Kanals zusammen, die im Sommer 2003 an zwei Wochenenden gezeigt wurde. Die Aufführung fand an mehreren Orten entlang des Kanals statt. Die Zuschauer trieben in einem Boot und hörten sich Geschichten über den Kanal an, die von Einheimischen erzählt wurden, und sie bekamen choreografische Interpretationen der Kanalgeschichte zu sehen.

 

»Ich sah den Kanal als Behälter so vieler Kräfte, Bedürfnisse und Triebe«, sagte Maureen Brennan, die künstlerische Leiterin von Red Dive, in einem Interview mit Diane Cardwell von der New York Times. »Dieser Ort verkörpert eine Geschichte der Angst und all das Schlechte an dem vom Menschen erzeugten Müll, der Verschmutzung und dem Verfall, und jetzt ist er der Behälter von Hoffnung und Erneuerung und Wiedergewinnung« (19. Mai 2003).

 

Die Vorstellung von Red Dive war Teil der laufenden Reihe über die Peripherie der Stadt, im Rahmen deren Künstler Touren durch die unentdeckten, übersehenen oder marginalisierten Wohngegenden anführen. Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wir, wenn wir jeden Quadratmeter unserer Städte sinnvoll nutzen wollen, erst einmal lernen müssen, auch jene Plätze zu beachten, die wir gerne übersehen.


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