Die in einer herrlichen Landschaft gelegene Stadt mit ihrer blühenden Wirtschaft und ihrem reichhaltigen Kulturangebot wuchs im Lauf der letzten 20 Jahre um mehr als die Hälfte, doch die Bewohner drängen nicht mehr nach außen, sondern lassen die Stadt im Innern wachsen.
Die Stadtverwaltung sanierte die Innenstadt und baute seit Mitte der 1990er Jahre Zehntausende neuer Wohnungen. Die Stadt entwickelte sich zu einem der lebenswertesten Orte der Welt.
Über 62 Prozent der Bewohner leben nach Angaben des Thinktank Slightline mitt- lerweile in eng bebauten Wohngegenden, weitere elf Prozent in dichten Vierteln mit mehrstöckigen Gebäuden. Wenn Vancouver genauso gewachsen wäre wie sein amerikanischer Nachbar Seattle, dann hätte sich seine Fläche laut Slightline in den letzten zwei Jahrzehnten um weitere 650 Quadratkilometer ausgedehnt. Vancouver vermied jedoch nicht nur den Flächenverbrauch, sondern steigerte die eigene Lebensqualität: Die Luftqualität verbesserte sich, lebendige Wohnviertel entstanden, und Vancouver zählt zu den fußgängerfreundlichsten Städten an der nordamerikanischen Westküste.
Southeast False Creek
Vancouver gibt sich nicht mit ein paar hübschen Straßen und ökologischen Gebäuden zufrieden. Die Stadt möchte ein ganzes Nachhaltigkeitsviertel bauen. Die Stadtplaner versuchen offenbar, alle guten Einfälle, die sie jemals hatten, bei der Erschließung von Southeast False Creek zu verwirklichen, einem ehemaligen Industriegebiet in der Nähe des Stadtzentrums. Die erste Phase ist das Olympische Dorf für die Spiele von 2010, und sobald die Spiele vorbei sind, beginnt die zweite Phase: Das Dorf wird in (für viele Einkommensgruppen erschwingliche) Wohnungen, Büroräume und Geschäfte mit reichlich Grünflächen umgewandelt, samt Parkanlagen, Gärten und grünen Dächern. Gemäß dem Ziel, die Stadt vor den Autos zu retten, legen die Stadtplaner Fußwege und Straßen so an, dass Fußgänger an erster Stelle kommen, Fahrradfahrer an zweiter, dann der öffentliche Nahverkehr (mit einem reichhaltigen Angebot) und zuletzt Autos. Die Parkflächen werden begrenzt, damit das eigene Auto noch unattraktiver wird. Und als Krönung des Ganzen müssen sämtliche Gebäude mindestens die Anforderungen für ein silbernes LEED-Zertifikat (Leadership in Energy and Environmental Design) des U.S. Green Building Council (USGBC) erfüllen, eine Reihe von Einstufungen, aus denen sich die Nachhaltigkeit eines Gebäudes ergibt.
Mehr Menschen, weniger Autos
Die Bewohner von Vancouver verzichten immer häufiger aufs Auto. Obwohl in den vergangenen 20 Jahren Zehntausende in die Innenstadt zogen, nimmt die Zahl der Autos auf den Straßen ab. Das beweist, dass Fußgänger kommen, wenn man eine Stadt mit Blick auf die Fußgänger anlegt.
Die Innenstadt bietet einen ausgezeichneten öffentlichen Nahverkehr, etwa den SkyTrain (eine automatische Hochbahn) und etliche Transitbusse, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Ein Park umgibt den gesamten Innenstadtbereich und bietet Fußgängern und Fahrradfahrern eine grüne Schnellstraße.
Bei einem Spaziergang durch die Straßen von West End, dem dichtesten Viertel der Stadt, entdeckt man kurze Straßenblöcke, die durch viele Bäume und Grünflächen ergänzt werden. Alles wurde mit Blick auf den Menschen gebaut, damit Fußgänger sich darin wohlfühlen. Anstelle von großen, ununterbrochenen Blöcken wechseln sich Komplexe für geringere Einkommensgruppen mit luxuriösen Bauten ab, und sie sind architektonisch so angelegt, dass sie von den umliegenden Gebäuden kaum zu unterscheiden sind.
Die Stadträte von Vancouver geben sich aber nicht etwa mit dem bislang Erreichten zufrieden, sondern suchen nach weiteren Möglichkeiten, die Abhängigkeit vom Auto abzubauen. Zum Beispiel wollen sie erreichen, dass die Versicherungsgesellschaft von British Columbia eine »Kfz- Versicherung nach Kilometer« einführt: Die monatlichen Beiträge würden sich nach den gefahrenen Kilometern richten, wobei im Berufsverkehr zurückgelegte Entfernungen anders gewichtet werden. Die Fahrer sollen freiwillig auf die Beitragszahlung nach Fahrleistung umstellen können. Der Stadtrat geht davon aus, dass die Autonutzung so um bis zu 30 Prozent gesenkt werden kann – ein beachtlicher Beitrag für eine nachhaltige Mobilität und zum Klimaschutz.
Dichte, richtig genutzt
Wie gestalten wir eine Stadt nachhaltiger und lebenswerter? Aus dem Beispiel Vancouver können folgende Lehren für die Planung gezogen werden:
Erschließungsunternehmen müssen ihr Geld wert sein.
Die Stadt sollte Unternehmen beauftragen, die es als ein Privileg betrachten, ein profitables, großes Gebäude im Zentrum zu errichten, und darauf bestehen, dass die Öffentlichkeit davon profitiert. Die Stadtentwickler sollten verpflichtet werden, öffentliche Parks oder Grünflächen in ihre Pläne aufzunehmen und Programme wie den sozialen Wohnungsbau finanziell zu unterstützen.
Richtlinien vorgeben.
Stadtentwickler müssen strenge Anweisungen erhalten. In manchen Gegen- den von Vancouver dürfen die Gebäude eine Höhe von 90 Metern nicht überschreiten und müssen einen Abstand zum Bürgersteig einhalten, damit Platz für Bäume und Sträucher ist.
Im großen Maßstab denken.
Die Stadt muss nach Möglichkeiten Ausschau halten, ganze Viertel mit mehreren Blöcken zu sanieren, muss die veraltete Infrastruktur erneuern und neue öffentliche Räume schaffen.
Im kleinen Maßstab denken.
Sinnvolle Neubauten innerhalb bestehender Wohngegenden sollten gefördert werden, insbesondere dort, wo an die Stelle von Baulücken, Parkplätzen und alten Einkaufsstraßen hochwertige Gebäude treten.
Ökologischen Hausbau fördern.
Das sollte bei öffentlichen Gebäuden beginnen und bis in den privaten Kreis reichen. Sämtliche neuen öffentlichen Gebäude müssen die Anforderungen für Kanadas LEED (Leadership in Energy and Environmental Design)-Gold-Zertifikat übertreffen. Zunehmend verlangt die Stadt auch, dass private Bauten öko- logische Mindestanforderungen erfüllen.
Überall Innovationen.
Großprojekte müssen ebenso bedacht werden wie kleine. Große Entwicklungsprojekte wie Southeast False Creek ziehen zwar tendenziell die größte Aufmerksamkeit auf sich, aber zu den ökologischen Initiativen Vancouvers zählten auch Projekte wie die Umrüstung der Straßenlaternen auf Leuchtdioden (LED).
Gestalten Sie Ihre Stadt so, dass sie wie der ehemalige Stadtrat Gordon Price sagt, »mit einer Geschwindigkeit von fünf Stundenkilometern erfahren wird«.
Zu Fuß gehen soll nicht nur erleichtert, sondern attraktiver werden. Einkaufsmöglichkeiten und Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs sollten von jedem Haus aus innerhalb von fünf Minuten erreichbar sein. Der Besitz eines eigenen Autos muss unattraktiv werden. In sichere, billige und zuverlässige öffentliche Verkehrsmittel muss investiert werden.
Die Lebensqualität muss Vorrang haben.
Sehenswürdigkeiten müssen geschützt werden. Straßen müssen grün und angenehm gestaltet und Künstler gefördert werden. Investieren Sie in öffentliche Einrichtungen. (Vancouvers Central Library rühmt sich nicht nur einer großartigen Sammlung von Büchern, sondern hat auch eine eindrucksvolle Architektur, ein grünes Dach und kostenlosen Internetzugang.) Der Schlüssel zu einer nachhaltigen Stadt besteht darin, dass man ein Leben ermöglicht, das reichhaltigere Optionen und einen angenehmeren Alltag als Vorstädte zu bieten hat.


