Bornstein, der führende Journalist zu diesem Thema, hat zwei Bücher geschrieben, The Price of a Dream: The Story of the Grameen Bank und Die Welt verändern: Social Entrepreneurs und die Kraft neuer Ideen, in denen er für den Aufbau einer besseren Welt mit innovativen Ideen und sinnvoll verteilten Mikrokrediten plädiert. Im Folgenden teilt er persönlich seine Erlebnisse und Erkenntnisse mit:
Kann ein einziger Mensch wirklich etwas in der Welt verändern? Im Jahr 1992 gab ich meinen Job auf und reiste nach Bangladesch. Dort bekam ich eine überraschende, positive Antwort auf diese Frage.
Ich hatte als Journalist in New York über Politik, Kriminalität und andere brisante Themen berichtet, und ich machte mir ernste Gedanken über meine Berufswahl. Einmal sollte ich über den Mord an einer Großmutter in Brooklyn schreiben. Auf der U-Bahnfahrt zurück ins Büro fragte ich mich: »Warum tue ich das eigentlich? Braucht die Welt das wirklich?«
Kurz danach stieß ich auf einen Artikel über die Grameen Bank (www.grameen-info.org), der ausführlich die Kredite erklärte, die an Millionen Dorfbewohnerinnen in Bangladesch ausgezahlt worden waren. Die Kredite waren für unsere Verhältnisse winzig – im Durchschnitt 60 Dollar im Jahr –, aber mit dem Kredit konnte eine Frau eine Kuh oder zwei Ziegen oder eine Rikscha oder Bambus für die Herstellung von Möbeln kaufen. Am Ende des Jahres war sie schließlich Besitzerin der Kuh oder der Ziege oder der Rikscha – ein ungewöhnlicher Aufstieg für eine Frau auf dem Land. Im Lauf der Zeit würden diese Frauen und ihre Familien Geld verdienen und Kleinstunternehmen aufbauen und ließen nach und nach die bittere Armut hinter sich – die Zeiten, in denen es nur eine Mahlzeit pro Tag gab, lägen hinter ihnen. Nun konnten sie sich drei Mahlzeiten, ein Wellblechdach und einen Gemüsegarten leisten und schickten sogar die Kinder zur Schule.
Ich wollte sehen, ob der Artikel der Wahrheit entsprach. Vor meiner Reise nach Bangladesch las ich alles über die Bank, was mir in die Finger kam, und überall war von einem »Entwicklungswunder« die Rede. Bei meiner Ankunft im Land merkte ich, dass es besser als ein Wunder war – es war ein System.
Überrascht stellte ich fest, dass die Grameen Bank tatsächlich als winziges Experiment in einem einzigen Dorf begonnen hatte, angeregt von einem Professor der Wirtschaftswissenschaft und seinen Doktoranden. Professor Muhammad Yunus war über eine Hungersnot im Jahr 1974 schwer betroffen gewesen, bei der Tausende von Bengalen verhungerten. Danach suchte er in enger Zusammenarbeit mit Dorfbewohnern in der Nähe seines Campus nach Wegen, die Armut zu lindern. Er startete mehr oder weniger erfolgreiche Experimente, bevor er den hohen Wert der Kreditvergabe erkannte und die Grameen Bank gründete. Heute hat sich die Idee der Mikrokredite, für die Grameen kämpfte, über die ganze Welt ausgebreitet, Tausende von Programmen zur Armutsbekämpfung beeinflusst und das Feld der internationalen Entwicklungsarbeit verändert.
Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Grameen Bank vor dem Hintergrund des krassen Scheiterns der Kreditvergabe entstand. Seit Jahrzehnten pumpten ausländische Regierungen und die verschiedensten Vermittlungsagenturen Milliarden Dollar in arme Länder wie Bangladesch, mussten jedoch zusehen, wie das Geld im Sumpf der Korruption und Verschwendung versank. Was die Bank einzigartig machte, war der völlig neue Mechanismus. Nicht Unternehmensberater oder Bürokraten hatten die Bank »entworfen« und anschließend Funktionäre angeworben, die sie »vor Ort« leiten sollten, wie Regierungen oder Hilfsorganisationen es häufig machen. Die Bank wuchs organisch von unten, in einem sich wiederholenden Prozess der Aktion und Verbesserung, neuen Aktion und erneuten Verbesserung.
Fünf Jahre lang schrieb ich ein Buch über die Grameen Bank, The Price of a Dream, und gelangte zu dem Schluss, dass der Garant für den Erfolg der Bank Yunus selbst war. Natürlich gab es Tausende tüchtiger Mitarbeiter und großzügiger Spender und Millionen kompetenter Kreditnehmer, die aus der Grameen Bank eine bemerkenswerte Institution machten. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass alle diese Teile ohne die Energie und Vision von Yunus am Anfang ihren Platz gefunden hätten oder dass die Idee Erfolg gehabt hätte. Yunus stürzte sich in das Projekt Grameen Bank genauso leidenschaftlich, wie der Apple-Gründer Steve Jobs sich auf den Aufbau eines Weltkonzerns aus einem Garagenunternehmen gestürzt hatte. Yunus hatte kein anderes Hobby und machte nie Urlaub. Seit der Gründung der Bank und damit seit drei Jahrzehnten reist er in der Welt umher, spricht mit Tausenden von Journalisten, Wirtschaftsexperten, Philanthropen, Bankern und Studenten – jedem, der ihm zuhört –, und plädiert für die Idee des Mikrokredits. Kurzum, Yunus verhielt sich wie viele erfolgreiche Geschäftsleute, mit dem Unterschied, dass es nicht sein Ziel war, den eigenen Reichtum zu vergrößern, sondern die Armut der anderen zu verringern.
Würden wir nur einen Bruchteil der unternehmerischen Kapazitäten in jeder Gesellschaft für die Schaffung sozialer statt rein ökonomischer Werte nutzen, wie würde die Welt wohl aussehen?
Childline
In Indien leben Millionen von Kindern auf der Straße. Aber bis Mitte der 1990er Jahre existierte kein System, das ihnen half, wenn sie verwundet, missbraucht oder krank wurden. Das änderte sich mit dem Projekt »Childline« (Kindertelefon; www.childlineindia.org.in) – dem nationalen Kinderhilfswerk Indiens. Die Geschichte beginnt mit der Vision einer Sozialarbeiterin:
Während ihres Aufenthalts an der New York School for Social Research (New Yorker Schule für Sozialwissenschaften) kam Jeroo Billimoria mit der Interessengruppe »Coalition for the Homeless« (Vereinigung für die Obdachlosen) in Berührung und erkannte neue Möglichkeiten für Indien. Als sie in ihre Heimatstadt Mumbai zurückkehrte, beschloss sie, die gewonnene Erfahrung für die große Gruppe der indischen Straßenkinder zu nutzen. Billimoria begann im Kleinen, und ihre ersten Bemühungen waren überaus bescheiden: Sie suchte abends Unterkünfte auf und gab den Kindern für Notfälle ihre eigene Telefonnummer. Kurz danach wurde sie mehrmals in der Woche von Anrufen geweckt: Ein an Tuberkulose erkrankter Junge wurde von einem öffentlichen Krankenhaus abgewiesen, weil seine Kleider zu schmutzig waren; ein anderer Junge war von einem Polizisten verprügelt worden. Billimoria half den Kindern und suchte wochenlang nach einer Folgebetreuung wie langfristigen Unterkünften und Bildungsprogrammen.
Um dieses große Problem zu bewältigen, brauchte das Land eindeutig ein besseres System. Also beschloss Billimoria, einen offiziellen Kindernotruf ins Leben zu rufen, die erste derartige Dienstleistung in Indien. Sie stattete unzähligen Organisationen um Mumbai Besuche ab und drängte sie, sich dem Netzwerk Childline anzuschließen. Anfangs verweigerten über 80 Prozent ihre Bereitschaft dazu. Sie trieb Spendengelder auf und entwickelte ein Programm für die Ausbildung von Straßenkindern zu »Ersthelfern«. Sie erlernten die erforderlichen rudimentären Fertigkeiten, um auf die meisten Notrufe zu reagieren.
Im ersten Jahr, 1996, beantwortete Childline 6618 Anrufe und rettete 858 Kinder. Im nächsten Jahr bot Billimoria der indischen Regierung die Gründung einer Partnerschaft an, so dass Childline zu einer landesweiten Organisation ausgebaut wurde. Indien hatte die Konvention zum Schutz der Kinderrechte ratifiziert, aber bislang so gut wie nichts für den Schutz der Kinder unternommen. Billimoria überzeugte die Regierung, dass Childline hier Abhilfe schaffen würde: Das Projekt war billig, effektiv und überaus beliebt bei den Straßenkindern. Heutzutage ist Childline in 73 Städten in ganz Indien vertreten, hat bisher mehr als zehn Millionen Anrufe beantwortet und ist von der indischen Regierung anerkannt worden. Jeroo Billimoria hat unterdessen die Organisation »Child Helpline International« (www.childhelplineinternational.org) gegründet, die den Aufbau ähnlicher Kinderhilfsorganisationen in bisher über 150 Ländern unterstützt.
Tateni – häusliche Pflege
Südafrika hat mit drei gewaltigen Problemen zu kämpfen: Armut, Arbeitslosigkeit und Aids. Jedes für sich kommt zwar einem Kampf gegen Windmühlen gleich, doch in manchen Punkten überschneiden sich die Auswirkungen, so dass man die Probleme auch als Ganzes in Angriff nehmen kann. Genau das hat die etwa 60-jährige Krankenschwester Veronica Khosa erkannt, als sie die Organisation »Tateni Home Care Services« gründete, die arbeitslose Jugendliche zu Pflegern ausbildet, damit sie Menschen mit Aids und anderen Krankheiten helfen.
Veronica Khosa wuchs in einem armen Zulu-Dorf auf. Als Kind hatte sie davon geträumt, Krankenschwester zu werden und kämpfte viele Jahre um ihre Ausbildung und eine Anerkennung. Anfang der 1990er Jahre, während ihrer Arbeit in einem Aids-Zentrum in Pretoria, bekam sie einen Ausblick auf die Katastrophe, die Südafrika in Kürze drohte: Mehr als 20 Prozent aller schwangeren Mütter, die im Zentrum getestet wurden, waren HIV-positiv. Die öffentlichen Systeme waren überlastet, und Patienten, bei denen Aids ausgebrochen war, erzählten, sie seien ohne Verbandmaterial oder Salben für offene Wunden aus den Krankenhäusern entlassen worden, ja nicht einmal Aspirin für die Schmerzen hätten sie erhalten.
Khosa warb eine Gruppe Schwestern an für Hausbesuche am Abend und am Wochenende bei Menschen in der ehemaligen, im Wachsen begriffenen Township Mamelodi. Die Frauen trafen viele leidende Menschen an – in manchen Fällen bettlägerige Patienten, die den ganzen Tag allein gelassen wurden, während die Kinder zur Schule und die anderen Erwachsenen zur Arbeit gingen. Veronica Khosa kündigte ihren Job und rief mit ihrer Rentenversorgung in Höhe von 8300 Dollar den Dienst »Tateni Home Care Services « ins Leben.
In Anbetracht des Ausmaßes des Problems wurde ihr klar, dass sie große Unterstützung brauchen würde. Um diesen Bedarf zu decken, wandte sie sich an arbeitslose südafrikanische Jugendliche. Es fiel ihr nicht schwer, interessierte Scharen Jugendlicher zu gewinnen, die nur darauf warteten, weiterführende Fertigkeiten für den Jobmarkt zu erwerben sowie zu lernen, wie sie Angehörigen und Freunden helfen konnten. Im Jahr 1998, drei Jahre nach der Gründung von Tateni, kopierte die Regierung der größten südafrikanischen Provinz Gauteng das Modell der häuslichen Pflege. Bereits 2005 leitete die Provinz 23 Spezialkliniken und 48 allgemeine Kliniken zur Versorgung von Aids-Patienten und 29 Pflegeprojekte. Sie stellte über einen offiziellen Fördertopf stetig mehr Gelder für die häusliche Pflege und für Hospizbetten zur Verfügung. Die unermüdliche Veronica Khosa mit ihren mehr als 60 Jahren arbeitet derzeit an einem gemeindegestützten Modell, vergleichbar mit Tateni, zur Pflege von Waisenkindern.
Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr


