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Montag, 25. Januar 2010 11:36 Uhr
Kategorie: Dossier, WorldChanging

Von: EZ, SR/© KNESEBECK VERLAG

Unser Gesundheitssystem

Unser größter Wunsch ist es, gesund zu bleiben! Deshalb zählt auch der Aufbau von Gesundheitssystemen, die uns ein langes, aktives Leben ermöglichen, zu den größten Errungenschaften unserer Zivilisation. Vor ein paar Hundert Jahren hätte man diese Entwicklung nicht für möglich gehalten.

WorldChanging

Gut situierte, junge Menschen haben heute Zugang zu Nahrung, Informationen, Hilfssystemen und medizinischer Versorgung. Sie haben die Chance, bis zu ihrem 80. oder 90. Lebensjahr oder länger gesund am aktiven Leben teilzunehmen. Das ist ein unglaubliches Geschenk – nicht nur für uns alle, die wir wahrscheinlich Jahrzehnte länger leben werden, sondern auch für die ganze Gesellschaft, die von der Weisheit der älteren Generation lernen kann. Im Zuge dieses demografischen Wandels müssen wir uns aber auch der Herausforderung stellen, ältere Menschen gezielt in unsere Gesellschaft einzubeziehen, wenn wir die Welt zum Besseren ändern wollen.

 

Unsere gestiegene Lebenserwartung verdanken wir einerseits dem medizinischen Fortschritt, andererseits auch dem öffentlichen Gesundheitssystem. Unsere Vorfahren starben scharenweise an Krankheiten wie Pocken, Beulenpest und Typhus, die für uns heute fast bedeutungslos geworden sind. Für unsere Urgroßmütter war die Geburt eines Kindes noch lebensbedrohlich. Viele Kinder starben damals vor ihrem fünften Geburtstag. Der Rückgang der Kindersterblichkeit ist der wohl entscheidende Grund für die höhere durchschnittliche Lebenserwartung in unserer heutigen Gesellschaft. Mehr Menschen erreichen das Erwachsenenalter.

 

Dieser Fortschritt im Gesundheitswesen hat allerdings über eine Milliarde Menschen auf der Südhalbkugel unserer Erde nicht erreicht. Das liegt auch an unseren Regierungen, die tatenlos zusehen. Im Süden sterben jedes Jahr Millionen Kinder an Krankheiten, die durch Wasserverschmutzung auftreten, oder an Seuchen, die im Norden mit einer einfachen Impfung verhindert oder mit Medikamenten geheilt werden können. Obwohl mittlerweile Medikamente für die Behandlung von HIV/Aids erprobt sind, rafft die Krankheit immer noch die Bevölkerung vor allem in Afrika dahin. Über die Hälfte einer ganzen hoffnungsvollen Generation starb und hinterließ Millionen von Aids-Waisen. Für uns im Norden ist eine Basisversorgung mit Hilfsmitteln wie zum Beispiel Brillen oder Rollstühlen bis zu einfachen, aber lebenserhaltenden Operationen selbstverständlich. Hunderte Millionen unserer Mitmenschen auf der Erde können davon nur träumen. Von vielen Leistungen haben sie noch nicht einmal etwas gehört.

 

Bedenklich stimmt auch, dass global die öffentliche Gesundheitsvorsorge erste Rückschritte zeigt. Trotz langjähriger Planung, teurer Investitionen und der harten Arbeit von Zehntausenden von Ärzten, Schwestern und Sozialarbeitern wird die Diskussion von Kürzungen, die Regierungen der wohlhabenden Nordstaaten beschließen, bestimmt. Andererseits nimmt die Gefahr von Epidemien, die sich durch die Globalisierung schneller verbreiten, zu. Angesichts all unseres Fachwissens, unserer Medizintechnik und des Reichtums ist diese Sparmaßnahme unnötig und unverantwortlich. Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen vertiefen die Kluft zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden. Milliarden Menschen auf der Welt benötigen dringend eine bessere medizinische Versorgung.

 

Wir müssen weltweit die Gesundheitssysteme stärken und verbessern, so dass jeder davon profitiert, und wir können viel von dem Einfallsreichtum und der Kreativität der Menschen lernen, die mit den einfachsten Mitteln, guten Ideen und bürgerschaftlichem Engagement Epidemien bekämpfen und medizinische Ungerechtigkeit auszugleichen versuchen. Wenn wir es schaffen, die technischen Errungenschaften der modernen Medizin mit dem Engagement der Menschen zu vernetzen, dann werden wir gemeinsam eine gesunde Zukunft aufbauen können.

 

Netzwerke zum Kampf gegen Pandemien

 

Die Weltbevölkerung hätte nicht so zugenommen, wenn Infektionskrankheiten und Kinder- und Müttersterblichkeit heute genauso viele Todesopfer fordern würden wie noch vor 100 Jahren. Natürlich verschärft die Überbevölkerung die weltweiten Probleme. Trotzdem freuen wir uns über die Fortschritte in der medizinischen Versorgung, die uns ein langes und gesundes Leben garantieren. Diesen Fortschritt verdanken wir fast ausschließlich der Einführung wissenschaftlicher Gesundheitsvorsorgeprogramme. Im letzten Jahrhundert hat das stark auf Prävention, Schulung und Versorgung ausgerichtete Gesundheitssystem die Lebenserwartung und -qualität weltweit erheblich erhöht.

 

Das wohl beste Beispiel für eine Initiative, die die Welt im Gesundheitsbereich veränderte, ist die Ausrottung der Pocken. 1967 klang es noch sehr visionär, dass diese Seuche als Bedrohung von der Erde verschwinden sollte. Zuerst rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu auf, jeden Bewohner von pockengefährdeten Regionen, vor allem in Südostasien und Afrika, zu impfen. Aber eine Massenimpfung erwies sich als unrealistisch. Zig Millionen Säuglinge hätten jedes Jahr geimpft werden müssen, und das Personal der Gesundheitsstationen wäre völlig überlastet gewesen.

 

Bei Ausbruch der Seuche 1966 in Nigeria herrschte ein Mangel an Impfstoffen. Um die begrenzten Vorräte möglichst effektiv einzusetzen, mobilisierten die Gesundheitsdienste Spenden für Hausbesuche in der Region. Tausende von Helfern zogen von Dorf zu Dorf, klopften an jede Tür und zeigten Bilder von Kindern mit Pocken. Sie überprüften, ob in dem Haushalt Pockeninfektionen auftraten, und impften schließlich nur die unmittelbaren Kontaktpersonen der Kranken. So zogen sie »Kreise der Immunität« um die Kranken, eine äußerst wirkungsvolle Methode! Wenig später wurde die Strategie mit demselben Erfolg in Indien eingesetzt. Innerhalb von wenigen Monaten waren die Pocken aus einer ganzen Reihe von zuvor endemischen Regionen in Afrika und Indien verbannt. 1974 wurden nur noch in fünf Ländern Krankheitsfälle gemeldet.

 

Larry Brilliant, ein junger amerikanischer Arzt, der Anfang der 70er Jahre nach Indien gezogen war, wird als führender Kopf bei dieser raschen Ausrottung der Pocken anerkannt. Im Auftrag der WHO führte Brilliant ein Team aus Tausenden von Gesundheitshelfern an, die über eine Milliarde Haushalte in ganz Indien besuchten und so bis 1980 die Pocken besiegten.

 

Polio ist mittlerweile in ähnlicher Weise auf dem Rückzug und tritt nur noch in den vier Ländern Afghanistan, Indien, Nigeria und Pakistan auf. In absehbarer Zeit könnten auch Polioerkrankungen der Vergangenheit angehören. Nicht bei allen Krankheiten erzielte die von Brilliant eingeführte Methode denselben Erfolg. Pocken wurden ausgerottet, Frambösie (Himbeerseuche), Malaria und Gelbfieber leider nicht.

 

Der Alptraum der Zukunft allerdings sind nicht mehr die Kinderkrankheiten, die fast ausgestorben sind, sondern mögliche neue Pandemien, zum Beispiel durch Vogelgrippe oder SARS. Brilliant sagt voraus, dass die Menschen, sollte die Vogelgrippe jemals von Mensch zu Mensch übertragen werden, nicht mehr ins Flugzeug steigen würden. Der Handel in der jetzigen Form werde eine Zeitlang ausgesetzt, und die Just-in-Time-Lieferketten würden zusammenbrechen. Er glaubt zwar nicht, dass sich die Vogelgrippe zu einer Pandemie auswachsen wird, berichtet aber, dass 90 Prozent der Epidemiologen an eine große Pandemie im Laufe der nächsten beiden Generationen glauben, die eine Milliarde oder mehr Menschen erfassen wird.

 

Wie stoppen wir Seuchen? Genauso wie die Pocken: durch Früherkennung und schnelles Reagieren. Ein Impfstoff gegen Vogelgrippe ist erst in der Entwicklung, deshalb müssen die Kranken schnell isoliert werden. Unser wichtigstes Werkzeug bei dieser Herausforderung ist Information. Bei den Pocken funktionierte das Einholen von Informationen »von Haus zu Haus«. Heute gibt es neue Systeme wie zum Beispiel das weltweite Netzwerk für Informationen zur Gesundheit, das Global Public Health Information Network (GPHIN) (www.phac-aspc.gc.ca/gphin/index-eng.php), das als »Epidemie-Suchmaschine« Nachrichtenseiten aus aller Welt und in sieben Sprachen durchsucht. Es nutzt das Internet, um Meldungen über Krankheiten aufzuspüren, die sich als Seuchen entpuppen könnten. Das System ist wirkungsvoll und schnell: Mit seiner Hilfe wurde die Krankheit SARS entdeckt und unter Kontrolle gebracht, weil Gegenmaßnahmen dank der vernetzten Kommunikation sofort gestartet wurden. GPHIN kann die Arbeitsleistung ersetzen, die für Milliarden von Hausbesuchen nötig wäre, und arbeitet schneller, billiger und sicherer.

 

GPHIN soll nun grundlegend verbessert werden zum »International System for Total Early Disease Detection« (InSTEDD) (http://instedd.org). Die Such- und Analysefunktionen werden ausgebaut, und die Zahl der Sprachen, in denen gesucht wird, soll auf 150 erhöht werden. Satellitendaten und SMS-Nachrichten sollen einfließen. Vor allem soll das System transparenter werden und die Informationen zukünftig jedermann zugänglich sein, nicht nur Regierungen, Firmen oder Behörden.

 

In keinem anderen Bereich werden Mächtigkeit und Möglichkeiten der Netzwerktechnologie deutlicher als bei dieser Epidemie-Suchmaschine. Informationen werden gezielt gesucht und lokalisiert, kommuniziert und analysiert. Entscheidend ist, dass die Informationen buchstäblich Milliarden Menschenleben retten können.


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