Der Geographieprofessor an der Universität Freiburg hat für seine Klimaanalyse einen recht untypischen Weg gewählt. Er nähert sich dem Thema nicht aus rein naturwissenschaftlicher Sicht mit Eiskernanalysen oder Baumringstudien, sondern lässt vor allem geisteswissenschaftliche Aspekte mit einfließen. Glaser orientierte sich an dem hermeneutischen Ansatz, der erstmals 1977 von dem englischen Forscher Hubert H. Lamb in der Klimaforschung verwendet wurde. Die Berichte aus Tage- und Stadtbüchern, die er und seine Arbeitsgruppe im Laufe von knapp 18 Jahren in Archiven verschiedenen Regionen des heutigen Mitteleuropa zusammengetragen haben, sind äußerst differenziert und genau, da er teils auf tagtägliche Aufzeichnungen zurückgreifen konnte.
Die Auseinandersetzung der Gesellschaft mit dem Klima macht den Blick über die 12 Jahrhunderte, auf die Glaser seine Klimageschichte aufbaut, zu einem spannenden Überblick gesellschaftlicher Entwicklungen, die wesentliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten aufdecken. care&click fragte nach, was sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.
care&click: Herr Glaser, spielt das Wetter denn jetzt wirklich verrückt, oder ist es historisch betrachtet eigentlich ganz normal?
Prof. Dr. Rüdiger Glaser: Man muss schon sagen, dass sich das heutige Klima auch aus Sicht der letzten 1200 Jahre verändert hat. Trotzdem gab es auch in der Vergangenheit bereits nachhaltige Schwankungen zur warmen wie zur kalten Seite. Während des spätmittelalterlichen Wärmeoptimums waren beispielsweise die Temperaturgegensätze zwischen den Jahreszeiten sehr viel stärker als jetzt. Die Winter waren kälter und die Sommer heißer als heute. Momentan erleben wir dagegen überwiegend milde Winter und eher schwankende Sommerverhältnisse. Während der Kleinen Eiszeit war es dagegen deutlich kälter. Die natürlichen Klimaschwankungen weisen in der historischen Vergangenheit eine weit größere Bandbreite auf als wir gemeinhin annehmen.
Aber eine Flut wie 2002 in Dresden war bis dahin doch recht ungewöhnlich?
Nicht unbedingt. Betrachtet man die Daten zwischen 1930 und 2000, so erscheint dieses Hochwasser als ein Jahrtausendereignis. Bezieht man in die Bewertung aber historische Daten mit ein zeigt sich, dass durchschnittlich nur 120 bis 150 Jahre zwischen derartigen „Katastrophen“ liegen. Die Bewertung solcher Ereignisse ist oft ein Spiel der Zahlen. Gerne werden solche Ereignisse auch ideologisiert oder mythologisiert. Der Ruf nach dem Schuldigen paust sich in allen Jahrhunderten durch. Wir konnten das beispielsweise an Protokollen aus Hexenprozessen nachvollziehen. Darin finden sich in der Regel immer Anschuldigungen, die „Hexe“ hätte eine Wetterkatastrophe, z.B. einen Hagelschaden mutwillig heraufbeschworen, die dann die Ernten ruiniert haben.
Das mittelalterliche Wärmeoptimum war, wie der Begriff schon zeigt, eine positive Phase der Städtegründung und Weiterentwicklung der Gesellschaften. Heute versetzt das Treibhausklima die Gesellschaft in Panik. Es werden eher apokalyptische Bilder gezeichnet.
Wie gingen denn unsere mitteleuropäischen Vorfahren mit den Wetterveränderungen um?
Im Grunde nicht anders als wir heute, denn im gesellschaftlichen Verhalten zeigen sich deutliche Parallelen. Der Mensch hat immer versucht, den Klimaveränderungen mit Technik zu trotzen, zum Beispiel durch den im Mittelalter einsetzenden Deichbau. Doch er hat sein Können auch immer wieder überschätzt, seine Sicherheitslage falsch eingeschätzt und falsche Verhaltensmuster entwickelt. So hat beispielsweise der Torfanbau und die Entwässerung hinter den Deichen die Landoberflächen erniedrigt und damit nach der Zunahme von Sturmfluten während der kleinen Eiszeit die so genannte „Große Manntränke“ 1362 provoziert. Danach entwickelte man die Technik weiter, und das Spiel begann von neuem, bis eine größere Flut einsetzte. Heute ist es im Grunde ähnlich: An der Nordsee ist der Meeresspiegel in den letzten 100 Jahren um 30 cm angestiegen, und trotzdem boomt nicht nur am Hamburger Hafen mit Eventgebieten wie dem neuen Opernhaus das so genannte waterfront development. Gefährdete Hochwassergebiete werden weiterhin als Wohn- oder Nutzflächen ausgewiesen, weil man sich in technischer Sicherheit wiegt.
Also haben wir anscheinend aus der Geschichte noch nicht allzu viel gelernt. Wie sehen denn ihre Prognosen für die klimatische Zukunft in Deutschland aus?
Die verschiedenen Regionen werden unterschiedlich stark vom Klimawandel betroffen sein. Die Mittelgebirge und der Nordwesten werden nicht so zu kämpfen haben, wie beispielsweise die Alpen, das Oberrheingebiet, die Niederrheinische Bucht oder der Nordosten. Und neben diesen regionalen Mustern wird es auch soziale „Muster“ von Gewinnern und Verlieren geben.
Herr Glaser, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Rüdiger Glaser doziert an der Universität Freiburg und forschte rund 18 Jahre für sein Buch "Klimageschichte Mitteleuropas". Erschienen ist das umfangreiche Werk im Primus Verlag.


