Ja, ihre Zukunft hängt tatsächlich von der aktiven Förderung der einheimischen Wissenschaft ab, auch wenn Hilfsleistungen des Nordens eine gewisse Bedeutung zukommen mag.
Das Wohl der Gemeinschaft, die Umweltbedingungen und die Fähigkeit, effektiv auf dramatische Veränderungen in der globalen Wirtschaft zu reagieren, sind allesamt eng mit dem wissenschaftlichen Fortschritt verknüpft. Entwicklungsländer dürfen sich nicht einfach auf den guten Willen der westlichen wissenschaftlichen Gemeinden verlassen, ihre Probleme zu lösen, insbesondere wenn der gute Wille etwa von strengen Patenten auf lebenswichtige Medikamente zunichte gemacht wird. Dem größten Teil der Millionen Menschen, die an Krankheiten wie HIV/Aids leiden, werden sie auf diese Weise vorenthalten.
Die südlichen Länder haben außerdem erkannt, dass sie nicht allein sind: Einige der bahnbrechendsten Erfolge entspringen der Kooperation zwischen südlichen Ländern. Sie profitieren von der Zusammenlegung ihrer Ressourcen und Erkenntnisse in einem Pool. Gemeinsam mit denen, die ebenfalls unter ähnlich eingeschränkten Bedingungen arbeiten, suchen sie nach Lösungen für ihre Probleme und tauschen ihre Erfahrungen aus. Diese Gemeinschaftsprojekte haben die staatliche/institutionelle Phase bereits überschritten; es sind mittlerweile formelle und informelle Beziehungen zwischen einzelnen Forschern, Geschäftsleuten, Studenten und Tüftlern entstanden.
Länder legen ihre Forschungsprogramme zu Aids, Malaria und anderen Krankheiten zusammen. Sie verfassen gemeinsame Berichte für die unabhängige Bewertung der Sicherheit gentechnisch veränderter Produkte. Die grundlegende wissenschaftliche Bildung wird drastisch verbessert; ein Forschungsaustausch wird organisiert; Abkommen zur Aufstockung der wissenschaftlichen Fördermittel werden unterzeichnet; Konferenzen zu den wissenschaftlichen Prioritäten der Entwicklungsländer gegenüber denen der entwickelten Länder werden veranstaltet. Allein in der Biotechnik haben die Länder des Südens enorme Fortschritte gemacht. Für hochqualifizierte Biotechnik braucht man keine große industrielle Basis, nur engagierte und gut ausgebildete Wissenschaftler, und viele Entwicklungsländer haben eine Fülle davon.
Mit dem Aufkommen der Süd-Süd-Kooperation nimmt der Süden sich selbst als Ideengeber wahr, nicht als passiven Empfänger. Und diese Neuorientierung bringt ein verstärktes nationales und persönliches Wertgefühl mit sich, das einen Katalysatoreffekt hat. Hinzu kommt: Diese Koalition strebt ein wirklich revolutionäres Projekt an: die enge Verknüpfung der Wissenschaft in Entwicklungsländern mit globalen, kooperativen Bemühungen wie Datenbanken mit offenem Zugang und Open-Source-Software. Es ist der unverblümte Versuch, der »Unternehmensforschung « des Nordens die Macht zu entreißen, die Forschungsrichtung selbst zu bestimmen und frei erhältliche technologische Innovationen zu schaffen, die den Bedürfnissen des Südens entsprechen. Wenn sie Erfolg haben, werden wir schon bald entdecken, wie unabhängig Wissenschaft auch sein kann.
Der Erfolgskurs des Südens
Viele Staaten der Südhalbkugel haben sich traditionell Lösungen von denjenigen erhofft, die mit der geringsten Wahrscheinlichkeit wirklich effektive Lösungen lieferten: dem entwickelten Westen. Diese Lösungen – sofern überhaupt welche kamen – hatten in der Regel eine ganze Reihe von Nachteilen wie hohe Unterhaltskosten. Ferner wurden häufig nicht die Schwierigkeiten berücksichtigt, welche die Einführung raffinierter Betriebssysteme in Ländern ohne die nötige Infrastruktur zur Unterstützung dieser neuen Industriezweige mit sich brachte. In dem Bestreben, den Norden »einzuholen«, konzentrierten sich die südlichen Staaten auf Methoden, die sie nicht umsetzen konnten. In vielen Ländern sind noch heute vor sich hin rostende Wracks von gigantischen, aber sinnlosen Industrieprojekten zu bewundern: riesige Teile einer technischen Infrastruktur, für deren Unterhalt die nötigen Ressourcen fehlten. Das ist alles, was von diesen Bemühungen noch übrig ist.
Mit dem Aufstieg Ostasiens, angeführt von Japan und gefolgt von den »Tigern« (Hongkong, Taiwan, Singapur und Südkorea), begann eine Phase der Selbstprüfung in den Entwicklungsländern. Auch wenn es bereits in den 1960er und 1970er Jahren Bemühungen um eine industrielltechnologische Zusammenarbeit zwischen China und der damaligen UdSSR gab, waren diese Initiativen in die ideologischen Schlachten des Kalten Krieges eingebettet, was letztlich ihren Erfolg beeinträchtigte. Die Tatsache, dass Singapur, Thailand, Malaysia, Indonesien und die Philippinen in den Kreis sich rasch industrialisierender Nationen aufstiegen, ließ alle aufhorchen. Diesen Nationen war es gelungen, aus eigener Kraft aus dem Teufelskreis der Dauerkrise auszubrechen und ihre Wirtschaft wiederzubeleben. Im Vergleich dazu schienen die Staaten in Afrika südlich der Sahara außerstande, ihre eskalierenden Probleme in den Griff zu bekommen. Die Palette der Probleme reichte von einbrechenden Rohstoffpreisen bis hin zu schwachen und zerfallenden Organisationen. Südamerika hingegen ist im Grunde zum Synonym für massive Schuldenerlasse geworden. Als die Risse zwischen den wichtigsten Blöcken des Südens größer wurden, begann eine wahre Flut von Stimmen in der entwickelten Welt, den Kurs in Frage zu stellen, den weniger erfolgreiche Länder eingeschlagen hatten (obwohl diese Kurse in den meisten Fällen gerade von den vorherigen Kolonial- oder Schutzherren vorgeschrieben worden waren).
Mit dem Wiederaufleben Chinas und Indiens als Wirtschaftsmächte in den 1990er Jahren erreichte das Selbstvertrauen im ganzen Süden einen Höhepunkt, nach dem Motto: »Was die können, das können wir auch.« Dieser grundlegende Perspektivwechsel ist die Hauptvoraussetzung für den Erfolgskurs der südlichen Forschung – Nationen haben nunmehr eine klare Vision von dem, wozu sie imstande sind, und widmen einen großen Teil ihrer begrenzten Ressourcen der Entwicklung der geeignetsten Methoden, um ihr eigenes Weiterkommen zu lenken.
Die Praxis
Was wissen Bauern im Afrika südlich der Sahara über die proteinreichen Schneckenfarmen in Ghana oder die tofuerzeugenden Ökosysteme Nigerias? Kennen die Wissenschaftler in den versteppenden Regionen der Sahelzone die erfolgreichen Biogasprojekte am Kigali Institute of Technology oder die Kraft der Pflanze Jatropha, die zur Familie der Wolfsmilchgewächse zählt und deren Samen nicht nur reichlich Öl enthalten, sondern die auch der Wüstenbildung entgegenwirkt?
Die wissenschaftliche Süd-Süd-Kooperation basiert auf der Verbreitung von Informationen – darunter auch neue und im Entstehen begriffene Ideen, die häufig Entwicklungssprünge bedeuten, sowie das überlieferte und lokale Wissen. Die Informationsverbreitung kann ganz nebenbei erfolgen, etwa bei Gesprächen über die Industriezweige eines Landes, sagen wir, unter den Tüftlern des »Suame Magazine«, einer Gruppe kleiner Handwerksbetriebe, die in einem Industrieviertel in Kumasi, Ghana, tätig sind, und den Studenten an der Ashesi-Universität des Landes, oder auf einer offizielleren Ebene, wenn Indien etwa Sambia beim Aufbau eines ganzen Industriezweigs berät. Bahnbrechende Forschung zur Konservierung von Palmwein am nigerianischen Institute for Oil Palm Research (dt. Institut für Ölpalmenforschung) (www.nifor.org) bringt Nigeria etliche Vorteile, doch wenn die Informationen anderen mitgeteilt werden, profitieren auch die Sorghumbrauer von den Erkenntnissen.
Das wohl beste frühe Beispiel für Süd-Süd-Kooperation fand zwischen Malaysia und westafrikanischen Nationen statt. Malaysia, das in geografischer Hinsicht Westafrika ähnelt, übernahm westafrikanische Methoden der Palmölherstellung und hoffte, damit die eigene Wirtschaft anzukurbeln. 30 Jahre später nunmehr ist Malaysia der weltgrößte Erzeuger von Palmöl und berät Westafrika, wie es die Palmölindustrie ausbauen kann, auch bei der Produktion von Biotreibstoff.
Derartige Zusammenarbeit wird nicht zuletzt dadurch erheblich erleichtert, dass sie verstärkt über traditionelle wie auch in der Entwicklung begriffene Medienportale – von Zeitungen und Fernsehen bis hin zu solarbetriebenen Rundfunkstationen und Mobiltelefonen – publik gemacht wird. Wenn allgemein das Gefühl herrscht, dass Wissenschaft und Technologie nicht elitär sind, sondern dass sie in vieler Hinsicht für den Alltag der am schlimmsten unterversorgten Menschen relevant sind, wird das den Perspektivwechsel bezüglich der Bedeutung des Süd-Süd-Austausches erheblich beschleunigen. Berichte über südliche Innovationen sollte ein Bewohner von Kibera, Kenia, ebenso leicht abrufen können wie einen Nollywood-Clip. Auch die Bildungssysteme sollten neu überdacht und ausgerichtet werden, so dass Kreativität gefördert wird und die lokalen Ressourcen und ihr Potenzial erkannt werden. Menschen wie Mohammed Bah Abba, der den »Topf im Topf«-Kühlschrank erfand (zwei Tontöpfe, die ohne Strom Lebensmittel kühl halten), sollten zu Volkshelden des Zeitalters des Subsahara-Afrika gemacht werden. Der Einfluss auf den Alltag der Entrechteten ist der offensichtlichste Nutzen der Erfindungsgabe der Helden. Womöglich noch bedeutender aber ist der Prozess des allgemeinen Umdenkens, der so eingeleitet wird.
Südhimmel
Ende 2005 hatten 43 Länder Satelliten auf eine Umlaufbahn geschickt. Weil die Kosten der erforderlichen Technologie immer weiter sinken, ist eine wachsende Zahl von Entwicklungsländern imstande, eigene Kommunikations-, Forschungs- und Beobachtungssatelliten zu bauen. Einige Länder wie Indien und Brasilien haben sogar Raketenstartrampen installiert. Viele Projekte sind erst durch die Süd-Süd-Kooperation ermöglicht worden.
In vielen Fällen ist es einfacher, einen Satelliten in der Nähe des Äquators zu starten, und Brasilien hat sich diesen Umstand mit dem »Weltraumbahnhof« bei Alcantara zunutze gemacht. Die Anlage steht Weltraumprogrammen und kommerziellen Unternehmen auf der ganzen Welt zur Verfügung. Nach einigen gescheiterten Soloprojekten schloss sich Brasilien beim Satellitenbau mit China zusammen. Die beiden Länder arbeiten seit 1999 gemeinsam an einer Serie von fünf Satelliten für die Überwachung von Landwirtschaft, Wasserverschmutzung und Umweltschutz.
Biopiraterie und traditionelles Wissen
Forscher der südlichen Hemisphäre wenden sich dem traditionellen Wissen über einheimische Pflanzen und traditionelle Behandlungsmethoden zu und erzielen damit bahnbrechende Erfolge. Doch die verstärkte Konzentration auf die Wiederbelebung und Verbreitung traditioneller Behandlungsmethoden in den Industrienationen beschert den Entwicklungsländern ein ganz neues Problem: Biopiraterie, also Nichteinheimische, die sich Behandlungsmethoden auf der Basis von Pflanzen patentieren lassen, die von Einheimischen genutzt werden. Im Zeitalter der Biotechnologie können selbst Mikroorganismen zu Produkten verarbeitet werden, die man wiederum an Länder verkaufen kann, aus denen sie ursprünglich stammten – mit großem Gewinn, versteht sich.
Die bislang beste Lösung zur Bekämpfung von Biopiraterie war der Aufbau von Datenbanken und Archiven des traditionellen Wissens, die den veröffentlichten Stand der Wissenschaft, den so genannten »Stand der Technik« (prior art) widerspiegeln. Damit werden Patente auf alles ausgeschlossen, was in irgendeiner Form bereits vor dem Patentantrag bekannt war. Natürlich wird heftig darüber diskutiert, was genau zu »prior art« zählt. Viele Länder erkennen mündliche Überlieferungen nicht an, was Gesellschaften ohne schriftliche Dokumentation vor große Probleme stellt. Darüber hinaus gestaltet sich der Aufbau von Wissensbibliotheken schwieriger, wenn überliefertes Wissen mündlich weitergegeben wird, weil abgelegene Gemeinden sich unter Umständen weigern, ihr Wissen Außenstehenden mitzuteilen.
Trotzdem konnten etliche Projekte erfolgreich traditionelles Wissen archivieren, und weitere kommen allmählich in Schwung. Die südasiatische Vereinigung für regionale Zusammenarbeit (Association for Regional Cooperation) baut eine digitale Bibliothek für traditionelles Wissen (englisch abgekürzt: TKDL) auf, welche Daten zur traditionellen südasiatischen Medizin, Ernährung, Architektur und Kultur sammelt. Im Januar 2006 umfasste die Datenbank bereits Informationen auf elf Millionen DIN-A-4-Seiten in fünf internationalen Sprachen. An dem Projekt nehmen unter anderem Bangladesch, Bhutan, Indien, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka teil. Die regionale Bibliothek basiert auf dem Erfolg der 1999 in Indien gegründeten Bibliothek für traditionelles Wissen, die geschaffen wurde, nachdem das Land erfolgreich ein US-Patent für die medizinische Verwendung von Kurkuma verhindert hatte. Die Inder wussten schon seit Jahrhunderten von der Heilkraft der Pflanze bei Wunden.
Durch eine enge Zusammenarbeit mit den traditionell weiblichen Vorstehern der Gemeinden ist es dem südafrikanischen Management zur Verwaltung überlieferten Wissens gelungen, die eigenen Bemühungen zur Identifikation und zum Schutz der einzigartigen Biosysteme auszudehnen, die von Gemeinden lokal für medizinische Zwecke verwendet werden. Das Projekt hat zu etwas noch Beachtlicherem als einem Wissensarchiv geführt: Die Vorsteherinnen arbeiten auf eine Verbesserung der lokalen Wirtschaftsbedingungen hin, indem sie Unternehmen für die Produktion, Vermarktung und den Verkauf traditioneller Lebensmittel und Heilmittel gründeten.
Brasilien hat einen anderen Weg eingeschlagen. Die brasilianische Mikrobenbank ist eine Fundgrube für Informationen über einheimische Mikroorganismen. Die Forscher haben detaillierte Informationen über und Beispiele von fast 1000 verschiedenartigen Mikroben gesammelt. Die gesamte Einrichtung kann bis zu 12 000 Mikroben umfassen. Die Sammlung enthält verschiedenste Boden-, Wasser- und Pflanzenmikroorganismen aus den Ökosystemen Brasiliens, sogar Mikroben, die aus Ölfeldern isoliert wurden.



creativez schrieb am 12.05.2009 12:10
Sehr ausführlicher , weitschauender Artikel , danke!
Hoffentlich wird er auch von Politikern gelesen?
MfG
creativez