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Montag, 07. September 2009 09:55 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: AS, HL/© KNESEBECK VERLAG

Städter leben ökologischer

Wer umweltbewusst wohnen möchte, muss in die Stadt ziehen. Aus der Sicht des 21. Jahrhunderts erscheint diese Aussage widersinnig: Wie können Städte mit ihren dicht gedrängten Wohnblöcken und Hochhäusern umweltfreundlicher sein als Vorstädte und ländliche Kleinstädte? Die Antwort auf diese Frage hat mit dem zu tun, was äußerlich zu sehen ist und was im Innern verborgen liegt.

WorldChanging

Die Bäume und Rasenflächen unserer Vorstädte mögen in einem satten Grün strahlen, aber sie ver- bergen, wie viel wir konsumieren und die Umwelt verschmutzen. Im Garten mögen die Sträucher blühen und die Vögel zwitschern, aber auf dem täglichen Arbeitsweg verunreinigen wir Luft und Wasser mit Abgasen und Öl, und die vielen Eigenheime verbrauchen sehr viel Landschaft. Wir freuen uns an den Vögeln, verschließen aber die Augen vor der Heizungsrechnung oder der alltäglichen Stunde im Stau.

 

Laut Studien von John Holtzclaw von der Umweltorganisation Sierra Club und Jennifer Henry vom U.S. Green Building Council verbrauchen selbst Menschen, die in schlecht gedämmten Häusern in dicht besiedelten Wohnvierteln leben, weniger Energie (und verursachen weniger Abgase) als selbst jene Vorstädter, die in Ökohäusern mit sparsamen Haushaltsgeräten wohnen.

 

Wie kann das sein? Wieso ist eine Wohnung, zum Beispiel mitten in New York, wo man den Ruß sehen (und riechen) kann, ökologisch sinnvoller als ein Niedrigenergiehaus auf einem bewaldeten Grundstück? Die Antwort: Dichte spart Energie.

 

Die großzügige Anlage eines Wohnviertels, in dem Häuser, Geschäfte, Büros und Schulen weit voneinander entfernt liegen, zwingt einen zu fahren. Je kompakter und enger die Wohnviertel angelegt werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass alles leichter erreichbar ist. Ein Vorstädter, der im Laden Milch kauft, fährt mit dem Auto fünf Minuten bis zum nächsten Supermarkt; in der Innenstadt genügt ein Spaziergang zum Laden an der Ecke. Städteplaner nennen das »Stadt der kurzen Wege«.

 

Eng bebaute Wohngegenden erleichtern uns eine nachhaltige Lebensweise. In einem Ort mit Grundstücken von plus/minus 300 Quadratmetern (dem traditionellen Viertel für Einfamilienhäuser) wird der öffentliche Nahverkehr allmählich attraktiv, die Geschäfte finden genügend Kunden, um sich in der Nähe anzusiedeln, und die Menschen gehen wieder zu Fuß oder fahren Rad. Erreicht man eine Dichte von einer Wohnung auf 100 Quadratmetern (man denke an Mehrfamilienhäuser), werden nicht nur die Bürgersteige mit Leben erfüllt, sondern alles wird billiger angeboten und ist leichter zu beschaffen: Heizung, Strom, Kanalisation und andere Dienstleistungen. Je mehr Menschen an diesen Dienstleistungen teilhaben, desto weniger belasten sie die Umwelt.

 

Je dichter die Städte besiedelt sind, desto effizienter werden sie. Wie David Owen in einem Artikel im New Yorker schreibt: »In New York City leben mehr Menschen als in allen Staaten, bis auf elf; wenn die Stadt den Rang eines Staates erhalten würde, dann läge sie beim Pro-Kopf-Energieverbrauch auf Platz 51.« Die Bewohner von Manhattan verbrauchen weniger Ressourcen und Energie als die anderen Bürger in den Vereinigten Staaten.

 

Die Kosten des Flächenverbrauchs

 

Das Leben in Vorstädten ist nicht zuletzt deshalb umweltschädlicher als städtisches Leben, weil durch Neubau die Ökologie von Naturräumen und damit oft Naherholungsgebiete der Stadt zerstört werden, außerdem steigt das Verkehrsaufkommen sowohl im Berufs- als auch im Freizeitverkehr. Durch den Bau von ein paar Häusern am Waldrand werden Wasserläufe verschmutzt und Wildtiere vertrieben.

 

Mit dem Begriff Einzugsgebiet wird der Landstreifen bezeichnet, dessen Regenwasser einen bestimmten Bach oder Fluss speist. Studien haben ergeben, dass die Wasserläufe in einem Einzugsgebiet schon dann gestört werden, wenn Dächer, Einfahrten und Rasenflächen nur ein Zehntel der Fläche einnehmen. Das Paradoxe daran ist natürlich, dass gerade unser Bedürfnis, nahe der Natur zu leben, häufig zur Zerstörung derselben beiträgt.


Bauen wir in bestehenden Gemeinden – füllen also Baulücken oder erweitern Gebäude (Verdichtung) –, haben unsere Häuser einen vergleichsweise minimalen Einfluss auf die umliegenden Ökosysteme, weil der größte Schaden bereits angerichtet wurde. Wer ökologisch verträglich wohnen will, sollte in einer Stadt wohnen und Wälder und Wiesen in Frieden lassen.

 

Damit nicht genug: In Nordamerika und anderen Regionen verdienen einflussreiche Interessengruppen – Erschließungsunternehmer, Spekulanten, Baufirmen – viel Geld an Neubaugebieten. Ihre Lobby ist mächtig und kennt keine Skrupel. Wenn ein gewissenloser Unternehmer ein Neubaugebiet am Rand einer Metropole plant, dann subventionieren die Steuerzahler häufig das Projekt, indem sie die neuen Straßen, die Kanalisation und Schulen für das Viertel bezahlen. Unterdessen müsste die alte Infrastruktur dringend saniert werden, städtische Schulen sind überfüllt und klagen über zu wenig Mittel, genauso wie soziale Einrichtungen.

 

Das ist natürlich absolut unfair, aber nicht ungewöhnlich. Einige reiche amerikanische Vorstädte und neue Viertel schaffen es mit etlichen Tricks (etwa der Vorschrift, Neubauten großzügig und auf großen Grundstücken anzulegen), dass sich nur Reiche den Einzug leisten können – und dabei nutzen die reichen, neuen Hausbesitzer städtische Dienstleistungen und Vorzüge aus regionalen Krankenhäusern und kulturellen Institutionen, für die sie keinen Cent zahlen. In Nordamerika ist ein System entstanden, in dem Menschen, die in der Innenstadt leben, nicht nur unter den schädlichen Folgen der sich ausbreitenden Randbezirke leiden, sondern am Ende auch noch die Kosten tragen. Vergleichbare Entwicklungen sind in Europa zu beobachten; in Deutschland zum Beispiel machen die Vorstädte der großen Stadt vor allem mit niedrigen Gewerbesteuersätzen Konkurrenz. Unternehmen ziehen um in die Vorstädte, die Stadt verliert erhebliche Einnahmen, muss aber weiterhin die Infrastruktur finanzieren, die auch das Umland mitnutzt.

 

Zum Glück steht uns mittlerweile eine ganze Palette von Werkzeugen zur Verfügung, um die Kosten des Flächenverbrauchs zu ermitteln: von Kartierungsprogrammen bis hin zu Stadtentwicklungsplänen. Diese Werkzeuge ermöglichen es den Bürgern zu prognostizieren, welche Folgen die Erschließung von Neubaugebieten für ihre Gemeinde haben wird, und können womöglich nicht nachhaltige Landerschließung stoppen.


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Kommentare

charlynick schrieb am 13.09.2009 17:16

Diese Tatsache vertrete ich schon seit einer geraumen Zeit, doch könnte man die Städte noch sehr viel ökologischer gestalten, besonders hier in Brasilien fällt es mir sehr schwer mich in den Städten wohl zu fühlen, deshalb hoffe ich stark auf das Elektroauto, dann kann ich endlich ohne Gestank an den im Stau stehenden Autos vorbei laufen!




robbe123 schrieb am 10.09.2009 16:41

@ Autor: Im letzten Absatz war ein sehr guter Hinweis zu lesen. Ab da wird es spannend, doch leider wird nicht detaillierter darauf eingegangen. Können Sie bitte bei "ganze Palette von Werkzeugen zur Verfügung, um die Kosten des Flächenverbrauchs zu ermitteln: von Kartierungsprogrammen bis hin zu Stadtentwicklungsplänen" speziefisch werden, bzw. Links zu beiden anbieten? Ich und die anderen Leser würden sich sicherlich Freuen :-) Danke



 

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