Per Mausklick ist man in einem von 14 Nationalparks, 97 Naturparks und 18 Biosphärenreservaten. In den betreffenden Gebieten informiert man sich virtuell über die dortige Tier- und Pflanzenwelt. Aus dem Nationalpark Bayerischer Wald beispielsweise erfährt man, dass dort neben Rehen und Rothirschen auch Luchse anzutreffen sind. Dank moderner Techniken auf der Basis von Mobilfunk, GPS (Global Positioning System) und dem Luftbild-Browser Google Earth kann jeder manche Details dieses Tierbestands erkunden. Auf der Internetseite www.luchserleben.de der Nationalparkverwaltung ist man am Computer dem Rothirsch »Florian«, dem Rehbock »Erich« oder der Luchsin »Nora« ganz nah. Alle drei Tiere haben eines gemeinsam: Sie sind unstet. Sie wechseln spontan über die Grenzen der Schutzgebiete, zwischen Wildnis und bäuerlicher Kulturlandschaft, über die Staatsgrenze zwischen Deutschland und Tschechien hinweg.
Die moderne Kommunikations-Elektronik fördert immer wieder erstaunliche Fakten über die Tiere zutage – etwa dass Luchse oft und gern in Maisfeldern nach Rehen jagen und von kleinen Anhöhen im Wald das Verhalten von Spaziergängern beobachten. Deutlich wurde aber vor allem eines: Egal ob in Nationalparks oder im Biosphärenreservat – Tiere halten sich nicht an die Grenzen der für sie vorgesehenen Gebiete.
Um mit dem Schutz der Natur wirklich Erfolg zu haben, sind großflächige Konzepte gefragt. Konzepte, die auch den komplexen Lebensraumansprüchen von anspruchsvollen, weit wandernden Tierarten genügen. Aus diesem Grund wurde 1992 die europäische »Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie« (FFH) erlassen, deren Ziel der Aufbau eines zusammenhängenden ökologischen Netzwerkes von Schutzgebieten ist, das flächendeckend ein Bestandsminimum von bestimmten Lebensräumen und Arten zulässt. Rund 400 Tier-, 350 Pflanzenarten und 250 Lebensraumtypen wurden im gesamten EU-Raum als schützenswert definiert. Die Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft sind gemäß dieser Richtlinie verpflichtet, Gebiete auszuweisen, die eine wichtige Funktion als Trittsteine und Korridore zwischen ausgewiesenen Großschutzgebieten darstellen. Oft sind diese Areale nur wenige Hektar groß. Aber immerhin: Aus Deutschland wurden inzwischen 4617 FFH-Gebiete (Stand Mai 2008) nach Brüssel gemeldet, das sind 9,3 Prozent der Landesfläche. Zusammen mit den Großschutzgebieten stellen sie den Beginn einer Zukunftsvision für die Landschaft in Deutschland dar: effektiver Naturschutz nahezu auf der ganzen Fläche der Republik.
Artenvielfalt 2020
Wie steht es um die Zukunft der Artenvielfalt in Deutschland? Neben einer Vielzahl an gut eingeführten Programmen, die Lebensräume wie Streuobstwiesen und Feuchtgebiete schützen, gibt es manche Initiativen, die der Umsetzung harren und die in kurzer Zeit wesentliche Verbesserungen herbeiführen könnten. So macht die bayerische Wildlandstiftung Anfang 2008 in München darauf aufmerksam, dass sich ländliche Kommunen auf ihre Eigentumsrechte besinnen sollten. Derzeit überlassen sie viele Tausend Hektar Gemeindegrund (zum Beispiel am Rand von Wegen und Straßen) den Landwirten zur unentgeltlichen Nutzung. Auf den bis zu mehreren Metern breiten Gemeindestreifen wird Mais, Weizen und Biodiesel produziert anstatt Artenvielfalt. Würde nur ein kleiner Teil dieser Flächen als »Saumbiotope« bundesweit gepflegt und dem Mohn und der Kornblume zur Verfügung gestellt werden, den Ackerhummeln und Heuschrecken, dann hätten Feldlerche, Wachtel und viele anderen Tiere innerhalb kürzester Zeit wieder Lebensraum.
Ein anderes schwarzes Kapitel bei der Bewahrung der Artenvielfalt ist die Zerschneidung der Landschaft. Ungezählte Wildtiere hauchen jedes Jahr ihr Leben aus auf Landstraßen, Schnellstraßen und Autobahnen. Darunter sind nicht nur die bekannten Arten wie Reh, Hirsch, Hase, Igel und Fuchs, sondern auch seltene Arten, wie etwa Fischotter, Luchs und Wildkatze. Auch immer mehr Wölfe kommen im Straßenverkehr um. Für die unscheinbaren Tiere, wie Käfer, Amphibien und Reptilien, bedeuten Straßen eine Ausbreitungsbarriere.
Abhilfe können Grünbrücken schaffen. Untersuchungen an bereits vorhandenen Grünbrücken und Unterführungen haben gezeigt, dass diese Querungshilfe gern von den Wildtieren angenommen wird. In einem vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) 2007 vorgelegten Bundeswildwegeplan werden 125 Konfliktpunkte identifiziert, wo Querungshilfen unmittelbar gebraucht werden. Deutschland ist gefordert, mit der Umsetzung solcher und ähnlicher Ideen Ernst zu machen. Im Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt, das 1992 auf der UN-Weltkonferenz in Rio de Janeiro verabschiedet wurde, hatten sich die Teilnehmerstaaten verpflichtet, eine »signifikante Reduktion des Verlustes der biologischen Vielfalt« zu erreichen. Und zwar bis zum Jahr 2010!
Mut zur Wildnis
Viele Forstleute, Jäger, Fischer, Wasserwirtschaftler und Straßenbauer glauben noch immer, dass der liebe Gott ohne ihre Hilfe seine Schöpfung nicht in Ordnung halten könne. In der Schlacht um die Aufrechterhaltung der Künstlichkeit unserer so genannten »Kulturlandschaft« werden sie bestärkt von einem Heer von Planern, Flurbereinigern und Landschaftspflegern. Müssen angesichts solcher Entwicklungen nicht auch wir Naturschützer darüber nachdenken, welche Natur wir eigentlich schützen wollen? Wollen wir eine Momentaufnahme menschengemachter Landschaft für immer konservieren, oder wollen wir die Natur an sich schützen?
Wir sollten wieder viel mehr den Mut zur Wildnis beweisen und uns nicht mit ein paar »Biotopen« als Landschaftsalmosen abspeisen lassen. Ist es nicht schrecklich, in einem Land zu leben, in dem jeder Quadratmeter »Lebensraum« technokratisch verplant ist, sei es als Wirtschaftsraum oder als Zugeständnis »an die Ökologie«, als »Pflegebereich« oder »Biotop«? Die Natur wird quasi in die geschlossene Anstalt gesteckt oder an das Sozialamt der Schöpfung überwiesen.
Dieser Denkweise sollten wir die Überlegung entgegensetzen, dass auch die Sukzession – also die selbstständige und ungeleitete Entwicklung von Pflanzengesellschaften und Wildtierbeständen – ein schutzwürdiges Gut ist und dass wir auch Freiräume für die Evolution offen halten sollten.
Hinzu kommt die neue Dimension der Klimaveränderung, mit der sich das Artenspektrum dramatisch verändern wird, sowie der Globalisierung in der so eng gewordenen Welt, der Kampf um die Ressourcen, vor allem der Energien, der bis in die lokalen Strukturen hineinwirkt.
Ist das Entstehen von Haselnusshecken, Birkendickungen, eines Wacholderhanges oder eines Erlenbruches denn ein Unglück, auch wenn das zum Artenwechsel führt? Entsteht nicht wundervoller neuer Laubwald nach dem Borkenkäfer- Zusammenbruch in den Hochlagen-Fichtenwäldern? Mut zur Wildnis, das ist auch der Mut zur Selbstbeherrschung. Zum Schauen statt zum Tun. Das Nicht-Einmischen in die ganz anderen Bereiche der Natur. Nichtstun als Naturschutz.
Wildnis ist eine Absage an die Ordnung, an das typisch deutsche, so schreckliche Verplant- Werden eines jeden Quadratmeters und an die Vertreibung der letzten Geheimnisse und Märchen aus der uns umgebenden Welt. Wildnis ist eine Kultur wider das geradlinige Denken, wider alle »Du darfst, du sollst, du musst«-Zwänge mit denen Staatsmacht und Religionen unsere Seelenwildnisse gerodet und das kreatürliche Gespür flurbereinigt haben.
Wildnis ist überall, wo wir sie zulassen: im chemiefreien Hausgarten, in Wäldern, in denen der Luchs geduldet wird, oder in einer Gesellschaft, die Wildnis denken lässt.
Wildnis ist die Lust, den Garten Eden nicht zu mähen, sondern gelassen auf das Paradies zu warten, Wildnis ist Träumen statt Aufräumen. Globalisierung und Klimaveränderung sind die Eckpfeiler eines Paradigmenwechsels, der zur Herausforderung für einen neuen Kulturentwurf wird.
Damit wird »Wildnis« zur Überlebensphilosophie und zur Gesellschaftspolitik.
Therapie in der Wildnis
Mitte der 1980er Jahre lockte mich das Abenteuer nach Afrika. Meine Leidenschaft für Naturfotografie führte mich zu Dr. Ian Player, dem Gründer der Wilderness Leadership School. Er lud mich ein, gemeinsam mit ein paar Bekannten eine fünftägige Wanderung durch die Wildnis Südafrikas anzutreten. Eine Wanderung durch den Busch, fernab der Zivilisation, Schlafen unter freiem Himmel, Lagerfeuerromantik und die Vorstellung von der Begegnung mit wilden Tieren in freier Wildbahn, all das klang nach Abenteuer und einer guten Fotoausbeute. Ich zögerte keine Sekunde und machte mich auf den Weg nach Zululand.
Andächtig lauschten wir ihren Sicherheitsanweisungen und erklärten schriftlich, dass wir uns für die bevorstehende Wanderung der eigenen Verantwortung und des damit verbundenen Risikos bewusst seien. Mit der Unterschrift, die auf dem Papier noch trocknete, nabelten wir uns ab von einer komfortablen und geschützten Welt. Die Reise ins Ungewisse nahm ihren Lauf.
Es war der erste Tag in der Wildnis. Nichts von dem, was wir taten, war Routine. Nichts von dem, was wir erlebten, war so erahnt. Jeder Schritt zwang zur Aufmerksamkeit, wollte man nicht stolpern oder stürzen. Der Rucksack wurde immer schwerer und zerrte an den Schultern. Die trockene Hitze machte durstig, und die Sonne brannte unerbittlich. In der Nähe des Flusses suchten wir erschöpft ein geeignetes Nachtlager.
Nie zuvor hörte ich besser und mehr, obwohl es still war. Nie zuvor sah ich besser und mehr, obwohl es dunkel war. Nie zuvor fühlte ich besser und mehr, obwohl mich nicht einmal ein Windhauch umgab. Ich glaube, nie zuvor war ich orientierungsloser, gerade weil meine Sinne alles in meine unmittelbare Nähe zu rücken suchten. Noch vier Tage! Ein beinahe quälender Gedanke, für den ich keinen Ausweg wusste.
Mühsam durchwateten wir Flüsse, wanderten hügelauf und hügelab. Bald hatten wir vergessen, woher wir kamen, und trotteten müde unseren Fußspitzen hinterher. Die Mittagshitze legte sich lähmend über das Land. Im Schatten einer Schirmakazie rasteten wir. Kaum einer von uns, der den Ausblick genießen konnte. Zu müde waren Körper und Geist. Wir hatten uns im zweiten Tag verloren.
Am nächsten Morgen änderte sich etwas. Jeder von uns hatte tief und fest geschlafen. Auch ich wachte erholt aus meiner Erschöpfung auf. Zum ersten Mal nahm ich den würzigen Geruch der trockenen Erde wahr. Auch andere hörte ich von neu Entdecktem erzählen. Nach dem Frühstück und dem Entfernen aller Hinweise auf unser Nachtlager schulterten wir unsere Rucksäcke und machten uns auf, die Wildnis auf ihren verschlungenen Pfaden zu entdecken. Meine Sinne hatten begonnen, sich dem, was mich umgab, zu öffnen.
Die Furcht vor dem Unbekannten, das Hadern mit dem Ungewohnten war dem Vertrauen in eine Welt gewichen, deren Vielfalt und Wesen wir kaum erahnten, und dennoch fühlten wir, dass auch wir dort einen Platz hatten.
Was blieb übrig am Ende, außer den Erinnerungen an eine Reise, die kein Ziel kannte? Vielleicht war es die Einsicht, dass die Wildnis uns für kurze Zeit von der seelischen Bürde eines selbstbezogenen Weltbildes zu befreien vermag. Für ein paar Tage drehte sich nicht die Welt um uns, sondern wir drehten uns in der Welt.
Und ich? Ich kam des Abenteuers wegen hierher. Mein größtes Abenteuer war jedoch die Begegnung mit mir selbst. Und dabei erlebte ich die Wildnis als meinen verloren geglaubten Zwilling, der die Landschaft meiner eigenen Seele widerspiegelte. Alle Religionen berichten über die Wildnis als einen Ort der Offenbarungen. Die Wildnis selbst erschließt sich dem modernen Menschen auf erlebnistherapeutische Weise. Sie bietet uns ein seelisches Naturheilverfahren, wenn wir uns auf sie einlassen.
Wildnis für Menschen
Die Ultima Ratio, das allerletzte Mittel im Schutz der Natur, lässt sich in einer Ziffer und einem Buchstaben ausdrücken: Ia. Das Kürzel steht für die weltweit strengste Schutzgebietskategorie. Es wird vergeben von der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources). Die IUCN Kategorie II beispielsweise steht für Nationalparks. Dort ist eingeschränkte Nutzung möglich, und neben dem Schutz der Natur ist Tourismus und Umweltbildung ein wichtiges Ziel dieser Schutzgebietskategorie. Ia dagegen heißt: strenges Naturschutzreservat und Ausklammerung allen Nutzens außer wissenschaftlicher Forschung.
Doch wer A sagt, muss auch B sagen. Es gibt ein Mittelding, einen spannenden Kompromiss zwischen strengem Naturschutzreservat und Nationalpark, und der heißt: Wildnis. Diese Kategorie wurde 1984 vom IUCN geschaffen als Antwort auf das Amerikanische National Wilderness Preservation System. In diesem Schutzgebietssystem, zu dem mittlerweile in Amerika 702 Wildnis- gebiete gehören (Stand Februar 2008), steht sowohl die Natur als auch der Mensch im Mittelpunkt. Managementziel von Wildnis ist die Freiheit der Besucher. Wildnis in Amerika steht für größtmöglichen Naturschutz, aber auch für Freiheit, Abenteuer und Eigenverantwortung. In Wildnisgebieten ist das Kampieren unter freiem Himmel erlaubt, ebenso die Benutzung von unmotorisierten Transportmitteln wie Kanus und Pferden; Autos, Mountainbikes, Motorschlitten und ähnliche Krachquellen sind dagegen ebenso verboten wie feste Gebäude.
Die Internationale Schutzkategorie Wildnis (IUCN-Ia) erlaubt im Grundsatz dasselbe. Wörtlich heißt es in den Managementzielen: »Erschließung für die Öffentlichkeit in der Weise, die optimal für das körperliche und geistige Wohlergehen der Besucher ist und zugleich den Wildnischarakter des Gebiets für heutige und kommende Generationen am besten bewahrt … Es ist zulässig, das Gebiet mit einfachen, leisen, sauberen und unaufdringlichen Verkehrsmitteln (das heißt keine Motorfahrzeuge) aufzusuchen und dort in besonderem Maße Stille und Einsamkeit zu begegnen.« Wenngleich es in Mitteleuropa außer im Schweizerischen Nationalpark noch keine Schutzgebietskategorie Ib gibt, so wird doch bei manchen Gebieten in Österreich, Deutschland und auch der Tschechischen Republik mit der Kategorie Ib, Wildnis, geliebäugelt. Wildnis steht für den optimalen Schutz der Natur, gleichzeitig auch für Freiheit und Abenteuer. Das Motto »Natur Natur sein lassen« erfährt hier seine philanthropische Ergänzung; hier soll der Mensch Mensch sein dürfen. Abseits des Touristentrubels soll er laut IUCN die Möglichkeit haben, »Stille und Einsamkeit« zu genießen und zu sich selbst zu finden.
Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr

