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Mittwoch, 07. Januar 2009 09:42 Uhr
Kategorie: Klima Leben

Von: ARL, EM, TM/© KNESEBECK VERLAG

Renaturierung für die Zukunft

Es heißt, unsere Sehnsucht nach Natur könnten wir nur durch eine Rückkehr in die Wildnis befriedigen – indem wir im Wald campen, Wildwasserfahrten unternehmen oder auf Berge klettern. Dem liegt die in unserer Kultur weit verbreitete Vorstellung zugrunde, die Natur, die es zu erleben gilt, sei weit weg von jeglicher menschlichen Zivilisation.

WorldChanging

Doch auch im eigenen Garten, im Wald vor der Stadt oder im nächsten Nationalpark lässt sich Wildnis erleben. Dass vorausschauende Förster alte Bäume stehen lassen und Hobbygärtner ihrem Garten ein Eckchen unkontrolliertes Wuchern zubilligen, ist nur eine Seite der Medaille. Die Kunst (und die angewandte Wissenschaft) der Renaturierung macht es möglich, dass zerstörte Ökosysteme in ihren Originalzustand zurückgeführt werden.

 

Die Skala der Renaturierung reicht von der Instandsetzung ausgebeuteter landwirtschaftlicher Flächen bis hin zur umfangreichen Wiederherstellung eines gesamten Ökosystems. Egal wie groß ein Projekt ist, hat es stets zum Ziel, einst intakte Landschaften (etwa Sümpfe, weitläufige Grassavannen oder Flussläufe) oder zumindest einige ihrer Funktionen wiederherzustellen. In Deutschland hat man bei der Wiederherstellung von Mooren und der Renaturierung von Flüssen viel Erfahrung gesammelt. Dies kommt letztlich auch den Menschen zugute: wiedervernässte Moore und wiederhergestellte Flussläufe schaffen »Retentionsflächen«, das sind Überschwemmungsgebiete, damit das nächste Jahrhunderthochwasser den Kranichen und Reihern und dem Sonnentau zu gute kommt und nicht in den Kellern und Garagen der Menschen Schäden anrichtet.

 

Selbst in den USA, wo die Menschen verwöhnt sind von 52 Nationalparks und 702 Wildnisgebieten, ist man bereit, viel Geld für die Renaturierung von Stadtwildnissen zu investieren. Das Projektpaket »Chicago Wilderness«, ein auf 30 Jahre angelegter Versuch, Gebiete rund um Chicago in Eichensavannen rück umzuwandeln – das Ökosystem also, das vor der Besiedelung vorherrschte –, hat beispielsweise rund 20 000 Freiwillige mobilisiert und bislang über 6880 Hektar von insgesamt geplanten 40 469 wiederhergestellt.

 

Die Renaturierung bringt einen echten wissenschaftlichen und ökologischen Nutzen. Doch mindestens genauso wichtig ist es, dass sie uns Gelegenheit gibt, in die Natur zu gehen, uns bei der Arbeit im Wortsinn die Hände schmutzig zu machen und damit die Welt zu verändern. Wirklich erfolgreiche Renaturierungsprojekte beziehen die Bevölkerung mit ein.

 

Soziologischen Erkenntnissen aus dem Projekt in Chicago zufolge fühlen sich Freiwillige infolge ihres Engagements gegenüber der Natur verantwortlich. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Die Teilnehmer lernen die negativen Folgen menschlicher Aktivität für die Natur kennen und erfahren, wie schwer es ist, etwas wiederherzustellen, wenn es erst zerstört wurde.

 

Das I-Tüpfelchen der Wiederinstandsetzung großer Ökosysteme sind intakte Räuber-Beute-Beziehungen. Im Yellowstone-Nationalpark wurde das hehre Ziel des ökologischen Gleichgewichtes erst verwirklicht, als dort innerhalb von zwei Jahren 31 Wölfe ausgesetzt wurden. Inzwischen haben sie sich auf über 150 vermehrt. Auch in Deutschland sammelt man langsam Erfahrung mit großen Beutegreifern wie Luchsen und Wölfen, die auf natürlichem Wege aus unseren Nachbarländern wie Polen und Tschechien, Italien und Frankreich einwandern. Zur ersten Pflicht bei der Wiederherstellung intakter Räuber-Beute-Beziehungen gehört es, dass bei der Bevölkerung der Boden bereitet wird für die Akzeptanz von Luchsen, Wölfen und vielleicht auch einmal einem Braunbären.

 

Mangroven retten, Leben retten: Renaturierung

 

Ein intaktes Küsten-Ökosystem ist zum Schutz der wachsenden Bevölkerung vor Katastrophen unerlässlich. Den Vereinten Nationen zufolge lebte im Jahr 2001 mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung nicht mehr als 200 Kilometer von einer Küste entfernt, wobei diese Zahl ständig steigt und der Tourismus die Problematik verschärft. Gleichzeitig werden mit wachsender Instabilität des Klimas die schon heute schweren Zyklone, Hurrikane, Tsunamis und Sturmfluten noch stärker und zerstörerischer werden. Es ist daher unerlässlich, den Umweltschutz und die Renaturierung in die Entwicklung der Küstengebiete dieser Welt zu integrieren – vor der nächsten Katastrophe.

 

Bei dem Tsunami im Indischen Ozean 2004 nahmen intakte Mangroven am Rand der Wälder die Hauptlast der gewaltigen Wellenenergie auf, und nur wenige Bäume wurden entwurzelt.

 

Mangroven sind überaus fruchtbare Ökosysteme. Dort, wo Land und Meer aufeinander treffen, bieten sie einer fantastischen Artenvielfalt eine Heimat. Bei der Landentwicklung wird die Zerstörung von Mangroven leider häufig eingeplant, etwa für den Ausbau des Küstentourismus oder die Zucht von Krabben für den Export in reichere Länder. Doch die Menschen leben nicht nur besser, sondern auch sicherer mit den Mangroven. Das wird wahrscheinlich beim nächsten großen Sturm überdeutlich werden, denn geschwächte Wälder haben weniger Widerstandskraft.

 

Die Renaturierungsprojekte im Bereich der Mangrovenwälder sind sehr erfolgreich, weil die Bäume von der Küste aus gut zugänglich, leicht zu pflegen und meist in einer selbsterhaltenden Umgebung zu finden sind, vorausgesetzt, die Bedingungen an der Küste sind nicht extrem. Renaturierte und gut betreute Mangrovenwälder haben für die Bewohner der Küstenstriche viele Vorteile, denn in diesen hervorragenden Ökosystemen sind Holzwirtschaft und die Zucht und Ernte von Meeresfrüchten möglich (was völlig übersehen wird, wenn die Wälder durch Krabbenfarmen ersetzt werden). Die Stärkung und der Schutz dieser Ökosysteme versprechen zu einer großartigen präventiven Maßnahme zu werden, mit der sich der Mensch besser gegen künftige Meeresstürme wappnen kann.

 

Neustart in die Urzeit

 

Der berühmte norwegische Naturforscher Thor Heyerdahl gilt als Begründer der experimentellen Archäologie. Dieser Wissenschaftszweig versucht, Lebensweisen und Techniken der Vergangenheit zu erforschen, indem er diese nachbildet und zur Anwendung bringt. Thor Heyerdahl tat dies mit dem Floß »Kon-Tki«, das er wie in präkolumbianischer Zeit mit Hanfseilen zusammenhielt.

 

Weniger bekannt ist, dass es auch in der Paläontologie, also der Wissenschaft der ausgestorbenen Lebensformen, einen experimentellen Zweig gibt. Der beste, gleichwohl nur cineastischliterarische Beleg hierfür ist der Film Jurassic Parc, zu dem Michael Crichton die Romanvorlage lieferte. Anders als in dem Roman gelang es bisher noch niemandem, aus Dinosaurier-DNA einen ganzen Tyrannosaurus Rex entstehen zu lassen. Bei Tieren der Eiszeit wie dem Mammut könnte das anders werden. Im Gegensatz zu den vor 65 Millionen Jahren ausgestorbenen Dinosauriern gab es Mammuts noch vor relativ kurzer Zeit, vor 4000 Jahren. In arktischen Dauerfrostböden werden vollständig erhaltene Exemplare der Tiere mit gut erhaltenem und tiefgefrorenem Muskelgewebe, Innereien und Körperflüssigkeiten wie Blut und Sperma gefunden. Wissenschaftler in Japan, Russland und den USA wollen dieses Erbmaterial mit Hilfe von asiatischen Elefanten als Leihmüttern wieder zum Leben erwecken. Der asiatische Elefant ist nahe verwandt mit dem Mammut. Eine Rückzüchtung des Mammuts, ähnlich wie bei dem ausgestorbenen Auerochsen, gilt deswegen in nicht allzu ferner Zukunft als Vision.

 

Die Mammuts sind nicht allein: Rückgezüchtete urweltliche Auerochsen – so genannte Heckrinder – werden in einigen Regionen Mitteleuropas bei großlandschaftlichen Experimenten eingesetzt. Unter dem Stichwort »Megaherbivoren- Theorie« (mega = groß, Herbivore = Grasfresser) wird untersucht, welche Rolle die großen Grasfresser wie Wildpferd, Wisent oder Auerochse bei der Ausbildung unserer Landschaft gespielt haben.   


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