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Montag, 20. April 2009 13:25 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: BA, JC, ZC/© KNESEBECK VERLAG

Reisen und Tourismus

Was macht Ihnen am meisten Spaß? Ein Shopping-Trip nach Paris? Eine Safari in Ostafrika? Oder ein Skiwochenende in der Schweiz? Jedes Mal, wenn wir zum Vergnügen reisen, unterstützen wir einen der größten Industriezweige der Welt: den Tourismus.

WorldChanging

Allein im Jahr 2007 wurden weltweit nahezu 900 Millionen Touristenankünfte registriert, laut Angaben der Welttourismusorganisation (www.unwto.org), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Das bedeutet ein Wachstum von sechs Prozent seit 2005.

 

Laut einem aktuellen Weltreise- und Tourismusbericht stehen mehr als neun Prozent aller Arbeitsplätze, direkt oder indirekt, mit dem Tourismus in Verbindung. Der World Travel Tourism Council, kurz WTTC (Weltreise- und Tourismusrat, www.wttc.travel), hat errechnet, dass dieser Sektor für wirtschaftliche Transaktionen in Höhe von über 6,4 Billionen (!) Dollar verantwortlich ist, über zehn Prozent der globalen Gesamtwirtschaft – das heißt, dass eine große Zahl von Menschen auf der Welt für ihren Lebensunter- halt auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen ist. Tatsächlich zählt der Tourismus für viele Länder zu den drei wichtigsten Quellen für ausländische Devisen.

 

Reisen sind zwar schon seit langem beliebt, doch die Branche expandiert immer noch in einem halsbrecherischen Tempo. Innerhalb von nur zehn Jahren hat die Strecke, die weltweit von Passagieren im Flugzeug zurückgelegt wurde, um 60 Prozent zugenommen, und das trotz vorübergehender Rückschläge wegen der Seuche SARS, des Irakkriegs, Terroranschlägen, steigender Ölpreise und wirtschaftlicher Rezessionen. Die Welttourismusorganisation prognostiziert für das Jahr 2010 über eine Milliarde Touristenankünfte, wobei der Anteil der Langstreckenreisen zunehmen wird. 2020 reisen laut der Prognose 1,2 Milliarden Menschen innerhalb ihres Landes, 400 Millionen hingegen zu ferneren Zielen.

 

Als Touristen besuchen wir eine bestimmte Region womöglich nur einmal in unserem Leben, doch die Erfahrungen und Erinnerungen bleiben uns lange erhalten. Die Reiseveranstalter und Hotels am Urlaubsort leisten einen wichtigen Beitrag zu dem Eindruck, den wir mitnehmen. Über die wachsende Bewegung »Travelers’ Philanthropy« (www.travelersphilanthropy.org), was in etwa »Wohltätiges Reisen« bedeutet, geben sowohl die Veranstalter als auch die Touristen den Gemeinschaften, die sie aufnehmen, etwas zurück. Für manche ist es selbstverständlich, dies zu tun; für andere ist es eine Möglichkeit, ihr Image aufzupolieren. Was immer der Grund sein mag – ihre Beiträge an Zeit, Talent und Geld verändern das Gesicht des Tourismus.

 

Hilft unser Geld nicht?

 

Im Urlaub geben wir zunächst einmal viel Geld aus: für Anreise, Unterkunft, Verpflegung, Unterhaltung und Souvenirs. Wie jeder, der schon einmal eine Reise geplant hat, genau weiß, summieren sich diese Kosten. Wir möchten gerne in dem Glauben reisen, dass der größte Teil unseres hart verdienten Geldes die lokale Wirtschaft am Zielort unterstützt. Doch ein großer Teil davon kommt in Wirklichkeit nie in dem Ort an, den wir besuchen.

 

Angenommen, wir wollen nach Tansania reisen. Als Erstes halten wir online nach günstigen Flugpreisen Ausschau. Wir buchen ein Flugticket, und während des Zahlvorgangs fragt uns ein Pop-up-Fenster, ob wir eine günstige Hotel- und Mietwagenreservierung hinzufügen wollen. Der Preis klingt zwar verführerisch, doch das Paket enthält versteckte Kosten.

 

Der größte Teil der Euros, die wir für den Urlaub veranschlagt haben, dürfte Tansania nie erreichen. Ein Teil geht an die Fluggesellschaft mit Sitz in den Vereinigten Staaten oder Europa und der Rest an ein Hotel, das einer multinationalen Kette gehört. Dieser Effekt wird noch verschärft, wenn wir eine Pauschalreise buchen, bei der auch die Mahlzeiten und Exkursionen über das Hotel arrangiert werden – also alles inklusive. Und obwohl wir soeben die teuersten Elemente unserer Reise bezahlt haben (Anreise und Unterkunft), haben wir nicht einmal das eigene Land verlassen.

 

Wie sieht die Alternative aus? Indem man das Hotel eines lokalen Betreibers wählt, hat man die Gewähr, dass ein größerer Teil des ausgegebenen Geldes bei den Menschen landet, die einen beherbergen. Durch den Kauf vor Ort erzeugter Lebensmittel profitieren die einheimischen Bauern.

 

Darüber hinaus werden so die Transportkosten gesenkt, die mit dem Import der Lebensmittel verbunden sind. Das Gleiche gilt für Getränke. Denken Sie daran, dass viele bekannte Marken auf Kosten sowohl unserer Gastgeber als auch unseres eigenen Landes importiert werden müssen. Bestimmt sind auch lokale Alternativen erhältlich. Darüber hinaus fördern wir die einheimische Wirtschaft, indem wir ortsansässige Führer anwerben, die entsprechenden Gebühren beim Eintritt in Naturschutzgebiete bezahlen, öffentliche Transportmöglichkeiten entdecken und Souvenirs in einheimischen Läden oder bei Kunsthandwerkern kaufen statt in den Geschenkeshops der Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen. Nicht selten entdeckt man den Aufkleber »Made in China« auf einem »echten« Kunstwerk, das man in Oaxaca, Mexiko, gekauft hat. So lassen wir unsere Euros nicht nur den Menschen zugutekommen, die wir gerade besuchen, sondern wir kehren mit reicheren Erlebnissen und Erinnerungen nach Hause zurück.

 

Können wir umweltbewusst fliegen?

 

So viele Menschen buchen weltweit so viele Flüge – wen wundert es da, dass sich das starke Wachstum des Luftverkehrs in Deutschland im ersten Quartal 2007 mit einem Plus von 5,4 Prozent erneut fortsetzte? Nach Angaben der Europäischen Gemeinschaft ist seit 1990 der Ausstoß an Treibhausgasen europaweit um drei Prozent zurückgegangen, während die Emissionen durch den internationalen Flugverkehr sich im selben Zeitraum um fast 70 Prozent erhöht haben. Da will gut überlegt sein, ob das Besteigen eines Flugzeuges auch wirklich nötig ist!

 

Flugzeuge erzeugen nicht nur die klimaschädlichen Gase Kohlendioxid und Stickstoffoxid, auch Wasserdampf wird freigesetzt, der in der Atmosphäre kondensiert. In den großen Höhen verdreifachen sich die schädlichen Effekte.

 

Deshalb stellt sich verstärkt die brennende Frage, ob neue Technologien oder andere Treibstoffe einen »grünen« Flugverkehr ermöglichen können. Es bleibt spannend zu beobachten, ob Flugzeuge in Zukunft solar betrieben oder Biotreibstoffe wie zum Beispiel Ethanol oder Biodiesel eingesetzt werden können.

 

In Brasilien kreist bereits ein ethanolbetriebenes Flugzeug am Himmel – allerdings noch im Versuchsstadium. Im Oktober 2007 ist der erste mit Biodiesel angetriebene Jet, eine fast 40 Jahre alte L-29-Militärmaschine tschechischer Bauart, gestartet und sicher wieder gelandet. Die Maschine ist allerdings schon so konstruiert worden, dass sie viele verschiedene Treibstoffe problemlos verbrennt, und sie flog nur in einer Höhe von 5000 Metern. Das Testprogramm wurde von Green Flight International (www.greenflightinternational.com) in Kooperation mit Biodiesel Solutions (www.biodieselsolutions.com) erfolgreich durchgeführt. Das erste Passagierflugzeug der Fluggesellschaft Virgin Atlantic flog Anfang 2008 von London-Heathrow nach Amsterdam-Schiphol in zehn Kilometern Höhe mit einer Kerosin-Biodiesel-Mischung. Für die Fluggesellschaften geht es nicht nur um das Image, sondern angesichts der steigenden Rohölpreise auch um eine Kostenersparnis.

 

Was ist die allgemeine Hoffnung? Klimafreundlicheres Fliegen durch CO2-neutrale Treibstoffe, die in kleinen Anlagen regional erzeugt werden? Auf den ersten Blick eine überzeugende Idee. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Können Ölpflanzen in großer Menge nachhaltig und sozial verträglich erzeugt werden? Haben wir genügend Anbauflächen, oder entsteht eine Konkurrenz zum Flächenbedarf für die Welternährung? Wie wird eine gleich bleibende Biodieselqualität gewährleistet? Bis die Antworten uns wirklich überzeugen, bleibt uns wohl nur übrig, auf so viele Flugreisen wie möglich zu verzichten, umweltfreundlichere Verkehrsmittel zu nutzen oder ein geplantes Treffen zu einer Videokonferenz umzuorganisieren.

 

Lässt sich das Fliegen überhaupt nicht umgehen, können wir unser schlechtes Gewissen etwas beruhigen, indem wir unsere CO2-Sünde ausgleichen: Einige Organisationen wie zum Beispiel atmosfair (www.atmosfair.de) oder Carbon-Neutral (www.carbonneutral.com) bieten auf den Internetseiten Emissionsrechner. Schnell sind die für den Flug angefallenen Emissionen ausgerechnet. Als Ausgleich darf nun per Kreditkarte so viel Geld bezahlt werden, dass die negative Klimawirkung des Fluges ausgeglichen ist. Nach Aussagen der Anbieter dieses privaten CO2-Handels wird der geleistete Finanzbeitrag in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- oder Energiesparprojekte, vorwiegend in Entwicklungsländern, investiert.

 

Kritiker bezeichnen das System als moderne Form des »Ablasshandels«. Kann oder soll man sich also von seinem schlechten Gewissen freikaufen? Die Antwort muss jeder selbst für sich finden.


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