Vor allem haben sich Ausmaß und Ziele der Proteste dramatisch verändert. Amerikanische Eltern (oder Großeltern) bezogen womöglich unter Nixon gegen das Weiße Haus Stellung, nach der Jahrtausendwende zählen zu den Zielscheiben der Proteste neben der eigenen Regierung auch die Regierungen anderer Länder, multinationale Konzerne und sogar Bündnisse und Handelsabkommen wie die Gruppe der acht größten Wirtschaftsnationen (G8) und die Welthandelsorganisation (WTO). Noch komplexer wird die Lage, wenn Sie, wie einige Splittergruppen, der Meinung sind, dass zwischen Konzernen und Staaten kein Unterschied mehr besteht.
Auf diesem Feld existiert ein komplexes Netz miteinander verflochtener Bündnispartner; vielleicht stellen Sie fest, dass das Unternehmen, das Sie gerade aufs Korn nehmen, dasselbe Unternehmen ist, das, direkt oder indirekt, Ihre Schuhe angefertigt oder die letzte Gehaltsüberweisung getätigt hat. Die Trennlinie zwischen Freund und Feind ist nicht nur verschwommen, sondern in ihrer Komplexität auf den ersten Blick nicht mehr erkennbar, wenn sie überhaupt noch existiert.
Tatsächlich muss man heutzutage nicht einmal physisch anwesend sein oder gar ein Transparent mit sich tragen, um sich zu äußern. Immer stärker spielt sich der Protest über das Internet ab. In der kapitalistischen Gesellschaft ist es auch möglich, als Verbraucher zu protestieren, indem Produkte von Unternehmen und Ländern boykottiert werden, die unmoralische Praktiken umsetzen.
Mit allem anderen in der Welt verändert sich auch die Art und Weise der Äußerung anders lautender Meinungen. Die postmoderne politische Aktion erfordert weder massive zeitliche Verpflichtungen noch die Mitgliedschaft in zwielichtigen Gruppen. Dafür braucht es nur Sie, die entsprechende Technologie und den Wunsch, die Welt zu verbessern.
Culture Jamming – mit den eigenen Waffen schlagen
Wenn der Boykott der resolute Vater der Familie des Verbraucheraktivismus ist, so ist das so genannte »Culture Jamming« der trotzige und subversive Teenager: frech, aber häufig nicht beachtet. Beim Culture Jamming werden allgemein bekannte Werbeanzeigen und andere öffentliche Medien als Instrument für den Protest gegen die Institutionen verwendet, die sie kreiert haben. Es ist ein symbolischer Protest, der auf die Realität aufmerksam macht, die sich hinter den trügerischen Fassaden der Konzerne verbirgt. Culture Jamming ist Meta-Aktivismus – und damit ein Phänomen der Gegenwart: eine aus Protest gegen die Verbreitung riesiger Anzeigen in unserer Landschaft abgeänderte Reklametafel; abgewandelte Werbeslogans, die negative politische Aussagen über die betreffenden Unternehmen enthalten.
Werbung ist eine Zahlenspielerei, bei der eine Botschaft desto erfolgreicher ist, je häufiger sie eingehämmert wird. Die »Culture Jammer« haben nicht das Geld, um die Gesellschaft wie kommerzielle Unternehmen mit ihren Bildern zu sättigen, aber ihre einmaligen Aktionen haben dennoch Wirkung gezeigt. Einen Höhepunkt erlebte die Bewegung, als Chevrolet eine interaktive Online- Werbekampagne namens »Chevy Apprentice « startete, in der das Unternehmen Besucher der Internetseite aufforderte, bei der Herstellung von Anzeigen für seinen riesigen Geländewagen, den Tahoe, mitzuwirken, indem sie eigene Videoclips, Musik und Texte hochluden. Natürlich hatte Chevrolet nicht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Vorschläge für den Tahoe werben sollten. Damit bot sich »Jammern« die Gelegenheit, auf der Plattform des Konzerns auf die Klimaerwärmung und andere negative Umweltfolgen hinzuweisen, zu denen die Geländewagen beitragen.
Culture Jamming allgemein und insbesondere Online-Aktionen lösen Betroffenheit und Solidarität unter Verbrauchern aus – zwei notwendige (wenn auch an sich nicht ausreichende) Zutaten für eine erfolgreiche Bewegung. Die Jammer planen ihre Ideen häufig in Gruppen und führen sie gemeinsam aus, wodurch eine starke Gemeinschaft entsteht und kreative Strategien für die Vermittlung einer Botschaft zusammengelegt werden. Wer die abgewandelten Anzeigen und Logos ansieht, empfindet häufig ein Gefühl der Solidarität als Empfänger einer besonderen und überraschenden Aussage. Oftmals fehlt uns der Ansporn oder der Mut, auf kulturelle Trends zu reagieren, die uns stören, bis wir erkennen, dass es vielen anderen genauso geht. Wenn Culture Jammer zuschlagen, werden unter Umständen sonst ruhige Bürger ermuntert, nach ihren Überzeugungen zu handeln oder sich zu äußern – und Konzerne fühlen sich durchaus bedroht, wenn eine kritische Masse beunruhigter Verbraucher die Stimme erhebt. So entsteht ein neues kulturelles Paradigma, in dem die kritische Partnerschaft zwischen Konzern und Verbraucher stärker vom Verbraucher als vom Konzern gesteuert wird.
Aktivitäten zu Filmen
Der Film The Day After Tomorrow ist ein Sciencefiction-Thriller, in dem der Treibhauseffekt eine drastische Änderung der Meeresströmungen verursacht und damit katastrophale Wetterturbulenzen auslöst: eine Springflut in New York, Tornados in Los Angeles und Schneestürme in Neu-Delhi. Schon wenige Tage nach den ersten Katastrophen bricht auf der ganzen Nordhalbkugel die nächste Eiszeit aus. Der Filmstart im Jahr 2004 wurde von einem ganz besonderen Sturm begleitet – in den Medien.
Monate vorher fing eine kleine Gruppe raffinierter Online-Aktivisten an, über das Potenzial des Films zu diskutieren, das Thema Treibhauseffekt an die vorderste Front der nationalen Agenda Amerikas zu katapultieren. Jon Stahl von ONE/Northwest (Online Networking for the Environment) machte in seinem Blog den Vorschlag, dass sich Klima-Aktivisten um den Film organisierten, weil »große Filmstarts zum Aufhänger für die Diskussion ernster Themen werden können«. Anfangs zögerten Umweltschutzorganisationen, sich einzuklinken, weil sie fürchteten, dass die zugespitzten Szenarien und extremen Spezialeffekte des Films zur Folge hätten, dass die Zuschauer die Realität des Klimawandels nicht ernst nähmen. Doch die Online-Diskussion ging weiter (auch unter WorldChanging.com), und schon bald bekam die Tagespresse Wind davon. Interessengruppen inszenierten erste Kampagnen, die den Film als Weckruf für die Gefahren des Klimawandels instrumentalisierten. Kurz danach hatte der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore die Absicht, Versammlungen zur Diskussion über den Film zu veranstalten, und die Internetseite MoveOn.org rekrutierte Tausende von Freiwilligen, die am Startwochenende Flugblätter an die Kinobesucher verteilten. Die Zunahme des so genannten Netroots-Aktivismus (des »Grassroots «- Journalismus im Internet) bewirkte, dass The Day After Tomorrow von platter Filmkost zu einem wirksamen Instrument der politischen Betätigung wurde.
Aktivisten nutzen das Internet zunehmend als Instrument für »Graswurzel«-Initiativen im Umfeld von Filmen. Amnesty International unterstützt regelmäßig über sein Programm »Artists for Amnesty« Filme, die Menschenrechte thematisieren. Gemeinsam mit Filmemachern und Freiwilligen hat Amnesty International Online-Ressourcen und Hilfsmittel für die Betätigung im Umfeld vieler Filme geschaffen, darunter Hotel Ruanda, Der ewige Gärtner und Innocent Voices.
Banksy
Wer Banksy einen Graffiti-Künstler nennt, macht keinen Unterschied zwischen ihm und den Scharen anderer Spraydosen-Guerillas, die auf der ganzen Welt ihre Werke auf Wände und Gehsteige sprühen. Banksy wurde häufig als »Kunst-Terrorist « bezeichnet, was aber eine Gewalt impliziert, die in seinem Werk völlig fehlt. Seine Ein-Mann- Mission besteht darin, auf kulturelle Misserfolge aufmerksam zu machen, indem er heimlich seine eigenen Kunstwerke an Wänden und überall in der Öffentlichkeit präsentiert. Im Jahr 2005 besuchte Banksy beispielsweise die Westbank, wo er auf der palästinensischen Seite der Sicherheitsmauer mehrere riesige Bilder sprühte. Sie vermittelten den Eindruck eines Fensters, durch das der Betrachter einen ruhigen Strand voller Palmen oder eine Gebirgslandschaft mit einem einladenden Wald erblickte. Die Subversivität des »künstlerischen Angriffs« zog gemischte Reaktionen von beiden Seiten der Mauer – und aus der ganzen Welt – auf sich, aber niemand bestritt die Kraft der Aktion oder gar den Wagemut des Künstlers.
Theater der Unterdrückten
Wie kann ein interaktives Theaterstück, das Slumbewohner aufführen, Einfluss auf die Regierungspolitik nehmen? Das von Augusto Boal in Brasilien gegründete »Theater der Unterdrückten« (kurz: TO) bringt mit Hilfe verschiedener Spiele und interaktiver Theatermethoden unterdrückten Bürgern bei, wie sie konkret ihre Gesellschaft verändern können. Bei den Proben werden die Teilnehmer mit etlichen Schwierigkeiten konfrontiert, wobei der Inhalt auf die wichtigsten sozialen Probleme und Machtstrukturen der jeweiligen Gemeinschaften und der Gesellschaft insgesamt zugeschnitten ist. So zeigt beispielsweise das von Boal entwickelte »legislative Theater« Methoden auf, wie die Wünsche der Bürger Gesetz werden können. In einer Scheinsitzung des Parlaments beschließen die Teilnehmer einfache neue Gesetze; anschließend setzen sie die tatsächlichen Gesetzgeber unter Druck, die neuen Gesetze zu verabschieden. Das »legislative Theater« hat bereits erheblichen Einfluss auf wirkliche Gesetze in Brasilien und in anderen Ländern, aber häufig denken die Teilnehmer sich auch Gesetze aus, die bereits in Kraft getreten sind. Die Übung ermöglicht es ihnen somit nicht nur, sich über die Gesetzgebungsverfahren, sondern auch über bereits bestehende Gesetze zu informieren, damit sie ihre Rechte in Anspruch nehmen können. In Berlin hatte ein Tanzprojekt mit 250 sozial benachteiligten Jugendlichen zum Ziel, Impulse für ein besseres, selbstbestimmtes Leben zu setzen. Der Dokumentarfilm Rhythm is it! mit Sir Simon Rattle beleuchtet den Erfolg dieser ungewöhnlichen Sozialarbeit mit den Berliner Philharmonikern.


