Die Gründe sind vielfältig: Der Erfolg der Kinder hängt nicht nur vom Lernstoff ab, den sie bearbeiten, oder von der angewendeten Lehrmethode. Entscheidend ist, ob die Schule vom Staat Geld erhält, um die passenden Lehrbücher oder Computer zur Verfügung zu stellen. Oder ob die Kinder zu Hause ein gutes Frühstück bekommen und sich dort geborgen fühlen, was mit dem sozialen Stand und der wirtschaftlichen Situation der Familie zusammenhängt.
Ob sie gesund und kräftig sind, hängt vom Zugang zur medizinischen Versorgung ab. Isolieren wir nur einen Grund für Missstände und versuchen dafür eine Lösung zu finden, erreichen wir mit etwas Glück nur eine vorübergehende Besserung, aber das Problem werden wir nicht dauerhaft lösen. Um die Gesellschaft von Grund auf zu stärken, müssen wir an allen Fäden gleichzeitig ziehen: Die jüngere Generation muss mitreden dürfen, und wir müssen sie stärken, indem wir Familien effektiver unterstützen.
Wir müssen Bildungschancen bieten, die Gesundheitsversorgung verbessern und für Sicherheit in den Wohngegenden Sorge tragen. Auf der ganzen Welt finden wir spannende Beispiele für Gesellschaften, die die Herausforderungen annehmen und ihr Lebensumfeld mit einem ganzheitlichen Ansatz verbessern. Auf diese Weise finden sie Lösungen und wählen Methoden, mit denen sie die Menschen erreichen, zur aktiven Mitarbeit motivieren und weit über ihren eigentlichen Aktionsradius hinaus Aufmerksamkeit und Interesse wecken.
Kinderzone in Harlem – ein Beispiel aus New York
Die Harlem Children’s Zone (HCZ) (www.hcz.org) in New York erstreckt sich über 60 Wohnblöcke mitten im Stadtteil Harlem. Dank der visionären Idee von Geoffrey Canada, der es geschafft hat, Scharen von Unterstützern und Verbündeten im Laufe der Jahre einzubinden, liegt hier die Wiege eines der umfangreichsten und erfolgreichsten Projekte, die jemals eine Gemeinschaft einführte.
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind in Harlem die verheerenden Folgen von Armut, Ge- walt, Drogen und fehlender Unterstützung seitens der Stadtverwaltung sichtbar. Besonders Kinder leiden unter den Missständen in sozial benachteiligten Stadtvierteln wie Harlem. Sie schneiden in der Schule schlechter ab als ihre Altersgenossen in besseren Wohnvierteln. Aber ist es deswegen richtig, dass Schulräte und Beamte in der Zulassungskommission zum College daraus den Schluss ziehen, die Kinder könnten oder wollten keine besseren Ergebnisse erzielen? Geoffrey Canada beweist mit seinem ambitionierten Projekt das Gegenteil!
In der »Kinderzone« in Harlem beginnt die Fürsorge für Kinder buchstäblich bei der Geburt und unterstützt sie fortwährend bis zum Einstieg in ein College. Begleitende Programme für die Eltern werden angeboten: Das »Baby College« für Eltern spricht überwiegend alleinerziehende Mütter von Kleinkindern an. Den Eltern werden die Entwicklungsphasen des Kindes erklärt, sie erhalten praktische Ratschläge zur Erziehung. Hier bietet sich die Gelegenheit, Kontakte zu schließen und sich in einem Netzwerk mit anderen Eltern über Erfahrungen auszutauschen. Das Programm »Harlem Gems« (Harlems Juwelen), das für Vier- jährige angeboten wird, unterstützt und fördert so erfolgreich, dass in nur einem Jahr deutlich bessere Testergebnisse erzielt wurden. Die HCZ stärkt mit aufeinander abgestimmten Projekten – vom Lehrplan bis hin zu Gesundheit und Ernährung, von Konfliktlösungsstrategien bis hin zu ehrenamtlichem Engagement – die Kinder und ihre Entwicklung.
Seit 1999 betreibt die HCZ ein Arbeitsund Technologie-Zentrum, in dem Computerwissen unterrichtet und Praktika vermittelt werden, um die Chancen der Jugendlichen und der Erwachsenen zu verbessern.
Die Bürger im benachteiligten Stadtteil Harlem erleben, dass durch das HCZ-Projekt wieder eine soziale Gemeinschaft entsteht, und sie entwickeln neue Zukunftsperspektiven für sich und ihre Kinder.
Der Projektverlauf wird genauestens beobachtet, und die Ergebnisse und Erfolge werden ausgewertet. Das Programm soll weiterentwickelt werden, denn die Projektmitarbeiter wissen genau, wie wichtig eine gesellschaftliche Infrastruktur für den individuellen Erfolg ist: Die Eltern müssen unterstützt werden, um im Leben ihrer Kinder präsent zu sein, sie brauchen Arbeit, bezahlbare Wohnungen, Gesundheitsversorgung und eine qualifizierte Kinderbetreuung nach der Schule. Kinder und junge Menschen sind auf Wertschätzung und Geborgenheit angewiesen, sie wollen spüren, dass die Menschen um sie herum ein echtes Interesse an ihrer Persönlichkeit und ihrem Erfolg haben. Geoffrey Canada und all die engagierten Personen bei HCZ wollen nicht nur das Lebensumfeld der Kinder und ihrer Eltern verbessern, sie wollen beweisen, dass es möglich ist, die schulischen Leistungen der Kinder selbst in sozial schwachen Stadtteilen wie Harlem auf das Niveau ihrer Altersgenossen aus privilegierten Gegenden zu heben. Die bisherigen Ergebnisse geben ihnen Recht, die Noten verbessern sich deutlich, und die individuellen Erfolgsgeschichten nehmen kein Ende. Bei der Zahl der Spitzenschüler aus Harlem kommen andere Viertel und Städte nicht umhin zu prüfen, ob sie ihren Kindern und Jugendlichen nicht ähnliche Unterstützung anbieten sollten.
Das finnische Schulsystem
Laut der internationalen PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) hat Finnland das beste Bildungssystem der Welt. Das Weltwirtschaftsforum bescheinigt Finnland Bestnoten bei den grundlegenden schulischen Fertigkeiten »Lesen und Schreiben« in der Altersgruppe der Jugendlichen, den höchsten Prozentsatz an »regelmäßigen Lesern« und die »in kreativer Hinsicht konkurrenzfähigste« Wirtschaft.
Der finnische Bildungsminister ist überzeugt, dass gezielte Investitionen in die Bildung für ein kleines, hightech-orientiertes Land eine Frage des Überlebens sind. Finnland stellt mehr Geld für die Schulbildung zur Verfügung als jedes andere Land auf der Erde. Bei den Ausgaben für Hochschulen steht das Land an zweiter Stelle im internationalen Wettbewerb. Die Schulen sind gemeindegestützte Einrichtungen, mit einem extrem geringen Lehrerwechsel und hohen Erwartungen seitens der Eltern. Alle Schüler lernen Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. In Finnland übertreffen Mädchen inzwischen die Jungs bei den Wissenschaftsklausuren, so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Kurzum, die Finnen geben sich große Mühe, auf institutioneller und kultureller Ebene ein außerordentlich erfolgreiches Bildungssystem zu fördern und zu erhalten.
Andererseits könnte das Geheimnis auch in dem liegen, was finnische Schüler nicht tun: Sie verbringen weniger Zeit im Klassenzimmer als Schüler in anderen Industrieländern. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, wo manche Kinder schon im Alter von drei Jahren die Vorschule besuchen, werden finnische Kinder erst im Alter von sechs angemeldet, und der Unterricht beginnt mit sieben. Während der gesamten Schulzeit verbringen die Schüler im Vergleich mit allen westlichen Ländern am wenigsten Stunden in der Schule, und sie haben längere Pausen und Ferien. Als Folge ist die Familie bei der Erziehung der Kinder massiv gefordert. Finnland schneidet beim Leseverständnis bemerkenswert gut ab, was weitgehend auf die Tradition zurückzuführen ist, zuhause und im Kreis der Familie zu lesen.
Das finnische System räumt ganz eindeutig der Qualität den Vorrang vor der Quantität ein. Die Investitionen an Zeit und Geld bedeuten, dass Kinder stärker von ihrer Schulzeit profitieren, ohne dass sie eine unangemessen lange Zeit im Klassenzimmer verbringen müssen. Kostenlose Mahlzeiten für alle Schüler gewährleisten zudem eine Verbesserung der Gesundheit und Konzentration der Kinder.
Als Krone des Ganzen sortieren finnische Schulen nicht Schüler aus, die hervorragende Leistung bringen, und trennen sie von anderen, die zu kämpfen haben. Vom siebten bis zum 17. Lebensjahr erhalten alle Kinder dieselbe Bildung, wodurch die in anderen Ländern wirksame, sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass von bestimmten Kindern nicht viel zu erwarten sei, außer Kraft gesetzt wird. Andernorts wird nur tatenlos dem Absturz der schulischen Leistung zugesehen. Die Verhaltensprobleme, die normalerweise bei unruhigen und schlechten Schülern auftreten, spielen in Finnland offenbar keine große Rolle – Eltern oder Lehrer führen mit »Problemkindern« ein Gespräch, und in der Regel ist das Thema damit ausgeräumt.
Im Allgemeinen besuchen Kinder in Finnland bis zum 17. Lebensjahr dieselbe Schule, was eine reibungslosere Schulzeit ermöglicht als in anderen, stärker untergliederten Schulsystemen, wo mehrere Wechsel die Regel sind. Kinderbetreuungseinrichtungen sind vorhanden, und Kinder laufen barfüßig umher, in einer gemütlichen und intimen Atmosphäre. Die gleiche Freiheit gilt auch für den Lehrplan. Die Kinder können zu einem hohen Grad selbst den Stundenplan bestimmen und aus mehreren Fächern auswählen, die das Kernprogramm ergänzen.
Am Ende der umfassenden, neunjährigen Grundschulzeit wählen die 16-Jährigen zwischen einer Berufsschule oder einer weiterführenden Schule. So gut wie alle Kinder entscheiden sich für eine der beiden Formen; die Rate der Schulabbrecher bleibt bemerkenswert niedrig. Universitäten sind in Finnland kostenlos, und etwa 65 Prozent der finnischen Jugendlichen beginnen ein Studium.
Ein weiterer Faktor, der zum Erfolg des finnischen Systems beiträgt, ist das hohe Ansehen des Lehrerberufes. Dies darf nicht unterschätzt werden. Das zeigt sich in Deutschland und anderen Ländern. Hier wird der Beruf des Lehrers häufig mit einem unangenehmen Job assoziiert, der zudem schlecht bezahlt ist und wenig Anerkennung findet. Er ist darüber hinaus mit einer Fülle anderer Herausforderungen verbunden, von denen in der Stellenausschreibung nicht die Rede war. In Finnland zählen Bildung, Belesenheit, Schulbesuch und Mehrsprachigkeit zu den wohl wichtigsten kulturellen Werten. Es ist kein Wunder, dass Kinder dort gerne zur Schule gehen – sie sind in ein System geboren worden, in dem Schulen nicht nur erschwinglich und fair, sondern auch einladend sind. Hier macht Schule Spaß.
Das Kufunda-Lernzentrum in Simbabwe
Mitten im Chaos des heutigen Simbabwe, in den engen, staubigen Straßen von Ruwa außerhalb von Harare, zeugt ein außergewöhnliches Dorf von der Kreativität und Ausdauer der Simbabwer. Das Kufunda Learning Village (Kufunda- Lernzentrum) (www.kufunda.org) wurde 2002 gegründet, um der ländlichen Bevölkerung eine anregende Umgebung zu bieten, in der Selbstvertrauen gelernt und gelehrt wird. Durch den Einfluss der Medien und Abhängigkeiten von Fremden nahmen die Menschen in den ländlichen Gebieten ihre kleinen Farmen und Dörfer als nutzlos wahr.
Von Anfang an standen die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen vor Ort im Vordergrund. Selbst der Wachmann David, der anfangs nur vor den Toren Kufundas saß, arbeitet mittlerweile zielstrebig auf seine eigene Existenz hin: Er will sich seinen Traum von einer ökologischen Pilzfarm erfüllen. Immer wieder führt Kufunda zweiwöchige Trainingsprogramme für »Gemeindeorganisatoren « – in der Regel sind das Frauen aus Dörfern in ganz Simbabwe – durch. Die Teilnehmer lernen die verschiedensten Fertigkeiten: wirtschaftliche Grundkenntnisse zur Unternehmensführung, Seifenherstellung, Yoga und sogar philosophische Thesen wie zum Beispiel Gandhis Philosophie des »swaraj« (»Selbstregierung«). Das Resultat: In Dörfern werden selbstkompostierende Toiletten aufgestellt, die den Wasserverbrauch senken und im Kreislaufprinzip auch den gemeindeeigenen Permakulturgärten wieder Nährstoffe zuführen.
Ein Bildungsfonds wurde zur Unterstützung der vielen Aids-Waisen in Simbabwe eingerichtet. Prophylaxe wird großgeschrieben beim Aids-Bildungsprogramm, das Raum für offene Gespräche bietet und über die Gefahren der Krankheit aufklärt. Die Stärkung des Immunsystems ist Thema des Kräuterkunde-Seminars. Heilmittel werden vorgestellt, die die Beschwerden von Aids und anderen landestypischen Krankheiten lindern. In Kräutergärten in Kufunda und den umliegenden Dörfern werden die Heilpflanzen angebaut und anschließend in einem kleinen Labor verarbeitet und verpackt. Die Angebotspalette wird ständig erweitert. Mit dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua) zum Beispiel wird Malaria, eine Haupttodesursache im Süden Simbabwes, behandelt und das Immunsystem gestärkt. Der Moringa- oder Meerrettichbaum (Moringa oleifera) steckt voller Vitamine und Mineralstoffe. Er enthält 18 Aminosäuren, Chlorophyll, Omega-3-Öle, Phytonährstoffe und Antioxidantien. Mit Hilfe des Kufunda-Projektes wird den Menschen im ländlichen Simbabwe wieder bewusst, welche wirtschaftlichen Chancen ihre kleinen Farmen und Dörfer ihnen bieten. Kufunda geht über die traditionellen Bildungsmodelle hinaus. Die Seminarteilnehmer erleben sich in der Rolle des Lehrers und Führers oder in der Rolle des Lernenden. Im Kufunda Village wird der Prozess der Loslösung von institutionellen Abhängigkeiten gefördert hin zu Selbstvertrauen und Eigenverantwortung. Denn im Herzen der ländlichen Gemeinschaften und in der Kultur des Landes liegen die wirklichen Reichtümer. Dies zu erkennen und zu begreifen, ist Inhalt des Kufunda-Projektes, das eine besondere Energie des Wandels ausstrahlt. Diese Energie erfasst jeden, der mit ihr in Berührung kommt.


