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Mittwoch, 23. Juli 2008 11:45 Uhr
Kategorie: Interview

Von: Sibylle Bauschinger

Pinguine als HipHop Stars

In der Antarktis müsste es eigentlich still sein. Der Illbient- und Trip Hop Musiker DJ Spooky That Subliminal Kid hat sich jedoch vom Gegenteil überzeugt. care&click traf ihn persönlich und fragte unter Anderem, was ein DJ im Eis für Geräusche sammeln kann.

Bild: pixelio.de

care&click: Für ihr neues Projekt Terra Nova: Sinfonia Antarctica sind Sie in der Antarktis unterwegs gewesen. Ist es dort nicht etwas zu ruhig für einen DJ auf Samplingjagd?

 

Nein, eigentlich überhaupt nicht. Ich wollte raus aus New York, dieser intensiven, lauten und anstrengenden Stadt und an entlegenen Orten die Geräusche der Umwelt wahrnehmen. Dafür bin ich vier Wochen mit einer russischen Forschergruppe auf einem Schiff in der Antarktis unterwegs gewesen. Ich habe immer versucht, mich mit meinem mobilen Aufnahmestudio abzusetzen und alleine durch das Eis zu laufen. Bei der ersten Expedition habe ich jetzt erstmal nur Rohmaterial aufgenommen. Es sind buchstäblich Geräusche einzelner Elemente, also z.B. nur das Meer, das Eis oder nur der Wind. Ich wollte herausfinden, welchen Einfluss diese Region auf mich als Künstler und Schriftsteller nimmt.

 

Aber was für Geräusche kann man sich vorstellen. Im Eis müsste es doch relativ ruhig sein, ohne raschelnde Blätter oder Vogelgezwitscher. Was für Geräusche haben Sie dort vorgefunden?

 

Man meint immer, dass es dort ruhig ist. Aber neben den Geräuschen der Umwelt, also Wind, Wasser etc. gibt es dort z.B. unglaublich viele Pinguine. Ich wusste, dass man mich danach fragen wird, und deshalb habe ich einen ganzen Tag lang ein Set mit Pinguin- und Seelöwengeräuschen gemacht. Da fahren die Leute eben drauf ab.

 

Aber die Pinguine waren sicherlich nicht das eindrucksvollste Geräusch?

 

Nein, sicher nicht. Eigentlich war es der Wind. Der ist unglaublich stark und hört einfach nie auf. Dadurch ist sein Sound so dominant. Anfangs habe ich versucht, dieses Geräusch herauszufiltern, um eine noch klarere Geräuschkulisse der Antarktis zu bekommen, aber das war absolut unmöglich.

 

Für ihr Projekt haben sie sich von dem britischen Komponisten Ralph Vaughn Williams inspirieren lassen. Ist ihre Sinfonia Antarctica dann als eine moderne Neuauflage zu verstehen?

 

Ja, absolut. Aber Vaughn Williams hat in seiner Symphonie, die er zwischen 1949 und 1952 geschrieben hat, eher einen epischen und kulturellen Ansatz gewählt. Er hat das Ende des British Empire verarbeitet, weshalb seine Musik von Verlust und Scheitern geprägt ist. Das hat mich fasziniert. Der tragische Protagonist in Vaughn Williams Stück ist zudem der britische Antarktisforschers Robert Scotts, eine Art Volksheld, der im Jahre 1912 verstorben ist. In meiner Version der Sinfonia Antarctica ist momentan aber eigentlich der Wind der Held der Geschichte.

 

Bei Vaughn Williams war die Botschaft damit eher historisch und episch geprägt. Was wird ihre Botschaft sein?

 

Nun ja, normalerweise ist Kunst eine recht künstliche Angelegenheit. Vor allem das Sampeln ist wohl die unnatürlichste Kunstform überhaupt. Ich möchte sie aber mit der Natur konfrontieren und zu einem Teil von ihr machen. Dabei soll der Sound der Natur zu Kunst gemacht werden, ohne ihr dabei einen menschlichen Stempel aufzudrücken. Damit will ich die Aufmerksamkeit für den Planeten wecken. Das ist meine Botschaft.

 

Aus den verschiedensten Bereichen engagieren sich Künstlerkollegen für den Klimaschutz. Welchen Beitrag kann dabei die Musik leisten?

 

In erster Linie kann sie Aufmerksamkeit erregen, und das genau will ich mit meinem Projekt. Am Ende des ersten Teils von Terra Nova: Sinfonia Antarctica wird ein verrückter Kunstfilm über die Antarktis entstehen, der mit Bild und den gesampelten Originalgeräuschen eher in der Sparte der Informationskunst angesiedelt sein wird. Wenn wir damit in Museen, Opernhäusern oder bei Festivals auftreten, wird das die Leute möglicherweise wachrütteln. Man muss ihnen klar machen, was dort passiert.

Mit der Terra Nova: Sinfonia Antarctica will ich diese Einzigartigkeit der Natur auf musikalische Weise zeigen und ein Bewusstsein für den Planeten vermitteln. Außerdem wäre es doch großartig, wenn diese Art der gesampelten Umweltsounds populär würde. Stellen Sie sich vor, sie tanzen in einem Club und  die Musik bestünde dort zu einem erheblichen Teil aus natürlichen Geräuschen. Also zum Beispiel dem Wind als kontinuierlichen Sound, der mit Wassergeplätscher unterlegt ist. Oder Pinguine die zu HipHop Stars werden, weil ihre Geräusche den Beat legen!




Derzeit arbeitet DJ Spooky, der mit bürgerlichem Namen Paul D.   Miller heißt und neben seinen Musikprojekten auch als Schriftsteller tätig ist, an einem 70-minütigen Kunstfilm über die Antarktis. Dafür ist er bislang vier Wochen in der Region auf Geräuschsuche gewesen. Ende dieses Jahres folgt die zweite Expedition des Multitalentkünstlers, der mit diesem Projekt vor allem auf die globale Erwärmung aufmerksam machen will.

 

 

Dem ersten Teil seiner Terra Nova: Sinfonia Antarctica ,die voraussichtlich ab November 2008 in zahlreichen Kunstinstitutionen und auf Festivals zu sehen sein wird, soll kommendes Jahr ein weiterer folgen.


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