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Montag, 12. April 2010 09:43 Uhr
Kategorie: Klima Leben, TopThema, WorldChanging

Von: EW/©KNESEBECK VERLAG

Örtliche Klimavorhersage

Anfang 2006 fuhren die Eisfischer mit dem Boot auf die Großen Seen Nordamerikas hinaus, die zum ersten Mal seit Menschengedenken im Winter eisfrei blieben. Im selben Jahr beobachteten die Bewohner von Johannesburg Wolken aus Belenois-Schmetterlingen, die sich in dem ungewöhnlich feuchten Sommer massenhaft vermehrt hatten.

WorldChanging

Die Skifahrer und Winterurlauber im Pazifischen Nordwesten Amerikas mussten im Winter 2005 auf Schnee verzichten, weil der Jetstream – ein warmer Südwind – einen ungewöhnlichen Südkurs genommen hatte. Fast jede Woche fegt ein Sturm, der außergewöhnlich stark ist oder eine ungewohnte Route nimmt, über einen anderen Teil der Erde hinweg, während die Bauern im südlichen Afrika und im Südwesten der USA mit nie da gewesenen Dürreperioden zu kämpfen haben. Vielen Wissenschaftlern zufolge resultieren solche Anomalien aus der Erderwärmung.

 

In den kommenden Jahren werden wir alle den Klimanotstand erleben. Die allmähliche Zunahme der Durchschnittstemperatur, die geringfügigen, aber anhaltenden Veränderungen der jährlichen Niederschlagsmenge und der allmähliche Anstieg des Meeresspiegels werden uns zumindest in Europa kaum auffallen. Doch die Schneestürme, die mit Donner und Blitz über das Land kommen, die Hurrikane von der Stärke Katrinas, die ungewöhnlich langen Regenperioden oder das völlige Ausbleiben von Niederschlag werden wir bemerken. Solche untypisch heftigen Wetterereignisse sind die Folge eines von überschüssiger Wärme aufgeheizten Klimasystems. Sie werden die regionale Klimavorhersage in der nahen Zukunft beherrschen.

 

Die weltweite Durchschnittstemperatur ist einem NASA-Bericht zur Erderwärmung zufolge im letzten Jahrhundert um 0,8 Grad Celsius gestiegen, und es ist unstrittig, dass diese Erwärmung in direkter Verbindung steht mit dem Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere Kohlendioxid, infolge der Verbrennung von Kohle, Erdöl, Benzin und Gas. Die CO2-Konzentrationen, so heißt es in der Zeitschrift Nature, sind heute höher als je zuvor in den vergangenen 650 000 Jahren – woran der Homo sapiens einen erheblichen Anteil hat. Das Jahr 2005 war das wärmste, das seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880 gemessen wurde. In den letzten zehn Jahren wurden die sieben wärmsten Jahre seit diesen Messungen verzeichnet.

 

»Die Welt, die wir kannten, ist Geschichte «, so James Gustave Speth, ehemals Leiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen und Dekan der Yale School of Forestry and Environmental Studies. In unserer neuen Welt wird die lokale Klimavorhersage immer wichtiger. Immerhin wollen wir uns aussuchen, wo wir leben, in was für einer Behausung wir wohnen, was für regionale Nahrungsmittel wir essen und wie wir unsere Freizeit gestalten. Wir möchten wissen, was für Jobs es gibt und mit welchen Gefahren wir uns auseinandersetzen müssen. Uns interessiert, ob es feuchter oder trockener wird, ob Stechmücken nur ein Ärgernis oder eine ernsthafte Bedrohung werden. Kurz: Wir wollen wissen, was auf uns zukommt.

 

Örtliche Voraussagen sind eine Herausforderung für die angewandte Klimaforschung. Die Arbeit vor Ort beginnt auf globaler Ebene. Die Klimaforscher testen mit Klimamodellen, wie sich künftige Zuwächse beim CO2 und anderen Treibhausgasen auf das globale System auswirken könnten. Etwa ein Dutzend solcher Modelle bildet den »Goldstandard« für die maßgeblichen Projektionen des Weltklimarats. Es werden Szenarien erstellt, wie das Klima auf verschiedene Emissionsverläufe reagiert, wobei die Skala von der Annahme reicht, dass wir nichts an unserem Energieverbrauch ändern, bis hin zu der, dass wir überall so schnell wie technisch möglich auf saubere Energieformen umsteigen. Solche Modelle zeigen die möglichen Folgen in der realen Welt auf.

 

Forscher, die sich auf eine Region konzentrieren, beispielsweise auf den Pazifischen Nordwesten der USA, gleichen die Ergebnisse der neuesten Klimamodelle mit ihren eigenen Modellen zur regionalen Klimaentwicklung ab. Sie befassen sich konkret mit Bachläufen, Schneefällen und der Niederschlagsmenge, die Wäldern und landwirtschaftlichen Flächen zur Verfügung steht. Die Kristallkugel ist noch recht verschwommen, doch wir haben keine bessere, und die regionalen Modelle werden verlässlicher, je häufiger man sie mit dem tatsächlich eintretenden Klima vergleichen und die Berechnungen entsprechend verfeinern kann.

 

Einige der regionalen Klimaprojektionen sind mittlerweile so verlässlich, dass Entscheidungsträger auf ihrer Grundlage die Auswirkungen des Klimas auf Trinkwasservorräte, Küstenverläufe, Wasserkraftstaudämme und Skigebiete bewerten können. Die Informationen dieser öffentlichen Stellen sind für jedermann einsehbar, so dass man sein Leben darauf einrichten kann. Überraschungen sollte man allerdings einplanen.

 

Willkommen in Orefornien

 

Die Climate Impact Group an der University of Washington in Seattle hat für den Pazifischen Nordwesten der USA eine Klimaprognose für die nächsten fünf Jahrzehnte erstellt. Im Jahr 2005 untersuchten Ökonomen und Ressourcenforscher auf der Basis dieser Vorhersagen die möglichen Folgen des Klimawandels für Oregon, wobei sie sich auf acht Schlüsselbranchen der umgerechnet 88 Milliarden Euro starken Wirtschaft des Bundesstaates konzentrierten. Zusammengefasst lautete die Prognose, dass sich das Klima in Oregon an das heutige Klima seines Nachbarstaats Kalifornien angleichen wird.

 

Die Klimamodelle sagen einen starken Anstieg regionaler Temperaturen voraus, der gegenüber dem Niveau der Jahrhundertwende durchschnittlich 1,1 Grad Celsius bis zum Jahr 2020 und durchschnittlich 1,6 Grad Celsius bis 2040 betragen wird. Anders ausgedrückt: Die Erwärmung wird in den nächsten zwei Jahrzehnten stärker sein als im gesamten 20. Jahrhundert. Der Schnee in den Bergen, der größte Süßwasserspeicher der Region, wird erheblich abnehmen. Einer von der University of Washington vorgenommenen Projektion zufolge reduziert er sich bis 2040 um mehr als die Hälfte. Der Meeresspiegel dagegen könnte bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa einen Meter ansteigen, wobei in dieser Schätzung das beschleunigte Abschmelzen des Grönland- und Antarktiseises nicht berücksichtigt ist.

 

Die Ökonomen erwarten große Veränderungen: Der Rückgang des abfließenden Wassers im Osten der Kaskadenkette würde den Landwirten und Ortschaften fehlen und den heimischen Fischbeständen schaden. In den Skigebieten wird man sich entscheiden müssen, ob man noch Geld für Schneekanonen und Skilifte ausgibt. Staudammbetreiber müssen ihre Turbinen im Winter mehr und im Sommer weniger laufen lassen, wobei im Sommer der Strombedarf für Klimaanlagen und Wasserpumpen steigt. Die Gesundheitsbehörden werden zunehmend mit dem West-Nil-Virus, der Lyme-Borreliose und anderen von wärmeliebenden Insekten übertragenen Krankheiten zu kämpfen haben.

 

Und welche wirtschaftlichen Chancen würden sich für Oregon ergeben? Die öffentlichen und privaten Investitionen in neue Energietechniken werden Jobs schaffen und die Einkommen heben. Neue Unternehmen werden den Bewohnern bei der Umstellung helfen und dem Staat Einkünfte bescheren, die er brauchen wird, um die Folgen der Klimaveränderung zu bewältigen.

 

Willkommen im neuen Staat Orefornien! Der wohl größte symbolische Schlag für das alte Oregon könnte das Verschwinden der für diesen Bundesstaat typischen Weinrebe sein, wenn aufgrund der Erwärmung der optimale Temperaturbereich dieser Rebe übertroffen wird. Adieu Pinot, willkommen Merlot?

 

Guck mal, der Klimawandel ist da!

 

Wer nicht gerade im Permafrost lebt oder in einem Bergtal, aus dem sich ein Alpengletscher zurückzieht, dem fällt es schwer, den Finger auf die Veränderungen zu legen, die mit Bestimmtheit der globalen Erwärmung zuzuschreiben sind. Doch Anzeichen für den Klimawandel gibt es überall, und sie nehmen rapide zu.

 

Zu Beginn des Jahrtausends erstellten sechs Umweltorganisationen gemeinsam eine Karte mit dem Titel »Global Warming: Early Warning Signs« (»Frühe Warnsignale«), die in jeder Region der Welt lokale Folgen der globalen Erwärmung verzeichnet. Die Karte (www.climatehotmap.org) enthält räumliche Fingerabdrücke – »Manifestationen eines weit verbreiteten und langfristigen Trends zu wärmeren globalen Temperaturen« – sowie Vorboten auf die »Folgen, die mit fortschreitender Erwärmung wahrscheinlich häufiger und an mehreren Orten auftreten werden«. Jeder der verzeichneten Fingerabdrücke und Vorboten wird von einer verlässlichen Quelle – einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder einem neuen Bericht – gestützt.

 

Zu diesen Fingerabdrücken zählen Hitzewellen, die Meereserwärmung, der ansteigende Meeresspiegel, schmelzende Gletscher und Veränderungen in der Arktis und Antarktis. Vorboten sind etwa Vögel, die früher nisten (für 20 von 26 untersuchten Vogelarten in England gibt es entsprechende Berichte), das Ausbleichen von Korallenriffen oder die extreme Dürre, die sich im Jahr 2001 auf der koreanischen Halbinsel ereignete.

 

In England werden die Anzeichen für die globale Erwärmung unmittelbar von interessierten Laien beobachtet und dokumentiert. Zu verdanken ist dies einem Netzwerk, das Daten sammelt, indem es die alte Tradition der Hobby-Naturkunde nutzt. Das ist aber noch lange nicht alles. Viele Briten begeistern sich für die Phänologie. Laut Brockhaus Enzyklopädie versteht man darunter die Lehre vom jahreszeitlichen Ablauf der Klimaerscheinungen. In dem britischen Phenology Network sind 24 000 Hobbyforscher rund um die Britischen Inseln vereint, die ihre Beobachtungen online sammeln und die zeitliche Verschiebung von Naturereignissen dokumentieren. Wann blüht das erste Hundsveilchen, wann schreit der Kuckuck zum ersten Mal im Jahr? Das Netzwerk hat ein inter- aktives Tool auf seiner Internetseite eingerichtet, mit dem man einen virtuellen Spaziergang durch einen Garten machen kann und erfährt, wie der Zeitpunkt ganz gewöhnlicher Ereignisse in der Natur einen Hinweis auf den Klimawandel geben kann.

 

Der Aurorafalter, die Eiche, der Kammmolch und die Heuschnupfenallergiker sind in Großbritannien besonders vom Klimawandel betroffen. Vor zehn Jahren wurden in Costa Rica so genannte »Parataxonomen« ausgebildet, die die unzähligen Pflanzen- und Tierarten des Landes zählten. Heute sollten wir uns zu »Paraphänologen« fortbilden und die Veränderungen im Kalender der Natur notieren.

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr


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