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Montag, 16. August 2010 09:43 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: EZ, JC, SA/ © KNESEBECK VERLAG

Mikrofinanzierung

Viele von uns genießen nicht nur dank ihres Gehaltes den Status der Mittel- oder Oberschicht, sondern dank Ressourcen wie Zinsen aus Ersparnissen und fest angelegten Depots, dank Kreditkarten, Pfandbriefen, Versicherungen, Investmentfonds und anderen Anlagemöglichkeiten, die uns zusätzlichen finanziellen Spielraum verschaffen.

WorldChanging

Würde es nicht eine solche Vielfalt finanzieller Möglichkeiten geben, zu welcher ökonomischen Schicht würde jeder Einzelne wirklich gehören? Könnten wir jemals das undichte Dach reparieren lassen, oder wären wir ohne Kapital imstande, aus einem Hobby ein blühendes Online-Unternehmen zu machen?

 

Heutzutage sind Finanzdienstleistungen unerlässlich für die Schaffung von Vermögen. Menschen, die aus der Armut ausbrechen wollen, brauchen ganz dringend Zugang zu Finanzdienstleistungen, die nicht nur Kredite anbieten, sondern auch beim Sparen, Versichern und Investieren beraten. Aber gerade die armen Menschen auf der Welt, insbesondere in den Entwicklungsländern, haben in der Regel nur Zugang zu Pfandleihern oder Wucherern, die Zinssätze in Höhe von bis zu 1000 Prozent im Jahr verlangen – und selbst an diese Kredite kommen in erster Linie nur Menschen heran, die bereits etwas Vermögen haben. Staatlich geförderte Dorfbanken in Entwicklungsländern haben sich alles in allem ebenfalls als Fiasko erwiesen.

 

Eine erfolgreiche Lösung ist es, Geschäftsleuten niedrige, unbesicherte Darlehen anzubieten, damit sie bestehende Unternehmen ausdehnen können. Diese Tradition begann in den 1970er Jahren, als mehrere gemeinnützige Organisationen mit der Gewährung von »Mikrokrediten« experimentierten. Die 1976 in Bangladesch gegründete Grameen Bank (www.grameenfoundation.org) machte aus diesem System ein gut geöltes Räderwerk. Heute bieten weltweit Hunderte von Organisationen Mikrokredite für unzählige Millionen Menschen an. Die Mikrofinanzierung hat eine glänzende Zukunft vor sich – obwohl sie weitgehend von den Armen im Dorf genutzt wird, hält sie allmählich auch in der Stadt Einzug. Überdies nimmt sie in der Zukunft der entwickelten Nationen ebenfalls einen größeren Raum ein, als wir vermuten würden.

 

Ein Mikrofinanz-Szenario

 

Raghu ist ein armer Arbeiter im Staat Madhya Pradesh in Zentralindien. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seinen Lebensunterhalt verdient er, indem er seine Arbeitskraft verkauft. Er wird nach Stunden bezahlt, das heißt, dass er an den Tagen, an denen er nicht arbeitet, nichts verdient. Außerdem sind seine Möglichkeiten, das Einkommen zu steigern, durch die Zahl der Arbeitsstunden pro Woche und die Menge der verfügbaren Arbeit eingeschränkt.

 

Raghus Frau Vimala denkt unternehmerisch. Sie hört von einem Mikrofinanz-Institut namens Self-Employed Women’s Association (Vereinigung der Selbstständigen Frauen) (SEWA), das armen Frauen unbesicherte Darlehen zur Verfügung stellt. Sie spricht mit Raghu darüber, und nach reiflicher Überlegung beschließen sie, ein Darlehen zu beantragen. Sie leiht sich 1000 Rupien (knapp 18 Euro), um Hühner zu kaufen. Sie möchte die Hühner halten und in ihrer Freizeit die Eier verkaufen. Nach einiger Zeit gelingt es ihr, daraus ein Kleinstunternehmen aufzubauen. Damit sichert sie sich eine zweite Einkommensquelle für den Haushalt. Im Gegensatz zu Raghus Einkommen aus Handarbeit wächst Vimalas Investition jedoch stetig weiter – und erzeugt Produkte für den Verkauf –, auch wenn sie dafür nicht einmal außer Haus arbeitet. Sie spüren allmählich, welche Wirkung ein Kredit hat.

 

Vimala zahlt das Darlehen zurück und erfährt, dass SEWA (www.sewa.org) inzwischen ein neues Programm gestartet hat, das es Kreditnehmern ermöglicht, ein Mikro-Sparkonto zu eröffnen, über das sie geringe Zinsen erwirtschaften können. Zum ersten Mal in ihrem Leben nutzen Vimala und Raghu die Macht von Zeit und Geld. Dieser Schritt hat völlig mühelos eine dritte, wenn auch kleine, Einkommensquelle geschaffen.

 

Vimala und Raghu besuchen einen Finanzierungskurs, wo sie die Vorteile von Versicherungen und Investitionen kennenlernen. Mit Hilfe der SEWA-Mitarbeiter versichern sie ihre Hühner und schließen für Raghu eine Lebensversicherung ab.

 

Nach einigen Jahren haben sie kleine Beträge angespart, die sie wiederum in einen »Mikrofonds « investieren, ein innovatives Marktinstrument, das es Mikro-Sparkunden ermöglicht, Geld in einem Investmentfonds anzulegen und vom Wachstum der Wertpapiere und Dividenden zu profitieren.

 

Vimala und Raghu haben innerhalb weniger Jahre ihr Leben völlig geändert – sie haben die Armut besiegt und ein stetiges Einkommen geschaffen, das dafür sorgen wird, dass sie ihren Lebensstandard in den kommenden Jahren halten und steigern können. Das alles hat mit einem Mikrokredit angefangen.

 

Mikrofinanzierung vom Bürostuhl aus

 

Unzählige Mikrokredit-Institute griffen sehr erfolgreich armen Kleinstunternehmern unter die Arme; allerdings wurden diese Modelle in der Regel zu dem Zweck entwickelt, die Schaffung weiterer Mikrokredit-Institute zu fördern. Mehrere Organisationen bieten jedoch auch Einzelpersonen die Möglichkeit, vom eigenen PC aus Kreditgeber zu werden. Die Mikrofinanzgruppe Kiva mit Sitz in Kalifornien richtete die erste Website ein, um »Peer-to-Peer«, also von Nutzer zu Nutzer, Mikrokredite zu verteilen.

 

Kiva übernimmt die Idee, die hinter der Patenschaft für ein Kind steckt: Ein Kleinstunternehmen wird durch das Verleihen kleiner Geldbeträge gefördert. Die Gründer Matthew und Jessica Flannery, ein kalifornisches Paar, das in Zentralafrika gelebt hat, argumentieren, dass die direkte Kreditvergabe an sich schon transparenter ist als die Spende an eine wohltätige oder Nichtregierungsorganisation, die das Geld wiederum weiterleitet. Darüber hinaus verleiht die Vergabe eines direkten Mikrokredits dem Kreditgeber stärker als eine indirekte Spende das Gefühl, sich zu engagieren.

 

Auf der Internetseite von Kiva (www.kiva.org) werden etliche Unternehmen aufgeführt, die dringend finanzielle Unterstützung benötigen; die Kreditgeber können auswählen, welches Projekt das Darlehen erhält, und ihr Beitrag wird zu 100 Prozent direkt an das Unternehmen überwiesen. Kiva hält Kreditgeber regelmäßig über den Fortschritt der neuen Unternehmen auf dem Laufenden und bezahlt die Mikrokredite zurück. Sobald der Kredit zurückgezahlt ist, hat der Geber die Option, das Geld erneut zur Unterstützung eines anderen Unternehmens einzusetzen und die positive soziale Wirkung weiter voranzutreiben. Im Laufe der Zeit können etliche neue Unternehmen von einem einzigen Anfangsdarlehen Mikrokredite erhalten.

 

Das heißt, dass die Kreditgeber keinerlei Steuervergünstigungen für das Geld in Anspruch nehmen können. Darüber hinaus erfordert das Kiva-Modell eine aktivere Beteiligung an der Geldvergabe als eine anonyme Spende an Organisationen wie Grameen (www.grameen.de) oder Opportunity International (www.oid.org). Aber genau darin liegt die Stärke von Kiva: Kreditgeber sind nicht nur passive Geldquellen, sie sind aktive Teilnehmer an der Kreditvergabe.

 

 

Allzu häufig beraubt das Spendenmodell einer Hilfsorganisation sowohl die Empfänger der Unterstützung als auch diejenigen, die Zeit und Geld investieren, jeglicher Einflussnahme. Das ursprüngliche Mikrofinanzierungsmodell trug dazu bei, diesen Mangel für die eine Seite zu beheben, weil es ausdrücklich Menschen half, die ein neues Unternehmen gründen wollten. Das Peerto-Peer-Mikrofinanzmodell von Kiva könnte die Lösung für die andere Seite sein, weil die Kreditgeber aktiv an der Stärkung globaler Gemeinschaften beteiligt werden.

 

FUPROVI

 

Schätzungen zufolge lebt eine wachsende Zahl von Stadtbewohnern – in manchen Städten bis zu 50 Prozent – in spontan und ungeplant errichteten Siedlungen, die oft illegal sind. Außerdem gibt es hier keine Infrastruktur. Um diesen Trend zu stoppen, bietet in Costa Rica die Nichtregierungsorganisation Fundación Promotora de Vivienda (Stiftung für den Wohnungsbau, kurz: FUPROVI) eine Reihe von Programmen für günstige Unterkünfte und für die Förderung der Gemeindeentwicklung an. Weiterhin werden Verdienstmöglichkeiten, nachhaltige Entwicklung und Bauprojekte gefördert.

 

Die 1987 gegründete Stiftung (www.fuprovi.org) hat ein Selbsthilfe-Hausbauprogramm entwickelt, das auf der Beteiligung der Zielgruppe an der Planung und Umsetzung der Projekte basiert. In erster Linie richtet sich das Programm an Haushalte mit geringem Einkommen, die häufig von Frauen angeführt werden. Das Hauptanliegen ist es, wesentliche Fertigkeiten anzubieten, die es Gemeinden ermöglichen, sich künftigen Herausforderungen zu stellen.

 

Darüber hinaus hat FUPROVI ein innovatives Umlauffondsmodell eingeführt, das die Möglichkeit bietet, Geld wieder in neue Projekte zu investieren, so dass die Organisation einen ständig wachsenden Fonds unterhält, um ihre Programme zu realisieren.

 

Geldsendungen in die Heimat

 

Zu den wohl wichtigsten Geldquellen für Menschen in Entwicklungsländern zählen Überweisungen – das Geld, das Personen, die im Ausland arbeiten, der Familie und den Freunden in der Heimat schicken. Schätzungsweise 300 Milliarden Dollar werden in einem Jahr per Geldsendung aus der Fremde an Entwicklungsländer geschickt.

 

Die Summe, die Arbeiter in ihr Heimatland Afrika schicken – 17 Milliarden Dollar jährlich –, ist höher als die Summe der direkten ausländischen Investitionen auf dem Kontinent und liegt hinter den staatlichen Entwicklungshilfen oder Darlehen (25 Milliarden Dollar) auf Rang zwei. In manchen afrikanischen Ländern machen Geldsendungen volle 27 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.

 

Durchschnittlich 200 Dollar im Monat schickt ein afrikanischer Migrant an seine Familie. Doch die derzeitige Praxis bringt einige Probleme und vor allem Kosten mit sich. Wird das Geld nicht von einem Bankkonto auf ein anderes Bankkonto überwiesen, fallen beträchtliche Gebühren, im Durchschnitt 13 Prozent, an. Darüber hinaus kann eine Geldsendung die Angehörigen in Gefahr bringen. Immer wieder werden die Verwandten, die das Geldinstitut mit dem Bargeld verlassen, Opfer von Raubüberfällen. Darüber hinaus kommt es vor, dass das Geld, selbst wenn es sicher zu Hause angekommen ist, nicht so eingesetzt wird, wie es der Geldgeber gerne hätte. Womöglich schickt man Geld für die Schulgebühren, doch der Absender hat keine Garantie dafür, dass es nicht für die nächsten Lottoscheine oder für andere unnütze Dinge ausgegeben wird.

 

Wird das Geld doch für den Schulbesuch eingesetzt, ist noch lange nicht die Straße, an der das Haus liegt, gepflastert, und es wird keine weiterführende Schule in der Nähe gebaut. Monatlich 200 Dollar verändern zwar das Leben einer Familie maßgeblich, aber nur durch die kollektive Anstrengung mehrerer Familien werden Großprojekte möglich.

 

Heutzutage lösen in der ganzen sich entwickelnden Welt Hunderte kreativer Projekte die Probleme, die mit Geldsendungen verbunden sind. Zur Lösung des Sicherheitsproblems bietet MoneyGram (www.moneygram.com) auf den Philippinen einen Lieferservice, der das Geld ins Haus bringt, oder überweist es auf ein vorhandenes Konto. Eine andere Hilfsstrategie – das Senden von Waren und Diensten – löst gleichzeitig das Sicherheits-, Kosten- und Missbrauchproblem. Statt Geld nach Hause zu schicken, bestellt man über eine Internetseite oder einen Laden in den Vereinigten Staaten oder Europa eine Ware, und diese – Milchpulver, Rindfleischkonserven oder sogar eine Ziege – wird an die Verwandten geliefert. Mama Mike’s (www.mamamikes.com), ein Pionier der Warensendungen, bietet Online-Kunden die Möglichkeit, neben konventionellen Geschenken wie Blumen und Postkarten auch Supermarktgutscheine oder Gesprächszeit auf dem Mobiltelefon für Verwandte in Kenia und Uganda zu kaufen. SuperPlus, die größte Supermarktkette Jamaikas, geht noch einen Schritt weiter: Man füllt online einen Einkaufskorb für die Verwandten und arrangiert einen Termin, zu dem sie die Waren in der nächsten Filiale abholen können. In der Regel wird für die Warensendung keine Gebühr erhoben, weil der Dienstleister mit dem Verkauf der Waren einen Gewinn erzielt.

 

Die Kosten-, Sicherheits- und Missbrauchsprobleme lassen sich leichter lösen als die Frage, wie mit Hilfe der Sendungen eine Wende zum Positiven hin bewirkt wird, die über den engsten Familienkreis hinausreicht. Der mexikanische Staat Zacatecas hat es mit einem finanziellen Anreiz versucht: Für jeden Dollar, den ein Arbeiter zur Unterstützung eines Projekts (Pflastern von Straßen, Bau von Schulen oder Brunnen) in die Heimat schickt, steuert die Regierung bis zu drei Dollar bei. Im Jahr 2003 kamen auf diese Weise 20 Millionen Dollar zusammen, mit denen laut Financial Times 308 tres por uno-Projekte unterstützt wurden.

 

Die Fragen im Zusammenhang mit Geldsendungen erinnern uns daran, dass in einer globalisierten Welt die lokale Selbsthilfe eine internationale Angelegenheit ist.  


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