Aber wir essen im Grunde nur eine winzig kleine Auswahl aus den Tausenden von Sorten, die sich rund um den Erdball entwickelt haben. Weizen und Reis zum Beispiel ersetzen uns zahlreiche besonders nährstoffhaltige alte Getreidesorten. Es gibt keine Zivilisation ohne Landwirtschaft. Die Zukunft unserer Landwirtschaft hängt davon ab, wie wir die Artenvielfalt auf unseren Äckern verbessern, und nicht, wie wir sie minimieren.
Futuristische Anbaumethoden können vielleicht die Produktion von Nahrung aufrechterhalten, wenn die Landwirtschaft einen dramatischen Wandel vollzieht. Selbst wenn Verfahren wie das intelligente Züchten halten, was sie versprechen, benötigen wir dennoch verschiedenes genetisches Material, mit dem wir arbeiten können. Für die Rezepte für Gerichte der Zukunft brauchen wir schließlich eine Auswahl an Zutaten. Die genetische Vielfalt finden wir in alten Sorten und im landwirtschaftlichen Artenreichtum. Wenn wir in Zukunft eine wirklich ökologische Landwirtschaft betreiben möchten, benötigen wir beides.
Saatgutbanken
Die meisten Hobbygärtner wissen, worum es beim Erhalt von Saatgut geht: Sie selbst bewahren die Samen ihrer besten Pflanzen sorgsam auf, damit sie im nächsten Jahr wieder zum Einsatz kommen. Die Sicherung von Saatgut im breiten Rahmen verfolgt aber nicht nur das Ziel, im nächsten Jahr wieder süße Cocktailtomaten zu ernten.
Mit Saatgutbanken soll das landwirtschaftliche Erbe der Menschheit bewahrt werden. Sie dienen sowohl als Angebot als auch zur Sicherung. Sie unterstützen Bauern bei der praktischen Verwirklichung von Artenvielfalt durch die Neubelebung alter Sorten und die Bewahrung der vielen verschiedenen domestizierten Pflanzen, die sie gegen mögliche Risiken absichern. Saatgutbanken sind eine Versicherung der Menschheit gegen Unglücksfälle, und das Versprechen an die Zukunft, dass die Landwirtschaft und damit unsere Zivilisation fortgeführt werden.
Native Seeds/SEARCH
Die Suche nach einheimischen Sorten: Mais, Bohnen und Kürbis sind als die »drei Schwestern« der indianischen Landwirtschaft im Südwesten der USA bekannt. Anfang der 1980er Jahre wollten Mitglieder des Tohono-O’odham-Stammes eine dieser drei Schwestern wiederaufleben lassen: eine Kürbissorte, die sie noch aus ihrer Kindheit kannten. Mit Hilfe von Biologen und Botanikern konnten die entsprechenden Samen zurückverfolgt und gefunden werden. Die Suche nach der alten Kürbissorte führte schließlich zur Gründung des Native Seeds/ SEARCH (NS/S), einer Sammlung von Pflanzensamen, die hauptsächlich von den indianischen Ureinwohnern der Region angebaut worden sind.
Heute gewinnt der NS/S Samen aus mehr als 2000 verschiedenen Pflanzenarten, und mehr als die Hälfte davon sind Verwandte der »drei Schwestern «. Zur anderen Hälfte gehören Getreide, Chilis, Pflanzen zur Farbgewinnung und Melonen. Durch das Programm sind etwa 100 Pflanzenarten vom Aussterben bewahrt worden.
Das NS/S hat so nicht nur daran mitgewirkt, dass die Artenvielfalt im Südwesten der USA erhalten bleibt und traditionelle indianische Anbaumethoden aufgegriffen werden, die ja sämtlich untergegangen waren – das Programm hat auch dafür gesorgt, dass die Angehörigen des Tohono-O’odham-Stammes sich einer besseren Gesundheit erfreuen. Durch den Konsum von sehr fetter und sehr zuckerhaltiger Nahrung litt der Stamm wie viele amerikanische Ureinwohner an Diabetes. Viele der alten Pflanzensorten, die durch Native Seeds/SEARCH wiedereingeführt wurden, sind hervorragend geeignet, um eine Diabetes unter Kontrolle zu halten. Kaktusfeigen sind zum Beispiel eine gute Quelle für Nähr- und Ballaststoffe, die den Prozess der Verdauung verlangsamen und so die Glukosewerte stabilisieren. Weitere alte Nutzpflanzen dienen ganz einfach als nährstoff- und proteinreiche Grundnahrungsmittel, die kostengünstig anzubauen sind. Native Seeds/SEARCH hat bewiesen, dass alte Sorten eine Zukunft haben.
International Center for Agricultural Research in the Dry Areas
Der Anbau auf trockenem, dürrem Land stellt uns vor besondere Anforderungen. Die Nutzpflanzen, die wir seit Generationen gezüchtet haben, damit sie an Orten mit wenig Wasser gedeihen, sind als Erbe und Hilfsmittel zu bewahren. Das International Center for Agricultural Research in the Dry Areas (ICARDA) befindet sich im Norden Syriens und versammelt Samen von 131 000 verschiedenen Pflanzenarten, die man im Nahen Osten, in Zentralasien und Nordafrika antrifft. Indem einheimische Nutzpflanzen geschützt und verbessert werden, arbeitet ICARDA daran, Armut durch gesteigerte landwirtschaftliche Produktivität zu lindern. Übrigens wurden auch ICARDA-Samen verwendet, um erneut Nutzpflanzen im durch Krieg zerrütteten Afghanistan anzubauen.
Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt
Der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt (Global Crop Diversity Trust, GCDT) ist unterstützendes Netzwerk und Geldgeber für Saatgutbanken. Viele dieser Einrichtungen sind durch eine katastrophale Lage im Land oder fehlende Mittel gefährdet. Hilfen von Regierungen, Organisationen oder privaten Firmen ermöglichen es dem GCDT, den Erhalt der Artenvielfalt überall auf der Welt zu finanzieren. Die Stiftung unterstützt Völker mit einer engen Verbindung zur Landwirtschaft, die ansonsten nur wenig oder keinerlei Mittel hätten, auch zukünftigen Generationen eine Existenz zu sichern. Der GCDT erhebt Saatgutbanken zur weltweiten Priorität und stattet sie mit den nötigen Mitteln aus, damit sie ihre Arbeit fortführen können.
Sangams
Auch Kleinbauern tragen entscheidend dazu bei, die Artenvielfalt von Nutzpflanzen zu schützen. Das Centre for Indian Knowledge Systems (CIKS) im indischen Staat Tamil Nadu arbeitet mit Hunderten von Kleinbauern zusammen, die sich zu Gruppen zusammenschließen. In diesen sangams arbeiten sie gemeinsam an Programmen zur ökologischen Landwirtschaft, oder sie verkaufen biologische Pestizide, mit denen sie ihr Einkommen aufbessern. Aber in den sangams werden auch die Saatgutbanken der Gemeinschaft verwaltet. Das CIKS stellt Mittel zur Verfügung, mit denen geeignete Lagerräume geschaffen werden, und anschließend kümmern sich die Mitglieder der sangams selbstständig um die Samensammlung, indem sie monatliche Beiträge auf ein gemeinsames Konto zahlen und Vertreter ernennen, die sich um die Entnahme von Saatgut und das Auffüllen der Samenvorräte kümmern.
Navdanya, eine verwandte Organisation in Neu-Delhi und Uttaranchal im Norden Indiens, kümmert sich um ein umfassendes Programm zum Erhalt einheimischer Arten, mit dem Hunderte verschiedene Samensorten gesichert und gelagert werden – zusätzlich zu 2000 Reissorten, die sich in 40 Saatgutbanken in 13 indischen Staaten befinden. Etwa 70 000 Kleinbauern gehören zu dieser Organisation, und ihre Bemühungen zeigen, dass einheimische Sorten und einheimisches Wissen genauso gut wie Wissenschaft und Technik zum Entstehen einer Landwirtschaft für die Zukunft beitragen.


