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Mittwoch, 29. April 2009 10:30 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: AS/© KNESEBECK VERLAG

Lagos

Was wissen Sie über Lagos? Die meisten Menschen auf der Nordhalbkugel kennen die nigerianische Stadt kaum. Manche können nicht einmal sagen, wo sie liegt. Dennoch ist sie auf dem besten Weg, eine der größten Megastädte zu werden.

WorldChanging

Wenn das derzeitige Wachstum anhält, sind im Jahr 2015, laut UN-Hochrechnungen, nur Tokio und Mumbai (Bombay) größer. Mehr als 23 Millionen Menschen werden Lagos ihr Zuhause nennen.

 

Das Leben in Lagos ist nicht einfach. Die meisten Bewohner leben in inoffiziellen Slums, die mit frappierender Geschwindigkeit wachsen. Tatsächlich besteht ein so großer Teil der Stadt aus spontan errichteten Vierteln, dass sich nicht einmal mit Sicherheit sagen lässt, wie viele Menschen genau dort leben. Straßen und Bauten, die nie ein Regierungsbeamter zu Gesicht bekommen hat, entstehen aus dem Nichts; Karten sind bereits veraltet, wenn sie in den Druck gegeben werden. Die Armut ist allgegenwärtig (die meisten Bewohner leben von weniger als einem Dollar, 0,69 Euro, pro Tag), und Infrastruktur ist ein dehnbarer Begriff: Nur ein winziger Bruchteil der Häuser ist an die Kanalisation angeschlossen; Abwasser fließt mitten auf der Straße; ganze Teile der Stadt stehen während der Regenzeit unter Wasser. Der Verkehr ist so dicht, dass die Bewohner einen eigenen Begriff für die Megaverkehrsstaus prägten: go-slow (Bummelstreik). Fortwährend hängt eine Smogglocke über der Stadt. Nach manchen Schätzungen ist die Hälfte der Bevölkerung mit Malaria infiziert.

 

»Für die Politiker, Beamten und Anführer von Gruppen, die diese komplexe, pulsierende Masse von Stadtmenschen lenken müssen«, schreibt der nigerianische Journalist Paul Okunlola in einem Bericht für UNHabitat, das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, »sind das Quantum an verfallender Infrastruktur, die verbreitete städtische Armut, massive Arbeitslosigkeit, die allgegenwärtigen Sicherheitslücken und erdrückende Umweltbelastung zu den wichtigsten Merkmalen geworden, die zunehmend das Schicksal der Stadt bestimmen.«

 

Die meisten Außenstehenden können Lagos überhaupt nicht begreifen; fast alle halten die Stadt für beängstigend. Angeblich ist sie die gefährlichste Stadt der Welt, ein Ort mit korrupten Polizisten, die Maschinenpistolen und halbwilde Hunde haben. Auf tausend Einwohner kommt hier nicht einmal ein Polizeibeamter. Aber mehr als alles andere macht das Chaos den Besuchern Angst, die andere Städte gewöhnt sind. »Lagos kommt einem wie eine Stadt mit brennenden Rändern vor«, schreibt der Architekt Rem Koolhaas über die Zeit, während deren er die künftigen Perspektiven der Stadt untersuchte. »Auf den ersten Blick hatte die Stadt eine Aura apokalyptischer Gewalt; ganze Viertel scheinen zu brodeln, als wären sie ein gigantischer Müllhaufen.«

 

Die Bewohner von Lagos sind ständig auf der Hut, sagen aber, ihre Stadt sei ein faszinierender Wohnort. Lagos ist der Motor der ganzen westafrikanischen regionalen Wirtschaft. Über 250 Sprachen werden in den Straßen gesprochen. Selbst nachdem der Ölboom, der das explosive Wachstum eingeleitet hatte, allmählich verpufft war, strömten immer noch mehr Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben herein. »Die Straßen sind nicht alle mit Beton gepflastert, von Gold ganz zu schweigen«, schreibt der UNESCO-Journalist Amy Otchet, »aber Lagos erscheint als ein El Dorado für das von Armut geprägte Hinterland, ein Ort, wo man Arbeit findet und Träume wahr werden.« In Lagos herrscht ein Mangel an regulären Jobs, aber die Schattenwirtschaft blüht. Hier verdient mindestens die Hälfte der Bewohner ihren Lebensunterhalt mit Tauschen, Betteln, dem Erledigen dubioser Aufträge, und sie vergeuden ihre Fertigkeiten und Tatkraft, um sich durchzuschlagen, während sie verzweifelt nach einer Chance Ausschau halten. In Lagos ist Geschäftstüchtigkeit keine Berufswahl; es ist Überlebenstraining.

 

Selbst Rem Koolhaas musste den Improvisations- und Unternehmergeist bewundern, auf den er hier stieß: »Gefährliche Zusammenbrüche der Ordnung und Infrastruktur in Nigeria werden häufig«, so schreibt er, »in produktive städtische Formen umgewandelt: Im Stau stehende Autos werden zu einem Markt, ausrangierte Eisenbahnbrücken werden zu Fußgängerbrücken.« Lagos, so glaubte Koolhaas am Ende, ist die Zukunft – und er meinte das im positiven Sinn.

 

Das Potenzial der Megastädte

 

Die Probleme, vor denen Lagos steht, sind zwar äußerst ernst, aber sie sind nicht einzigartig – genau wie die Tatkraft der Bewohner. Auf der ganzen Südhalbkugel entwickeln sich in Entfaltung begriffene Megastädte wie Mumbai, Delhi, Kolkata (Kalkutta), Dhaka, Karatschi, Jakarta, São Paulo und Mexiko in kurzer Zeit zu den größten menschlichen Siedlungen der Geschichte. Im Jahr 2015 werden nur zwei der zehn größten Städte der Welt (Tokio und New York) in dem Teil liegen, den wir zurzeit als die entwickelte Welt betrachten.

 

Es ziehen so viele Menschen in die Städte, dass weltweit alle vier bis sieben Tage ein städtisches Gebiet von der Größe Seattles entsteht. Nach manchen Schätzungen existieren zwei Drittel der städtischen Regionen, die im Jahr 2030 den Planeten bedecken werden, noch nicht einmal; anders ausgedrückt: Zwei Drittel der künftigen Städte werden noch gebaut.

 

Wie das Beispiel von Lagos zeigt, stehen arme Städte, die rasch wachsen, vor potenziell katastrophalen Problemen. Doch die Urbanisierung ist keineswegs nur schlecht. In mancher Hinsicht bietet uns der Aufstieg der Megastädte unvorstellbare Möglichkeiten im Hinblick auf die Herausforderungen, die sonst unüberwindlich erscheinen könnten.

 

Zum Beispiel Arbeitsplätze: Die meisten Menschen verlassen ihre Farmen und Dörfer aus genau den gleichen Gründen, aus denen Europäer und Amerikaner das vor Generationen taten: weil sie in der Stadt Arbeit finden. In Dörfern existieren lokale Volkswirtschaften, aber sie »brennen« meist langsam, wie kleine Herdfeuer; Städte hingegen – insbesondere solche mit Anschluss an die globale Wirtschaft – sind im Vergleich dazu Hochöfen. Ländliche Wirtschaften mögen langsam wachsen, wenn überhaupt – das wohl schnellste Wachstum auf der Welt liegt in den entstehenden Megastädten, weil ganz neue Wirtschaftsformen aus dem Boden schießen – offizielle und inoffizielle, auf Handarbeit oder den neuesten Technologien basierend.

 

Auf diesem jungen Planeten ist über die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt, und rund ein Drittel ist unter 15. Viel zu viele Menschen sind arbeitslos, ungebildet und haben keine Möglichkeit zu konstruktiver Arbeit, um ihre Lage zu verbessern. Frustrierte und wütende junge Männer sind der Nährboden für radikale Gewalt, für Verbrecherbanden und Terrorgruppen bis hin zu politischer, paramilitärischer Repression und Völkermord. Bessere Chancen für junge Männer zu schaffen, zählt zu den besten Strategien für den Aufbau einer besseren Welt, und die Urbanisierung kann ein geeignetes Mittel werden.

 

Junge Frauen können sich vom Stadtleben noch größere Vorteile erhoffen. Zwar drohen ihnen auch mehr Gefahren – von Ausbeutungsbetrieben bis hin zur Zwangsprostitution –, sobald sie in die Stadt kommen, aber ihre Freiheiten und Berufschancen erhöhen sich ungleich stärker. In den Städten ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass junge Frauen Arbeit finden, eine Ausbildung erhalten, eine Kinderheirat vermeiden und letztlich das eigene Leben und die Familienplanung selbst in die Hand nehmen.

 

Diese für den Erfolg junger Frauen wichtigen Faktoren haben darüber hinaus globale Auswirkungen. Gerade weil eine Mehrheit der Weltbevölkerung jung ist, werden die Entscheidungen junger Frauen, Kinder zu bekommen oder nicht, immense Folgen haben. Wenn die Frauen des globalen »Jugendüberschusses«, wie manche es nennen, wenige Kinder bekommen, wird uns die Lösung der Probleme erheblich leichter fallen. Generell hat sich eine Regel immer wieder bestätigt: In der Stadt lebende Frauen haben mehr Einflussmöglichkeiten auf ihr Leben. Sie heiraten später, bekommen später und letztlich weniger Kinder. Langfristig ist das sehr positiv.

 

Schließlich bietet das Leben in Megastädten zumindest eine Chance, die vielen sozialen Nöte zu überwinden, die uns bedrängen. Die lokalen Regierungen sehen sich zwar im Grunde außerstande, das heutige Wachstum der Städte zu kanalisieren, geschweige denn zu lenken, aber das heißt nicht, dass keine Innovationen möglich wären oder dass keine sozialen Dienstleistungen und medizinische Versorgung angeboten werden. Tatsächlich ist es in vieler Hinsicht einfacher, die öffentlichen Bedürfnisse von eng beieinander lebenden Menschen zu befriedigen – selbst wenn sie in Blechhütten hausen – als von ebenso armen Menschen, die verstreut im Hinterland leben.

 

Die gleiche Energie und der Ehrgeiz, die Menschen dazu bringen, ihre Sachen zu packen und in Städte zu ziehen, schieben zudem eine Lawine hausgemachter städtischer Innovationen an. Lokale Lösungen, die auf spontane Reaktionen auf lokale Probleme zurückgehen, werden im Verein mit neuen Unterstützungsmodellen (wie Mikrokrediten) dramatische, rasche Verbesserungen im Leben der Menschen bewirken.


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