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Montag, 22. Februar 2010 09:35 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: DD, RD/ © KNESEBECK VERLAG

Kunst und Technologie

Wir leben in einer Welt, in der mobile Technologien, genetisch veränderte Organismen und virtuelle Realitäten zum Alltag gehören und immer mehr unser Leben bestimmen.

WorldChanging

Menschen aus ganz verschiedenen Tätigkeitsbereichen nutzen ihre Fähigkeiten, um Dinge herzustellen, die sich nicht nur die neuesten Errungenschaften der Technik zunutze machen, sondern uns außerdem dazu anstacheln möchten, dass wir unsere Einstellung zur Technologie analysieren und kritisch hinterfragen. Wir können Technologie auch anders einsetzen als für ihren offensichtlichen Verwendungszweck und damit sogar Schindluder treiben.

 

Die Art und Weise, wie Künstler neueste Technologien für ihre Arbeit anwenden und zweckentfremden, regt eine scharfsinnige Betrachtung über unsere Gesellschaft eher an als ein 200 Seiten starker Bericht eines angesehenen Soziologen. Die Werke dieser Künstler stechen aber vor allem deshalb hervor, weil sie Themen behandeln, die brandaktuell und einschneidend sind. Fortschritte der Forschung, technologischer Wandel und unsere Wahrnehmung der Umwelt treten schärfer hervor, wenn Künstler den uns bekannten elektronischen Schrott als Rohmaterial verwenden. Üblicherweise wurde bisher eine klare Trennlinie gezogen zwischen der Beherrschung ausgeklügelter Technologien und ihrem Gebrauch als Mittel zur Kritik.

 

Man stelle sich vor, es gäbe ein Handy, das unseren Standort mitverfolgt, indem eingebaute Überwachungssensoren Signale an ein Netzwerk senden. SMS-Nachrichten würden uns über den Aufenthaltsort anderer unterrichten. Genau diese Technologie verwendet LOCA, Location Oriented Critical Arts, ein finnisches Projekt, das den Einsatz von Mobiltelefonen als Schnittstelle für Überwachungssysteme untersucht. Die Idee dahinter kann ziemlich düster, aber auch konstruktiv sein. Die Projekte von LOCA testen beide Seiten der Medaille.

 

Die Vorstellung, dass unsere Bewegungen mitverfolgt werden, schafft ein gewisses Unbehagen, aber es gibt gute Einsatzbereiche für Überwachungstechnologien. Die lokalen Satelliten von Myriel Milicevic ermöglichen ihren Nutzern, die Bedingungen ihrer Umwelt spielerisch zu überprüfen, indem ein Taschencomputer Daten zu Luftqualität, Lichtverhältnissen und Handy- Empfang anzeigt.

 

Auf einer ganz anderen Ebene befindet sich die Aktion knitPro, eine Internet-Anwendung, mit der man Strickmuster zum Protest gegen Kinderarbeit erhält. Man lädt eigene digitale Bilder und bekommt anschließend ein größenvariables Muster zum Stricken, Häkeln oder Sticken.

 

Kunstobjekte wie diese verwenden Technologien, um sich selbst zu beleuchten. Ihre Erfinder betrachten sich oft gar nicht als Medienkünstler, sondern als Ingenieure, Architekten, Designer oder Hacker. Jene, die sich als Künstler definieren, operieren außerhalb gängiger Kunstkreise. Man wird ihre Werke nicht in Ausstellungen, Magazinen oder Galerien finden.

 

Unabhängig von ihrem jeweiligen Kontext erfüllen diese Arbeiten die eigentliche Absicht von Kunst: Sie rufen neue Erfahrungen hervor und verändern unsere Wahrnehmung von dem, was ist, und dem, was sein könnte. Wir befinden uns in einem neu geschaffenen Raum, in dem Kunst und Technologie zusammentreffen.

 

Das Schmuse-Shirt

 

Das von der Firma Cute Circuits entwickelte »Hug Shirt« erlaubt es uns, die körperliche Nähe einer nicht anwesenden Person zu spüren, indem uns das Gefühl gegeben wird, dass wir umarmt werden. Wie ist das möglich?

 

 Eingebaute Sensoren im T-Shirt empfangen Signale wie Herzfrequenz oder Körpertemperatur einer Person, mit der wir per Handy kommunizieren. Die Sensoren verarbeiten das Signal, und Mechanismen im T-Shirt imitieren den Druck und die Wärme einer echten Umarmung. RD

 

Kleidung mit Kontakt zur Außenwelt

 

Vielleicht haben wir bald die Möglichkeit, eine akustische Landkarte zu unserem individuellen Rundgang durch eine Stadt zu kreieren. Genauso, wie ein erfahrener DJ eine Reihe von Soundebenen in ein einzigartiges Hörerlebnis packt, genauso können wir durch neue Aufnahmetechnologien in Echtzeit Musik komponieren, während wir durch eine lärmende Umgebung laufen.

 

Das schwedische Viktoria-Institut und das RE:FORM Studio haben gemeinsam »Sonic City« entwickelt, ein System, das Daten der Umgebung und Informationen über die Tätigkeiten der Benutzer speichert, die anschließend zu einer Land- karte urbaner Geräusche verarbeitet wird. Die so entstandene Musik hört man nahezu simultan über Kopfhörer. Wenn man eine mit Sensoren ausgestattete Jacke trägt, kreieren die eigenen Bewegungen und die Aktivität der Stadt um uns herum eine »individuelle Klanglandschaft« – eine absolut einzig- artige Tonaufnahme unserer urbanen Erlebnisse.

 

Ebenfalls für Stadtbewohner gedacht ist das »Acoustic Survival Kit« von Felix Hahn und Miki Yui, einer japanischen Künstlerin, die in Deutschland lebt. Die Überlebensausrüstung schützt uns durch »Klang-Kleidung« vor dem Lärmstress der Stadt. Die speziellen Kleidungsstücke senden leise Klänge aus, die sich mit den Geräuschen der Umgebung verbinden. So schützen sie uns vor Überreizung und fordern uns zur Interaktion mit unserer urbanen Umgebung auf.

 

Der CO2-Roboter

 

Wir leben in einer Welt, in der uns bestimmte Abläufe und Systeme undurchsichtig bleiben. Werden unsichtbare Dinge sichtbar gemacht, öffnet sich ein Fenster, und wir begreifen, wie die Welt funktioniert. Daraus ergeben sich auch oft Strategien zur Verbesserung unserer Welt. Die Luft, die wir atmen, können wir zwar nicht sehen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie sauber ist. Von Lacken bis zu Industrieabgasen – unsere Atemluft enthält haufenweise potenzielle Gesundheitsrisiken.

 

Als Antwort auf diese stille Bedrohung hat die amerikanische Künstlerin Sabrina Raaf einen CO2-Roboter ersonnen. Ausgerüstet mit einem grünen Stift streift der kleine fahrbare Automat an den Wänden eines Raums entlang. Alle paar Zentimeter misst der Roboter den CO2-Gehalt der Luft und zeichnet einen dementsprechend langen vertikalen Strich an die Wand. Die Anhäufung der grünen Striche erinnert irgendwann an eine Wiese. Ihr Entstehen wird von den Galeriebesuchern beobachtet und beeinflusst. Das Ergebnis ist eine Aufzeichnung zur Luftqualität während der Installation und eine Erinnerung daran, dass unser Dasein die Luft verändert – auch wenn wir es nicht gleich sehen.

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr

 


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