Der Weltklimarat prognostiziert in seinem Report eine Erderwärmung um zwei bis vier Grad bis 2050. Dabei verändern sich viele Regionen der Erde schon heute: Gletscher schmelzen, Wüsten wachsen und Wasser wird bereits in manchen Ländern Mangelware. Außerdem bereiten Überfischung und Knappheit an Ressourcen wie beispielsweise Brennholz weitere Probleme. Probleme, die vor allem in fragilen Gesellschaftsstrukturen zunehmend gewaltsam gelöst werden. Dabei verschärfen soziale Folgen des Klimawandels, wie beispielsweise der Rückgang fruchtbarer Flächen, ohnehin bestehende Konflikte.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer prognostiziert in seinem Buch Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, ein düsteres Szenario. Den Klimawandel begreift er dabei als ökosoziale Einflußgröße. Die globale Erwärmung gewinnt laut Welzer vor allem durch kulturelle, politische und gesellschaftliche Auswirkungen an Konflikt –und Katastrophenpotential. Vor diesem Hintergrund verfügen Industriestaaten über bessere und stabilere Strukturen, um Klimaveränderungen abzufedern. Im Gegensatz zu viele Staaten, die von aktuellen und zukünftigen Klimaentwicklungen besonders betroffen sind: Sie verfügen kaum über die nötige Infrastruktur und sind zudem in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Unter derartigen Bedingungen wird Gewalt als jederzeit verfügbare Handlungsmöglichkeit schneller in Betracht gezogen.
Menschengemachte Klimakatastrophe
Dass selbst Staaten wie die USA angesichts zunehmender extremer Wetterphänomene in Handlungsschwierigkeiten geraten, illustriert der Autor am Beispiel des Hurrikans Katrina: Der Katastrophenschutz zeigte sich nach der Überflutung New Orleans überfordert und viele Menschen wurden durch den Hurrikan und seine ökosozialen Folgen zu Klimaflüchtlingen.
Ein Szenario, das sich in Zukunft verschärfen wird. Folgt man Welzer, so werden die Flüchtlingsströme an den Außengrenzen der Europäischen Union und den USA weiter anwachsen. Dabei werde von Seite der Industriestaaten auf Formen von Gewalt zurückgegriffen: Technische Kontrolle, Aufstockung des Grenzschutzes und eine Auslagerung von Gewalt an Drittstaaten.
Gewalt als ständige Handlungsoption
Welzer analysiert fundiert und mit entsprechendem historischem Zahlenmaterial die Rolle des Tötens in der Vergangenheit und heute. Daraus leitet er zukünftige Entwicklungen ab. Gewalt, so die Schlussfolgerung, ist eine ständig verfügbare Handlungsoption von Akteuren. Dabei entspricht Gewalt und Krieg in den seltensten Fällen der Definition zwischenstaatlicher Kriege: Bürgerkriege und gewaltsame Konflikte treten weitaus öfter auf.
Schon heute beobachtet der Autor, dass gewaltsame Auseinandersetzungen keinen festen Start – und Endzeitpunkt haben, sondern vielmehr dauerhaft schwelen. Eine Eigenschaft, die Konflikte der Zukunft mehr und mehr auszeichnen wird.
Klimakriege
Die weltweite Erwärmung ist nicht die Ursache für Katastrophen. Vielmehr sind es die damit einhergehenden sozialen Folgen, die Klimaphänomene zu solchen machen. Durch die Verschiebung menschlicher Deutungsmuster und heute noch unabsehbaren Folgen des Klimawandels werden gewaltsame Konfliktlösungsstrategien um Ressourcen wie Wasser und Weideland zudem weiter verstärkt.
Die Möglichkeit, als Individuum gegen den Klimawandel zu wirken schätzt Welzer gering ein. Lediglich die Veränderung des Bewusstseins könne zu einem positiven Effekt im Umgang mit der globalen Erwärmung führen. Aber Welzers Analyse stellt fest: In Europa bestehen beste Voraussetzungen, den Klimawandel und seine Folgen abzufedern.
Das Buch konstatiert nüchtern, dass Gewalt als Handlungsoption stets verfügbar ist und durch den Klimawandel vor allem in fragilen Gesellschaften verstärkt darauf zurückgegriffen werden wird. Durch sich verändernde klimatische Bedingungen verschärfen sich bestehende Konflikte. Insgesamt zeichnet Welzer ein beunruhigendes Bild, das nicht so unwahrscheinlich erscheint, wie man es sich angesichts von Bio-Boom und CO2-Einsparungen wünschen würde. Ein bestürzendes Bild, dass deutlich macht, wie wichtig es ist, dem Autor seinen Wunsch zu erfüllen: Zu beweisen, dass er mit seinen düsteren Zukunfts-Prognosen daneben liegt.
Harald Welzer
Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.
300 Seiten, S. Fischer
19,90 Euro
ISBN: 3100894332


