Wie beeinflussen die steigenden Energiepreise die deutsche Wirtschaft?
Dr. André Reichel: Bei dieser Frage muss zwischen einzelnen Unternehmen, verschiedenen Branchen und der Volkswirtschaft insgesamt unterschieden werden. Einzelne Unternehmen werden durch die steigenden Energiepreise sicherlich kurzfristige Einbußen erleiden. Andere Unternehmen wie Energieanbieter hingegen dürften von den steigenden Energiekosten profitieren. Auf lange Sicht wird der Belastungseffekt jedoch abnehmen, wenn die Energiekosten eingepreist werden können. Dies ist in Branchen mit hohem Wettbewerbsdruck schlechter möglich. In diesen Wirtschaftsbereichen wird dann verstärkt auf Effizienzsteigerung gesetzt werden. Mehr Energieeffizienz ist ein allgemeiner Trend, der bereits begonnen hat und sich noch mehr fortsetzen wird.
Kosten für Transport steigen mit den Energiepreisen. Entfallen dadurch Wettbewerbsvorteile durch eine Produktion beispielsweise in Asien?
Wenn man davon ausgeht, dass die Energiepreise weltweit ansteigen werden auch die Transportkosten ansteigen. Die Vorteile in Asien zu produzieren haben in den vergangenen Jahren jedoch auch unabhängig von Energiepreisen an Relevanz verloren. Einerseits sind die Löhne in vielen asiatischen Ländern gestiegen. Gleichzeitig wurden die Rechte der Arbeitnehmer ausgedehnt, beispielsweise in China durch das Arbeitsvertragsgesetz.
Was bedeuten diese Trends für Unternehmen in Bezug auf den ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte?
Steigende Energiepreise verändern den ökologischen Fußabdruck existierender Produkte zunächst nicht. Produkte, die weite Wege zurücklegen, werden infolge steigender Transportkosten teurer. Im Preis spiegelt sich dann „nur“ der tatsächliche Umweltverbrauch eines Produkts wieder. Außerdem beginnen Konsumenten mehr und mehr auf den ökologischen Fußabdruck eines Produkts zu achten. Ein Bewusstsein, das nicht zuletzt durch die steigenden Energiepreise und die allgemeine Diskussion um den Klimawandel zunimmt. Das macht ihn zu einem Marketing-Argument für Unternehmen. In Großbritannien sind beispielsweise Chipstüten eines Herstellers mit dem so genannten carbon footprint versehen. Verbraucher können im Internet dann genau nachvollziehen, wie viel Kohlendioxid bei der Herstellung und beim Transport ihrer Chips angefallen sind.
Bedeutet das auf lange Sicht eine Rückkehr zu regionalen Wirtschaftssystemen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wirtschaft auch in Zukunft global ist. Vielleicht jedoch zu anderen Preisen. So werden Transportkosten steigen und Preise für Informationsübermittlung sinken. Regionale Systeme werden aber sicherlich verstärkt die globale Wirtschaft ergänzen und durch ihre Vielfalt bereichern.
Der Umweltökonom Dr. André Reichel forscht an der Universität Stuttgart zum Thema Nachhaltigkeit und nachhaltiges Wirtschaften.


