Das Café Slavia am Ufer der Moldau zählt zu den berühmtesten Kaffeehäusern in Prag. Das Essen und der Kaffee sind allenfalls annehmbar, die Kellner ein wenig langsam. Der Ruhm des Hauses ist vielmehr auf seine Geschichte als Treffpunkt der Dissidenten während der kommunistischen Ära zurückzuführen. Hier trafen sie sich zu Diskussionen, kritzelten vielleicht Thesen auf Servietten, träumten von der Freiheit für ihre Gesellschaft und entwickelten Strategien, wie diese zu erreichen wäre. Auf der ganzen Welt erinnern Gedenktafeln und lokale Legenden an öffentliche Orte, die Treffpunkte für Gespräche waren, welche die Geschichte veränderten.
Wo finden diese Gespräche heute statt? Welche Form nehmen sie an?
Die Bewegungen, die in der jüngsten Vergangenheit aufkamen, nutzen innovativ digitale Technik und Online-Kommunikation. Parallel sind neue Methoden und Foren entstanden, durch die direkte Gespräche möglicherweise intensiver werden und an Einfluss gewinnen. Inspiriert von der Kultur der Kaffeehäuser, afrikanischer Märkte und von innovativen Organisationsmethoden, berücksichtigen sie auch, dass die bahnbrechendsten Ideen und Beziehungen häufig nicht auf Konferenzen und offiziellen Sitzungen entstehen, sondern auf dem Flur oder bei der Kaffeepause.
Die neuen Kommunikationsstrategien erleichtern demokratischere Organisationsformen auf allen Ebenen – von der Familie bis hin zur internationalen Nichtregierungsorganisation. Mit ihnen werden einfache Bürger zu Innovationsträgern, die Verantwortung für die Gestaltung der eigenen Realität übernehmen. Sie lehnen sich nicht zurück und warten ab, dass sich Institutionen und Regierungen für sie einsetzen. Machtstrukturen werden eingeebnet und auf demokratischere Weise wieder aufgebaut. Kollektive Intelligenz entsteht.
In politischen Diskussionen wird immer stärker polarisiert: »Sind Sie für oder gegen uns?« Zu den Widersprüchen des Informationszeitalters zählt, dass uns zwar immer mehr Informationskanäle zur Verfügung stehen, wir aber zunehmend die Freiheit haben, nur jene anzuhören, mit denen wir ohnehin einer Meinung sind. Im Kontext der neuen Gesprächsbewegung wird es jedoch überaus wichtig, für verschiedene Ansichten offen zu sein. Kommunikationsansätze, die Lernen aus der Vielfalt unterstreichen, fordern die Teilnehmer auf, sich unterschiedlichen Standpunkten anzunähern. Sie werden angeleitet, ihre eigenen Annahmen und Urteile in Frage zu stellen.
In Zeiten einer geradezu lähmenden Komplexität wird das Gespräch immer wichtiger. Parteipolitik ist längst nicht mehr so vorhersagbar wie früher. Alle paar Jahre ein Kreuz zu machen, reicht offenbar nicht mehr aus. Es ist nicht einfach, Lösungen für Probleme wie Klimawandel, globale Ungerechtigkeit, Terrorismus und Migration zu entwickeln oder für sich die passende Rolle im Leben zu finden. Das Gespräch ist eine Möglichkeit, dem Geschehen um uns herum eine bestimmte Bedeutung zuzumessen. Es ermöglicht uns, neue Ideen zu entwickeln – und vereint darüber nachzudenken, wie wir zusammenleben wollen und zerrissene soziale Gefüge reparieren können. Ideenreiche Gespräche sind alles andere als eitles Geschwätz. Sie tragen zur Veränderung der Welt bei.
Kaffeehauskultur mit neuem Horizont
In genau diesem Moment finden mit Sicherheit Tausende von Gesprächen in Cafés statt – eines von ihnen könnte tatsächlich die Welt verändern. Eine Diskussionsbewegung ist entstanden, die den Mitgliedern neue Möglichkeiten bietet, sich zu treffen, Meinungen auszutauschen und gesellschaftliche Probleme zu lösen – und dies in einem Rahmen, in dem sich selbst die schüchternsten Menschen sicher und respektiert fühlen.
So genannte »Conversation Cafés« sind kleine Treffpunkte in tatsächlichen Cafés oder öffentlichen Gebäuden in ganz Amerika, Kanada und Australien. Über die Internetseite von »Conversation Café« (www.conversationcafe.org) finden Fremde den Weg zu ihrem bevorzugten Café, wo ein Moderator das Gespräch leitet. Die Teilnehmer beschließen gemeinsam, über welches Thema sie sprechen wollen; dabei wird manchmal ein »Sprechstab« verwendet, den jeweils der in der Hand hält, der gerade das Wort hat. Der Ablauf ist einfach: Auf eine Vorstellungsrunde, in der die Teilnehmenden sprechen, aber die Äußerungen der anderen nicht kommentieren, folgt ein offenes Gespräch und eine abschließende Zusammenfassung der Überlegungen.
»World Cafés« (www.theworldcafe.com) hingegen sind Versammlungen von zwölf bis 1200 Mitgliedern, die unterteilt in Vierergruppen angeregte Gespräche zu bestimmten Problemen führen. Nach einer festgelegten Zeit fordert ein Moderator die Teilnehmer auf, den Tisch zu wechseln, so dass die Meinungen vernetzt werden und die Gespräche sich gegenseitig inspirieren. Die Gruppe insgesamt erhält so Zugang zur kollektiven Intelligenz – in der Regel der beste Weg, eine schwierige Entscheidung zu treffen. Seit dem Start des »World Café« im Jahr 1995 haben sich Zehntausende von Menschen auf sechs Kontinenten an diesen Dialogen beteiligt. Eine ganze Reihe von ihnen wird in dem Buch Das World Café: Kreative Zukunftsgestaltung in Organisationen und Gesellschaft (2007) vorgestellt.
AmericaSpeaks
Wie bringt man 5000 Bürger dazu, sich aktiv an einer Gemeindeversammlung zu beteiligen, und bietet ihnen die Möglichkeit, den Entscheidungsträgern substantielle Informationen zu geben? Genau das geschieht auf den »21st Century Town Meetings«, die von der gemeinnützigen Organisation »AmericaSpeaks« veranstaltet werden. Angepasst an die heutige Demokratie wird hier die Tradition der »Town Meetings«, die im Zuge der Kolonialisierung Neuenglands entstand, fortgesetzt mit dem Ziel, das Mitspracherecht der Bürger zu bewahren.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1995 hat die Organisation über 65 000 Menschen in über 50 großen Foren in jedem US-Staat mobilisiert. Auf den Versammlungen werden auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene getroffene Entscheidungen zu Themen diskutiert, die von der Entwicklung der kommunalen Haushalte und Regionalpläne bis hin zur Reform der sozialen Sicherheit reichen.
Bei den Treffen beteiligen sich zehn bis zwölf Teilnehmer pro Tisch an moderierten Diskussionen. Diese werden anschließend zu Empfehlungen zusammengefasst und elektronisch weitergeleitet: Jeder Tisch präsentiert seine Ideen über drahtlos verbundene Computer, und die ganze Gruppe stimmt über die endgültigen Empfehlungen ab. Die Ergebnisse werden parallel in einem Bericht gebündelt, den die Teilnehmer am Ende der Versammlung mit nach Hause nehmen können.
Die israelisch-palästinensische Friedensschule
Aus der Distanz betrachtet, scheint der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern völlig festgefahren. Sehen wir uns deshalb die »School For Peace« näher an, die in dem Dorf Neve Shalom/Wahat al Salam, Israel, liegt, in dem Araber und Juden seit 1972 zusammenleben und miteinander ehrliche und aufrichtige Gespräche führen. Freundschaften bilden sich heraus. Die Leiter an der Schule sind überzeugt, dass das, was hier geschieht, den Weg widerspiegelt, den die gesamte Gesellschaft einschlagen sollte.
Die »Friedensschule« führt »Begegnungsprogramme« für Araber und Juden durch, um Verständnis füreinander aufzubauen und den Grundstein für eine gleichberechtigte Beziehung zu legen. Begegnungsprogramme gibt es auf der ganzen Welt. In vielen kommt es jedoch nur zu einem Austausch, der mit der Erkenntnis endet: »Du kannst mein Freund sein, du bist nicht wie die anderen.« Die Friedensschule hält das nicht für ausreichend, um die Politik zu verändern und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. Eine Lösung des israelischpalästinensischen Konflikts soll aus Begegnungen zwischen Gruppen erwachsen, nicht nur zwischen Einzelpersonen.
Tali Latowicki, eine jüdische Teilnehmerin, beschrieb ihre Erfahrung sehr eindrucksvoll. Sie sagt, sie sei mit der Bereitschaft angereist, Schuld, Scham und Mitgefühl auszudrücken. Sie reiste mit der tiefen Erkenntnis ab, dass Mitgefühl nicht ausreicht. Anfangs war sie gekränkt, weil die palästinensischen Teilnehmer außerstande waren, zwischen jüdischen Anhängern und Gegnern (wie ihr) der Besatzung zu unterscheiden. Im Lauf des Gesprächs erkannte sie aber, dass ihre Worte nicht persönlich gemeint waren – sie versuchten, ihr die allgemeine Funktionsweise der palästinensischen Gesellschaft in Relation zur israelischen zu erklären. Außerdem wurde Latowicki klar, dass sie nur durch aktive Unterstützung den Palästinensern helfe.
Bislang nahmen 35 000 Menschen aus den verschiedensten Lebenssituationen – von Staatsanwälten bis hin zu Aktivisten, von Schulkindern bis hin zu Lehrern – an den Programmen teil.
Die Friedensschule hat nicht nur einzelne Teilnehmer beeinflusst, sondern auch deren Freunde, Kollegen und Familien – ein wirklich mutiges Projekt.


