Die Klimaveränderung definiert die Regeln für die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und den Umweltschutz völlig neu. Erfolgsbranchen, die für unsere Eltern noch selbstverständlich waren, etwa die Ölindustrie, werden noch in unserer Lebenszeit verschwinden und durch neue ersetzt werden, etwa die Solarbranche. Wir werden Krankheiten ausgesetzt, die in vielen Regionen unbekannt waren (etwa das West-Nil- Virus im Osten der USA). Pflanzen und Tiere werden in Gebiete vordringen, in denen sie vorher keine Lebensgrundlage hatten, weil das Klima günstiger für sie wird. Beim Schutz bedrohter Ökosysteme müssen wir berücksichtigen, dass sich das Klima, das sie einst formte, verändert. In einer sich erwärmenden Welt ist nur der Wandel sicher.
Für den Eintritt in das nun beginnende Zeitalter kann man sich einen Berg vorstellen: Überall auf der Welt unterschieden sich die Bergökosysteme je nach der Höhe, in der sie liegen: An den niedrigsten Berghängen mag eine Baumart mit den sie begleitenden Pflanzen und Tieren sehr verbreitet sein, während weiter oben (wo es etwas kälter ist) andere Baumarten mit anderen Begleitpflanzen und -tieren heimisch sind. Doch mit steigender Temperatur sind die idealen Wachstumsbedingungen für die Bäume der unteren Regionen nun weiter oben angesiedelt – die Bäume sind am falschen Ort verwurzelt. Das ist eine gewaltige Aufgabe für den Naturschutz, mag aber auch als Metapher für die Aufgaben dienen, die vor uns liegen: Wie werden sich die Dinge, die wir für selbstverständlich halten, verändern? Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn sich mit dem Klimawandel auch der Boden unter unseren Füßen verändert hat?
Wir sind noch auf der Suche nach Antworten, doch wenn wir diese Fragen nicht stellen, sind wir dem schweren Wetter schutzlos ausgeliefert.
Reaktionen in den USA
Zwar haben Staaten und Regionen aus aller Welt den Kampf gegen die Klimaveränderung aufgenommen, doch die intensivsten Klimaschutzmaßnahmen kommen derzeit von Seiten der Städte. Der Zusammenschluss »International Cities for Local Environmental Initiatives/Cities for Climate Protection Campaign« unterstützt Städte rund um den Erdball bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Senkung des Treibhausgasausstoßes, insbesondere in städtischen Betrieben.
Im Jahr 2005 setzte der Bürgermeister von Seattle, Greg Nickels, neue Maßstäbe, als er sich verpflichtete, die Ziele von Kyoto nicht nur in den städtischen Betrieben einzuhalten – die Stadt hatte sich dazu bereits im Jahr 2000 verpflichtet und ihr Ziel mehr als erreicht –, sondern auch in den Wirtschaftsunternehmen. Nickels forderte andere US-amerikanische Städte auf, die Untätigkeit der US-Regierung durch eigene Maßnahmen auszugleichen. Der Internetseite der Stadt Seattle (Stand Januar 2008) ist zu entnehmen, dass sich 700 Städte diese Verpflichtung zu eigen gemacht haben, und die US-Bürgermeistervereinigung hat das Konzept einstimmig gebilligt. Einige Städte sind weiter als andere. In Portland, Oregon, beispielsweise wird (einem Bericht zur globalen Erwärmung zufolge, zitiert unter Sustainable.Portland.org) eine geringere Menge an CO2 produziert als 1990, und das Ziel, diese Menge noch einmal um fünf Prozent zu senken, soll ebenfalls bald erreicht sein.
Auch andere Bundesstaaten und Regionen haben Maßnahmen ergriffen. Kalifornien wird im Jahr 2009 die weltweit ersten CO2-Grenzwerte für Autos einführen, wobei nach Auskunft des kalifornischen Air Resources Board die Emissionen neuer Autos und leichter Lastwagen bis 2050 um 30 Prozent gesenkt werden sollen. Da sich zahlreiche andere Bundesstaaten an den kalifornischen Regelungen zur Eindämmung der Luftverschmutzung orientieren, betreffen die Maßnahmen einen großen Teil der USA, unter anderem etwa 20 Prozent des US-Automobilmarktes. Oregon, Washington, Massachusetts und New Hampshire haben für Kraftwerke verbindliche CO2-Ziele festgelegt, während die Bundesstaaten im Nordosten gemeinsam eine Mini-Kyoto-Vereinbarung treffen, um mit ihrer »Regional Greenhouse Gas Initiative« die Emissionen aus dem Energiesektor einzudämmen. Die Bundesstaaten Kalifornien, Washington und Oregon arbeiten mit der »West Coast Governors Climate Initiative« an einer ähnlichen Rahmenvereinbarung.
Mehr als 30 Prozent der amerikanischen Bevölkerung leben in Bundesstaaten oder Städten, die am Kyoto-Protokoll orientierte Politik entwickelt haben oder gerade entwickeln. In den Kyotofreundlichen Regionen werden fast 50 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes der USA erwirtschaftet – eine Wirtschaftsleistung, die größer ist als die Japans, das die derzeit weltweit zweitgrößte Wirtschaft hat. Obwohl die Umsetzungsmechanismen stark variieren, sind Umweltökonomen vorsichtig zuversichtlich, dass auf Stadt- und Bundesstaatenebene flexible, lokal sinnvolle politische Instrumente für den Kampf gegen die globale Erwärmung entwickelt werden.
Politik der Probleme
Auf der Welt werden weiterhin Kriege, Terror und wirtschaftliche Unsicherheit auf der politischen Agenda der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ganz oben stehen. Doch die Umweltbedingungen auf der Erde – vor allem das Klima – werden höchstwahrscheinlich das wichtigste Thema politischer Debatten und globaler Maßnahmen sein, dem wir uns in den nächsten 20 Jahren stellen müssen. Das Klima rückt in den Mittelpunkt des Interesses, weil durch Umweltfragen andere Probleme wie Krieg und Bürgerkrieg, Terror und wirtschaftliche Unsicherheit verschärft werden. Auch werden die durch die globale Erwärmung verursachten Veränderungen im Klimageschehen Probleme unvorstellbaren Ausmaßes nach sich ziehen.
Blicken wir auf die Geschichte, so wird eines der hartnäckigsten Probleme im Zeitalter der globalen Erwärmung ein recht prosaisches sein: die Schuldzuweisung. Werden nach einer Naturkatastrophe ohne menschliches Verschulden – etwa dem Tsunami in Südostasien im Jahr 2004 – bereits Vorwürfe der Fahrlässigkeit und Korruption laut, so wird jedes Ereignis, das klarer ersichtlich menschlichen Ursprungs ist, zu einer ständigen Quelle der Auseinandersetzung um die Verantwortung. Da die Nation, die möglicherweise die größte Schuld zu tragen hat, auch die weltweit größte Militärmacht besitzt, werden diese Auseinandersetzungen wahrscheinlich eher auf rechtlicher und wirtschaftlicher Ebene ablaufen als auf militärischer.
Es könnte beispielsweise »Kohlendioxid-Verfahren« geben, in denen Unternehmensführer, die als in besonders hohem Maße für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich gelten – beispielsweise Ölfirmen, Autohersteller und Kohlekraftwerke – vor den US-Kongress zitiert werden und sich vor verärgerten Politikern verantworten müssen. Man stelle sich die Anhörungen mit Verantwortlichen der Zigarettenindustrie in den 1990er Jahren vor, allerdings mit einer wütenden Bürgerschaft.
Denkbar wäre auch, dass Gemeinden, die am meisten von der globalen Erwärmung betroffen sind (und am wenigsten dafür können), internationale Gerichtsverfahren anstrengen, die durch die Androhung von Wirtschaftssanktionen durch mächtigere Staaten unterstützt werden könnten. Einzelne Inuit-Gruppen haben wegen des Abschmelzens arktischer Gebiete bereits Klage gegen die USA eingereicht. Selbst wenn diese Klage abgewiesen wird, wird sie sicherlich nicht die letzte sein.
Es könnte zu globalen Boykottmaßnahmen von Produkten und Dienstleistungen kommen, weil die betreffenden Unternehmen sich den notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit und zur Reduzierung ihres CO2-Fußabdrucks verweigern. Das Internet macht globale Gemeinschaftsaktionen leichter als je zuvor. Millionen interessierter Bürger rund um den Erdball werden es den Unternehmen schwermachen, eine unzureichende Umweltpolitik zu verbergen. Als Beispiel sei die Internetseite ExxonSecrets.org genannt, auf der die Umweltorganisation Greenpeace detailliert nachweist, wie Exxon Mobile (ESSO) ein kleines Netz aus Vorstand und Denkfabriken finanziert, die trotz der erdrückenden Beweise für das Gegenteil und des nahezu einstimmigen wissenschaftlichen Konsenses behaupten, dass die Klimaveränderung lediglich eine Theorie sei. Einige Aktivisten haben angeregt, solche Aktivitäten als Beweis für mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu dokumentieren.
Keines der beschriebenen Szenarien wird mit Sicherheit eintreffen, doch alle sind zumindest wahrscheinlich. Sicher ist, dass es Beweisführungen, Klagen und Argumentationsketten geben wird, die wir uns noch nicht vorstellen können. Das Zeitalter der globalen Erwärmung beginnt gerade erst, und wir alle haben ein Interesse daran, dass es gut ausgeht.
Globale Erwärmung und globale Gesundheit
An der durch die globale Erwärmung ausgelösten Krise ist besonders paradox, dass die Regionen, die im Laufe des letzten Jahrhunderts die meisten Treibhausgase produziert haben, im Großen und Ganzen am wenigsten unter den Folgen zu leiden haben werden. Einer Studie der University of Wisconsin, Madison, und der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge waren und sind die ärmsten Nationen am schwersten von der Klimaveränderung betroffen – insbesondere im Gesundheitsbereich. Diese Staaten (ausnehmen kann man Indien und China) stehen auf der Liste derjenigen, die Treibhausgase ausstoßen, ganz unten. Nach Schätzungen der WHO sterben jedes Jahr mindestens 150 000 Menschen unmittelbar an den Folgen des gestörten Klimas. In den nächsten 25 Jahren wird diese Zahl erheblich steigen.
Die Ursachen für die Todesfälle sind zwei Kategorien zuzuordnen: nichtinfektiöse Leiden, die beispielsweise durch eine Hitzewelle oder einen Ernteausfall verursacht werden, sowie Infektionskrankheiten wie Malaria, Denguefieber und sogar Salmonellen. Entwicklungsländer werden aufgrund ihrer Geografie und Politik am schlimmsten von den klimabedingten Gesundheitsproblemen getroffen. »Diejenigen, die am wenigsten für die Treibhausgase verantwortlich sind«, so der führende Autor der UW/WHO-Studie, Dr. Jonathan Patz, »und die am wenigsten dagegen ankommen, sind am stärksten betroffen. Das ist global eine enorme ethische Herausforderung.«
Globale Entwicklung und ökologische Nachhaltigkeit sind eng miteinander verbunden. Anstrengungen wie die »Millennium Development Goals«, die Entwicklungsziele der UN zur Reduzierung von Armut und zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in den ärmsten Ländern der Erde, sind auch im Bereich der Umweltpolitik wichtige Instrumente. Zur humanitären und ökologischen Verantwortung gehört es zudem, das Tempo der globalen Erwärmung zu bremsen und die schlimmsten Folgen zu verhindern.
Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr

