Freitag, 23. November 2007 06:06 Uhr
Kategorie: Interview, Multimedia
Von: Albrecht Mangler
„Klimaschutz ist Selbstschutz“
Der Klimawandel ist in aller Munde: Kohlendioxid, Polkappenschmelzen und das tragische Leiden der Eisbären. Dr. Andre Reichel, Umweltökonom vom betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart begreift Klimaschutz allerdings weniger als Einsatz für die Umwelt sondern als Selbstschutz der Gesellschaft. Im Interview mit care&click nimmt der Forscher Stellung zum Verhältnis von Wirtschaft und Klimawandel und erklärt warum der Klimaschutz für ihn eine wichtige soziale Frage des 21. Jahrhunderts darstellt.

Ökonom Dr. André Reichel
care&click: Schönen guten Tag Herr Dr. Reichel, wie sieht denn Ihre Energiebilanz für heute aus?
Dr. Reichel: Was den Weg zur Arbeit angeht, einigermaßen gut. Ich nutze regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel, da bleibt mir auch genug Zeit, um Zeitung zu lesen. Allerdings sind im Büro einige Stromverbraucher in Betrieb: PC, Notebook, Drucker, Kopiergerät. Auch wenn das alles neue und energieeffiziente Geräte sind, findet natürlich Umweltverbrauch statt. So gesehen bessert dieses Interview meine Energiebilanz auf, da ich die Geräte während unseres Gesprächs alle ausgeschaltet habe.
„Es gab schon immer Kälte und Wärmeperioden – warum sollte also der Klimawandel menschengemacht sein“ ist eine oft zitierte Aussage. Wie ist Ihre wissenschaftliche Sicht darauf?
Ich bin Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, kein Naturwissenschaftler. Was ich aber auf Tagungen und in persönlichen Gesprächen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus diesem Bereich erfahre, ist, dass das Ausmaß des bereits heute zu beobachtenden Klimawandels ohne menschliche Eingriffe nicht zu erklären ist. Der Zusammenhang zwischen der Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre und der globalen Durchschnittstemperatur ist hinreichend erwiesen. Ebenso wie die Tatsache, dass wir seit rund dreihundert Jahren, mit dem Beginn der industriellen Revolution, ein Experiment mit ungewissem Ausgang durchführen, nämlich der Verbrennung fossiler Brennstoffe, deren geologische Erzeugung Jahrmillionen in Anspruch genommen hat. Die Augen davor zu verschließen ist keine Option mehr.
Was unterscheidet den Umweltschutz heute von dem Umweltschutz der 80er Jahre?
Noch vor 25 Jahren war Umweltschutz eine nachsorgende Tätigkeit, dass heißt auf die Umweltschäden verursachende Aktivität wurde einfach ein Filter rangemacht. Heute ist das anders, der Fokus hat sich auf die Vorsorge verschoben. Gleichzeitig gab es einen Wandel was die Instrumente für den Umweltschutz angeht: Weniger das Umweltrecht, mit klassischen Grenzwerten und Verboten, steht im Vordergrund, sondern ökonomische Instrumente wie Ökosteuern, Emissionszertifikate oder auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz, welches sich zu einem „institutionellen Exportschlager“ entwickelt hat. Zudem kann wohl festgestellt werden, dass das Thema „Umwelt“ in der Mitte der Gesellschaft und in allen politischen Parteien angekommen ist. Ob dies alles tatsächlich zu weniger Umweltverbrauch geführt hat, darf allerdings bezweifelt werden: der industrielle Output an Gütern und Dienstleistungen wächst weiterhin exponentiell, auch wenn die einzelnen Produkte heute effizienter sind als in den 80ern.
Wie verändert dieser „neue Umweltschutz“ in der Mitte der Gesellschaft das wirtschaftliche und private Leben?
Das ist schwer zu sagen. Im Moment zielen die politischen und wirtschaftlichen Bemühungen eigentlich nicht so sehr auf eine Veränderung. Im wirtschaftlichen Bereich geht es um das Erschließen neuer Märkte und die Entwicklung von Umwelttechnologien – Stichwort: Energieeffizienz –, während im privaten Bereich sich die Diskussion um Wärmedämmung von Gebäuden, alternative Heizungsanlagen, sparsamere Geräte und ähnliches dreht. Ein tiefgreifender Wandel in der Art und Weise, wie wir wirtschaften, wie wir produzieren und konsumieren, wird zwar in der Wissenschaft und in anderen Teilen der Gesellschaft diskutiert; von der Umsetzung sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt.
Beobachten Sie ein zunehmendes Umweltschutz Engagement von Unternehmen?
Das ist in der Tat zu beobachten, und zwar sowohl auf der Kostensenkungsseite, als auch bei der Erschließung neuer Marktchancen und Wettbewerbsvorteile. Der Fokus liegt aber auch hier auf der Effizienzsteigerung. Eine noch brachliegende Chance für Unternehmen sehe ich dagegen im Bereich nachhaltigkeitsbezogener Dienstleistungen und hybrider Nutzungssysteme: Damit meine ich eine Erweiterung der bisherigen produktorientierten Geschäftsmodelle um Dienstleistungsanteile bei gleichzeitiger Reduktion von Energie- und Stoffverbräuchen. Solche Nutzungssysteme würden beispielsweise im Bereich der Mobilität so aussehen, dass der Konsument ein komplettes Bündel aus öffentlichen und individuellen Mobilitätsangeboten geschnürt bekommt und nicht von vornherein auf einen Mobilitätsträger festgelegt wird. Diese Bündel werden dabei von Produzenten und Konsumenten gemeinsam entwickelt und definiert, man kann hier auch von „Motivallianzen“ sprechen. Die Vorteile für die Unternehmen liegen auf der Hand: sie kommen Umweltschutzregelungen zuvor, schaffen sich ein ganz neues Instrument der Kundenbindung und profitieren von einer Wertschöpfung, die nicht nur ein Produkt umfasst, sondern dessen gesamte Nutzungsdauer inklusive Wiederverwendung.
Der Begriff der Nachhaltigkeit ist mittlerweile fast schon ein Modewort – was genau hat man darunter zu verstehen?
Nachhaltigkeit bedeutet die Entwicklung von Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft zur dauerhaften Aufrechterhaltung unserer natürlichen und sozialen Mitwelt. Entwicklung wird sowohl verstanden als äußerer Prozess – technische und institutionelle Neuerungen – als auch als innerer Prozess – ein Wertewandel, der veränderte Konsummuster und Lebensstile nach sich zieht. Nachhaltigkeit ist dabei nicht nur Umweltschutz – die Umwelt muss niemand schützen, wir müssen uns vor uns selbst schützen –, sondern umfasst die Grundlagen menschenwürdigen Lebens: eine intakte Natur und intakte gesellschaftliche Institutionen. Die Verengung auf den Umweltbereich, so wichtig dieser auch ist, versperrt den Blick auf gesellschaftliche und eben nicht nur technische Lösungen in diesem Bereich.
Ist das nicht ein Luxusproblem westlicher Industrienationen?
Fragen Sie das mal zum Beispiel die Menschen im Südpazifik. Dort kann man die Auswirkungen unserer Lebensstile sehr gut beobachten. Aber nicht nur dort, in allen Schwellen- und Entwicklungsländern findet sich die Umweltfrage als neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts: ohne Umweltressourcen keine Entwicklung. Und damit Umweltressourcen zu so einer oben beschriebenen inneren und äußeren Entwicklung führen können, braucht es funktionierende gesellschaftliche Institutionen. Wenn nun die Lebensstile des Nordens aber dafür sorgen, dass der Süden weder über seine eigenen Umweltressourcen verfügen, noch eigene gesellschaftliche Ressourcen bilden kann, dann stehen wir in der Pflicht, und das nicht irgendwann, sondern heute. Davon unberührt bleibt natürlich die Verantwortung des Südens, die Bedingungen für eine intakte natürliche und soziale Mitwelt bei sich zu schaffen. Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Aufgabe für einen Teil der Weltgesellschaft, sie ist ein globaler Auftrag, der vor Ort angegangen werden muss.
Was kann man als Privatperson konkret für den Umweltschutz tun?
Zunächst sich vielleicht einmal klar machen, was ich oben gesagt habe: nicht die Umwelt ist zu schützen, man muss sich selbst schützen. Es geht um die Bedingungen der Möglichkeit der eigenen menschenwürdigen Existenz. Das hört sich jetzt ein wenig hoch gegriffen an, hat aber konkrete Auswirkungen. Wenn ich mir verdeutliche, dass es eigentlich hierbei um mich geht, ist die Motivlage bei den meisten von uns doch eine gänzlich andere. Wie kann ich diese Herausforderung eines Lebensstilwandels annehmen? Welche Möglichkeiten gibt es, anders zu konsumieren? Es scheint uns ja eine gewisse Freude zu machen, nach Schnäppchen zu jagen, Diäten zu machen und uns durch qualitativ hochwertigen Konsum gut zu fühlen. Mehr braucht es auch für eine nachhaltige Lebensweise nicht: was ist die umweltärmste Konsummöglichkeit für diesen oder jenen Bedarf? Was bedeutet mir dieser Bedarf eigentlich und welche Alternativen dazu gibt es? Oder kann ich vielleicht völlig darauf verzichten, ohne dass ich irgendetwas vermisse? Eine Verschlankung des eigenen Konsums kann für das körperliche und geistige Wohlbefinden dieselben Auswirkungen haben, wie der Verlust überflüssiger Pfunde.
Wie sieht die Welt Ihrer Meinung nach in 50 Jahren aus?
Oh, das ist schwer zu sagen. Vielleicht gilt für uns alle das, was Churchill über die Amerikaner gesagt hat: am Ende tun wir das Richtige, aber erst, nachdem wir alles andere ausprobiert haben. Ich bin optimistisch, was unsere Möglichkeiten angeht. Anders würde es mir auch schwerfallen, kreativ zu sein und über diese Möglichkeiten zu forschen. Die spannende Frage ist natürlich, inwiefern es wirklich gelingt, Gesellschaft so zu verändern, dass die individuellen Lebensstile in einer Weise verändert werden, dass die „ökologische Randbedingung“ eines endlichen Planeten berücksichtigt wird. Meines Erachtens kann dies gelingen, aber nicht gegen die Gesellschaft oder gegen die Wirtschaft, und auch nicht gegen die einzelnen Menschen. Eine nachhaltige Entwicklung bedeutet dann die Operation am offenen Herzen: in real existierenden Unternehmen, staatlichen Institutionen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und unserer eigenen Lebenswelt. Es gibt diesen chinesischen Fluch: Mögest Du in interessanten Zeiten leben. Nun, der wird sicher in Erfüllung gehen – so oder so.
Herr Dr. Reichel, ich bedanke mich für das Gespräch.
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Der Nachhaltigkeitsforscher und Umweltökonom Dr. André Reichel, Jahrgang 1974, forscht am betriebwirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart.
Dr.Hase schrieb am 08.10.2007 15:36
Danke Herr Reichel für diese offenen Worte. Wirtschaft kann eben doch nur wie Wirtschaft handeln!