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Dienstag, 20. Mai 2008 12:42 Uhr
Kategorie: WorldChanging

Von: AS/© KNESEBECK VERLAG

Innovationen in den Megastädten

Megastädte zu bauen, welche die Grundbedürfnisse der Menschen besser befriedigen, die Nachhaltigkeit fördern, jungen Menschen neue Chancen und Frauen die Möglichkeit der Emanzipation bieten, heißt eine völlig neue städtische Lebensweise schaffen, die der bislang bekannten in keiner Weise gleicht.

WorldChanging

Die Megastadt wird eine ganze Palette neuer Möglichkeiten schaffen, von denen wir in den bequemen Sesseln der entwickelten Welt überhaupt keine Vorstellung haben. Der Prozess hat bereits begonnen. In Malaysia haben junge Architekten den Entwurf für ein Haus vorgelegt, das mit gigantischen Solarzellen ausgestattet ist. In der Tageswärme öffnen sie sich wie Blütenblätter, spenden Schatten und erzeugen Strom, und am Abend falten sie sich wieder zusammen, lassen die kühlere Nachtluft einströmen und machen den umliegenden Garten zu einem angenehmen Ort zum Plaudern, Tee trinken und Sterne beobachten. In Harare, Simbabwe, haben Architekten ein biomimetisches Gebäude, das Eastgate-Einkaufszentrum, geschaffen, das einem afrikanischen Termitenhügel nachempfunden wurde. Es kopiert die Art und Weise, wie Termiten Erdmassen und Belüftungskanäle anlegen, damit die Temperatur im Hügel konstant bleibt. Folglich kommt der Bau trotz der drückenden Hitze in Harare ohne Klimaanlage aus.

 

Andere Innovationen sind simpler, aber deshalb nicht weniger revolutionär. In Curitiba, Brasilien, leitet Bürgermeister Jaime Lerner die Schaffung innovativer, einfacher Sozialprogramme: Zum Beispiel helfen Straßenkinder bei der Gartenarbeit; Obdachlose, die den Müll einsammeln, werden in Naturalien bezahlt; umgebaute Busse dienen als mobile Kliniken in den Slums; selbst architektonische Hilfe für die Welle armer Migranten gibt es, die sich ein neues Zuhause bauen. Als Krone des Ganzen hat die Stadt ein weltberühmtes Transitsystem entwickelt und die Parks und Boulevards erweitert. Damit hat Curitiba mehr Grünflächen als jede andere brasilianische Stadt.

 

Das alles ist erst der Anfang. Die Zukunft dieser stetig wachsenden Städte mag uns Menschen im altmodischen Norden unergründlich scheinen. Die Zukunft richtet sich aber nicht nach dem, was wir denken: Sie entfaltet sich an Orten, wo es bereits Mobiltelefone gibt, man aber noch auf die Ankunft der Karawane wartet, wo Computerchips in Basaren verkauft werden, wo man Sandelholzessenz in 500 Jahre alten Tempeln verbrennt, aber im Fernsehen Meisterschaften für Videospiele überträgt. Eine schöne, grüne Zukunft wird nach Curry und Pisang, Sojasoße und Chipotles schmecken und wird eher nach marokkanischem Rap und mongolischem Pop als nach Mariah Carey klingen. Wir im Norden wissen nicht – können auch gar nicht wissen –, wie die nächste Generation der Megastadtbewohner auf die Möglichkeiten reagieren wird, die sich ihnen bieten. Die beste Entwicklungsarbeit bei der Stadtplanung wird nicht von etablierten Akademikern in Thinktanks der entwickelten Welt, Unternehmenslabors oder Universitäten geleistet werden. Sie wird auf den Straßen der Städte in der sich entwickelnden Welt durch eine jüngere Generation stattfinden, die erst seit neuestem auf eigenen Füßen stehen muss.

 

Sie braucht nicht unsere Antworten; sie braucht die Mittel, um eigene Antworten zu finden und zu verwirklichen. Man verteile die Mittel für Erfindung und Innovation neu, und die Bürger der Megastädte werden die Welt neu erschaffen.

 

Bogotá

 

Wie in den anderen boomenden Megastädten herrscht auch in Bogotá, Kolumbien, ein einziges Chaos. Allerdings hat Bogotá eine ideenreiche Führung und engagierte Bürger und kann bereits auf erste Fortschritte bei der Lösung der Probleme verweisen. Drei Bürgermeister nacheinander haben Leidenschaft und Innovationsgeist gezeigt. Bogotá hat sich von einem fast unerträglichen Ort zu einer Stadt voller Vitalität entwickelt – obwohl sie immer noch mit ernsten Schwierigkeiten kämpft.

 

Dem Bürgermeister Antanus Mockus gebührt Respekt dafür, dass er die Bogotaner dazu gebracht hat, neue Wege zu gehen. Mockus, Bürgermeister von 1995 bis 1997 und erneut von 2001 bis 2003, lief in eng anliegenden roten und blauen Kleidern durch die Straßen, nannte sich »Superbürger« und trat an Orten auf, wo es an der nötigen Zivilcourage fehlte. Während einer Wasserknappheit warb er auf einer Anzeige der öffentlichen Dienste dafür, Wasser zu sparen – er stand nackt unter der Dusche. Innerhalb von nur zwei Monaten ging der Wasserverbrauch um 14 Prozent zurück; durch weitere Anstrengungen verbrauchen Bogotaner heute 40 Prozent weniger Wasser als vor der Knappheit. Mockus ging auch gegen korrupte Polizeibeamte vor und schloss sogar eine gesamte Abteilung der Polizei, die für ihr Schmiergeldsystem im Schmuggelverkehr berühmt war. Er forderte die Bürger auf, freiwillig zehn Prozent an zusätzlichen Steuern zu zahlen – zum allgemeinen Erstaunen taten das immerhin 63 000 Bewohner.

 

Zwei Programme von Mockus veranschaulichen die Kreativität, die er dabei einbrachte. In Bogotá kommt es gelegentlich zu extremen Verkehrsstaus, und selbst an guten Tagen herrscht auf den Straßen Chaos. Mockus stellte Hunderte von Pantomimen an, die den Verkehr lenken sollten – sie stellten nicht nur die gewünschte Ordnung her, sondern taten dies auch mit einer gewissen Leichtigkeit. Noch eindrucksvoller war die Einführung der »Nacht der Frauen«.

 

In jeder Stadt sind Frauen häufiger die Opfer von gesellschaftsfeindlichem Verhalten als Männer. Großstädte schaffen für Frauen verschiedene Möglichkeiten, auf Straßen sicher und auf öffentlichen Plätzen willkommen zu sein. In Bogotá erfuhr Mockus von den Bürgern, dass die Gefährdung, Belästigungen und Schikanen, denen Frauen ausgesetzt waren, eine Teilnahme der Frauen am gesellschaftlichen Leben der Stadt verhinderten. Also forderte er im Jahr 2001 die Männer auf, zu Hause zu bleiben und auf die Kinder aufzupassen. Alle Frauen Bogotás lud er ein, eine Nacht lang allein auf der Straße zu feiern. 700 000 Frauen nahmen teil, und nach allen Schilderungen ist Bogotá inzwischen sicherer und freundlicher.

 

»Die Verteilung von Wissen ist die derzeitige Hauptaufgabe«, sagte Mockus in einem Interview in der Harvard University Gazette. »Wissen gibt den Menschen Macht. Wenn Menschen die Regeln kennen und durch Kunst, Humor und Kreativität sensibilisiert werden, dann akzeptieren sie mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit Änderungen« (11. März 2004).

 

Sein Nachfolger Enrique Peñalosa konzentrierte sich auf ein innovatives Programm hinsichtlich der Planungssorgen der Stadt. Er führte den Trans-Milenio ein, ein Schnellbussystem mit einer eigenen Spur, das inzwischen täglich eine halbe Million Fahrgäste befördert. Er legte 300 Kilometer gekennzeichneter Radwege an, schuf grüne Korridore und Pfade und startete eine aggressive Kampagne gegen Fahrer, die auf Bürgersteigen parkten oder fuhren. Da er die Bedeutung schöner Wohngegenden für Großstädte erkannte, legte er neue Parks an, baute Bibliotheken und Schulen und eröffnete 100 neue Kindergärten, damit berufstätige Mütter problemlos eine gute Kinderbetreuung fanden. Schließlich erhöhte er die Parkgebühren und Benzinpreise und führte ein System ein, nach dem die Leute ihr Auto an bestimmten Wochentagen zu Hause lassen müssen. Alles in allem haben sich die Bemühungen Peñalosas gelohnt: Der Verkehr hat seit dem Start des Programms um 40 Prozent abgenommen.

 

Der bis 2008 amtierende Bürgermeister Luis Eduardo Garzón (für seine Anhänger »Lucho«) geht unmittelbar die sozialen Probleme der Stadt an. Er erweitert die Kapazität der Schulen, so dass sie die 100 000 Kinder aufnehmen können, die gegenwärtig keinen Zugang zu Bildung haben. Er baut ein Netz aus Ärzten auf, die regelmäßig ehrenamtlich Familien in ärmeren Wohngegenden besuchen. Er bekämpft den Hunger. Die neuen Programme finanziert er unter anderem dadurch, dass er Korruption und Steuerhinterziehung eindämmt, durch die der Stadt immense Einnahmen verloren gehen; bislang hat er mit seinen Bemühungen offenbar Erfolg. Schließlich besetzte Garzón, in dem Bestreben, das Engagement der Stadt für Frauen fortzuführen, alle 20 Vizebürgermeisterposten mit Frauen.

 

Bogotá ist alles andere als vollkommen, doch innerhalb von 15 Jahren sind gewaltige Fortschritte erzielt worden: Die Mordrate ist um die Hälfte gesunken; mehr Kinder besuchen die Schule als jemals zuvor; das Verkehrschaos hat zumindest abgenommen; und die Straßen pulsieren vor Menschen, die bummeln, einkaufen und miteinander plaudern.


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