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Montag, 06. Juli 2009 10:15 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: VG/© KNESEBECK VERLAG

Infrastruktur: kleinteilige, modulare Lösungen

Städte sind weitgehend die Produkte ihrer Infrastruktur. Im Fall der entstehenden Megastädte jedoch wird diese Binsenweisheit auf den Kopf gestellt: Siedlungen schießen häufig aus dem Boden, bevor irgendeine Infrastruktur vorhanden ist. Wie befriedigen jedoch Megastädte die Grundbedürfnisse ihrer Bürger, etwa das Bedürfnis nach sauberem Wasser oder Elektrizität?

WorldChanging

Dem »Leapfrogging« – also dem Überspringen von altmodischen Entwicklungsformen hin zum neuesten Stand der Technik – wird nachgesagt, es habe eine starke, egalisierende Kraft, weil reiche Nationen bereits den Preis für die Entwicklung bezahlt haben, die Technologie wegen des Wettbewerbs billig ist und die Armen der Welt davon profitieren werden. Das Musterbeispiel für Leapfrogging ist das Mobiltelefon. Ebenso bergen billige Computer und Open-source- Software das Potenzial, eine digitale Revolution auszulösen. Theoretisch müsste der Süden, da auf allen Ebenen der Technologie rasch Durchbrüche erzielt werden, in Kürze imstande sein, mit einem Sprung jede Entwicklungsstufe zu erreichen.

 

Um die Bedeutung dieser Entwicklungssprünge zu verstehen, müssen wir uns fragen: »Was genau brachte uns, hier im Norden, die Industrialisierung?« Dazu brauchen wir nur unsere Lebensweise zu betrachten. Beginnen wir mit dem Laptop, einem für die Entstehung dieses Buches unverzichtbaren Werkzeug. Laptops enthalten Dutzende hoch ausgereifte Komponenten, deren Entwicklung zig Milliarden Euro gekostet hat. Ihr Akku wird aufgeladen, indem man sie in eine Steckdose einsteckt, und die Kabel in diesen Dosen führen zu einem weiteren Milliardenkapital: dem landesweiten Stromnetz. Die drahtlosen Internetzugänge führen zu Kabelmodems, die über unvorstellbar teure Kupferkabel funktionieren, die wiederum für den Trend von gestern verlegt wurden: Kabelfernsehen. Die Häuser, die uns und den zuverlässigen Laptop beherbergen, repräsentieren weiteres Kapital im Wert von Hunderttausenden von Euro. Und sie hängen ganz stark davon ab, dass uns Holz, Dachziegel und Glas – sowie Jahrhunderte der architektonischen Neuerungen – zur Verfügung stehen.

 

So viel Kapital ist nötig, um dem Durchschnittsamerikaner und -europäer den jetzigen Lebensstil zu ermöglichen. Wenn von der Entwicklung der ärmeren Regionen der Welt die Rede ist, meinen wir in der Regel den Export von Teilen unseres kostspieligen, komplexen Systems, das im Laufe vieler Generationen entstanden ist. Konsumgüter und globale Dienstleistungen reisen extrem schnell. Man kann einen Gameboy überallhin schicken und unter Umständen eine Unterhaltungsrevolution auslösen. Der Lastwagen, der den Gameboy vom Hafen zum Verbraucher bringt, ist in dem entsprechenden Land ebenfalls ein Entwicklungssprung – kein Modell T oder Pferdewagen, sondern ein neunachsiger Sattelschlepper, der vermutlich an einem anderen Ort produziert wurde. Tatsächlich stellten die Verkehrsmittel, von den Zügen bis hin zu Düsenjets, in den ärmeren Ländern die ersten Entwicklungssprünge dar. Ganz ähnlich haben Dienste wie Global Positioning Systeme (GPS) und Satellitenbilder mehr oder weniger die Entwicklung übersprungen. Die Geräte haben bereits eine globale Reichweite: Man braucht nur zu wissen, wie sie eingestellt werden, und schließt sie dann an. Solche Entwicklungssprünge stehen jedoch noch aus, wenn es um sichere Stromversorgung, sanitäre Einrichtungen und Wasserversorgung geht.

 

Hier zeigt sich die Kluft: Nicht alle Dienstleistungen, die unsere Gesellschaft aufgrund der Errungenschaften des Industriezeitalters anbietet, können ohne weiteres in die arme Welt verlegt werden. Satellitenschüsseln gibt es überall, aber Millionen von Haushalten haben nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser. Satellitenantennen können wir auf Lastwagen verladen, aber für die Wasserversorgung ist eine aufwändige Infrastruktur nötig, wie sie bei uns schon seit der Kaiserzeit aufgebaut wurde.

 

Für die Verlegung von Infrastruktur ist eine neue Generation von Werkzeugen erforderlich. Die gute Nachricht dabei ist: Die Werkzeuge sind bereits vorhanden. Solar- und Windkraft, »intelligente« Stromnetze, Wasserförderung im kleinen Rahmen, Leuchtdioden (LED), Entwicklungsmodelle – wir haben alles, was wir brauchen. Aber es geht nicht nur um die Werkzeuge, sondern auch um das, was wir damit anfangen.

 

Wir müssen uns Infrastruktur neu vorstellen, damit der Sprung wirklich gelingt. Statt an große Regierungsprojekte zu denken, müssen wir im Geist ganze Städte planen, in denen funktionierende Systeme entstehen, indem viele kleine, separate Module gleichzeitig miteinander verbunden werden. Statt eine Milliarde Euro für den Bau eines Stromkraftwerks und eine weitere Milliarde für das Versorgungsnetz zu verschwenden, könnten wir durch die Vernetzung von tausend technologisch hochentwickelten Komponenten eine moderne Infrastruktur schaffen, die dieselbe Grundversorgung bietet, aber ohne die gigantische Investition zu Beginn auskommt.

 

Indem wir uns von dem bisher umgesetzten industriellen Modell verabschieden, finden wir womöglich zu den »angenehmen Seiten« des Überspringens von Entwicklungsstufen zu Technologien, die sich leicht verladen und transportieren lassen, die ohne Tausende Kilometer lange Gräben und altmodische Baukunst auskommen. Ein System für die Stromerzeugung lässt sich ebenso dynamisch konzipieren wie das des Satellitenfernsehens: Kaufe und erweitere nach Bedarf.

 

Die Milliarde Menschen auf der Welt, die kein sauberes Wasser hat, wird vermutlich niemals Wasser von riesigen Kläranlagen mit Tausende Kilometer langen Kanälen und einem spinnennetzähnlichen System aus PVC- und Kupferrohren bis hin zu schicken Wasserhähnen beziehen. Kleinere Lösungen könnten sie jedoch mit Trinkwasser versorgen. Technologien wie Wasseraufbereitung mit Hilfe der UV-Strahlung der Sonne sind beispielsweise für die Erschließung von Dörfern und sogar Einzelhaushalten sehr viel versprechend. Eine Kiste mit Komponenten, die dorthin geliefert wird, wo sie benötigt wird, könnte überall für hochwertiges Trinkwasser sorgen, wo die Sonne scheint.

 

Die hier beschriebenen Lösungen sind nur Puzzlesteine. Sie können auf eine Million verschiedene Arten zusammengefügt werden und so Städte schaffen, die bei Milliarden Menschen die Hoffnung auf ein gesundes, angenehmes Leben wecken. Die neue Welt ist modular, vernetzt, technisch und wirtschaftlich vielseitig und wird Stück für Stück angeliefert. Es handelt sich um eine seltsam futuristisch-nostalgisch anmutende Kombination aus Werkzeugen des Raumzeitalters in Bretterhütten – dichte, ultraverbundene urbane Knoten mit Trinkwasser und Licht basierend auf Solarenergie.

 

Das ist die neue Welt.


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