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Montag, 31. Mai 2010 10:02 Uhr
Kategorie: Interview, TopThema

Von: LU

„Ich tauche einfach gerne im Beobachten der Tiere ab“

Tiere faszinieren auf der ganzen Welt. Die Fotografin Kathrin Brunnhofer interessiert sich aber vor allem für die Inszenierung der Tierwelt. Daher zieht es die junge Fotografin immer wieder in den Zoo, beispielsweise in der New Yorker Bronx. care&click sprach mit der Künstlerin über die Begegnung von Tier und Mensch und der Rolle der Institution Zoo in unserer Gesellschaft.

Bild: pixelio.de

care&click: Ihre Bilder porträtieren die surreale Begegnung zwischen Mensch und Tier im Zoo. Was fasziniert Sie daran?

 

Kathrin Brunnhofer:  Ich habe großen Respekt vor Tieren. Sie haben eine starke Wirkung auf mich und auch auf die meisten anderen Menschen und das untersuche ich in meinen Fotos. Auf mich können sie faszinierend und schön wirken; bestimmtes Verhalten oder ihre Anatomie auch mitunter komisch oder absurd. Es gibt viele sehr groteske Ausformungen im Tierreich.

Dass ich größtenteils im Zoo fotografiere, liegt in erster Linie daran, dass es einfach ist. Zoos gibt es überall und an wenigen Orten kommt man so nah an Tiere heran, die keine Haustiere sind.

Im Zoo wird die Begegnung zwischen Tier und Mensch auf den Punkt gebracht. Aber die Begegnung gibt es auch an anderen Orten: in der Metzgerei oder auf dem Bauernhof, im Zirkus, im Naturkundemuseum, im Biologieunterricht an Schulen, im Park, auf fahrenden Reptilienausstellungen, bei Freunden mit Haustieren oder auf dem Reiterhof. 

Aber der Zoo ist ein Ort, den man einfach erreichen kann und alles ist dort konzentriert. Zoos gibt es an vielen Orten und Zoos und Tierparks können auch einfach schöne Ausflugsziele sein. Der Zoo einer Stadt steht in jedem Stadtführer. Dort wird es mir legitimiert nah ranzugehen und zu schauen. Die anderen Besucher interessieren mich nicht so sehr, ich tauche einfach gerne im Beobachten der Tiere ab. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber für mich ist das einfach sehr kurzweilig sowie entspannend und spannend zugleich.

Hinzu kommt im Zoo außerdem noch eine andere Dimension. Der Zoo und die Gehege werden für Tier und Mensch gestaltet. Und diese Art der Überlegung interessiert mich. Das hat dann wieder sehr viel damit zu tun, was Tiere für den Menschen bedeuten, was er für ein Verhältnis zu ihnen hat aber auch damit, dass der Zoo ebenso eine kulturelle Einrichtung ist. Er ist traditionell zur Unterhaltung und Erholung der Besucher gedacht. Die Gestaltung von Zoos und Tierparks unterliegt einer interessanten Entwicklung einerseits hin zu mehr "artgerechten" Gehegen mit weniger Gittern, andererseits zu mehr Erlebnis. Das neue Aquarium in Hagenbecks Tierpark hat beispielsweise Unterwasserwelten entworfen, die wie Filmszenen aussehen. Wracks sieht man da und eine Muräne, die in einem alten Rohrsystem lebt, an der Wand ein bewuchertes Schild, worauf "Giftraum" geschrieben steht. Nicht nur das Tier steht im Vordergrund, sondern auch sein imaginierter Lebensraum und dazu gibt es gleich auch noch eine Geschichte. 

 

Im Falle des Zoobesuchs in der Bronx interessierte mich neben den Tieren vor allem die Gestaltung der Vogelhäuser, die perfekte Ausleuchtung der Szenen, der Einsatz von echter Bepflanzung und Attrappen, die gemalten Hintergründe. Ich kannte solche Dioramen bisher nur aus Naturkundemuseen. Aber die Tiere hier waren eben nicht präpariert und platziert, sondern lebten darin, änderten ihre Position und bewegten sich durch den Raum. Jemand hatte schon ein Bild entworfen, nur eben dreidimensional.

So etwas findet man nur ganz selten. Das war großes Glück. Durch den Schacht meiner Kamera konnte ich alles andere ausschließen: Wände, Kabel, Schilder und andere Besucher. Nun ist auf dem Foto alles eins geworden, was vorher auch schon als Bild konzipiert war. Das hat mir gefallen.

Letztendlich hat das für mich auch etwas mit New York zu tun. Ich habe ein Jahr in New York gelebt. Im Zoo bin ich damals nicht gewesen. Erst auf der Durchreise zu einem späteren Zeitpunkt habe ich diese Bilder aufgenommen. Der Zoo in der Bronx ist modern und verfügt über viel Platz und große Grünflächen mit ca. 300 ha Fläche. Insgesamt ist er in einem sehr guten Zustand. Auch das pädagogische Konzept ist vorbildlich. Alles in allem das, was New York selber nicht grade ist und hat. 

Insofern gab es verschiedene Gründe für mich - neben meinem generellen Interesse an Tieren - warum ich die Bilder in der Bronx aufgenommen habe. 

 

Die Bilder dieser Reihe wurden im Bronxer Zoo aufgenommen. Jedoch sind weitere Ihrer Bilder im Budapester, Hamburger und Berliner Zoo entstanden. Haben Sie einen Lieblings Zoo? Wenn ja welchen und warum?

 

Ich habe keinen expliziten Lieblingszoo. Es gibt besondere Bereiche ins Zoos, die ich gerne mag, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Bestimmte Orte gefallen mir, weil sie ein gutes Bild sind. Andere gefallen mir, weil ich das Gefühl habe, dass das Tier da gut leben kann und ich störe nicht sonderlich dabei.  

Zum Beispiel das Gorilla-Gehege in der Bronx ist riesig und grün. Sicher ist es nichts verglichen mit den eigentlichen Lebensräumen. Aber ich erinnere es als ein richtiges Areal, draußen, kein Käfig. Natürlich haben mir auch die Vogelhäuser unheimlich gut gefallen aber bezogen auf das Tier glaube ich nicht, dass es sich wohler fühlt, nur weil das Gehege kunstvoll gestaltet ist und für unsere Augen echt aussieht.  Letztendlich ist es ein kleiner Raum, der die Tiefe nur durch Malerei suggeriert. Der Vogel bemerkt den Unterschied zwischen echten und Kunstpflanzen wahrscheinlich auch etwas schneller als wir.

In Budapest gab es ein Krokodilbassin, dort habe ich mich lange aufgehalten; es war sehr intim und faszinierend. Überhaupt hat mir der Zoo in Budapest sehr gut gefallen. Er ist früher modern gewesen und das sieht man auch heute noch. Nicht alles ist renoviert, aber die meisten Tiere haben viel Platz. Es ist ein liebevoller und unaufgeregter Ort. Im Tierpark Schwarze Berge gibt es unter anderem einen Wildbereich, wo man die Tiere füttern kann und ihnen sehr nahe kommt; die sind das gewöhnt. Das ist auch sehr schön. Wildparks mag ich überhaupt sehr gerne. Bei Zoos ist es eher so, dass ich manche besonders erschütternd fand, zum Bespiel in Peking. Es war einfach alles wahnsinnig traurig, eng und heruntergekommen. Auch der Londoner Zoo hat mir überhaupt nicht gefallen. Er war eng und voll. Hingegen mag ich den Berliner Zoo und vor allem den Tiergarten im Osten der Stadt sehr gerne. Auch wenn es da natürlich auch solche und solche Gehege gibt.

 

Die begrenzten Bildräume Ihrer Werke reflektieren die Einschränkungen der Gehege der Tiere. Zoo Gegner empfinden den Zoo als Freiheitsberaubung der Tiere. Was ist Ihre Meinung dazu?

 

Ich bin kein Zoogegner, aber ich halte einen gewissen Standart für unerlässlich. Es ist erschütternd Tiere zu sehen, die sich offensichtlich nicht wohl fühlen in Gefangenschaft, die sich langweilen und vereinsamen, die nicht genug Platz haben oder ein anderes Klima gewohnt sind. Das Problem ist in den Wildparks geringer. Dennoch halte ich es unter gewissen Voraussetzungen für sinnvoll Menschen die Möglichkeit zu geben zu sehen was es für Tiere gibt, auch an anderen Orten der Erde. Aber nicht um jeden Preis und unter jeden Umständen. Zoos als Entertainment-Arenen zu betreiben mit Delphinshows und dergleichen, darüber muss man gar nicht erst reden. 

Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren einiges getan hat. Wohl noch nicht genug aber ich denke schon, dass sich die meisten Zoos und Wildparks als Institutionen begreifen, die die Tierwelt und die Dringlichkeit des Artenschutzes den Besuchern näher bringen wollen und dahingehend auch sehr gute Arbeit leisten. Darüber hinaus denke ich aber auch schon oft, dass es sehr absurd ist, was in Zoos gemacht wird, nicht schlecht oder gut, einfach nur absurd.

In meiner fotografischen Arbeit sind das allerdings weniger Themen, die ich berühre, jedenfalls nicht direkt. Es geht mir einerseits um das Lebewesen, darum zu zeigen wie speziell und wertvoll es ist und es geht mir darum zu überlegen wie wir sie in unsere Welt integriert haben und was das heißen kann. Ich möchte nicht anklagen, sondern vielmehr sensibilisieren und aufmerksam machen.

 

Ist der Zoo die letzte Instanz einer verschwindenden Natur oder kreiert er eine Annäherung zwischen den Großstädtern und den Tieren?

 

In einigen Fällen mag es sein, dass der Zoo als letztes Refugium für Tiere dient, deren Lebensraum zerstört wurde oder sich so stark verändert hat, dass sie das nicht überstehen können. Aber als letzte Instanz einer verschwindenden Natur sind wohl eher Nationalparks zu betrachten. Ich denke, in erster Linie ist ein Zoo ein Ort, an dem Besucher Kontakt zu verschiedenen Tieren bekommen können und auch ein Ort, an dem Forschung und Artenschutzes betrieben werden.

 

Frau Brunnhofer, vielen Dank für das Interview!

 

 

care&click zeigt vom 7.06.2010-17.06.2010 eine Fotostrecke von Kathrin Brunnhofer mit Bildern aus dem Zoo der New Yorker Bronx.

 


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