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Montag, 07. Juni 2010 10:03 Uhr
Kategorie: Klima Leben, Dossier, WorldChanging

Von: DD, ML/© KNESEBECK VERLAG

Hersteller in die Verantwortung nehmen

Unser Alltag ist geprägt durch die Beurteilung und Auswahl von Produkten. Machen wir die Auswahl nur von den Materialien und Energiequellen abhängig, erreichen wir nicht sehr viel.

WorldChanging

Nachhaltigkeit erreicht man nicht nur durch unmittelbare Produkteigenschaften, sondern auch durch Dienstleistungen und Systeme, die uns in Interaktion mit unseren Produkten setzen und uns befähigen, Verantwortung für Dinge und Abfälle zu übernehmen.

 

Wir wollen alle ein Handy in der Tasche und eine Kaffeemaschine in der Küche, obwohl diese Gegenstände im Grunde Wegwerfartikel sind. Es ist zu teuer, sie zu reparieren, ihr Design ist schnell überholt, und die Materialien, aus denen sie bestehen, werden als zu wertlos erachtet, um sie noch wiederzuverwerten. Da inzwischen aber allein die Größe der von uns produzierten Müllberge verheerend ist und wir nur schwer an neue Ressourcen gelangen, schicken wir auch noch die kleinsten ausgedienten Produkte zurück an den Hersteller.

 

Erweiterte Herstellerhaftung

 

Autos sind immer auf dem Schrott gelandet. Sie wurden ausgeschlachtet oder blieben einfach als Wrack in der Landschaft liegen. Schrott hatte keinen Wert. Metallteile verrosteten, und Farben verblichen. Um die Sitze und Berge von Reifen kümmerte man sich erst gar nicht. Anfang der 1990er Jahre verabschiedete die deutsche Regierung eine gesetzliche Regelung, mit der Automobilhersteller verpflichtet wurden, die Entsorgung ihrer Produkte zu übernehmen. Den Autofirmen bereitete das einige Ärgernisse, aber nun waren Techniker und Designer gezwungen, Altautos in leicht demontierbare Wertstofflieferanten zu verwandeln. Wie bei jeder neuen Entwicklung kostete das Gesetz die Firmen anfangs Zeit und Geld, letztendlich sorgte es aber für Einsparungen. Autos, die einfacher zu demontieren sind, sind auch einfacher zu montieren.

 

Die Europäische Union übernahm die deutsche Altautoverordnung. Die gesetzliche Regelung basiert auf einem ganz einfachen Konzept: Hersteller sollen die Haftung übernehmen, wenn ihre Produkte veraltet, überholt oder kaputt sind. Früher haben Firmen zwar auch Produktservice und Rücknahmegarantien angeboten, aber als Kaufanregung und mit rein geschäftlicher Intention. Dinge zurückzunehmen, weil eine Regelung es fordert, ist etwas ganz anderes. Hier geht es nicht nur um Profit. Es geht um etwas, das den Rahmen einer einzelnen Firma übersteigt.

 

Rücknahmeregelungen wurden in Europa jetzt auch für Elektro- und Elektronikgeräte getroffen. Bislang wurde Elektroschrott größtenteils nach Asien geschickt, wo die Geräte in Handarbeit auseinander genommen wurden – eine billige Methode, wie man Metalle aus Produkten isoliert, deren Designmaxime die Konsumentenzufriedenheit ist. Oder die Altgeräte landeten im Hausmüll. Aber kaputte Kühlschränke dürfen nicht länger die städtische Mülldeponie oder asiatische Dörfer belasten.

 

In Deutschland regelt das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) die Entsorgung von rund 1,1 Millionen Tonnen gebrauchter Geräte, wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernseher, Computer oder Mobiltelefone. Seit März 2006 sind die Verbraucher dazu verpflichtet, ihre alten Elektro- und Elektronikgeräte getrennt zu sammeln. Altgeräte dürfen nicht mehr über den unsortierten Hausmüll entsorgt werden. Dafür können sie kostenlos bei den kommunalen Sammelstellen (zum Beispiel Wertstoffhöfe) abgegeben werden. Für alle weiteren Schritte wie Logistik, Sortierung, Demontage und Recycling sind laut Gesetz die Gerätehersteller verantwortlich.

 

Zu diesem Zweck haben sich mehr als 100 namhafte Elektro- und Mobilfonunternehmen in einer Organisation zusammengeschlossen, die die Abholung zentral koordiniert, die geregelte Entsorgung dokumentiert und dafür sorgt, dass die geltenden Wiederverwertungsquoten eingehalten werden. Mit dem ElektroG ist Deutschland einer der ersten Mitgliedstaaten der EU, der die beiden EU-Richtlinien über die geregelte Entsorgung von Elektro- und Elektronik-Altgeräten und die Verwendung bestimmter giftiger Stoffe in Neugeräten umgesetzt hat.

 

Zerlegbare Produkte

 

Wir kaufen Dinge und nehmen sie mit nach Hause. Sie leisten uns wunderbare Dienste: Sie öffnen Flaschen, schützen unsere Füße, erhellen unser Badezimmer und bewahren unsere Bücher auf. Aber selbst wenn sie irgendwann kaputtgehen, nehmen sie weiterhin Raum ein – als würden sie darauf warten, was nun mit ihnen geschieht.

 

Welche Zukunft sollten die Dinge haben, die wir nicht mehr brauchen? Wir können zerlegbare Produkte entwerfen, aber noch wichtiger ist wohl der Einsatz von hochwertigen, nachwachsenden Materialien. Auf diese Weise wird die Müllkippe endgültig entbehrlich. Das Ziel ist ein geschlossener Kreislauf, in dem Dinge ständig neu verwertet werden und dabei an Qualität und Umweltverträglichkeit zunehmen. Unser Müll bestünde aus besten Grundstoffen, und es würde zudem die Tatsache berücksichtigt, dass Dinge nicht ewig halten können und die Mode sich schnell ändert. Die meisten Designobjekte werden irgendwann aufgrund ihrer Farbe oder Form unmodern. Farben, Formen und Herstellungstechniken sind ständig in Bewegung.

 

Es ist furchtbar schade, ausgediente Dinge einfach sich selbst zu überlassen. Einen Aktenschrank auseinander zunehmen, kann leicht eine halbe Ewigkeit dauern. Und was macht man anschließend damit? Dagegen braucht man gerade einmal fünf Minuten, um den »Steelcase Think Chair« zu demontieren, nachdem er gute 15 Jahre durch ein Büro gerollt ist. Dinge, die man leicht auseinander nehmen kann, sind auch leicht zu reparieren. Zerlegbare Produkte haben einen zweifachen Nutzen. So hängt zum Beispiel eine Lampe eine ganze Weile an unserer Zimmerdecke, bis sie irgendwann ganz unproblematisch demontiert wird und ein kleiner Haufen Metall und Plastik übrig bleibt, der voller Potenzial steckt.

 

Auseinanderfallende Handys

 

Mobiltelefone und andere kleine Elektronikgeräte werden heute geschreddert, anstatt sie für Recyclingzwecke in Handarbeit zu demontieren, denn der Arbeitslohn übersteigt den Wert der nutzbaren Teile. Was wäre aber, wenn das Gerät sich selbst zerlegen würde?

 

Nokia hat ein Handy entworfen, das innerhalb von zwei Sekunden auseinander springt, anstatt in zwei Minuten per Hand auseinandergebaut werden zu müssen. Das Telefon besteht aus speziellen Legierungen und Polymeren, die ihre Form verändern, wenn sie mit einem Laser erhitzt werden. Daraufhin lösen sich die Schrauben, das Gehäuse fällt auseinander, und die Elektronikteile liegen frei.

 

Die erforderliche Temperatur für diese Reaktion liegt bei 60 bis 150 Grad Celsius. Nicht so heiß, dass das Plastikgehäuse schmilzt, aber heiß genug, damit die Reaktion nicht versehentlich ausgelöst wird.

 

In einer Welt, in der sich Elektronikteile selbst demontieren, wird Recycling zum Kinderspiel.

 

Auffüllen und Recyceln

 

Wer in den USA ausgediente Produkte zum Recyceln einsammeln möchte, hat es nicht ganz einfach. Anstatt die Leute zu verpflichten, dass sie ihr altes Spielzeug zur Wiederverwertung geben, müssen Firmen sie dazu überreden. Hewlett- Packard (HP) zum Beispiel stellt umweltintelligente, leicht demontierbare Hardware her, die von immer höherer Qualität ist. Das Unternehmen versucht nun, sämtliche alten Geräte wiederzubekommen, die ungenutzt bei den Leuten herumstehen. Sie enthalten wertvolle Hartmetalle, die nur schwer zu gewinnen sind. Als Antwort auf unsere Umweltprobleme bietet HP an, die alten Drucker an der Haustür abzuholen, und wirbt dabei mit dem Spruch: »Wir befreien Sie von alten Computern, Druckern und Ihrem schlechten Gewissen.«

 

Dieses Angebot mag für einige Leute schon reizvoll genug sein, aber HP liegt daran, sämtliche Rohmaterialien zurückzubekommen. Also muss die Rückgabe dem Konsumenten einfach gemacht werden. In einer langfristigen globalen Initiative fügt HP inzwischen jeder Lieferung von neuen Druckerpatronen ein Rückpaket für die alten bei. Und die Aktion zeigt Erfolg: Das Unternehmen erhält jetzt pro Jahr 63,5 Millionen Kilo Druckerpatronen und Elektronikgeräte.

 

In Europa ist diese Praxis seit langem erfolgreich. Der Computer-Konzern Fujitsu Siemens beispielsweise hat sich sehr früh dem Prinzip der Eigenverantwortung der Hersteller (Individual Producer Responsibility) verpflichtet. Das Unternehmen führte bereits 1988 ein Rücknahmeprogramm für Geschäftskunden ein. Seither nimmt das firmeneigene Recycling-Zentrum kostenlos Geräte zurück. Dort werden sie repariert, aufgerüstet und wiederverwertet oder zerlegt und recycelt. Eine unternehmensinterne Richtlinie sorgt dafür, dass nur noch umweltgerechte Produkte mit modularem, umwelt- und recyclinggerechtem Design entwickelt und hergestellt werden.

 

Reparieren leichtgemacht

 

Letztendlich sind sämtliche Produkte Wegwerfartikel. Trotz aller Bemühungen gehen sie kaputt oder verlieren plötzlich ihren verführerischen Glanz. Zuerst war der Kassettenrekorder überholt, dann gab er den Geist auf. Was wäre aber, wenn wir nicht für das Gerät selbst bezahlen, sondern für die Möglichkeit, Musik zu hören? Was wäre, wenn die Herstellerfirma unser Abspielgerät reparieren, ersetzen und auf den neuesten Stand bringen müsste?

 

Sprout Design aus Großbritannien gehört zu den wenigen Ökodesignstudios auf der Welt, das Konzepte für Produkte ersinnt, die vom Hersteller repariert und ersetzt werden. Für das japanische Unternehmen Toginon entwickelte Sprout eine Reihe von extrem hochwertigen Messern, die mit zwei Klingen geliefert werden. Wenn eine Klinge stumpf wird (was einige Zeit dauern sollte), benutzt man die zweite und schickt die stumpfe zurück nach Seki, wo sich eine der letzten Schwertschmieden Japans befindet. Toginon schärft die Klinge und schickt sie anschließend zurück.


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