Das Prinzip von Investitionen ist denkbar einfach: Wir verleihen unser Geld an andere; sie setzen es ein, um Gewinne zu erzielen; haben sie damit Erfolg, geben sie uns mehr Geld zurück, als wir ihnen ausgeliehen haben. Das ist der einfache Teil an der Geschichte.
Schwieriger wird es, wenn wir innehalten und uns fragen: »Was machen diese Menschen mit meinem Geld?«, weil uns die Antwort darauf nicht gefallen könnte. Es mag sein, dass wir uns als vorbildliche Mitglieder einer Gemeinschaft geben, stets bereit anderen zu helfen, überall beliebt, und plötzlich finden wir heraus, dass wir unser Geld in totalitäre Ölgesellschaften stecken, in Holzkonzerne, die Regenwälder kahl schlagen, in Firmen mit menschenverachtenden Arbeitsbedingungen oder in Tabakmultis, die aus der Sucht Minderjähriger ihr Kapital schlagen. Unser Geld wirft einen zerstörerischen Schatten auf all das, was wir auf der anderen Seite zu retten suchen.
Bis vor wenigen Jahren schien dieser Konflikt unvermeidbar, und es gab nur die Wahl: Lass es Dir gut gehen oder tue Gutes! Das hat sich grundlegend geändert. Mit ein bisschen Geschick können wir heute unser Kapital so investieren, dass sich die Investition für uns lohnt und ein Gewinn für unsere Umwelt erzielt wird.
Risiken der Versicherer
Wer sich um seine Risiken nicht kümmert, ist ein Glücksspieler. Nachhaltiges Wirtschaften und die Vermeidung von Risiken sind untrennbar miteinander verbunden. Eine ganze Unternehmensbranche befasst sich ausschließlich damit: Versicherungsunternehmen sichern uns gegen Risiken ab. Je höher die Wahrscheinlichkeit oder je größer das Ausmaß eines Schadensereignisses, desto höher sind die Versicherungsprämien. Die Versicherungen wenden sich wiederum an Rückversicherungen, um sich selbst vor unvorhergesehenen Schäden zu schützen. Genau hier haben die Versicherungsunternehmen schon vor Jahren ein grundsätzliches Problem entdeckt: Unsere Welt ist bald nicht mehr versicherbar!
Politische Unruhen in armen Regionen, Terrorismus, Piraterie oder der Ausbruch von Epidemien – all dies sind mögliche Gefahren, gegen die sich zu schützen fast nicht möglich ist. Aber die Mutter aller Gefahren stellt für die Rückversicherer der Klimawandel dar.
Der Anstieg der Meeresspiegel, verheerende Stürme, längere Dürrezeiten, Missernten, Überschwemmungen: Die Liste der klimabedingten Katastrophen und Schäden scheint täglich länger zu werden. Jedes Mal, wenn ein solches Desaster eintritt, muss irgendeine Versicherung tief in die Tasche greifen und für den Schaden aufkommen. Im Jahr 2005 waren es mehr als 200 Milliarden Dollar (Environment News Service vom 7. Dezember 2005). Es verwundert nicht, dass die Branche heute zu dem Schluss kommt – ganz egal wie es mit der Genauigkeit wissenschaftlicher Prognosen steht –, dass sie sich alle nicht einmal das Risiko eines nennenswerten Klimawandels leisten können.
Aus diesem Grund haben die größten Rückversicherer, wie zum Beispiel die Swiss Re und die Münchener Rück, die Initiative ergriffen und das Thema in die breite Öffentlichkeit getragen. Offen forderten sie strengere Gesetze für die Emissionen von Treibhausgasen oder für die Investitionen in Umwelttechnologien. Die Swiss Re ging sogar noch einen Schritt weiter und drohte Ende des Jahres 2004 ihren Kunden an, die Haftpflichtversicherung für die Geschäftsführung zu kündigen, wenn diese keine Programme zur Reduzierung der Treibhausgase ihres Unternehmens vorlegen könnten. Das traf den Nerv der Vorstände und Aufsichtsräte. Hier ging es nicht mehr um gesetzliche Regularien, sondern um den möglichen Verlust der Unternehmenshaftpflicht und damit das Risiko, persönlich haftbar zu sein.
Nachhaltige Kapitalanlagen
»Wie investiere ich mein Geld, damit ich einerseits Gutes bewirke und andererseits Rendite erziele?« Dies ist die zentrale Frage, mit der sich Interessensgemeinschaften rund um nachhaltige Kapitalanlagen beschäftigen.
Das wachsende Interesse an nachhaltigen Finanzprodukten wird längst nicht mehr als »exotische Randerscheinung« angesehen. Seit 1995 wuchs das Volumen um das 50-Fache auf circa 35 Milliarden Euro bis Ende 2007 an. Fast 170 Nachhaltigkeitsfonds teilen sich dieses Volumen im deutschsprachigen Raum (A, CH, D). Der Trend scheint erst am Anfang zu stehen, denn allein im Jahr 2007 kamen laut dem Deutschen Aktieninstitut (DAI) über zehn Milliarden Euro dazu. Das Angebot nachhaltiger Kapitalanlagen ist inzwischen sehr groß. Aber was verstehe ich darunter?
Zunächst einmal bestimmt das Thema die Ausrichtung eines Nachhaltigkeitsfonds. Das kann beispielsweise alles rund um regenerative Energien sein. Im Weiteren wird das Risikoprofil entschieden, das heißt: Welche Wertpapiere kommen für den Fonds in Frage? Das Mischungsverhältnis zwischen Aktien und festverzinslichen Papieren beeinflusst die Wertentwicklung des Fonds maßgeblich. Je höher der Anteil an festverzinslichen Papieren, wie zum Beispiel Länderanleihen, umso weniger nimmt der Fonds an den Chancen und Risiken der Entwicklung der Aktienkurse teil und umgekehrt.
Bei der Auswahl von nachhaltigen Kapitalanlagen spielen Positiv- und Negativkriterien eine wichtige Rolle. Je mehr Positivkriterien ein Wertpapier erfüllt, umso besser steht es um die »ökologische Bonität«. Negativkriterien dienen in erster Linie dazu, um zum Beispiel besonders umweltschädigende Unternehmen auszuschließen.
Einer der Pioniere aus dem Finanzdienstleistungsbereich war die oeco capital Lebensversicherung AG, eine Neugründung aus dem Jahr 1996. Sie war und ist bis heute der einzige ökologische Lebensversicherer. Eine Weile beobachtete die Branche diesen Exoten, bis sich herumsprach, dass mit nachhaltigen Kapitalanlagen gutes Geld zu verdienen ist. Inzwischen haben viele Versicherer ihre Produktpalette um ökologische Angebote erweitert.
Rating und Indizes
Jeder hat sie schon gesehen, die Indizes der großen Börsen. In Frankfurt regiert der DAX und an der Wallstreet der Dow Jones Index. Die wirtschaftlichen Trends der Aktienmärkte bilden sich in diesen Indizes ab. Der DAX beinhaltet 30 ausgewählte Konzerne, die alle Industriezweige, wie zum Beispiel die Automobilbranche, Dienstleister, Energieversorger, die Pharma- und Technologiebranche und weitere, vertreten.
In den vergangenen Jahren sind auch solche Indizes entstanden, die sich bestimmten Themen widmen. Ein solcher Index ist zum Beispiel der GreenTec Climate 30, der das Thema »Klimaschutz « möglichst prägnant darstellen soll. Sechs verschiedene klimarelevante Aspekte werden abgedeckt, von »Erneuerbare Energien«, »Energie- effizienter Transport«, »Energieeffiziente Produkte und Häuser«, »CO2-Reduktion«, »Wasser« bis hin zum »Recycling«.
Aufgrund seiner hohen Bedeutung ist der Bereich der erneuerbaren Energien mit zehn Unternehmen zu jeweils fünf Prozent im Index überdurchschnittlich stark repräsentiert. Die übrigen fünf Sparten umfassen jeweils vier Aktien zu jeweils 2,5 Prozent.
Wie bei Nachhaltigkeitsfonds wird auch beim Index mittels Ausschluss- und Positivkriterien geprüft, welche Wertpapiere in den Index aufgenommen werden können. Diese Prüfung nennt man im Branchenjargon »Rating«. Das Rating führen meist unabhängige Ratingagenturen durch, wie zum Beispiel oekom research, imug oder scoris.
Im Fall des Dow Jones Sustainability Index (DJSI) übernimmt diese Arbeit das hauseigene Analystenteam des Schweizer Indexbetreibers sam. Von den 2500 weltgrößten Konzernen wählen sie diejenigen aus, welche innerhalb ihrer Branche die besten ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Bewertungen erzielen. Aus diesen Branchen werden die »Klassenbesten«, das heißt die stärksten zehn Prozent für den DJSI World und die besten 20 Prozent für den DJSI Stoxx, ausgewählt. Diese Methode wird auch Best-in-Class genannt.
Der Best-in-Class-Ansatz unterscheidet sich daher grundsätzlich von solchen Bewertungsverfahren, die mit Negativ- beziehungsweise Ausschlusskriterien arbeiten. Andere Indizes oder Nachhaltigkeitsfonds legen strengere Maßstäbe an und schließen beispielsweise solche Unternehmen aus, deren Geschäft zu mehr als fünf Prozent mit Militärgütern, Atomkraftwerken oder Rohstoffgewinnung zu tun hat.
Aber es sind nicht nur die Aktien von vorbildlichen Unternehmen, die als nachhaltige Kapitalanlage geeignet sein können. Wem Aktien zu riskant sind, der hat auch die Möglichkeit sein Geld in festverzinsliche Wertpapiere zu investieren, wie zum Beispiel Länderanleihen.
Zur Finanzierung von Staatshaushalten vergeben Länder festverzinsliche Anleihen. Neben der Kreditwürdigkeit (finanziellen Bonität) dieser Länderanleihen prüfen auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagenturen ökologische, soziale und ethische Aspekte. Auch hier kommen Positiv und Negativkriterien zur Anwendung. Wer es auf die vorderen Ränge schafft, der empfiehlt sich für die meisten Nachhaltigkeitsfonds.
Das positive Ratingergebnis einer nachhaltigen Kapitalanlage hat noch einen ganz anderen Vorteil: Wer es geschafft hat, zu den »Klassenbesten « zu gehören, dessen Wertpapier empfiehlt sich fast automatisch für die Aufnahme in eine stetig wachsende Zahl von Nachhaltigkeitsfonds. Allein die Schweizer sam group verwaltet rund sechs Milliarden Euro auf der Basis des DJSI. Bei rund 300 Titeln im DJSI bedeutet das eine Investition von circa 20 Millionen Euro in jedes Wertpapier.
Der Finanzvorstand von DuPont, Gary Pfeiffer, äußerte einmal seine Beobachtungen bei Naturschützern, die oft sagten: »Die Wall Street kapiert Nachhaltigkeit einfach nicht!« Pfeiffer setzte entgegen, dass dem ganz und gar nicht so sei. Einfach formuliert, sagte Pfeiffer, sei die Wall Street immer dann froh, wenn (a) das Unternehmen in der Zukunft mehr Geld verdiene, (b) es das Geld lieber früher als später verdiene, und (c) es das Ganze mit weniger Risiken schaffe. In einem Umfeld, das sich so rasant ändert wie es heute der Fall ist, bieten alle drei Aspekte einen guten Grund, in nachhaltige Innovationen zu investieren. Denn gute unternehmerische Entscheidungen reduzieren Risiken, und nur wer Risiken reduziert, denkt nachhaltig.
Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr

