Was wäre, wenn man die Welt aus ungebleichter Baumwolle und wiederverwerteten Flaschen neu entstehen lassen würde? Wäre sie wirklich unproblematischer, würde sie vor Reinheit strahlen und vor Tugend strotzen? Man sollte sich klarmachen, dass etwas, das nachhaltig aussieht, nicht unbedingt auch nachhaltig produziert wurde. Wir benötigen weiterhin Dinge aus Kabeln und Metallteilen oder Gegenstände aus Plastik. Ohne Plastik hätten wir weder Herzschrittmacher noch Bewässerungssysteme. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass unsere Materialkultur demnächst durch eine restriktive und einfache Ästhetik ersetzt wird. Zudem wäre es verhängnisvoll, wenn wir uns jetzt schon mit unserer kleinen Palette von Ersatzmaterialien zufrieden gäben. Natürlich könnten wir Handys aus Sojamaterial fertigen, aber sobald Ameisen unsere Telefone auffressen, wird uns schnell klar werden, dass es auch beim Öko-Design zu kurzsichtige Ansätze geben kann.
Elektronische Geräte müssen stabil genug produziert sein, damit sie noch viel mehr aushalten als den Angriff hungriger Insekten. Aus zerstoßenen Schalen von Sonnenblumenkernen kann man wunderbare Sofatische herstellen, aber das Material eignet sich keineswegs für Sonnenkollektoren. Das Material selbst kann ein Produkt nicht nachhaltig machen, weil es so etwas wie »nachhaltiges Material« gar nicht gibt. Natürlich sollten bestimmte Materialien nicht verwendet werden, aber Nachhaltigkeit hat vor allem damit zu tun, wie wir die ausgewählten Materialien verarbeiten. Sie alle werden extrahiert, erhitzt und abgekühlt. Zudem wird weitere Energie verbraucht, indem wir sie hin und her befördern. Daher ist es weitaus sinnvoller, im Produktionszyklus an Ort und Stelle größere Fertigungstiefen zu erreichen, als Rohmaterialien und Halbprodukte über weite Strecken zu transportieren. Auch recyceltes Glas verbraucht mehr Energie, als wir vielleicht wahrhaben möchten. Wenn wir nutzen, was wir haben, und wenn wir den Strom der Materialien vernünftig lenken, können wir die Schäden möglichst gering halten. Wichtig dabei ist, dass knappe, kostbare Güter nicht für untergeordnete Zwecke verbraucht werden, sondern zu langlebigen und wiederverwertbaren Produkten verarbeitet werden. Langlebige Dinge können Wasser sauber halten, Leben retten und »grüne« Energie freisetzen.
Datenbanken und Online-Bibliotheken: Software zu Materialien
Um die Herkunft der Materialien zu untersuchen, muss man unzählige ineinander verwobene Systeme befragen. Oft ist es eine schier unlösbare Aufgabe, den versteckten Elementen in den von uns gekauften Produkten auf den Grund zu gehen. Wenn die Informationen sortiert und gebündelt würden, könnten wir besser verstehen und einschätzen, welche Auswirkungen ein Produkt hat. Inzwischen gibt es eine Reihe von großen Datenbanken, in denen die Inhaltsstoffe aufgelistet werden, die Herstellern heute zur Verfügung stehen. Wir Konsumenten sollten über die Herkunft und Anwendung von bestimmten Materialien Bescheid wissen, um damit nicht nur unsere Neugier zu befriedigen, sondern um mehr Einfluss ausüben zu können.
Zu den besten Quellen, um etwas über neue, unbekannte Stoffe zu erfahren, gehören Online-Ressourcen wie der Material Explorer (www.materia.nl) oder die internationale Bibliothek bei Material ConneXion (www.epea.com/ deutsch/epea/kollaboration.htm). Beide Internetseiten werden ständig aktualisiert, damit sie alles Neue und Bemerkenswerte enthalten. So spart man sich das stundenlange Stöbern in Suchmaschinen, wenn man zum Beispiel nach formbarer Kartoffelstärke oder einer ultradünnen, recyclingfähigen Verpackung sucht, die der chemischen Zusammensetzung von Eierschalen nachempfunden ist. Ob es nun um Wolle aus Seegras und Zellulose oder Papier aus gemahlenen Mandelschalen geht: Material ConneXion ist die weltweit größte Informationsquelle zu neuen Materialien und nutzt Bibliotheken in großen Herstellungszentren wie New York, Bangkok und Köln. Die faszinierendsten Erfindungen der Branche stammen nicht immer aus dem Weltraumzeitalter. So stellt die italienische Firma Corpo Nove zum Beispiel eine Faser aus Brennnesseln her und macht sich damit eine Technik aus Napoleons Tagen zunutze. Mit Methoden der Textilherstellung, die während der Baumwollknappheit der Weltkriege wiederauflebten, kann man die Hohlfasern von Brennnesseln in ein natürlich isolierendes Gewebe verwandeln. Je nachdem, wie die Fasern gedreht oder gesponnen werden, wird die Temperatur anders reguliert. Da Brennnesseln zu den mehrjährigen Pflanzen gehören, die auch in stickstoffreichen oder überdüngten Böden gedeihen, könnten sie eine interessante Lösung für landwirtschaftliche Probleme in Europa sein.
Wir alle wissen, dass unendlich viel Energie verbraucht wird, um wiederverwertetes Holz von Litauen nach Deutschland zu transportieren, und so läge ein besonderer Vorteil von Datenbanken darin, dass man lokale Informationen abfragen kann. Material ConneXion und der Material Explorer verbinden uns mit Lieferanten von Rosshaar in Hongkong, Sonnenkollektoren in der Tschechischen Republik und Salago-Papier auf den Philippinen. Man kann sich vorstellen, wie dieses System auch für lokale Anbieter funktionieren könnte.
Software dient außerdem zur Untersuchung der Nachhaltigkeit eines Materials. Wie Ingenieure sollten wir uns fragen: Welche Menge an Energie und Ressourcen wurde nun wirklich für unsere Arbeitsplatte aus zerstoßenen Mandelschalen verbraucht? Die Welt wartet noch auf die Erfindung einer Datenbank, mit der man in einer konkreten Situation die Nachhaltigkeit von Materialien vergleichen oder die chemische Zusammensetzung und biologische Abbauzeit eines Materials abfragen kann. PRé, eine holländische Firma, die eine Software namens SimaPro herstellt, widmet sich genau dieser Untersuchung – bis jetzt wurden aber noch nicht alle existierenden Materialien behandelt. Indem Lebenszyklus und Umweltbilanz eines Produkts analysiert werden, versorgt uns SimaPro mit zahlreichen Informationen zu seinen wahren Auswirkungen. Man erfährt zum Beispiel, welche Menge an Energie erforderlich ist, um einen Wasserhahn aus Stahl zu fertigen. Auch ein lokales Informationssystem könnte uns mit diesem Wissen versorgen und uns so ermöglichen, das »wirklich Grüne« dem »scheinbar Grünen« vorzuziehen.


