care & click charity

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Samstag, 09. August 2008 10:00 Uhr
Kategorie: Dossier, WorldChanging

Von: AS, HL, JC, SR/© KNESEBECK VERLAG

Grüne Infrastruktur

Das Leben in dichten, städtischen Wohngegenden erleichtert es uns erheblich, umweltbewusster zu leben. Aber häufig sind unsere Städte selbst das Problem. Städte helfen uns zwar, die umweltschädlichen Einflüsse auf ferne Regionen zu verringern (indem wir keine Wälder roden oder Hügel sprengen müssen, um Häuser zu bauen), doch die natürlichen Systeme in unmittelbarer Nähe der Städte verkümmern häufig zu kläglichen Überresten der einstigen Schönheit.

WorldChanging

Das ist tragisch, weil die meisten Städte an Orten entstanden, wo die Natur besonders üppig war – wo es fruchtbare Böden, reiche Fischgründe oder Wasser im Überfluss gab. Während die Städte wuchsen, wurde häufig der beste Boden mit Asphalt oder Beton versiegelt und das beste Wasser mit Abwasser verschmutzt. Die Trennschichten, die alte Methoden der Infrastruktur zwischen Stadtbewohner und Natur geschoben haben, trüben unsere Fähigkeit, kluge und langfristige Entscheidungen mit Blick auf die Interessen der Erde zu treffen.

 

Wir brauchen eine städtische Infrastruktur, die es uns ermöglicht, im Einklang mit den natürlichen Systemen zu leben, die uns ernähren – wir müssen anfangen, uns den ganzen Planeten als unser Zuhause vorzustellen. Es gibt schlichtweg keinen ausschließlich der menschlichen Kultur vorbehaltenen Ort. Im 60. Stock eines Wolkenkratzers in Manhattan steht man in gewissem Sinn genauso mitten in der Natur wie bei einem Spaziergang im Wald. Das Wasser aus dem Hahn kommt von den Hügeln im Hinterland und fließt durch einen Kanal bis zur Kläranlage am East River. Die Wände rings um einen wurden aus Steinen errichtet, die aus Steinbrüchen stammen; sämtliche Metalle wurden in tiefen Stollen geschürft. Greifen Sie einen beliebigen Aspekt des eigenen Alltags heraus, und Sie werden feststellen, dass er einen Bezug zur Natur hat, wenn man die Spur weit genug zurückverfolgt.

 

Es ist an der Zeit umzudenken. Es ist an der Zeit – um ein Zitat des Autors Wallace Stegner aufzugreifen –, so auf dem Planeten zu leben, als hätten wir die Absicht, länger zu bleiben. Um das zu erreichen, um eine Zivilisation aufzubauen, die langfristig angelegt ist, müssen wir damit beginnen, Städte zu bauen, deren Abläufe so nah wie möglich den Abläufen in der übrigen Natur ähneln.

 

Das Ziel, die Städte zu begrünen, bis sie Teil der natürlichen Kreisläufe sind, scheint noch in unerreichbarer Ferne, denn derzeit sind wir von Asphalt und Beton, von Autos und Gebäuden, von klappernden Apparaten und hängenden Drähten umgeben, an Orten wo sich die Natur (man denke an Ratten und Tauben) entweder von unseren Abfällen ernährt oder in winzige Parks und Rasen- flächen verdrängt wird. Dabei könnten die ersten Schritte zur Begrünung der Städte einfacher sein, als wir für gewöhnlich denken.

 

Bei einem großen Teil der Infrastruktur sind ökologische Alternativen längst überfällig. Die Kosten einer Umgestaltung der städtischen Infrastruktur sind freilich hoch, aber die Kosten für die Erhaltung der derzeitigen Systeme sind langfristig höher. Genau deshalb ist der Gedanke, sie schrittweise auszutauschen, auch vollkommen realistisch, wenn wir dafür mehrere Jahrzehnte veranschlagen.

 

Lebende Wände

 

Wie wäre es, wenn wir die Luftfeuchtigkeit auf natürliche Weise steigern könnten, statt den Luftbefeuchter einzuschalten? Im Hauptgebäude der University of Guelph-Humber von Ontario gestalteten die Architekten eine innenliegende Wand aus Pflanzen als »lebenden« Luftreiniger.

 

Der vier Stockwerke umfassende Biofilter besteht aus einem dichten Dschungel aus Farnen, Efeu und anderen Pflanzen, die in der Luft vorhandene Schadstoffe zu Wasser und Kohlendioxid zerlegen. Da die Pflanzen die Schadstoffe absorbieren und auf natürliche Weise aufspalten, muss die »Wand« nicht gereinigt werden. Darüber hinaus senkt der Sauerstoff, der von dem vielen Grün erzeugt wird, den Bedarf an künstlicher Belüftung und verhilft der Universität zu hohen Einsparungen an Energie.

 

Die »lebende Wand« steigert zudem die Ästhetik des Gebäudes. Wie ein Kunstwerk ragt das üppige Grün im Atrium hoch auf. Forscher haben versucht, die positiven Auswirkungen von Biofiltern auf die menschliche Psyche zu quantifizieren, und sagen voraus, dass die Anwesenheit von so viel Grün die Aufmerksamkeit erhöhen wird. Wer den Sauerstoff aus Belüftungssystemen gewöhnt ist, dem wird diese Innovation wie eine frische Brise vorkommen.

 

Bäume für den Klimaschutz: care&click

 

Der beste Weg im Klimaschutz ist natürlich, sicherzustellen, dass die schädlichen Klimagase, vor allem Kohlendioxid (CO2), erst gar nicht entstehen. Das bedeutet: Energie sparen, effizienter damit umgehen und fossile Energieträger durch erneuerbare ersetzen. Bäume allerdings tun etwas gegen das CO2, das bereits in der Atmosphäre ist, da sie über ihre Blätter bei der Photosynthese CO2 aufnehmen (biotische Kohlenstoffbindung).

 

Allerdings wäre es eine große Illusion zu meinen, auf diesem Wege das Klimaproblem grundsätzlich lösen zu können: In Deutschland zum Beispiel werden im Jahr über 200 Tonnen Klimagase emittiert; 30 Prozent des Landes sind von Wald bedeckt, der rund 10 Millionen Tonnen CO2 unschädlich machen kann. Selbst wenn das ganze Land nur aus Wald bestünde, würde dies die Klimagase nur zur Hälfte binden.

 

Deshalb ist es besonders wichtig, sich dafür einzusetzen, das Verhalten der Menschen zu ändern. Dies hat sich der Verein care&click zum Ziel gesetzt, der versucht, Ästhetik und Umweltschutz miteinander zu verbinden. In seinem aktuellen Projekt auf www.care&click.org nutzt er die Reichweite des Internets, um das Pflanzen von Bäumen zu fördern und das Bewusstsein der Besucher der Internetseite zu verändern. In Kooperation mit dem Verein PrimaKlima-weltweit werden mit Hilfe von Geldern engagierter Sponsoren Bäume gepflanzt. Weltweit hat die Klimaschutzorganisation bis Mitte 2007 bereits dazu beigetragen, 40 Quadratkilometer Fläche mit 8,7 Millionen Bäumen aufzuforsten. Das entspricht rund 34 500 Tonnen Kohlendioxid oder den Emissionen von rund 2300 Privathaushalten in Deutschland. care&click hilft dabei mit, indem der Verein auf seiner Internetseite täglich hochwertige Bilder zum kostenlosen Download anbietet, die die Verletzbarkeit unseres Planeten in allen Formen darzustellen versuchen. Engagierte Firmensponsoren unterstützen das Engagement der Besucher der Internetseite und spenden pro Download 10 Cent für die Wiederaufforstung. Gebunden an diese Downloads stellt eine Online-Redaktion Informationen, jenseits des moralischen Zeigefingers, anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich, zusammen.

 

Grüne Dächer

 

Wir jammern, dass der Raum in den Städten knapp wird, und sitzen gleichzeitig unter einer großen ungenutzten Fläche. Mit Blick auf die steigenden Immobilienpreise (und steigenden Temperaturen) ist es erstaunlich, dass Dachflächen bei der Rechnung offenbar nie berücksichtigt werden, obwohl flache, offene Dächer in den meisten städtischen Gegenden potenzielle Gärten sind. Ein mit Gras oder Sträuchern bepflanztes Dach kühlt nicht nur das Gebäude, absorbiert UV-Strahlen, die der Fassade schaden, erzeugt Sauerstoff und beeinflusst so das Stadtklima positiv, es bietet darüber hinaus einen herrlichen Raum für Freizeit und Gartenarbeit.

 

Selbst mit vielen Grünpflanzen kommt ein grünes Dach mit relativ wenig Pflege aus. Wenn man nicht gerade in einer Wüstengegend lebt, übernimmt der Regen die Bewässerung, vor allem wenn man für das Klima geeignete Pflanzen wählt. In sehr dicht besiedelten Gegenden, wo niemand den Luxus eines Gartens hat, können grüne Dächer die Lebensqualität aller steigern, indem sie etwa einen Rasen in luftiger Höhe bieten.

 

Kühle Dächer – weiße Dächer

 

Dunkle Flächen bedecken unsere Städte. Die heißen Sonnenstrahlen verwandeln schwarze Dachflächen in Heizstrahler, die zu der Aufheizung in einer Stadt beitragen und das Innere der darunterliegenden Gebäude zum Kochen bringen.

 

Eine einfache und schnelle Lösung? Aus heißen, dunklen Dächern müssen wir »kühle Dächer« machen. Bei den meisten Häusern muss etwa alle 20 Jahre das Dach erneuert werden. Laut Studien mehrerer Gruppen, darunter das Lawrence Berkeley National Laboratory, kann schon der Wechsel von einer dunklen Dachbedeckung (die traditionelle Farbe, weil sie Holz ähnlicher war) zu einer hellen (weißes Titanzink oder Terrakotta-Rot) den Energieverbrauch der Klimaanlage um bis zu 40 Prozent senken.

 

Regengärten

 

In Städten, wo Nachhaltigkeit allmählich ein wesentlicher Faktor der Stadtplanung wird, nutzen die Planer zunehmend künstliche Biotope voller lebender Pflanzen, um Dächer abzukühlen, den Energieverbrauch zu senken, einen bewussten Umgang mit Wasser zu fördern, die Erosion zu verringern und Tieren das Durchqueren von bebauten Flächen zu erleichtern. Es stellt sich heraus, dass solche Biotope auch das Wasser reinigen, das von den Straßen und Parkplätzen strömt.

 

Der Regen in der Stadt nimmt Schadstoffe von den versiegelten Flächen auf, auf die er fällt; die Schadstoffe werden anschließend mit dem Regenwasser in die Kanalisation gespült. Sobald das Wasser offene Erde erreicht, werden viele Toxine herausgefiltert oder von Pflanzen aufgespalten. Flache Senken und Gruben, so genannte Regengärten, können den Wasserstrom aufnehmen und lassen ihn langsam durch Boden und Wurzeln sickern. So wird das Wasser gereinigt, bevor es in die Kanalisation gelangt.

 

Natürlich stellt sich die Frage, was mit den Schadstoffen geschieht, die der Boden herausfiltert. Eine Lösung könnte sein, Pflanzen einzusetzen, die zur Bioremediation fähig sind – Pflanzen, die Toxine aus dem Boden absorbieren und speichern oder in ungiftige Substanzen zerlegen. Aber selbst ohne zusätzliche Innovation sind Regengärten sinnvoll. Es ist erheblich einfacher, die an einem Ort konzentrierten Schadstoffe zu beseitigen als die großflächige Verschmutzung entlang von Flüssen, Seen und Küsten.

 

Grüne Fassaden

 

Grüne Fassaden wirken wie ein Sonnenschutz für die Außenwände des Gebäudes. Sie bestehen aus Grünpflanzen, in der Regel Kletterpflanzen wie Efeu, die man so beschneiden kann, dass sie senkrecht hochwachsen und eine dichte Deckschicht ergeben. In heißen Gegenden tragen grüne Fassaden dazu bei, die Temperatur zu senken, indem sie die Sonnenstrahlen von den absorbierenden Wandflächen abschirmen. Diese natürliche Methode der Temperaturregelung hat auch den großen Vorteil, dass das Äußere des Gebäudes attraktiver wird und sich weitgehend selbst reguliert, sobald ein Stamm in die gewünschte Richtung gelenkt wurde – und vorausgesetzt, es tritt keine große Dürre ein. An älteren Gebäuden oder Häusern mit gestrichenen Fassaden verwenden viele Besitzer Spaliere oder andere gitterartige Konstruktionen, die einen gewissen Abstand zwischen den Kletterpflanzen und der Wand bewahren, damit die Oberfläche nicht beschädigt wird.

 

Heller Beton

 

Bauingenieure bezeichnen die Fähigkeit einer Oberfläche, das Licht zu reflektieren, als Albedo. Je geringer der Albedo-Wert ist, desto mehr Sonnenhitze absorbiert eine Fläche und desto stärker trägt sie zum Entstehen städtischer Wärmeinseln bei. Die flimmernde Hitze über schwarzem Asphalt dürfte jedem bekannt sein.

 

Am Beispiel von New York wurde gezeigt, dass es enorm positive Auswirkungen auf die Luftqualität, den Energieverbrauch und die Gesundheit der Bewohner hätte, wenn die Stadt, bezogen auf ihre Gesamtfläche, den Albedo-Wert nur um einen Bruchteil steigern könnte. Hierfür müsste ein großer Teil des schwarzen Asphalts durch heller gefärbten Beton ersetzt werden.

 

Durch eine Senkung des Wärmeinseleffekts würde in Bodennähe der Gehalt an Ozon gesenkt, das Augen und Lunge reizt; ebenso ließe sich durch die Temperatursenkung der steigende Bedarf an Klimaanlagen reduzieren. Wenn man die Temperatur in der Stadt um nur 1,7 Grad Celsius senken könnte, würde sich laut der Studie die Luftqualität ebenso stark verbessern, wie wenn eine ganze Flotte der städtischen mit Benzinmotoren ausgestatteten Busse und Lastwägen durch Fahrzeuge mit Elektroantrieb ersetzt würde (2005).

 

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr


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