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Montag, 03. November 2008 15:00 Uhr
Kategorie: Dossier, WorldChanging

Von: HL, SR/© KNESEBECK VERLAG

Große Ökohäuser und Wolkenkratzer

Als wir noch klein waren, bestaunten wir ehrfurchtsvoll die Hochhäuser. Ein Stadtbummel war schon wegen der Größe und dem hektischen Treiben auf den öffentlichen Plätzen ein Erlebnis. Heutzutage setzen wir keine allzu großen Hoffnungen in Hochhäuser.

WorldChanging

Wer in einem öden Bürohochhaus arbeitet, trottet Tag für Tag zur Arbeit und weiß genau: Bestenfalls drückt das triste Innere der Räume die eigene Stimmung ein wenig, schlimmstenfalls wird einem bei der schlechten Belüftung und dem künstlichen Licht regelrecht schlecht. Dabei können Gebäude verbessert werden.

 

Wir können Büroräume revolutionieren, indem wir mehr Tageslicht einlassen, Zimmerpflanzen aufstellen, die Belüftung verbessern, Zugang ins Freie ermöglichen. In einer derartigen Arbeitsatmosphäre steigt die Produktivität in der Regel sprunghaft an und die Gemeinkosten sinken. Sinnvoll entworfene Gebäude wirken sich so auch über die ökologischen Folgen hinaus positiv aus.

 

Es kommt darüber hinaus darauf an, energie- und ressourceneffiziente Konzepte zu verwirklichen. Wie zum Beispiel im badenwürttembergischen Ludwigshafen: Dort wurde – laut Handelsblatt vom 20.1. 2008 – 2006 das weltweit größte Bürohaus in Passivbauweise errichtet. Das »Luteco« hat eine Nutzfläche von rund 9850 Quadratmetern und spart gegenüber vergleichbaren herkömmlichen Bauten pro Jahr 78 000 Liter Heizöl ein. Dabei sind die Baukosten noch nicht mal höher als bei konventionellen Bürogebäuden, denn es wurde kompakt gebaut und man hat auf unnötig große repräsentative Räume verzichtet.

 

Wenn wir schöne, grüne Städte schaffen wollen, brauchen wir Gebäude, die den Weg erhellen, die uns einen Grund geben, die Erwartungen an große Bauwerke hochzuschrauben, und die uns das längst verlorene Staunen zurückgeben.

 

Viele Entwürfe für heutige Wolkenkratzer und öffentliche Gebäude haben sich zum Ziel gesetzt, Besucher durch eindrucksvolle Architektur und unkonventionelle Raumnutzung zu beeindrucken, wobei gleichzeitig auf ökologische Integrität und die Vermittlung eines allgemeinen Wohlgefühls Wert gelegt wird.

 

Der Editt Tower, Singapur

 

Stellen Sie sich vor, Sie spazieren durch einen grünen Stadtpark und finden sich plötzlich im Atrium eines Wolkenkratzers wieder. So ähnlich wird man den Editt Tower in Singapur erleben. Der unter der Leitung des malayischen Architekten Ken Yeang noch in der Planungsphase befindliche Turm erreicht annähernd die Verschmelzung von innen und außen, indem im ganzen Gebäude Grün angepflanzt wird – innen wie außen, von oben bis unten. Das 26-stöckige Gebäude ist so angelegt, dass es die Kluft zwischen den Büroräumen im obersten Stock und den Fußgängern am Boden möglichst verringern soll. Die Besucher können über landschaftlich gestaltete Rampen und grüne Wege, an denen sich die Geschäfte reihen, bis in den fünften Stock bummeln. Die einheimischen Pflanzen entlang der Wege werden über Regenwassernutzung und Abwasseraufbereitung bewässert. Betätigt jemand im 21. Stock die Klospülung, fließt das Wasser anschließend durch ein eigens installiertes Reinigungssystem und wird direkt in die Bewässerungskanäle eingespeist. So entsteht ein geschlossenes System für den Wasserbedarf. Weitere ökologische Elemente wie Solarenergie und natürliche Belüftung werden die Kosten senken und ein angenehmes Raumklima schaffen. Die Pläne für den Editt Tower wurden auf spätere Nachrüstmöglichkeiten und die langfristige Entsorgung der Baubestandteile hin geprüft, damit gewährleistet ist, dass die Umweltverträglichkeit nicht nur für den ursprünglichen Bau, sondern für die ganze Lebensdauer erhalten bleibt.

 

Ken Yeang, dessen Entwurf 1998 den Preis »Ecological Design in the Tropics« gewann, setzte sich bei der Entwicklung das menschliche Wohlbefinden zur obersten Priorität. Im Gegensatz zu dem kalten, isolierten Leeregefühl vieler Wolkenkratzer werden sich hier munter Menschen und Pflanzen tummeln, und der Handel wird blühen. Durch die Integration von innen und außen, sowie die Verbindung der obersten Stockwerke mit den untersten wird die sonst so flüchtige Energie eines großen Gebäudes zu einem geschlossenen Ganzen vereint. Selbst in der Planungsphase dient der Editt Tower bereits als inspirierendes Modell für die Möglichkeiten der Revitalisierung von Wolkenkratzerlandschaften. Wenn er einmal fertiggestellt ist, wird hoffentlich auf der ganzen Welt an ähnlichen Entwürfen gebaut.

 

Der Reichstag in Berlin

 

Von all den Faktoren, die eine Regierung vertrauenswürdig machen, steht die Transparenz ganz oben auf der Liste. Der Zugang zu offiziellen Prozessen, die sich (im Allgemeinen) hinter verschlossenen Türen abspielen, stimmt uns mit der Arbeitsweise unserer sozialen und politischen Systeme zufriedener. In Deutschland, dessen Geschichte als Musterbeispiel für die Gefahren einer geheimen Politik dient, hat Transparenz einen noch höheren Stellenwert. Das wird nirgendwo deutlicher symbolisiert als im Parlamentsgebäude: dem Reichstag.

 

Der Reichstag hat sowohl extreme Amtsvergehen als auch gewaltige zivile Umwälzungen erlebt. Der verheerende Brand im Jahr 1933 destabilisierte die Weimarer Republik und ermöglichte der NSDAP die Machtübernahme. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Gebäude jahrzehntelang in Trümmern. In den 1960er Jahren wurde es wieder aufgebaut, und im Jahr 1990 fand hier die Zeremonie der deutschen Wiedervereinigung statt.

 

Deutschland bot sich die Gelegenheit, ein architektonisches Symbol für seinen erneuerten Staat zu schaffen, indem der Reichstag so umgebaut werden sollte, dass er die Werte und Visionen der deutschen Demokratie widerspiegelte. Im Jahr 1992 wurde dem Architekten Sir Norman Foster der Auftrag erteilt, ein neues Markenzeichen für das deutsche Parlament zu entwerfen.

 

Der Reichstag zählte bereits zu den symbolträchtigsten Gebäuden Berlins, und Fosters Version ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie kulturelle, soziale und politische Rahmenbedingungen in der Architektur verkörpert werden. Das Gebäude ist voller Licht; innenliegende Sitzungssäle sind von Glas umgeben und gestatten es Besuchern, parlamentarische Sitzungen von außen zu verfolgen. Diese völlige Transparenz fungiert als Symbol für die Offenheit der heutigen deutschen Regierung.

 

Dieselben Elemente, die den Reichstag transparent machen, tragen auch zur ökologischen Qualität bei. Planer und Ingenieure haben sich viel einfallen lassen, um die Heiz- und Energiestrategie des Gebäudes fortschrittlich zu gestalten. Sie besteht aus einer Kombination verschiedener moderner Umwelttechniken: Die 300 Quadratmeter große Solarstromanlage auf dem Dach und die beiden Blockheizkraftwerke, die mit Bio- Dieselkraftstoff aus Mecklenburg-Vorpommern betrieben werden, liefern schon 82 Prozent des Stroms für den Reichstag und die umliegenden Parlamentsgebäude. Spezielle Verglasungen und Dämmungen verringern Wärmeverluste; Absorptionskältemaschinen nutzen im Sommer einen Teil der Ab- wärme der Motoren für die Kühlung. Ein anderer Teil pumpt salzhaltiges Wasser aus einem tiefgelegenen Reservoir hoch, wird erhitzt und anschließend wieder in 300 Metern Tiefe gespeichert wird und im Winter zum Heizen dient. Umgekehrt wird in 60 Metern Tiefe gespeichertes kaltes Wasser im Sommer zum Kühlen genutzt. Auch die imposante Kuppel, die Foster »ein Fanal, das Stärke und Vitalität des demokratischen Prozesses in Deutschland signalisiert«, nennt, ist Teil des Energiekonzeptes; sie dient zum Entlüften wie zur Belichtung des Plenarsaales. 360 trichterförmig angeordnete Spiegel leiten Tageslicht in den Raum, wird es jedoch zu hell oder zu heiß, werden sie computergesteuert in eine andere Position gebracht und wirken wie ein Schirm. Verbrauchte Luft entweicht über eine Öffnung in der Kuppelmitte, zuvor wird ihr jedoch noch mit einer Wärmerückgewinnungsanlage die Wärme entzogen.

 

Mit diesen und anderen Maßnahmen können die Kohlendioxid-Emissionen des Gebäudes von 7000 Tonnen im Jahr auf bis zu 400 gesenkt werden. Das Rocky Mountain Institute sprach 2002 sogar von einer Minderung um 94 Prozent.

 

Das Hauptquartier der Swiss Re in London

 

Das Londoner Hauptquartier der Swiss Re (schweizerische Rückversicherung), das von Ken Shuttleworth aus dem Büro von Sir Norman Foster entworfen wurde, ist zu einer Ikone unter den modernen Wolkenkratzern geworden, die nach biomorphen Grundsätzen gestaltet sind und eine ökologisch sinnvolle Bauweise und ebensolche Abläufe mit- einander vereinen. Das Konzept für den Bau wurde von Buckminster Fullers theoretischem Werk zur Beziehung zwischen den Mustern der Natur und der menschlichen Arbeitsumgebung inspiriert. Wegen seiner Form hat er den Spitznamen »die Gurke« bekommen.

 

Das Gebäude ist von einer strukturierten Hülle aus Aluminium, Stahl und Glas umgeben, welche die Grenzen zwischen Dach und Wand verschwimmen lässt und die Energieeffizienz steigert, indem toter Raum abgeschafft wurde. Eine einzigartige, diagonale Struktur ermöglicht offene Innenräume, die nur von Säulen getragen werden. Die Büroräume werden durch offene Gemeinschaftsräume voneinander getrennt, die sich auf jeder Ebene an einer anderen Stelle befinden, so dass sie sich spiralförmig nach oben fortsetzen. Die Belüftungskanäle in der Fassade des Gebäudes verbinden die Gemeinschaftsräume miteinander, indem sie durchgehende vertikale Öffnungen schaffen, die Licht und Luft durch die gesamte Struktur lassen. Auf diese Weise wird der Bedarf an künstlicher Belüftung und Klimatisierung gesenkt. So werden die Betriebskosten niedrig gehalten, es wird Energie gespart und zugleich das Wohlbefinden der Beschäftigten gesteigert.


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