Im Rahmen der Nachhaltigkeitsdiskussion wird das Humankapital – das sich aus gesunden, geschulten, kreativen und engagierten Menschen zusammensetzt – häufig höher eingestuft als das ökonomische Kapital. Damit werden der Bedarf nach einem auf den Menschen ausgerichteten Ansatz für die Entwicklung und der Beitrag des Einzelnen zur allgemeinen Schaffung von Wohlstand anerkannt.
Gemeindekapital bildet auf extrem verschiedenen Ebenen – von globalen Institutionen bis hin zu abgelegenen Dörfern in Entwicklungsländern – die treibende Kraft bei der Gemeindeentwicklung. Mittlerweile wird mehr Wert auf die eigenen Ressourcen einer Gemeinde gelegt als auf ihren Zugang zu externer Hilfe. In diesen Ressourcen ist natürlich auch Geld enthalten, aber insbesondere zählen dazu die Fertigkeiten der Bewohner, die sozialen Bindungen der Gemeinde, selbst die relative Gesundheit der Umwelt.
Das ist ein sehr ermutigender Gedanke, besonders für viele Gemeinden auf der Südhalbkugel, welche die Welt – und sie selbst – häufig als »arm« und der Hilfe von außen bedürftig betrachtet. Viele Gemeinden entdecken, dass sie sich ihr Humankapital zunutze machen und mit diesem Vermögen eine echte Entwicklung erreichen können. Sie brechen aus dem Mangeldenken und aus der Abhängigkeit aus. Dadurch entsteht ein unschätzbares Gefühl der Freiheit und der eigenen Möglichkeiten sowie der Kreativität und Selbstachtung.
Die Konzentration auf bestehende Ressourcen zahlt sich sogar in barer Münze aus: Gemeindekapital zieht in der Regel ein Wachstum des ökonomischen Kapitals nach sich.
»Soweto Mountain of Hope« – der Berg der Hoffnung
Auf den ersten Blick sieht das Ganze nicht wie ein Berg aus; schließlich ist die Anhöhe in Tshiawelo, Soweto, nur ein paar Stockwerke hoch. Aber wenn man mit den Menschen spricht, die hinter der erstaunlichen, sich seit 2001 vollziehenden Transformation dieses südafrikanischen Township stecken, erkennt man, dass es sich wirklich um einen Berg – der Hoffnung – handelt.
Kaum einem, der in den letzten fünf oder sechs Jahren zum ersten Mal an dem kleinen Postamt in Tshiawelo vorbeiging, dürften die dramatischen Veränderungen der Gegend entgangen sein. Der Hügel auf der anderen Seite der Straße, der heute für die Menschen ein Treffpunkt ist, genannt »Soweto Mountain of Hope« (SoMoHo), war früher ein verkommener Ort, der rivalisierende Stammesverbände voneinander trennte. Er diente als Müllhalde und war berüchtigt für Kämpfe, Vergewaltigungen und Morde. Während der Apartheid in Südafrika war dies der Ort, wo »Halsbänder« umgelegt wurden – Denunzianten wurden getötet, indem man ihnen einen mit Benzin getränkten Autoreifen um den Hals legte und in Brand steckte.
Die Kinder in Schuluniformen machten auf dem Heimweg einen großen Bogen um den Hügel. Heute überqueren sie ihn jeden Nachmittag und legen vielleicht auf dem Spielplatz eine kurze Kletterpause ein oder spielen in einem der vielen Steinkreise, oder sie werfen von dem alten Wasserturm aus einen Blick auf Soweto.
SoMoHo wurde initiiert von einem kleinen Unternehmen mit Sitz in Tshiawelo namens Amandla Waste Creations (AWC), das aus Abfall Kunstwerke herstellt. Getränkedosen, Plastiktüten, Papier, Draht – was immer: AWC betrachtet alle diese Dinge als Rohmaterial für die kreative Entfaltung. Bevor der Hügel in Soweto geschaffen wurde, leitete ein charismatischer, sozialer Unternehmer, Mandla Mentoor, das Unternehmen AWC. Es gelang ihm, gemeinsam mit den Einheimischen den eigenen Ansatz in eine größere Vision der ganzen Gemeinschaft umzuwandeln. Was wäre, wenn man aus dem kulturellen Abfall der Region – dem verschwendeten natürlichen, sozialen und menschlichen Kapital – ein soziales Kunstwerk machen könnte?
Im Jahr 2001 gewann Mentoor für seine Arbeit in der Gemeinde einen Preis. Zu der Zeit diente sein Haus als Zentrum für unzählige Gemeindegruppen. Es platzte buchstäblich aus allen Nähten, weil es viel zu wenig Raum bot. Mentoor versammelte Gemeindemitglieder, in erster Linie Jugendliche, um sich. Gemeinsam beschlossen sie, den von Müll übersäten Hügel aufzuräumen. Sie gaben das Preisgeld für Handschuhe, Schaufeln und dergleichen aus. Nach einer Räumaktion von mehreren Monaten gestalteten sie das Gelände neu, pflanzten Grün an, renovierten den Wasserturm und malten ihn an. Bis zum Earth Summit (Erdgipfel) im August 2002 war der Hügel zu einem wichtigen Treffpunkt für einheimische ebenso wie für internationale Aktivisten geworden, die Johannesburg aufsuchten. Das Unternehmen AWC wurde auf dem Gipfel sogar vorgestellt und als »Best-Practice-Musterorganisation« ausgezeichnet.
Soweto ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie eine Gruppe von Menschen ihre eigenen Fähigkeiten erkennen und nützen und daraus Kapital erzeugen kann: ökologisches, ökonomisches und soziales Kapital.
Potenziale der Menschen – Visualisierung der Chancen
Denk an einen Zimmerer, der bei einem Unfall ein Bein verloren hat. Natürlich hat er eine Behinderung. Aber er hat auch Fachkenntnisse. Betrachten wir die Tatsache, dass ihm ein Bein fehlt, nur einseitig, können wir ihn nicht in unsere Gemeinschaft integrieren. Doch wenn wir ihn als guten Holzfachmann sehen, profitiert unsere Gemeinschaft von diesem Fachwissen.
Asset-Based Community Development Institute (ABCD)
Üblicherweise analysieren wir bei einem Gemeindeentwicklungsplan die Schwäche, oder den Bedarf einer Gemeinde. Aber dadurch werden nur die Lücken und Probleme besonders deutlich. Die Hauptschwierigkeit bei dieser Herangehensweise ist, dass die Bewohner nur als Kunden oder Konsumenten gesehen werden und nicht als mündige Bürger und aktive Beteiligte an einem gemeinsamen Prozess. Erfolgversprechender ist es, wenn die Kompetenzen des Einzelnen und die sozialen Stärken und Potenziale in der Gemeinde betrachtet und zusammengetragen werden, um anschließend in einer bunten Landkarte als Chancen verzeichnet zu sein. Anhand der Visualisierung sehen selbst Personen, die nicht lesen oder schreiben können, ihre Stärken. Der partizipatorische Entwicklungsprozess beginnt also mit einer »Inventur der Kapazitäten «, baut auf Vorhandenem auf und bindet die Menschen als aktive Beteiligte ein, damit sie gemeinsam und kreativ ihre zukünftigen Wege selbst bestimmen (www.sesp.northwestern.edu/abcd).


