Aber selbst in internetverrückten Nationen wie den Vereinigten Staaten besteht noch eine starke digitale Trennlinie zwischen reichen, städtischen und überwiegend weißen und armen, ländlichen und überwiegend farbigen Gemeinden.
Aus dieser Trennlinie wird eine Kluft, wenn wir Industrienationen mit Entwicklungsländern im Hinblick auf die Internetnutzung vergleichen. Sollten Entwicklungsländer, die mit weit grundlegenderen Problemen wie Nahrungssicherheit, Wasserversorgung, Malaria und Aids zu kämpfen haben, der Aufnahme in die virtuelle Gemeinde eine hohe Priorität einräumen?
Die Frage kann durchaus bejaht werden. Viele Entwicklungsländer verfolgen, motiviert von positiven ebenso wie negativen Zukunftsvisionen, aggressive Strategien, um den Zugang zu Information zu steigern. Sie hoffen auf eine Zukunft, in der Lehrer spärlich bestückte Bibliotheken mit Online-Büchern ergänzen, wo Telemedizin – die Diagnose und Behandlung von Patienten an abgelegenen Orten mit Hilfe von Mobiltelefonen und anderen Telekommunikationsmitteln – die begrenzten Ressourcen ländlicher Krankenhäuser erweitert, wo lokale Kunsthandwerker Waren online an Kunden weltweit verkaufen und wo die nächste Studentengeneration den Computercode für internationale Unternehmen schreibt. Entwicklungsländer setzen auf Technologie, damit Computer und Internet die wirtschaftliche Kluft zwischen reichen und armen Ländern nicht noch größer machen, als sie ohnehin schon ist.
Als Reaktion hat sich eine Bewegung gebildet, in der Aktivisten, Technikfreaks, soziale Unternehmer und engagierte Bürger gleichermaßen neue Ansätze testen, um armen Gemeinden Zugang zu Computern, Internet und sogar Radio zu verschaffen und so die Probleme der Armut zu lösen. Das Schlagwort lautet: ICT4D, englisch abgekürzt für »Informations- und Kommunikationstechnologien für die Entwicklung« – dabei ist die Bedeutung viel einfacher: Wenn wir Menschen, insbesondere in armen, städtischen Gegenden, Hightechwerkzeuge für die Veränderung ihres Lebens zur Verfügung stellen, dann verändern wir die gesamte Dynamik. Wir schaffen damit von der Basis aus Raum für Innovationen, die sich auf eine Weise herauskristallisieren, die kein Außenstehender jemals hätte vorhersagen oder vermuten können. In den Industrienationen verbreitete sich das Internet so rasch, dass es den Anschein hat, dass in Kürze fast alle miteinander verbunden sein werden. Wegen einiger Hindernisse könnte es jedoch noch eine Weile dauern, bis ebenso viele Afrikaner wie Amerikaner online vertreten sind:
Kosten: Die Kosten für einen Rechner sind im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte von mehreren tausend Dollar auf mehrere hundert Dollar gefallen, aber Computer kosten immer noch mehr als das durchschnittliche Jahreseinkommen der Bürger in vielen Entwicklungsländern.
- Konnektivität und Strom: Die Kommunikationssysteme sind in vielen Ländern kläglich unzureichend – mit weniger als einer Überlandleitung für tausend Haushalte –, und in den meisten Haushalten in Entwicklungsländern gibt es keinen Stromanschluss für einen PC.
Bildung und Sprache: Das Internet ist eine Welt aus überwiegend geschriebenem Text, die Analphabeten verschlossen bleibt (in manchen Entwicklungsländern sind das noch über 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung). Darüber hinaus ist der Inhalt in großer Mehrheit auf Englisch geschrieben. Die Sprecher von Urdu, Bambara oder Bahasa-Indonesisch sind bei ihren Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.
Relevanz: Es findet sich im Internet zwar ungeheuer viel zu den Problemen einer amerikanischen Studentin oder eines europäischen Geschäftsmannes, aber wo steht online, wie man afrikanischen Farmern die Lösung der alltäglichen Probleme erleichtern könnte?
Innovatoren in der entwickelten und sich entwickelnden Welt befassen sich genau mit diesen Problemen, entwerfen billige und Strom sparende Computer, drahtlose Netzwerke und multilinguale Schnittstellen. Durch die rasch sich ausbreitenden Internetcafés werden die Kosten des Computerbesitzes und Internetzugangs auf Hunderte von Nutzern verteilt. Und erst unlängst wurden einige der viel versprechenden Technologien erfunden: UKW-Radios und Mobiltelefone könnten zu den Schlüsselinformationstechnologien für Entwicklungsländer werden. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder mit jedem sprechen kann und in der jeder Zugang zu dem Wissen hat, das er oder sie braucht, um produktiv und erfolgreich zu sein. Die Forscher, Unternehmer und Erfinder, die sich auf ICT4D konzentrieren, versuchen, genau diesen Traum in die Realität umzusetzen.
Innovative Netzwerke
Wie verbindet man einen Computer mit dem Internet? Man steckt das Modem in den Telefonanschluss ein und ruft den Provider an. Aber was ist, wenn man weder einen Anschluss hat noch einen bekommt? Dann muss man sich etwas einfallen lassen. Die niedrigen Kosten der Hardware des drahtlosen Internetzugangs (WLAN) waren Ansporn für Tüftler auf der ganzen Welt, zu testen, ob WLAN auch als eine Alternative zur Drahtinfrastruktur dienen könnte. Die meisten drahtlosen Zugangspunkte haben Rundstrahlantennen: Sie strahlen ein Signal in alle Richtungen aus und übertragen Daten an Computer innerhalb eines Umkreises von zirka 100–250 Metern. Durch die Montage von Richtungsantennen an konventionellen Zugangspunkten gelang es drahtlosen Hackern, Daten über Dutzende von Kilometern zu übertragen.
Diese Antennen müssen nicht sonderlich raffiniert sein. Hacker in den Vereinigten Staaten haben aus Chipsdosen Langstrecken-Antennen gebastelt. Mit Hilfe von Materialien, die in Bamako, Mali, ohne weiteres erhältlich sind – Plastikflaschen, gebrauchte Ventilschächte, Drahtgeflecht für Windschutzscheiben, Fernseh- und Koaxialkabel –, hat ein Team der ehrenamtlich tätigen Organisation Geekcorps Langstrecken-Antennen gebaut, die Rundfunkstationen mit dem Internet verbinden, für weniger als einen Dollar, 0,69 Euro, das Stück. In Nepal verbinden modifizierte Fernsehantennen abgelegene Dörfer mit einem 35 Kilometer entfernten Internet-Zugangspunkt. Über ein Netz aus drahtlosen Verbindungen hat inzwischen eine ganze Reihe von Dörfern mit dem Web verbundene Internetcafés, alles drahtlos.
Taxis und Minibusse sind häufig die Hauptverbindung zwischen Dörfern und der großen, weiten Welt. Sie befördern Fahrgäste, Medikamente, Nahrungsmittel – warum nicht auch digitale Daten? Diese Logik steckt hinter DakNet, einem gemeinsamen Projekt des Medienlabors im Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Dorfbewohner in dem indischen Staat Haryana. Computer in den Dörfern speichern E-Mail-Nachrichten, Voicemail und Videoaufnahmen und übertragen sie drahtlos an einen mit einem Computer ausgerüsteten Kleinbus, der einmal am Tag in die Stadt fährt. Wenn der Kleinbus in eine größere Stadt kommt, überspielt er die gesammelten Daten an einen ans Internet angeschlossenen Computer, und von dort aus gehen sie in die Welt. Erste Erfolge mit dieser Speicher- Weiterleiten-Methode haben die Erfinder ermutigt, ein richtiges Unternehmen zu gründen: First Mile Solutions, das mit Hilfe drahtloser und Speicher- Weiterleiten-Lösungen ländlichen Regionen auf der ganzen Welt Zugang zum Netz verschaffen will.
Software für lokale Bedürfnisse
Wenn sich Nutzer in Kambodscha vor einen Rechner im Internetcafé setzen, haben sie zwei Probleme: Sie müssen nicht nur herausfinden, wie der Computer funktioniert, sondern müssen auch Englisch lesen und es verstehen, weil die Programme auf dem Computer nicht in Khmer geschrieben sind. Frustriert durch diese digitale Trennlinie begannen Javier Solá und die Khmer Software Initiative den langwierigen Prozess, einen Web- Browser, einen E-Mail-Anbieter und ein Officepaket in Khmer zu entwickeln. Sie mussten nicht ganz bei Null beginnen: Ein Open-source-Browser, E-Mail- und Office- Programm existierten bereits auf Englisch – es musste nur in Khmer »lokalisiert«, an die Landes- sprache angepasst werden. Im Laufe des Projekts lernte Solá Dwayne Bailey kennen, den Leiter des Projekts Translate. org.za, das Open-source-Software übersetzt und derzeit OpenOffice, Firefox und Thunderbird – die wohl beliebtesten Open-source-Programme – in alle elf Amtssprachen von Südafrika überträgt. Bailey und Solá arbeiten gemeinsam an einem Rahmen, der die Übersetzung von Programmen erleichtert und ähnlichen Projekten weltweit helfen wird. Sie setzen sich auch vehement für Open-source-Software in Entwicklungsländern ein: Weil der Quellcode frei zugänglich ist, kann die Software kostenlos übersetzt und an lokale Bedürfnisse angepasst werden.
Kommunikationstechnologien für abgelegene Dörfer
Inveneo, eine gemeinnützige Organisation in San Francisco, liefert Informations- und Kommunikationsmittel an abgelegene Dörfer in Entwicklungsländern. Die Mittel basieren auf Open-source-Software und verbinden mit Hilfe des drahtlosen Internetzugangs WLAN und »Voice over Internet Protocol« (VoIP) – das Menschen ermöglicht, über Computer und Internet kostenlos zu telefonieren – viele abgelegene Orte mit- einander und mit breiteren Internet- und Telefonnetzen. Die Ausrüstung vor Ort wird mit Batterien betrieben, die über eine Kombination aus Solarzellen und Fahrradgeneratoren aufgeladen werden. Kurzum, Inveneo verbessert mit Open-source- Technologie und erneuerbarer Energie das Leben armer Menschen auf der ganzen Welt, indem es ihnen den Zugang zu Kommunikation erleichtert. Das ist keineswegs ein Wunschtraum oder ein Projekt nach dem Motto »In Kürze hoffen wir auf erste Erfolge«. Unterstützt von der Nichtregierungsorganisation ActionAid hat Inveneo sein System bereits in Dörfern in Uganda aufgestellt.


