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Mittwoch, 20. Januar 2010 10:24 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: AC, CB, DHM, JC, ML/© KNESEBECK VERLAG

Eine neue Katastrophenhilfe

Es fällt schwer, heute noch von »Naturkatastrophen« zu sprechen. Die Klimaveränderung, die Umweltzerstörung, Armut, eine unzulängliche Infrastruktur, Krieg und Bürgerkrieg – sehr oft entsteht aus der Kombination dieser Faktoren eine Katastrophe, wo früher nur eine schwere Krisensituation bestand.

WorldChanging

Der Wirbelsturm Katrina – der sich genau so verhielt, wie sich ein Sturm allen Voraussagen nach im Treibhausklima verhalten würde – radierte im Jahr 2005 die Stadt New Orleans beinahe von der Landkarte. Wer oder was war schuld an der Verwüstung, die er anrichtete?

 

Die Klimaveränderung, aufgrund derer der Sturm womöglich stärker wütete? Die Zerstörung der Überschwemmungsflächen am Mississippi und die Veränderung des Flusslaufs, welche die Überflutung während des Wirbelsturms verstärkten? Das Wirtschaftssystem, in dem viele Menschen zu arm waren, um sich aus der Schneise der Verwüstung in Sicherheit zu bringen? Die Infrastruktur von New Orleans, in die man nicht genug investiert hatte? Oder das Ausbleiben der Soldaten der National Guard, die normalerweise im Katastrophenfall eingesprungen wären, jedoch im Irak stationiert waren? Heutzutage lässt sich immer schwerer entscheiden, welche Teile des geschwächten Systems zum katastrophalen Kollaps führen. Es gibt sogar einen Begriff für die Rückkoppelung zwischen einer Umweltkatastrophe und dem Versagen menschengemachter Systeme, die sie zu verantworten haben: Wexelblat Disaster. In so einer Welt ist es kein Luxus, effektive Katastrophenhilfe zu planen und zu entwickeln. Da es nicht mehr darum geht, ob sich große Katastrophen ereignen, sondern vielmehr, wann, sollten wir auf alles vorbereitet sein.

 

Diese »unnatürlichen« Katastrophen – auf die der Tsunami im Indischen Ozean 2004, das Erdbeben in Kaschmir und der Wirbelsturm Wilma 2005 nur ein Vorgeschmack waren – ereignen sich häufiger und heftiger, als dass Regierungen allein damit fertigwerden könnten. Auch wenn es in den Medien nach Katrina kaum Erwähnung fand, war Wilma der stärkste Wirbelsturm, der je registriert wurde. Wir brauchen daher neue Instrumente für die Katastrophenhilfe und neue Methoden, wie sich die Bürger nach so einem Desaster schnell wieder zusammenschließen können. Solche Instrumente und Methoden werden derzeit entwickelt.

 

Bessere Logistik rettet mehr Leben

 

Eine humanitäre Hilfsmaßnahme ist ein logistischer Alptraum. Die Helfer müssen die Versorgungsgüter und Spenden koordinieren, Genehmigungen einholen, die sie für ihren Einsatz im betroffenen Gebiet brauchen, Freiwillige für die Nothilfe rekrutieren und Mittel und Wege finden, wie Güter und Helfer ins betroffene Gebiet gebracht werden können. Die Informationsrevolution, die im Handelssektor eine verbesserte Effizienz und niedrigere Kosten mit sich brachte, wirkt sich in der Arena der humanitären Hilfe erst in jüngster Zeit sichtbar aus.

 

Das im Jahr 2001 gegründete Fritz Institute in San Francisco widmet sich der Aufgabe, moderne Logistiktechniken auf die Welt der Katastrophenhilfe zu übertragen. Es liefert kleinen und großen Organisationen, die sich weltweit humanitär engagieren, Logistiksoftware und Vernetzungsmöglichkeiten. Die humanitäre Logistiksoftware, die in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz und dem Roten Halbmond entwickelt wurde, überträgt Erfahrungen und Erfolgspraktiken vom Handelssektor auf die Problematik der humanitären Hilfe. Auf der Jahreskonferenz des Instituts und im so genannten »Network of Knowledge « werden die Lektionen, die man bei Nothilfemaßnahmen gelernt hat, gesammelt, um weitreichende Lösungen für häufig auftauchende Probleme zu entwickeln und zu dokumentieren.

 

Ein weiteres Werkzeug in der Logistikkiste ist Global MapAid. Die kürzlich gegründete nichtstaatliche Organisation (NGO) will mit dem geografischen Informationssystem GIS Nothilfeteams hochwertiges Kartenmaterial zur Verfügung stellen. In New Orleans fertigten drei Freiwillige Karten von den von Katrina betroffenen Gebieten an, auf denen abzulesen war, wo die zurückkehrenden Einwohner Nahrung, Wasser und Kleidung finden konnten. 20 000 Karten wurden an Einwohner und Mitarbeiter des Roten Kreuzes verteilt. Doch die Global MapAid tut noch mehr: Sie will ihr kartografisches Fachwissen an die Menschen vor Ort weitergeben, damit sie nach Abzug der NGOs die Kartierungsprojekte fortsetzen können. Nach dem Tsunami im Jahr 2004 vermittelten zwei Freiwillige von MapAid an der Universität von Syriah Kuala im indonesischen Banda Aceh einer Studentengruppe GIS-Kenntnisse. Zusätzlich stellte die Organisation Geräte für die Datensammlung zur Verfügung, die speziell für die feuchtwarme Region gebaut worden waren.

 

Strong Angel – Feldversuch für bessere Logistik

 

Im Mai 2000 wurde auf der öden Lava der hawaiianischen Insel Big Island ein Flüchtlingslager errichtet. Die Flüchtlinge waren nicht etwa Opfer einer Naturkatastrophe oder der Politik, sondern Freiwillige, die das Leben echter Flüchtlinge Tausende von Kilometern weit weg verbessern wollten.

 

Das Modelllager wurde von Strong Angel errichtet, einer Organisation unter Leitung des Marinearztes Eric Rasmussen. Strong Angel sollte militärischen, nichtstaatlichen und staatlichen Organisationen Wege eröffnen, gemeinschaftliche Maßnahmen zu ergreifen und preisgünstige Techniken einzusetzen, um bei Katastrophen und Kriegen die Kooperation zu verbessern. Die fünftägige Übung in Kona war im Wesentlichen ein Feldversuch, der Aufschluss darüber gab, wie das Management eines Flüchtlingslagers am besten funktioniert. Man testete viele verschiedene Systeme und Produkte, vom computergestützten Übersetzungsprogramm für Ärzte – denn Sprachbarrieren zwischen dem medizinischen Personal und den Flüchtlingen sind ein gewaltiges Problem – bis hin zu einfachen Radios, die ein gemeinsames Kommunikationssystem bereitstellten. Besonders eindrucksvoll bewies das Modelllager von Strong Angel, dass man mit einfacher, billiger Standardtechnik sehr viel erreichen kann. Das Flüchtlingslager von Kona wurde ausschließlich über eine Website und kabellose Kommunikationsgeräte verwaltet, die die Helfer stets bei sich trugen.

 

Im Juli 2004 entstand auf dem gleichen Gelände Strong Angel II. Als nützlichstes Gerät erwies sich diesmal das Groove Network, eine Rechner-zu-Rechner-Anwendung, mittels derer Informationen kabellos von einem Laptop zum anderen übertragen werden. Man braucht keinen zentralen Server, was deshalb wichtig ist, weil ein Server in einem Krisengebiet leicht zerstört werden könnte. Darüber hinaus kann man auch offline arbeiten. Sobald man dann wieder ins Internet geht, synchronisiert die Groove-Software sämtliche gemeinsamen Ordner, so dass die Daten stets aktuell sind.

 

Leider wurden nach dem Tsunami im Dezember 2004 nur wenige der Erkenntnisse von Strong Angel umgesetzt. In den ersten Tagen nach der Katastrophe waren die Hilfsmaßnahmen der militärischen und nichtstaatlichen Organisationen so ungeplant und schlecht koordiniert, dass die daraus erwachsenden Probleme die Nothilfe fast schon konterkarierten. Das Militär sammelte sehr effektiv Informationen, die es aber nur unzureichend an die Helfer weitergab. In einigen Fällen wurden wichtige Daten zum Zustand der Straßen, zu Nahrungsmittellieferungen und Verletzten auf Schiffen vor der Küste unter Verschluss gehalten, während die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) einen Helikopter nach dem anderen in die Luft schickten, um ebendiese Daten zu sammeln. Einige NGOs leisteten diese Arbeit sogar doppelt.

 

Rasmussen hatte die Gelegenheit, das Chaos vor Ort zu beobachten. Er sah eines der größten Probleme darin, dass viele Helfer bei der Kommunikation ausschließlich auf Mobiltelefone angewiesen waren. Es gab keine Möglichkeit, Informationen zentral einzusehen, keine Datenbank, in der die verschiedenen Organisationen ihre Erkenntnisse hätten sammeln können. Strong Angel legte von Anfang an größten Wert auf einen gemeinsamen virtuellen Arbeitsplatz, und was Rasmussen in Südostasien erlebte, stützte ihn in dieser Ansicht. Das wichtigste Ziel für jede künftige Hilfsaktion sollte es sein, solch einen Arbeitsraum zu schaffen, ein virtuelles Lager für alle Berichte und Aktualisierungen, das leicht einzurichten, einzusehen und zu organisieren ist.

 

Wer denkt schon gern über die nächste Katastrophe nach? Doch sie kommt unweigerlich, und wenn man die Erkenntnisse von Strong Angel berücksichtigt, können die Helfer dem Chaos immer einen Schritt voraus sein.

 

Katastrophenhilfe in der Kiste

 

Bei der Versorgung entlegener Gebiete ist Mobilität so wichtig wie Funktionalität. Die beste Technik nützt nicht viel, wenn sie nicht leicht zu den Menschen, die sie brauchen, gebracht werden kann. Von diesem Gedanken ausgehend, haben mehrere innovative Entwickler Systeme für kompakte medizinische Hilfe, erneuerbare Energien, Wasserreinigung und Telekommunikation geschaffen.

 

Einer der größten Stolpersteine für die Helfer ist das Bereitstellen einer verlässlichen Energiequelle an Orten, an denen Stromleitungen und Kraftwerke zerstört wurden – oder wo es von vornherein keine Strominfrastruktur gab. Das mobile Kraftwerk (Mobile Power Station, MPS) der Firma SkyBuilt Power löst dieses Problem vorbildlich. Mit einer Kombination aus Solarmodulen, kleinen Windturbinen, Batterien und Anschlüssen für Brennstoffzellen und Biodiesel-Motoren kann das MPS konstant 150 Kilowatt Strom erzeugen. Es läuft ohne Stromnetz oder parallel zum Netzstrom, ist so robust, dass man es mit dem Fallschirm abwerfen kann, und nach Auskunft von SkyBuilt Power so wartungsarm, dass eine der Solar-Wind-Anlagen ein Jahr lang ohne Unterbrechung laufen konnte, ohne dass sie auch nur jemand hätte anfassen müssen. Die offene Bauweise ermöglicht es anderen Lieferanten, Zusatzkomponenten hinzuzufügen, die mit der Anlage laufen.

 

Ein einziges MPS würde mehr als genug Strom für eine Wasserreinigungsanlage auf Umkehrosmosebasis liefern, wie sie momentan auf den Malediven betrieben wird. Mit einer Leistung von nur 100 Watt reinigt die von Solar Energy Systems Infrastructure entwickelte Anlage 500 Liter verunreinigten Wassers oder Brackwassers. Das Water Recovery System der NASA – das unersetzlich ist, wenn das Wasser extrem verschmutzt oder nur in so geringen Mengen vorhanden ist, dass auf ansonsten unbrauchbare Quellen wie Urin zurückgegriffen werden muss – liefert bei unter einem Kilowatt Verbrauch 121 Liter Trinkwasser am Tag.

 

Mit dem »Krankenhaus in der Kiste« wird auch die medizinische Nothilfe erheblich erleichtert. Diese tragbare Einheit, die von dem Medizintechniker Alexander Bushell und dem Berater Dr. Seyi Oyesola entwickelt wurde, enthält einen Defibrillator, einen Operationstisch, je eine Einheit für Anästhesie und für Brandverletzungen sowie Material zum Eingipsen. Damit kann ein Team aus bis zu drei Ärzten gängige Operationen durchführen. Die Einheit befindet sich in einem Zelt und ist damit ein schnell einsetzbares Feldlazarett. In unzugänglichen Gebieten kann sie mit dem Hubschrauber abgeworfen werden. Den Strom liefert eine LKW-Batterie, die sich einfach mit Solarstrom aufladen lässt.

 

Für die Kommunikation der Helfer miteinander und mit der Außenwelt gibt es schließlich das so genannte NetRelief Kit, ein Kommunikationszentrum, das speziell für die Katastrophenhilfe entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus einem Voice-, Internet- Satelliten- und Wi-Fi-Anschluss. Es ist nicht auf einen Langzeiteinsatz ausgerichtet, sondern für die schnellen Einsatzkräfte. Inveneo bietet ähnliche Funktionen, allerdings über weitere Strecken und einen längeren Zeitraum. Es soll sich in das Global System for Mobile (GSM) einklinken und die Internet- und Voice-Telefonie in einer ansonsten nicht erreichbaren Region ermöglichen – jeweils mit einer freien beziehungsweise Open-Source-Software.

 

Mit der Zusammenführung dieser Komponenten erhalten wir ein System, das sowohl kurz- als auch langfristig die Versorgung einer von einer Katastrophe heimgesuchten Gemeinde mit Energie, Wasser, Medizin und Kommunikation sichert. Geht die Entwicklung in diesem Tempo weiter, wird schon bald ein Nothilfezentrum erhältlich sein, das auf einen Pritschenwagen passt.

 

Der Südostasien-Erdbeben-und-Tsunami-Blog

 

Der Südostasien-Erdbeben-und-Tsunami- Blog (SEA-EAT-Blog) startete am 26. Dezember 2004. Er wurde zur wichtigsten Quelle für Nachrichten und Informationen über Hilfsmittel, Spenden und freiwilligen Einsatz im Zusammenhang mit der Katastrophe. Innerhalb von drei Tagen haben 100 000 Menschen im Blog gelesen; nach acht Tagen waren es bereits über eine Million. Am ersten Tag wurden nur drei Teilnehmerbeiträge gezählt, am dritten Tag bereits 50 und anlässlich der letzten Zählung über 200 Einträge. Die Blog-Beiträge kamen nicht nur von Menschen aus den vom Tsunami betroffenen Gebieten wie Indien, Sri Lanka, Thailand und Malaysia, sondern auch aus Europa, den Vereinigten Staaten und der Karibik.

 

Eine weltweite Bewegung hatte wohl das Bedürfnis, der Hilflosigkeit nach einer solchen Naturkatastrophe Ausdruck zu verleihen. Kurz nachdem der Blog ins Leben gerufen wurde, sendeten Menschen ihre mitfühlenden Gedanken und Reaktionen durch das unmittelbarste und aufnahmefähigste Medium hinaus: das Internet. Textbeiträge von Journalisten und freiwilligen Helfern vor Ort fanden unverzüglich ihren Weg in diesen und auch andere Weblogs. Es wurde zu einer grundlegenden Art der Verständigung, zu einem Zeitpunkt, als die Funkverbindungen von Mobiltelefonen zu schwach waren, um längere Gespräche zu übertragen. Die SEA-EAT-Blogger sammelten Bilder der Verwüstungen, Reportagen und Zeitzeugenberichte von Menschen, die sich in den betroffenen Gebieten aufhielten. Zur selben Zeit trugen sie weitere Berichte und Statistiken zusammen, die in anderen Nachrichtenquellen veröffentlicht wurden. Erwähnenswert ist eine Seite auf Wikipedia, die auf eine einzelne Person zurückzuführen ist und die sich bis heute zur umfassendsten Aufzeichnung der Tsunami-Katastrophe entwickelt hat.

 

Nach dem Wirbelsturm Katrina im Golf von Mexiko fand sich das SEA-EAT-Team nochmals zusammen, wiederholte sein Modell und schuf mit KatrinaHelpBlog und KatrinaHelpWiki für die Öffentlichkeit die umfangreichste Fundgrube für Informationen über Hilfsmittel. Diesmal wurde mit Hilfe der Skype-Technologie, die Telefonkommunikation über das Internet möglich macht, eine digitale Telefonleitung mit einer Spendenmöglichkeit geschaltet. Nach dem Erdbeben 2005 in Indien und Pakistan wurden ebenfalls Hilfs- Blogs eingerichtet, mit der Möglichkeit, per SMS Kurzberichte abzuliefern.

 

Es ist faszinierend, dass Medien und Werkzeuge wie Blogs, Wikis und Fotoaustauschplattformen wie Flickr, die vor wenigen Jahren noch gar nicht existierten, anlässlich der Katastrophen eine so rasche Verbreitung gefunden haben. Heute erscheint es bereits unvorstellbar, dass eine größere Katastrophe ohne SMS, Blogs und Wikis überhaupt in den Griff zu bekommen wäre. Diese gemeinschaftlichen Instrumente, die viele von uns schon als selbstverständlich erachten, werden unter chaotischen Bedingungen weiterhin eine zunehmende Ausbreitung und schnelle Anwendung erfahren.


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