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Montag, 15. Februar 2010 09:35 Uhr
Kategorie: Klima Leben, Interview

Von: SB

„Eigentlich bin ich ein Weltbürger“

Der Extrembergsteiger Reinhold Messner polarisiert und fasziniert nicht nur Alpinfans seit über 40 Jahren. care&click traf ihn in München und sprach mit ihm über das Klima, den Film „Nanga Parbat“ und die Faszination der Volksmusik.

Bild: Tony Federico

care&click: Herr Messner, sie besteigen ja nicht nur Berge, sondern setzen sich auch sehr für die Umwelt, vor allem aber auch für die Alpen ein. Könnte man Sie da den Al Gore der Berge nennen?

 

Reinhold Messner: Nein, definitiv nicht! Ich bin auch in vielen Dingen sehr skeptisch was Al Gore angeht, denn in seiner Zeit als Vize-Präsident hätte er deutlich mehr agieren können, als er es getan hat. Jetzt im Nachhinein zu kommen, und zu sagen, was alles schief läuft, das halte ich für sehr schwierig. Während seiner Amtszeit ist das Kyoto-Protokoll entstanden, das er, zwar nicht ausschließlich in seiner Verantwortung, nicht unterzeichnet hat. Wenn ich in einer so wichtigen Position bei einem so wichtigen Thema kneife, dann kann ich nicht danach in der Welt herumlaufen, und sagen wie man es richtig machen soll. Das kann ich nicht ernst nehmen. Wobei meiner Meinung nach manche Teile aus seinem Vortrag auch noch falsch sind….z.B. wenn er sagt, dass das Eis weltweit geschmolzen ist, dann stimmt das einfach nicht. In der Summe ist es gleich geblieben, weil es in der Antarktis wieder etwas gewachsen ist. Aber er hat Leute dazu gebracht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und sehr viele Menschen damit erreicht. Trotzdem habe mich davon distanziert in Organisationen viel herumzureden. Ich handle lieber direkt, und werde mich nicht auf die Straße stellen und sagen: Das ist falsch, und das ist falsch etc. Den Klimawandel werden wir damit nicht aufhalten können.

 

…Dann bleiben wir doch gleich beim Klima: Sie sind in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in den höchsten Tausendern der Welt herumgekommen. Haben sie dort bemerkt, dass sich auch das Wetter verändert hat?

 

Ich sehe das seit 50 Jahren, wie die Gletscher wirklich schwinden. In den Alpen, im Himalaya in manchen Teilen. Auf 5000 Metern, wo das Eis in Kesseln ist, schmilzt es nicht, da wird es sogar mehr, und es schneit auch mehr. Der Monsun verschiebt sich offensichtlich, z.B. war in meiner aktiven Zeit im Himalaya die beste Zeit um aufzusteigen Anfang Mai. Jetzt ist es definitiv Ende Mai. Erfahrungsregeln, wie ich es als 16 Jähriger Bub zum Wetter in den Alpen ablegen konnte, kann ich dazu noch nicht geben. Das Wetter hat sich eben verändert und ist noch nicht wirklich erforscht, im Gegensatz zum Klima. Einflüsse wie Sonnenflecken, oder die Erdachse sind einfach noch nicht weit genug erforscht. Selbst bei uns in Südtirol macht sich das ja enorm bemerkbar….

 

Ja? Können Sie uns ein Beispiel geben?

 

Natürlich. Sehen Sie, früher hatten wir im September noch 30 Schönwettertage. Das ist nun wirklich nicht mehr so. Und ich selbst kann z.B. mit meinem Wein, den ich in den Bergen anbaue, viel weiter nach oben gehen. Da habe ich einen klaren Vorteil, z.B. zur Toskana oder Frankreich. Wenn die im Herbst keinen frischen Wind mehr haben, können sie keinen guten Wein mehr anbauen. Die Reben brauchen kühle Winde. Daher ist die Klimaerwärmung zumindest für meinen Wein gut (lacht).

 

War ihre Mitarbeit an dem Film „Nanga Parbat,“ der einen Teil ihrer Biografie verfilmt, nicht eine enorme psychische Herausforderung?

 

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte in diesem Film auch keine wirklich große Aufgabe. Man hat mich als Berater gebraucht, weil ich wusste wo das ganze passiert ist, und wie die Bedingungen damals waren. Ich habe auch nicht am Drehbuch mitgeschrieben. Lediglich beim Schnitt bin ich nochmals dazugekommen, weil sie teilweise die Wände durcheinander gebracht haben. Aber meine Aufgabe war es lediglich sicherzustellen, dass sie die richtigen Berge filmen.

 

Aber haben Sie sich denn wenigstens selbst wieder gefunden? Im Film meine ich…

 

Schon, klar. Ich finde dieser Schauspieler macht das auch richtig gut. Aber er ist halt ein klassischer Bergfilm, und keine Dokumentation über die Geschehnisse von damals. Daher wird der Film auch kein so großer Erfolg, weil so viele Leute mit meinem Namen auch meine Person verbinden, und dann keinen Schauspieler sehen wollen. Diese Erkenntnis habe ich auch erst in den letzten Tagen gemacht.

Das hat aber nichts mit dem Film an sich zu tun.

 

In ihrer Bergsteigerlaufbahn haben Sie auch die fortschreitende Kommerzialisierung dieses Extremsports, beispielsweise am Mount Everest miterlebt. Was halten Sie eigentlich davon?

 

Wie weit das Kommerz ist, ist die Frage. Es ist eine andere Form der Organisation, denn heute werden von den Sherpas, also den Trägern die dort mit beschäftigt sind, Infrastrukturen geschaffen, die das Aufsteigen erleichtern. Das hat aber für mich mehr mit Tourismus als mit Bergsteigen zu tun. Denn meine Aussage ist: Das Bergsteigen fängt dort an, wo der Tourismus aufhört. Die Touristen können, selbst wenn sie tausend Sauerstoffflaschen brauchen, um dort hochzukommen, den Berg nicht zerstören. Der Berg leidet auch nicht darunter, er leidet an der globalen Erwärmung und dem Gletscherschwund etc. Wenn in Großstädten viel CO2 produziert wird, dann leiden auch die Berge, weil es sich nun mal auf die ganze Welt verteilt. Die Bergsteiger verbrechen eigentlich fast nichts, außer vielleicht ihre An- und Abreise, aber das gibt es in den Alpen genauso. Das ist auch nicht das Problem. Das liegt in den Ballungszentren.

Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass der Tourismus vorgeschoben wird, um von den Problemen in den Ballungszentren abzulenken. Das abstruseste Beispiel war in Nepal, das habe ich dem dortigen Minister sogar ins Gesicht gesagt. Vor Kopenhagen haben sich die Minister gesammelt mit Hubschraubern zum Basislager des Mount Everest fliegen lassen, um dort über die Klimaproblematik zu sprechen! Rausgekommen ist dabei natürlich nichts. Auch aus dem Grund, weil die da alle nur gebibbert haben und ihr  Gehirn wahrscheinlich nicht mehr richtig funktioniert hat (lacht!). Aber was dort an Umweltschaden verursacht wurde, wo sie doch direkt vor einer der am schlimmsten verschmutzen Städte weltweit sitzen (Kathmandu a. d. R.)! Dort kann man kaum fünf Meter weit schauen, weil alles voller Staub ist, von der Kohle Heizung, den vielen Autos etc. Kathmandu ist absolut Feinstaub verseucht und so dreckig. Diese Leute haben wirklich alles falsch gemacht, wenn sie auf die Umweltprobleme aufmerksam machen wollten.

 

Kürzlich hat ein Österreichischer Musiker bei uns im Interview gesagt, Sie seien daran schuld, dass Österreichern immer ein „Naturburschenimage“ aufgedrückt wird. Was sagen Sie dazu, sie sind doch eigentlich Italienischer Staatsbürger?

 

Tja, was soll ich dazu sagen. Ich bin sicherlich kein Italiener, sondern nur italienischer Staatsbürger. Auch kein Deutscher oder Österreicher, auch wenn ich oft damit in Verbindung gebracht werde. Vor allem bin ich Südtiroler und Europäer, oder dann eben gleich ein Weltbürger. Ich habe eben keine nationale Einbindung, und das ist etwas, das ich mir für Europa insgesamt wünsche. Dass man seine nationalen Bindungen langsam ablegt, sich als Europäer fühlt und sich sonst vielleicht noch auf die regionale Herkunft, hm…z.B. Schwabe oder Bayer, beruft.

 

Sie haben sich in der Vergangenheit auch politisch für die Umwelt stark gemacht und saßen für die italienischen Grünen im Europaparlament, waren aber kein Mitglied der Partei. Finden Sie, dass man als Person die in der Öffentlichkeit steht, die Pflicht hat sich für Themen wie Umwelt zu engagieren, oder ist das bei Ihnen eine Herzensangelegenheit?

 

Nein, eine Pflicht sollte es nicht sein. Und selbst wenn man es macht, um nochmals auf Al Gore zurückzukommen, dann sollte man es eben auch richtig machen.

 

Aber Hansi Hinterseer, ehemaliger Skifahrer und jetzt unglaublich erfolgreicher Volksmusiksänger, organisiert jedes Jahr eine Fanwanderung, bei der tausende von Leuten mit ihm auf einen Berg pilgern, und er gibt oben ein Konzert. Das kann doch eigentlich nicht gut für die Natur sein, oder?

 

Nun gut, der Hansi, ich kenne ihn persönlich, ist sowieso ein Phänomen. Er war ein guter Skifahrer und bedient jetzt einfach ein Klischee. Mittlerweile natürlich auch bewusst. Aber er sagt auch zu mir, er verstehe seinen eigenen Erfolg eigentlich gar nicht, weil er gar nicht gut singen kann. (lacht). Im Grunde machen das die Kastelruter Spatzen ja auch. Kennen Sie die?

 

Oh ja…..

 

Die machen jedes Jahr ein Fest mit zehntausenden von Fans in einem Zelt. Haben Sie sich mal die Texte angehört (lacht)?

 

….nicht wirklich…

 

Die sind so schlimm, die muss man sich eigentlich anhören um zu verstehen, mit welchen Klischees die Bergwelt zu kämpfen hat (lacht). Aber eigentlich sind solche Wanderungen für die Natur nicht schlimm, solange  die Leute auf den befestigten Wegen bleiben und ihren Müll wieder mitnehmen. Im Grunde sind diese tausende von Leuten in dieser Zeit ökologisch sauberer, als wenn sie zu Hause in einer beheizten Wohnung sitzen, und fernsehen. Im Die Volksmusik verkauft nun mal das Gefühl der heilen Welt in den Bergen, die es ja nicht gibt.

 

Vielleicht sollten Sie dann die Kontraposition dazu eröffnen, und auch singen. Für die Revoluzzer unter den Volksmusikliebhabern?

 

(lacht) Nein, lieber nicht. Das würde ich nicht schaffen. Ich bürste ja schon gern gegen, aber ich glaube das würde nicht so gut funktionieren. Da gehen die Leute nicht hin….

 

Herr Messner, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 


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