Direkte Aktionen sind verzweifelte Maßnahmen, aber manchmal sind sie die einzige Möglichkeit, die Menschen aufzurütteln.
Was heißt »Direkte Aktion«?
Unter »Direkter Aktion« versteht man alles von der Organisation eines Sitzstreiks (wie der Sit-ins der Bürgerrechtsbewegung Anfang der 1960er Jahre) bis hin zum Anketten an eine Planierraupe (wie die radikale Earth Liberation Front), von der Blockade von Straßen bis hin zum Feiern von Partys an Orten, wo sonst nur Autos fahren (wie die britische Bewegung Reclaim the Streets). Natürlich kann man auch Brandbomben, Mordanschläge oder etwa die Belästigung von Passanten mit Megafonen und Transparenten dazuzählen. Aber wir gehen davon aus, dass unsere Leser nicht die Absicht haben, mit gewalttätigen Aktionen die Aufmerksamkeit auf ihre Anliegen zu ziehen.
In unserem Medienzeitalter erreicht eine wirksame »Direkte Aktion« folgendes:
- Sie zieht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich;
- amüsiert, mobilisiert oder wirkt sich in anderer Form positiv auf passive Medienkonsumenten aus;
- vermeidet es, irgendjemanden dem Tod, einer Verletzung oder Gefängnisstrafe auszusetzen (eine Nacht im örtlichen Gefängnis wird hingegen oft in Kauf genommen).
Die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen
Die beste Methode, die Aufmerksamkeit der Medien zu erlangen, besteht darin, niemals zu langweilen. Wer meint, er könne die Medien am besten mit Megafonen und Transparenten, mit Kuchenverkäufen oder Trommelkreisen gewinnen, der sollte vielleicht einem anderen Mitglied der Organisation die Leitung der Operation übertragen oder gleich ein angesehenes PR-Beratungsbüro damit beauftragen.
Denken Sie immer daran: Die Medien scheren sich keinen Deut um die Feinheiten der Ideologie. Ihnen geht es nur um Quoten und Marktanteile. Wer ihnen dabei dienlich ist, wird so viel Sendezeit bekommen, wie er oder sie nur will.
Folgende Aktionen werden die Medien mit Sicherheit begeistern:
- Attraktive nackte Menschen laufen umher und präsentieren provokative Slogans. Zum Beispiel wichen bei der Kampagne der Gruppe PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) mit dem Motto »Ich würde lieber nackt gehen, als Pelz zu tragen« Supermodels angeekelt vor Pelzen zurück, und sie waren – natürlich – nackt.
- Berühmte Persönlichkeiten machen etwas Außergewöhnliches, wie der Schauspieler Woody Harrelson, der 1996 auf die Golden Gate Bridge kletterte, um auf den schlechten Zustand des Rotholzwaldes Headwaters aufmerksam zu machen.
- Wirklich lustig sein. Diese Strategie verfolgt die Gruppe der »Yes Men«, die sich als Repräsentanten großer Konzerne und Regierungsorganisationen ausgeben und lächerlich absurde, aber erschreckend plausible Grundsatzpapiere an ein Publikum aus hohen Handelsvertretern und Wirtschaftsexperten verteilen.
Es gehört ein gewisses Geschick dazu, ins Rampenlicht zu gelangen, sowie die Bereitschaft, die Ernsthaftigkeit, zumindest in der Öffentlichkeit, vorübergehend abzulegen. Niemand mag humorlose Fanatiker – schon gar nicht die Medien. Der Kult der Ironie regiert derzeit den westlichen Zeitgeist. Kichern ist an der Tagesordnung, keine Parolen.
Sorgen Sie dafür, dass der Name Ihrer Organisation und die Adresse Ihrer Internetseite auf jede verfügbare Oberfläche gedruckt ist, die die Kamera erfassen könnte: T-Shirt, Fahrzeug, die Hintern der nackten Supermodels, die Handschellen, mit denen man sich an etwas gekettet hat. PR-Fachleute nennen das Markenwiedererkennung.
Halten Sie sich an die Weisheit Mao Tsetungs (oder war es Andy Warhol?): Der einzige Weg, die Vorherrschaft der Massenmedien zu brechen, besteht darin, ihre Taktiken zu übernehmen.
Das Publikum für sich gewinnen
Zunächst ein kleines Geheimnis: So gut wie jedes Mitglied der westlichen Zivilisation ist, mehr oder weniger, überzeugt, dass das Establishment uns über den Tisch zieht. Seltsamerweise gilt das selbst für Leute, die – wegen ihrer politischen oder wirtschaftlichen Stellung – tatsächlich dem Establishment angehören. Unsere Gesellschaft besteht aus lauter vermeintlichen Underdogs, aus aufmüpfigen kleinen Rebellen, die gegen den Großen Unbekannten für die gute Sache kämpfen.
Noch ein Geheimnis: Die meisten Menschen betrachten Aktivisten wie Weltfremde, die im Elfenbeinturm leben und keine Ahnung von der realen Welt haben. Gegen dieses Vorurteil müssen Sie ankämpfen, indem Sie lustig, originell und, das Wichtigste, den Bedürfnissen und Wünschen des einfachen Mannes entsprechend auftreten.
Ein Umweltaktivist sollte beispielsweise auf keinen Fall Holzfäller verteufeln, weil sie alte Baumbestände fällen. Holzfäller sind nicht böse. Holzfäller sind Arbeiter, die ihre Familie ernähren wollen, indem sie einen knochenharten und gefährlichen Job gegen schlechte Bezahlung ausüben, meist in wirtschaftlich rückständigen Regionen wie dem ländlichen Nordwesten am Pazifik. Suchen Sie sich stattdessen Gemeinsamkeiten mit den Holzfällern und kämpfen Sie gegen die großen Holzkonzerne, die sowohl Mutter Erde zerstören als auch den Lebensunterhalt der Arbeiter selbst gefährden, weil sie einfach alle Bäume fällen (und den Holzfällern damit gar keine Bäume mehr lassen).
Treten Sie als Vorkämpfer der Durchschnittsbürger auf und wehren Sie sich gegen die üblen Machenschaften des Establishments. Prompt spendieren die Holzfäller Ihnen ein Bier und klopfen Ihnen auf die Schulter, statt dem weltfremden Träumer einen Tritt in den Hintern zu geben.
Und denken Sie an den Grundsatz von Michael Moore: Menschen sprechen auf Humor an, nicht auf Vorträge. Stellt man das Angriffsziel des Widerstands als einen Haufen böser Schwachköpfe dar, so ist das viel wirkungsvoller, als nur mit ihnen zu diskutieren.
Wie schon Conan, der Barbar sagte: Was ist das Schönste im Leben? Die Feinde zerschmettern, sie vor sich hertreiben und sich am Gejammer ihrer PR-Berater weiden.
Nicht im Gefängnis oder auf dem Friedhof landen
Wir verstehen Sie wirklich. Nach einem Tag mit Vorträgen von Howard Zinn, dem Historiker und Politikwissenschaftler, über sein Konzept der »Geschichte von unten« und die Zerstörung der natürlichen Ressourcen durch habgierige Stromkonzerne würde man am liebsten mit einem Bereitschaftstrupp engagierter Bürger zu Starbucks marschieren und den an einem Latte macchiato nippenden Yuppie mal zeigen, was eine Harke ist. Wir haben dafür Verständnis. Wirklich!
Aber was würden Sie damit erreichen? Die Versicherung von Starbucks würde den Schaden übernehmen, den Sie anrichten. In den Medien würde man Sie als gegen Windmühlen kämpfenden Wahnsinnigen darstellen. Sie kämen wegen Vandalismus und Zerstörung von Privatbesitz ins Gefängnis.
Vorbestraft zu sein, ist viel unangenehmer, als nur ein passiver Komplize des Fortbestands kapitalistischer Machtstrukturen zu sein. Glauben Sie uns. Wir wissen, wovon wir reden.
Sie werden immer feststellen, dass die Ordnungskräfte – und noch wichtiger lokale und nationale Regierungen – die Gerechtigkeit Ihrer Sache der Verpflichtung unterordnen werden, Menschenleben und privates Eigentum zu schützen.
Darüber hinaus sind Aktionen wie auf Reklametafeln zu klettern, in Hungerstreik zu treten und sich vor anrollende Panzer zu stellen mit dem Risiko verbunden, tatsächlich zu sterben oder zumindest schwer verwundet zu werden. Überlegen Sie sich die Folgen solcher Aktionen gut, ehe Sie daran teilnehmen.
Bei den meisten Aktionen – der Blockade von Durchgangsstraßen, dem Behindern von Polizeieinsätzen und dergleichen mehr – werden Sie zum Glück allenfalls vor Ort in Gewahrsam genommen. Und ein Arrest ist, zumindest in den G8-Ländern, in der Regel keine große Sache. Es ist fast so etwas wie ein Weiheritus für viele Aktivisten, ein Wochenende in der Zelle zu verbringen. Das Schlimmste, was Ihnen dabei passieren kann, dürfte ein betrunkener Zellennachbar sein.
Ruckus Society
Während sich manche heutige Demonstranten immer noch mit Transparenten, Märschen und Sit-ins zufrieden geben, gehen andere Gruppen weiter. Nehmen wir zum Beispiel die »Ruckus Society« – einen radikalen Ableger der ebenfalls radikalen Organisation »Earth First!«. Sie spielte neben dem »Direct Action Network« eine wichtige Rolle bei der Organisation der Proteste gegen die WTO, die 1999 so viel Wirbel machten. Die Ruckus Society ist der starke Arm der amerikanischen Protestbewegung. Ob es um die Globalisierung, um gentechnisch manipulierte Lebensmittel, um den Nationalkonvent der Republikaner 2004 oder die WTO geht – die Ruckus Society ist auf jeden Fall dabei. Ihre »Action Camps« bilden Aktivisten für Direkte Aktionen aus, zeigen etwa die beste Methode, sich an einen unbeweglichen Gegenstand zu ketten oder sich gefahrlos an eine Reklametafel zu hängen – Praktiken, die stets eine hohe Medienpräsenz für die Sache garantieren.
Was die Ruckus Society von ihren Vorläufern unterscheidet, ist ihr Grad der praktischen Organisation und ihr Umgang mit den Medien. In einem Artikel von 2001 für den Rolling Stone bemerkte Dan Baum: »Zwei von Ruckus ausgebildete Kletterer hängten vor ein paar Jahren ein haushohes Banner mit der Losung ›Stop Global Warming‹ am Hauptquartier des Ölkonzerns ARCO in Los Angeles auf. Die beiden waren nur das Kernstück einer Operation mit 15 Personen. Andere führten die Medienvertreter zu den besten Kamerawinkeln, hielten vor den Kameras sorgfältig vorbereitete Stellungnahmen zu ARCO, überwachten von einem Lastwagen aus den Polizeifunk und warteten im Gefängnis schon mit der Kaution.«
Sprecher der Ruckus Society weisen ständig darauf hin, dass Gewaltlosigkeit zu ihren wichtigsten Grundsätzen zählt – auch wenn sie den Begriff Gewalt offenbar so interpretieren, dass er sich ausschließlich auf Aktionen gegen Lebewesen bezieht. »Die Boston Tea Party war Zerstörung von Eigentum«, sagte der Direktor von Ruckus, John Sellers, in einem Interview des San Francisco Examiner (19. Juni 2002). »Ich glaube kaum, dass viele Menschen darüber diskutieren würden, ob sie gewaltsam oder gewaltlos war. Die meisten Menschen würden sie wohl als gewaltlos bezeichnen.«


