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Montag, 19. Mai 2008 11:04 Uhr
Kategorie: WorldChanging

Von: JC/© KNESEBECK VERLAG

Die Wächter »überwachen«

Wir leben inzwischen in einer Welt, in der das, was wir sehen, hören und erleben, aufgezeichnet wird, wo immer wir auch hingehen. Da die Aufnahmegeräte immer handlicher werden und leichter zu verstecken sind, werden künftig kaum noch Aussagen oder Szenen in Vergessenheit geraten.

WorldChanging

Es ist durchaus möglich, dass unser Alltag in nicht allzu ferner Zukunft archiviert, gespeichert und über das Internet sogar zur Erinnerung, Analyse oder Mitteilung verfügbar sein wird.

 

Das liegt nicht etwa daran, dass uns ein »Großer Bruder« über die Schulter blickt oder mächtige Konzerne uns mit Sicherheitskameras und RFID-Chips (Radio Frequency Identification) überwachen. Diese Form der Überwachung wird von den Millionen Kameras und Videorekordern in den Schatten gestellt, die sich in den Händen von Millionen von wachsamen Menschen befinden – nämlich in unseren. Mit den Foto-Handys tragen wir die Werkzeuge für unsere eigene Transparenz mit uns herum, und wir machen alle eifrig mit.

 

Nennen wir diese Welt das »partizipative Panoptikum«. Ursprünglich war ein »Panoptikum« der Entwurf für ein Gefängnisgebäude, das es den Wärtern ermöglichte, jederzeit alle Insassen zu beobachten. In jüngster Zeit versteht man darunter eine Gesellschaft unter ständiger Überwachung.

 

Foto-Handys und ähnliche Geräte werden immer leistungsfähiger beim Sammeln und Weiterleiten von Informationen in die ganze Welt. Weil es billiger und einfacher wird, sie einfach laufen zu lassen, könnten wir eines Tages feststellen, dass es sehr nützlich ist, ein »Reservegedächtnis« zu haben. Wir könnten sie als »TiVos« – ein Dienst, der es uns ermöglicht, Fernsehserien jederzeit anzusehen – für unser eigenes Leben verwenden und alles um uns aufnehmen, auch das, was die Menschen sagen und tun. Problemlos könnten wir uns alles noch einmal ansehen. Bekannte Computerfirmen arbeiten bereits an Software, die uns bei der Verwaltung dieser Datenflut unterstützen soll. Richtig angewendet, würden solche Tools es möglich machen, dass wir nie wieder ein Gesicht, einen Namen oder eine wichtige Information vergessen.

 

Viele würden das als ernsten Verlust der Privatsphäre betrachten, mit gewaltigen juristischen Implikationen bezüglich der Haftbarkeit, Selbstbelastung und sogar des geistigen Eigentums. Aber dieses Instrument könnte auch der Wahrheit dienen. Ein Polizist bestreitet, den Demonstranten geschlagen zu haben, ein Despot streitet sämtliche Verstöße gegen die Menschenrechte ab, ein Konzernsprecher leugnet, Giftmüll illegal zu entsorgen – sie alle werden leichter in einer Welt entlarvt, in der theoretisch alles dokumentiert sein kann. Die Ergebnisse könnten uns überraschen: Unternehmen wären womöglich gezwungen, ihr Verhalten gegenüber den Interessengruppen offen zu legen, und bestimmte Regierungsvertreter wären womöglich gezwungen, im Dienst ein Aufnahmegerät zu tragen (manche Streifenwagen zeichnen bereits automatisch Polizeikontrollen auf). Ironischerweise könnte so eine Welt entstehen, in der es leichter fiele zu vertrauen, weil es schwerer wäre, mit einer Lüge durchzukommen.

 

Ist das wirklich möglich? Noch nicht, aber die Puzzlesteine fügen sich schneller zusammen, als man meint. Das »partizipative Panoptikum« wird von den Menschen nicht bewusst errichtet, es ist das Nebenprodukt der Technologien, die mittlerweile die elementaren Werkzeuge des Alltags sind.

 

Allgegenwärtige Kameras

 

Sie glauben, das ist alles noch Zukunftsmusik? Denken Sie noch einmal nach. Mindestens zwei Unternehmen verkaufen bereits winzige Kameras.

 

Deja View bietet eine am Hut zu befestigende Kamera mitsamt Rekorder an, die fortwährend die letzten 30 Sekunden dessen, was Sie gerade betrachten, in einem Puffer speichert. Auf Knopfdruck wird der Inhalt im Puffer dauerhaft abgespeichert. Bis zu vier Stunden Videoaufnahmen können gesichert und später an den PC übertragen werden. Die Zielgruppe für diese Kamera sind neugierige Eltern, die die ersten Schritte oder Worte ihres Kleinkinds auf keinen Fall verpassen wollen.

 

DoubleVision hingegen von Second Sight Surveillance ist eine am Kopf zu befestigende Kamera, die mit einer tragbaren Festplatte verbunden ist. Auch ein LCD-Display für das sofortige Abspielen ist erhältlich. Das System ähnelt einem kleinen Gewehr an der Seite des Kopfes. Es richtet sich aber an einen ganz anderen Kundenkreis als Deja View: Militär, Polizei und Sicherheitspersonal.

 

Wer heute diese Geräte wegen ihrer begrenzten Einsatzmöglichkeiten belächelt (sperrige Kamera und Verkabelung, plumpe Speicher im Gürtel, begrenzte Batteriedauer, keine drahtlose Datenübertragung), hat nicht richtig zugehört. Die derzeitige Version ist hässlich und viel zu begrenzt – aber sie ist nur ein Ausblick auf das, was noch kommen wird. 

 

 

 

Sousveillance – Unterwachung

 

Wer überwacht die Wächter? Vielleicht sollten wir das alle tun. Dieses Konzept nennt man »umgekehrte Überwachung« oder »Sousveillance«, was so viel wie »Überwachung von unten« heißt. Bürger halten mit ihren Kameras die Aktionen von Regierungsvertretern oder Konzernangestellten fest. Wie die Stadtverwaltung von New York unlängst feststellen musste, kann sich »Unterwachung« als verblüffender Gleichmacher erweisen.

 

Im Jahr 2004 verhaftete die New Yorker Polizei fast 2000 Menschen bei Demonstrationen im Umfeld des Nationalkonvents der Republikaner. Der Bürgermeister und der Polizeichef verurteilten die Demonstranten, weil sie »randaliert« und »sich der Verhaftung widersetzt« hätten. Der Presse und den Gerichten legten sie Videoaufnahmen von Polizisten vor, die bewiesen, dass die Demonstranten außer Kontrolle geraten waren. Es stellte sich jedoch heraus, dass nicht nur die Polizei mit Videokameras bewaffnet war. Digitale Aufzeichnungen von Demonstranten zeigten Personen, die grundlos aufgegriffen wurden und keinen Widerstand leisteten.

 

Es stellte sich heraus, dass die Anklageseite die offiziellen Videoaufnahmen so bearbeitet hatte, dass die Anklagepunkte unterstützt wurden. Polizisten stellten im Prozess die Ereignisse bei der Demonstration wiederholt falsch dar. Laut der New York Times endeten 91 Prozent der fast 1700 Verfahren damit, dass entweder die Anklagen fallengelassen oder die Angeklagten freigesprochen wurden. An einer verblüffend großen Zahl dieser Fälle waren Videoaufnahmen von Bürgern beteiligt, die eindeutig belegten, dass die Polizei und die Ankläger logen. Rechnen Sie also auf der nächsten Demonstration damit, dass die Polizei Bürger mit Videokameras in der Hand nicht höflich ignorieren wird.

 

Leider sind Personen, die eine Kamera tragen, auch wenn sie klein ist, kaum zu übersehen. Das gilt allerdings nicht für Foto-Handys. Video- Handys und leistungsfähige Breitbandnetze wer- den den politischen Aktivismus revolutionieren. In Zukunft werden wir folglich die Übertragung von Dutzenden, Hunderten, Tausenden von Szenen aus Märschen und Demonstrationen live im Web erleben.

 

Wenn leicht zu bedienende Kameras zum Alltag gehören, werden wir weitere Beispiele für »Sousveillance« erleben, etwa die Aufnahmen auf Schülerhandys von Lehrern, die Klassenkameraden schikanieren. »Video Vote Vigil« wiederum ist eine Online-Sammelstelle für Aufnahmen von Wählerbehinderung und -belästigung. Und in Großbritannien war das Projekt mit dem witzigen Namen »Blair Watch Project« der vom Guardian koordinierte Versuch, ein wachsames Auge auf den Wahlkampf von Premierminister Tony Blair zu haben. Angeregt wurde das Projekt durch den Versuch der Labour-Partei, Blair weniger den Medien auszusetzen; stattdessen hatte Blair mehr Kameras auf den Fersen als je zuvor.


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