Die Rede ist von den inoffiziellen Stadtvierteln: Hüttensiedlungen, die entstanden, als die Menschen sich Land nahmen, das ihnen nicht gehörte. Auf Englisch sprechen viele von Slums, Elendsvierteln. Und das Wort passt, beim derzeitigen Zustand, auch. Nehmen wir eine Momentaufnahme aus einer beliebigen Hüttensiedlung, und wir sehen auf den ersten Blick verwahrloste Gemeinden.
Wenn man die Aufnahme näher betrachtet, wird man jedoch auch Gesundheitszentren, Schönheitssalons, Lebensmittelgeschäfte, Bars, Restaurants, Schneidereien, Kleidergeschäfte, Kirchen und Schulen entdecken. Bei all dem Schmutz und Abwasser pulsiert in den Straßen das Leben, und das Geschäft boomt. Betrachten Sie doch einmal die Hütte im Bild auf der folgenden Seite. Verfällt sie etwa nur? Oder baut die Familie, die hier lebt, sie wie einen Kokon um sich auf, aus Brettern und Planen?
Dabei sollten wir uns fragen, wie wir selbst zurechtkämen, wenn die Gemeinde nicht für die grundlegenden Dienstleistungen sorgen würde:
- Die Hüttenbewohner haben kein Wasser. Sie müssen es teuer kaufen und in Eimern zu ihrem Heim schleppen. Aber müssten wir das nicht auch, wenn die Stadt keine Rohre gelegt hätte, die fließend Wasser bis in unsere Häuser bringen?
- Die Hüttenbewohner haben keine Toiletten, nur Latrinen, und das Abwasser fließt offen durch die Straßen. Aber was wäre mit unserem Abwasser, wenn die Gemeinde nicht die Kanalisation gebaut hätte?
- Die Hüttenbewohner haben keinen Strom – oder sie legen, mit ein wenig Glück, einen Draht durch die Bäume und zapfen von weit entfernten Masten illegal Strom ab. Aber hätten Sie Strom im Haus, wenn der lokale Anbieter nicht in der Nähe Kabel verlegt hätte?
Tagtäglich verlassen weltweit fast 200 000 Menschen ländliche Regionen und wandern in die Städte aus. Das sind 130 Menschen pro Minute, zwei pro Sekunde. Sie ziehen auf der Suche nach Arbeit und einer Möglichkeit, die Familie zu ernähren, in die Stadt. Meistens finden sie auch Arbeit. Aber sie finden keinen Ort zum Leben. Kein Bauunternehmer baut für sie. Keine Regierung investiert in Unterkünfte, die sich diese Migranten leisten können. Also werden sie Hüttenbewohner und bauen sich ihr Zuhause auf ungenutztem oder unattraktivem Boden. Illegales Bauen ist für sie ein Familienwert.
Heute leben weltweit eine Milliarde Menschen in Hüttensiedlungen, fast jeder sechste auf dem Planeten. Wenn der Trend anhält, werden es bis 2030 zwei Milliarden Hüttenbewohner und um die Mitte des 21. Jahrhunderts drei Milliarden (über ein Drittel der Weltbevölkerung) sein. Um mit der Landflucht Schritt zu halten, müssten weltweit jeden Tag 96 150 Unterkünfte gebaut werden – rund 4000 jede Stunde. Im Allgemeinen sind nur die Hüttenbewohner bereit, diese Strapaze auf sich zu nehmen. Anfangs bestehen ihre Häuser aus Lehm und Wellpappe. Aber sobald sie wissen, dass sie nicht geräumt werden, und eine gewisse Kontrolle über ihre Gemeinde haben, schaffen sie dauerhafte, lebendige Wohnviertel. Das ist das neue Stadtleben, im globalen Stil: Hüttenbewohner bauen die Städte von morgen.
Hüttenbewohner organisieren sich
Die Menschen von Vikas Sagar in Mumbai, Indien, leben in einstöckigen Hütten, die an den steilen Hang oberhalb der Mahim Bay angelehnt sind. Sie haben immer noch Angst vor Flut und Erdrutschen. Sie machen sich immer noch Sorgen, ob das Geld am Ende reichen wird. Aber die Frauen hier haben sich zusammengetan und die Gemeinde umgewandelt. Heute sind alle Häuser in Vikas Sagar dauerhaft und aus Beton anstelle von Lehm gebaut. Die Fußwege sind mit Zement und Fliesen gepflastert, um die Erosion zu verhindern. Die Menschen haben ihre Ressourcen in einem Pool zusammengelegt und so einen kommunalen Sparplan geschaffen, der wie eine kleine Bank funktioniert. Wie erreichten sie diese Verbesserungen? Statt angesichts der Not zu kapitulieren, haben sie sich organisiert.
Eine winzige Hüttengemeinde wurde in Vikas Sagar schon vor Jahrzehnten gegründet. Dennoch wissen die Bewohner genau, dass es keine Rolle spielt, wie lange sie hier schon leben – die Regierung betrachtet sie als illegal. »Wenn wir nicht handeln, wird uns nichts gewährt werden«, sagt die Bewohnerin Lali Penday.
Bis in die 1990er Jahre hinein waren die Frauen von Vikas Sagar traditionelle Hausfrauen, die von ihren Männer so streng beaufsichtigt wurden, dass sie kaum ihre Gemeinde verließen. »Als wir anfingen«, erinnert sich Sangita Duby, »waren wir außerstande, unser Haus zu verlassen. Wir waren Analphabeten und mussten mit einem Daumenabdruck unterschreiben. Heute können wir lesen und schreiben und unterschreiben mit unserem Namen auf Hindi und Englisch.« Die Frauen von Vikas Sagar kennen die lokalen Politiker. Und noch wichtiger: Die Politiker kennen auch sie.
Allein haben die Bewohnerinnen und Bewohner der Hütten kaum Einfluss. Gemeinsam schaffen sie große Dinge. »Die städtischen Armen werden die Akteure des Wandels der Stadt sein«, sagt Jockin Arputham, der Leiter von Slum/Shack Dwellers International, einem globalen Projekt zur Organisierung der Hüttenbewohner.


