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Mittwoch, 16. Dezember 2009 10:06 Uhr
Kategorie: Klima Leben, Dossier, WorldChanging

Von: BS/©KNESEBECK VERLAG

Die Polarregionen

Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, beschreibt die Arktis als »Barometer für den globalen Klimawandel – ein ökologisches Frühwarnsystem für die Welt«. Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch.

WorldChanging

Im Frühjahr 2004 erreichte Ben Saunders als vierter (und jüngster) Mensch in der Geschichte allein auf Skiern den geografischen Nordpol. Im Oktober 2006 unternahm er die längste Polarexpedition ohne Teamunterstützung – eine 2900 Kilometer lange Reise von der antarktischen Küste zum Südpol.

 

In den vergangenen sechs Jahren durfte ich mehrere Monate in der Arktis verbringen und konnte das »Barometer« aus der Nähe beobachten. Im Frühjahr 2004 nahm ich die erste Solo-Skiüberquerung des Arktischen Ozeans in Angriff, die mich 1996 Kilometer von der sibirischen Nordküste über den geografischen Nordpol bis nach Ward Hunt Island in Nordkanada führte. Reinhold Messner, einer der besten Bergsteiger der Welt, nahm diese Route Ende der 90er Jahre in Angriff und musste nach wenigen Tagen aus dem Eis geborgen werden. Er beschrieb die Expedition als »zehnmal gefährlicher als der Everest«. Da die Hohe Arktis das größte Landraubtier der Welt beheimatet (den Eisbären) und weil Frostbeulen (auf einer Expedition im Jahr 2001 zog ich mir bei minus 50 Grad welche zu) in dieser Region wirklich das geringste Problem sind, gab ich mich keinen Illusionen über die Aufgabe hin, die ich da anpackte.

 

Die letzte Solo-Expedition ohne Teamunterstützung von Russland zum Nordpol hatte der Norweger Børge Ousland im Frühjahr 1996 unternommen. Als ich mit dem Hubschrauber Anfang März 2001 zum gleichen Startpunkt flog, war ich erstaunt über das, was ich sah. War Ousland noch in der Lage gewesen, mit Skiern vom Land aus direkt auf die Eisschicht des Arktischen Ozeans zu fahren, so trennten nun mehr als 16 Kilometer offenen Wassers das Packeis von der Nordspitze Sibiriens. Ich wurde zum Rand des Packeises geflogen und kämpfte 27 Tage lang allein gegen Bedingungen, die von der NASA als »die schlimmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen« beschrieben wurden. Wenn man mit Skiern über das Meer fährt, sind die Begriffe am schlimmsten und am wärmsten austauschbar. Ich stieß auf offenes Wasser, wo noch nie welches gewesen war, und hatte es mit den höchsten Temperaturen zu tun, die je in der Region gemessen worden waren. Auf früheren Expeditionen hatte ich bisweilen das Gefühl gehabt, die Arktis wolle mich umbringen. Dieses Mal kam es mir vor, als wolle sie mir etwas sagen.

 

Eine ähnlich verstörende Erfahrung machte ich im Jahr 2005 in den Bergen um Kangerlussuaq auf Grönland, wo ich mit Tony Haile unterwegs war, um die Ausrüstung für unsere nächste Expedition zu testen. (Grönland hat die größte Eiskappe der nördlichen Hemisphäre; es ist der Landschaft der Antarktis am ähnlichsten und daher ein perfektes Trainingsterrain.) Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, als ich von unserem kleinen Twin-Otter-Wasserflugzeug aus das driftende Packeis sah. Dieser Anblick rief mir die Arktis in Erinnerung und die drei Monate, in denen ich im Frühjahr 2004 den vergessenen Ozean überquert hatte. Auf dem Eis, das ich nun unter mir sah, hätte ich auf keinen Fall ein Zelt aufstellen wollen – dazu war es einfach zu brüchig.

 

Auf der Route mussten wir in mehreren Tagesmärschen von Meereshöhe auf etwa 2000 Meter ansteigen. Ich hatte mich auf einen schweren Aufstieg eingestellt, bei dem der Schlitten mich ständig zurückziehen würde. Ich hatte mich auf Gletscherspalten eingestellt. Ich hatte mich sogar auf Tonis Kochkünste gefreut. Doch worauf mich niemand vorbereitet hatte, war, dass ich in unserem ersten Lager in der Hohen Arktis ohne Hemd herumlaufen würde. Es sah so aus, als wolle uns Grönland zur Begrüßung bei lebendigem Leibe schmoren. In dem Monat, in dem wir über die Bergkette wanderten, war es durchgehend warm. Die Jacken lagen auf den Schlitten, und wir schwitzten in unseren dünnen Thermounterhemden – mehr trugen wir am Tag häufig nicht. Die Wärme brachte unseren Wasserhaushalt völlig durcheinander. Unsere Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 60 konnte nicht verhindern, dass wir beide den typisch britischen rosa Teint bekamen. Wir waren auf Grönland, wir waren in der Arktis, doch uns kam es vor wie Mexiko mit Neuschnee.

 

Am Ende gingen wir dazu über, die Skier nachts anzuschnallen, wenn die Sonne zwar noch schien, die Temperatur aber angenehmer war. Wir hatten sogar zwei richtig kalte Nächte. Bei unserer Rückkehr erfuhren wir, dass eine Bergsteigergruppe, die noch weiter nördlich unterwegs gewesen war als wir, zum ersten Mal seit Menschengedenken mit dem Schiff bis zur Küste gelangt war.

 

Dass die Polarregionen schon immer klimatisch im Fluss sind, gehört zu den sicheren Erkenntnissen der Geowissenschaften. Im Herbst 1912 fand das Team von Robert Falcon Scott auf dem Rückweg vom Südpol fossilen Farn. Im Jahr 1996 gelang John Tarduno und seiner Forschungsgruppe ein einzigartiger Fossilienfund hoch oben in der Arktis: die 80 bis 90 Millionen Jahre alten Überreste von Fischen, Meeresschildkröten und Champsosauren (krokodilähnliche semiaquatische Reptilien, die noch nie so weit im Norden gefunden worden waren). Tardunos Fund legt es nahe, dass das Klima an den Polen damals nicht unter dem Gefrierpunkt lag, sondern wohl eine Jahresdurchschnittstemperatur von maximal 14 Grad Celsius herrschte. Ein Satz aus der Zusammenfassung seiner Studie liest sich besonders alarmierend: »Der damals in sechs großen vulkanischen Provinzen herrschende Magmatismus lässt vermuten, dass CO2-Emissionen aus Vulkanausbrüchen mit für die Erderwärmung verantwortlich waren.«

 

Unsere Zivilisation tut es den damaligen Vulkanen gleich, indem sie gewaltige Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre pustet. Ich bin kein Wissenschaftler, aber mir ist völlig klar, dass sich die Klimate dieser gewaltigen Regionen (die Antarktis und der Arktische Ozean bedecken gemeinsam eine Fläche, die viermal so groß wie China ist) rasch verändern. Ein Teil des unbestreitbar vom Menschen verursachten Schadens ist nicht so leicht zu sehen: Der in Grönland über die vergangenen 30 Jahre im Gewebe von Eisbären gemessene Anstieg des Quecksilberniveaus um das 14-Fache ist ein solches Beispiel. Die Pole mögen unglaublich weit weg sein, doch sie sind alles andere als unberührt.

 

Ich bin kein Forschungsreisender, zumindest nicht im altmodischen Wortsinn. Im Zeitalter von Satelliten, Solar und Laser erstelle ich keine Karten, wenn ich mit den Skiern unterwegs bin. Mir geben die Expeditionen die Gelegenheit, meine Möglichkeiten als Sportler auszutesten, doch ich möchte damit auch noch mehr erreichen. Heute ist es wichtiger denn je, die Verantwortung für unsere Beeinflussung der Ökosysteme auf dem Planeten Erde zu übernehmen. Daher hoffe ich, dass meine Expeditionen die Aufmerksamkeit der Medien auf die Polarregionen und die empfindliche Balance lenken, in der sich die Erde zu Beginn des 21. Jahrhunderts befindet. Ebenso wichtig ist mir, junge Leute zu inspirieren, sich mit der Natur zu befassen und vielleicht das größte Abenteuer in Angriff zu nehmen, das es gibt: den Weg in eine nachhaltige Zukunft zu ebnen.

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus dem WorldChanging Buch. Lesen Sie mehr


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