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Montag, 05. Oktober 2009 10:14 Uhr
Kategorie: Klima Leben, TopThema, WorldChanging

Von: AS, ML, NAB/© KNESEBECK VERLAG

Die Entstehung einer Bewegung

Optimismus ist ein politischer Akt. Die etablierten Interessengruppen verbreiten Verzweiflung, Verwirrung und Apathie, um einen Wandel zu verhindern. Sie bestärken uns in dem Glauben, dass Probleme ohnehin nicht gelöst werden und wir nichts tun können, dass die Themen viel zu komplex seien, um auch nur die Möglichkeit eines Wandels zuzulassen.

WorldChanging

Es ist eine altbewährte Strategie der Politik, Misstrauen unter jenen zu säen, die man beherrschen will: Wie Machiavelli lehrte, scheren Tyrannen sich nicht darum, wenn sie gehasst werden, solange sich ihre Untertanen nicht gegenseitig in Liebe zugetan sind. Zynismus wird im westlichen Verständnis häufig als rebellische Haltung angesehen, aber in Wirklichkeit dient unser Zynismus den Wünschen der Mächtigen: Zynismus ist Gehorsam.

 

Optimismus hingegen kann, wenn er weder töricht ist noch stumm bleibt, eine revolutionäre Kraft entfalten. Glaubt niemand an eine bessere Zukunft, ist Verzweiflung die logische Folge – und verzweifelte Menschen verändern so gut wie nie etwas. Solange niemand eine bessere Lösung für möglich hält, haben diejenigen, die vom Status quo profitieren, nichts zu befürchten. Wir müssen an eine mögliche Veränderung glauben, sonst wird Gleichgültigkeit zu einem unüberwindlichen Hindernis für Reformen. Stärken wir die Menschen in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft, und zeigen wir ihnen auf, dass bessere Lösungen vorhanden sind und dass wir etwas bewirken können! Dadurch wird ihr Wille gestärkt und ihre Kraft freigesetzt, nach den höchsten Grundsätzen zu handeln. Der gemeinsame Glaube an eine bessere Zukunft ist das stärkste Band, das es gibt.

 

Große Bewegungen für gesellschaftliche Reformen beginnen stets mit Erklärungen voller Optimismus. Angesichts der vielen ineinander verflochtenen Herausforderungen lautet die wohl größte Aufgabe heutzutage schlicht: bereit sein, den drohenden Katastrophen ins Auge zu schauen und mutig darauf hinzuweisen, dass radikale Veränderungen zum Besseren möglich sind. Die Geschichte lehrt, dass wir, indem wir eine bessere Zukunft aufzeigen, eine Bewegung begründen können, die letztlich die Welt verändern wird.

 

Die Abschaffung der Sklaverei

 

Können wenige Leute die Welt verändern? Die Frage ist unumwunden mit »Ja« zu beantworten – ein paar entschlossene und kluge Menschen können Großes anstoßen. Kulturelle, gesellschaftliche oder sittliche Werte verändern sich oft schneller, als man glaubt.

 

Ein erstaunliches Beispiel dazu liefert die Abschaffung der Sklaverei in Großbritannien zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Historiker haben nachgewiesen, dass das Ende der Sklaverei nicht etwa deshalb durchgesetzt wurde, weil sie wirtschaftlich unrentabel war. Vielmehr veränderte sich die gesellschaftliche Einstellung grundlegend. Die ersten Gegner der Sklaverei stellten sich der scheinbar unmöglichen Herausforderung, eine weltweit ver- breitete Praktik abzuschaffen: Menschen zu versklaven. Was heute als barbarisch bewertet wird, galt lange Zeit als notwendiger Teil der natürlichen Weltordnung. Die christlich geprägten Kulturen und die Bibel sprachen sich nicht eindeutig gegen die Sklaverei aus, auch wenn Sklaverei-Gegner später die Lehren Jesu als Begründung für ihre Haltung anführten. Ihre Berechtigung bezog die Sklaverei aus den Vorläuferideen eines späteren Sozialdarwinismus. Der Glaube an die Überlegenheit der europäischen Kulturen und der große wirtschaftliche Nutzen stützten den Sklavenhandel. Umso erstaunlicher ist es, dass eine Bürgerbewegung entscheidend dazu beitrug, die Sklavenhaltung zu überwinden. Die Anti-Sklaven-Bewegung in einer Londoner Druckerei im Jahr 1787 führte dazu, dass das Britische Parlament 1838 achthunderttausend Sklaven die vollen Bürgerrechte zusprach. In etwas mehr als 50 Jahren war es gelungen, gegen eine kaum hinterfragte, feste Einrichtung im Britischen Königreich anzukämpfen: Die Sklaverei wurde öffentlich verabscheut, war politisch in Verruf geraten und wurde vollständig abgeschafft.

 

Was führte zu diesem raschen Erfolg? Eine kleine Gruppe von Gegnern der Sklaverei – Führer unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften, Philosophen, Dichter, Politiker und Fabrikanten – fühlten sich derselben Sache verpflichtet. Die Sklavengegner von damals erfanden eine neue Art von politischer Arbeit. Sie bildeten Interessensgruppen und warben eindrucksvoll für eine breite gesellschaftliche Unterstützung, um die damals politisch Herrschenden grundlegend zu beeinflussen.

 

Eine Briefkampagne markierte den Beginn der Sklavenbefreiung. Auslöser waren kranke Sklaven, die auf einem Schiffstransport über Bord geworfen worden waren. Der Kapitän beabsichtigte, die Versicherungssumme zu kassieren, die im Falle des natürlichen Todes nicht ausbezahlt worden wäre. Das Entsetzen über diese Menschenverachtung war so groß, dass die Cambridge University daraufhin einen Aufsatz-Wettbewerb zum Thema Sklaverei und Moral auslobte. Damit wurde ein Bewusstsein für die Unmenschlichkeit der Sklaverei geschaffen, und die Zahl der Befürworter und Unterstützer der Sklavenbefreiung stieg. Auch die ersten Anti-Sklaverei-Petitionen an das Parlament waren in einer Zeit, in der das Volk noch kein Wahlrecht besaß, ein wirksames Mittel im Kampf um die Sklavenbefreiung. Zwar führten die Petitionen selbst noch nicht zum Ziel, allerdings brachten sie das Thema auf die politische Agenda. Der vermutlich erste Boykott im großen Stil war der Verzicht von schätzungsweise 300 000 Briten auf Zucker, eines der Hauptprodukte aus Sklavenarbeit. Zeitungsannoncen warben plötzlich für Zuckerprodukte, die ohne Sklavenarbeit hergestellt wurden. Der Boykott brachte die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen erstmals zutage. Heute sprechen wir von der Macht der Verbraucher, die »Politik mit dem Einkaufskorb« machen.

 

Die Gegner setzten mit besonderem Geschick Kommunikationsmittel ein, die Schrecken und Unmenschlichkeit der Sklaverei verdeutlichten: Bilder zeigten beispielsweise die Zustände auf Sklavenschiffen, auf denen Menschen eng zusammengepfercht und in Reihen angekettet waren. Dadurch veränderte sich die Wahrnehmung in der Bevölkerung. Es wurde das vor Augen geführt, was die Menschen eigentlich nicht wahrhaben wollten. Die Sklavengegner setzten dieses Mittel der Öffentlichkeitsarbeit meisterhaft ein.

 

Aus diesen Vorgängen können wir die Lehre ziehen, dass sich verfestigte Einstellungen offensichtlich in kurzer Zeit dramatisch verändern lassen. In den letzten Jahrzehnten haben wir gravierende Veränderungen in den Wertvorstellungen bezüglich Geschlecht, Rasse, Religion oder Sexualität verfolgen können. Vor wenigen Jahren erst erlebten wir das Ende der Apartheid in Südafrika. Kaum jemand hielt es davor für möglich, dass der African National Congress (ANC) Südafrika je regieren würde.

 

Sicherlich wirken überkommene Wertvorstellungen auch lange Zeit nach, wie die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten bis in die 1960er Jahre oder die Auswirkungen von Kolonialisierung und Ausbeutung, die bis heute zu spüren sind, zeigen. Dennoch konfrontiert uns die Geschichte der Sklavenbefreiung mit der Frage, welche der heutigen Einstellungen und Verhaltensweisen in einigen Jahrzehnten als unmenschlich und nicht hinnehmbar gelten werden. Vielleicht ist es die Ungerechtigkeit und verantwortungslose Haltung gegenüber künftigen Generationen, die Erde für die heutigen Bedürfnisse der Überflussgesellschaften zu zerstören? Oder unsere Gleichgültigkeit gegenüber völliger Armut auf der Welt? Vielleicht werden wir in Zukunft erkennen, dass Staatsgrenzen und der zufällige Geburtsort eines Menschen die Chancen auf die Lebensgestaltung des Einzelnen nicht so gravierend bestimmen sollten wie seiner Hände Arbeit.

 

Die Geschichte der Sklavenbefreiung lehrt uns: Wenn sich eine kleine Gruppe gemeinsam verpflichtet, eine Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, so liegt es in ihren Händen, mögliche Veränderungen zu erreichen. Verantwortungsvolles Engagement hat die Kraft, die Welt zu verändern.  

 

Mont Fleur: Szenarien für einen gesellschaftlichen Wandel

 

»Geschichten befördern Wissen und Urteilskraft. Ändert man die Geschichten, dann ändert man auch die Lebensweise der Menschen.« Brenda Laurel, soziale Unternehmerin

 

Aus heutiger Sicht wird leicht vergessen, wie unwahrscheinlich der Sturz des Apartheidregimes und der Aufstieg der Demokratie in Südafrika war. Es erscheint heute als beinahe natürliche Tatsache, dass Nelson Mandela zum Präsidenten von Südafrika gewählt wurde, dass die Demokratie dort Fuß gefasst hat und dass die Südafrikaner im Großen und Ganzen lernen, miteinander zu leben – obwohl in manchen Teilen der Gesellschaft immer noch rassistische Vorurteile verwurzelt sind.

 

Aber vor dieser jüngsten Entwicklung war ein friedlicher Ausgang keineswegs selbstverständlich. Während der Übergangsphase machte ein Witz die Runde, dass es zwei Wege zu einer besseren Zukunft für Südafrika gebe: einen praktischen und einen wundersamen. Der praktische Ansatz wäre, auf den Knien dafür zu beten, dass nicht eine gewaltsame Revolution das Land verwüstete. Für eine friedlich ausgehandelte Lösung hingegen bräuchte man schon ein echtes Wunder.

 

Wie schaffte Südafrika einen so raschen und friedlichen Übergang von der Apartheid zu einer Demokratie? Zum Teil ging die Lösung auf ein einzigartiges Projekt der Friedrich-Ebert- Stiftung aus dem Jahr 1992 zurück, das eine bunt gemischte Gruppe aus Südafrikanern zur Entwicklung von Visionen für die Zukunft zusammenführte. Unter ihnen waren nicht nur besorgte Bürger und Geschäftsleute, sondern selbst erbitterte Feinde – die Führer der paramilitärischen weißen Rechtsextremisten und linkslastige Schwarze im Exil. Gemeinsam arbeiteten sie vier plausibel erscheinende Szenarien aus (bekannt als die Mont-Fleur-Szenarien), welche die mögliche Entwicklung Südafrikas im kommenden Jahrzehnt skizzierten:

 

Ostrich (Strauß)

hieß das erste Szenario, dem zufolge die weiße Regierung den Kopf in den Sand stecken würde und wegen ihrer Untätigkeit am Ende ein gewaltsamer Aufstand und Bürgerkrieg ausbräche.

 

Lame Duck (lahme Ente)

ging von einem langwierigen Übergang mit einer schwachen Regierung aus, die versuchen würde, es allen recht zu machen, und letztlich kaum etwas erreichte.

 

Icarus

sah voraus, dass eine schwarze Regierung an die Macht käme, aber schließlich – genau wie die Figur aus der griechischen Mythologie – gemeinsam mit der Wirtschaft als Folge untragbar hoher öffentlicher Ausgaben abstürzte.

 

Flight of the Flamingos (Flug der Flamingos)

prognostizierte, dass für einen positiven Übergang in die Zukunft kleine Schritte notwendig wären. In Anspielung auf die Tatsache, dass es eine Weile dauert, bis ein Schwarm Flamingos gemeinsam abhebt, stand dieses Szenario unter dem Motto »langsam, aber sicher«.

 

Bevor die Mont-Fleur-Szenarien veröffentlicht wurden, sahen nur wenige Menschen einen Weg nach vorn für ihre Nation. Auf einmal mussten sie über vier mögliche Wege nachdenken und diskutieren. Weil die Szenarien durch ihre metaphorische Bildsprache leicht zu merken waren, verbreiteten sie sich rasch, prägten politische Entscheidungen und beschleunigten die Verhandlungen zwischen den Gegnern. Niemand wollte einen Bürgerkrieg. Selbst F. W. de Klerk, der letzte Präsident der Apartheid-Ära, der das Ende des Systems akzeptierte, sagte Jahre später in einer Radiosendung, er sei »kein Strauß« gewesen. Die Szenarien »Lame Duck« und »Icarus« trugen dazu bei, Fehler wie allzu hohe Ausgaben zu verhindern, was angesichts der Tatsache, dass viele der künftigen schwarzen Politiker einen sozialistischen oder populistischen Hintergrund hatten, bemerkenswert ist, da der Druck groß war, alle Missstände in Südafrika auf einen Schlag auszumerzen. Vor allem aber vermittelte das Mont-Fleur-Projekt ehemaligen Feinden praktische Erfahrung bei der Zusammenarbeit. Das erleichterte nicht nur die Aushandlung des Übergangs zur Demokratie, es zahlte sich aus, als die harte Arbeit des Neuaufbaus begann.

 

Seit dem Mont-Fleur-Projekt ist die Szenario-Methode zu einem wichtigen Instrument für gesellschaftliche Veränderungen auf der ganzen Welt geworden. Glück erfordert, wie Buddha angeblich lehrte, die Aufgabe jeglicher Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit. Das Entwickeln einer Vision der Zukunft, der alle Seiten in einem Konflikt zustimmen können, hilft Menschen, die Vergangenheit loszulassen und die gemeinsame Arbeit zu beginnen. Dieses konstruktive Engagement lässt wiederum Hoffnung keimen, und Hoffnung verleiht den Menschen neue Kraft und Macht. Hoffnung lässt selbst erbitterte Feinde verantwortungsvoller handeln, weil sie allmählich erkennen, inwiefern bestimmte Aktionen ihre Interessen – und die ihrer Kinder – in der Zukunft gefährden könnten. Das Mont-Fleur-Projekt ist das erfolgreichste Beispiel der jüngeren Geschichte für einen friedlichen Systemwechsel.


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Kommentare

greenfrog schrieb am 06.10.2009 07:12

la vida mont fleur!



 

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