Jeder Einzelne kann sich an der Debatte beteiligen. Wir verfügen über mehr Instrumente als je zuvor, um uns zu Wort zu melden: nicht nur die vertrauten Methoden, öffentliche Diskussionsveranstaltungen zu besuchen, Leserbriefe zu schreiben und die Rundfunksender anzurufen, sondern eine ganze Palette neuer Möglichkeiten, die das Internet hervorbrachte. Da gibt es Online-Foren für Diskussionen, Weblogs, auf denen wir Beiträge veröffentlichen, und Wikis, bei denen wir zusammenarbeiten können. Über Videoblogs und Podcasts strahlen wir Bild und Ton aus. Jeden Tag entstehen neue Tools, überwiegend ist die Nutzung extrem billig oder gar kostenlos.
Nie zuvor hat der Durchschnittsbürger mehr Möglichkeiten gehabt, sich Gehör zu verschaffen.
An manchen Orten haben solche Äußerungen einen hohen Preis. Despotische Regimes auf der ganzen Welt gehen rücksichtslos gegen Blogger und Online-Gemeinden vor und versuchen, Internetseiten zu schließen, die zu Zentren der Opposition wurden. Diese Cyber-Dissidenten verdienen unsere Unterstützung.
Für die meisten von uns besteht das Hauptproblem jedoch nicht darin, dass man ihnen Redeverbot erteilt hätte, sondern dass wir lernen müssen, den Dialog produktiv zu führen. Aber wir können sicher sein, dass bei der Fülle der Ressourcen und mit ein wenig Anstrengung jeder Nutzer gute Ideen in die »Blogosphäre« einbringen und so anderen helfen kann, neue Antworten und Wege zur Reform zu finden. Journalismus ist viel zu wichtig, um ihn den Profis zu überlassen.
Bridge Blogging – Brücken schlagen
Mahmud al-Yussif, ein Unternehmer aus Bahrain, ist einer von Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die politische Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, eigene Online-Medien schaffen und direkt zu einem globalen Publikum sprechen. Im Juni 2003 startete er einen Blog. Auf seiner Seite »About« schrieb er: »Nunmehr möchte ich das Image korrigieren, unter dem Muslime und Araber – in erster Linie aus eigener Schuld, wie ich sagen muss – auf der Welt zu leiden haben. Ich bin kein Missionar und will auch keiner werden. Ich betreibe mehrere Internetseiten, die genau diesen Zweck verfolgen: ein besseres Verständnis dafür schaffen, dass wir nicht alle ganz versessen darauf sind, die Welt zu zerstören. Ich hoffe, dass man zu dem Schluss kommen wird, dass ich einen kleinen Schritt zum Umdenken bewirkt habe.«
Der Wunsch, etwas zu verändern, ist die Essenz des »Bridge Blogging«: online für ein Publikum schreiben (oder einen Ton- oder Videomitschnitt ausstrahlen), das über die unmittelbare Gemeinde hinausreicht. Dabei bemüht der Blogger sich, die Ängste und Diskussionen der eigenen Gemeinde einem globalen Publikum zu erklären und in den richtigen Kontext einzuordnen.
Mittlerweile bilden sich Allianzen von »Bridge Bloggern«, weil sie ihren Stimmen die nötige Masse und Aufmerksamkeit verleihen wollen. »Global Voices Online« ist ein Medienprojekt internationaler Bürger, das sich eigens auf Bridge Blogs außerhalb der Vereinigten Staaten und Westeuropas spezialisiert hat. Ein globales Team aus Blogger-Redakteuren und Freiwilligen bietet Links und Zusammenfassungen von den ihrer Meinung nach interessantesten und global relevantesten Diskussionen, die derzeit in der »Blogosphäre« ihrer Länder und Regionen stattfinden.
OhmyNews
Aus dem Stegreif hat eine Gruppe fortschrittlich gesinnter, freier Journalisten die südkoreanische Online-Zeitung OhmyNews.com ins Leben gerufen. Artikel von gelernten Profis wechseln sich hier mit Beiträgen freiwilliger »Bürgerreporter « ab und bieten eine zeitnahe Hintergrundberichterstattung über aktuelle Ereignisse. Eine Vielzahl von Meinungen und Standpunkten soll einfließen, die bislang von der konservativen südkoreanischen Presse ignoriert wurden. Mit inzwischen 27000 Bürgerreportern und etwa einer Million täglicher Leser hat sich OhmyNews zur wohl einflussreichsten Nachrichtenquelle in Korea gemausert.
Vor kurzem erklärte der Gründer von OhmyNews, Oh Yeon-Ho, in einem Interview mit der Japan Media Review: »Der Journalismus verändert sich. Die Form des Journalismus im 20. Jahrhundert und die Form des Journalismus im 21. Jahrhundert werden völlig verschieden sein. Was den Journalismus im 21. Jahrhundert betrifft, so kann ein Leser, wenn er möchte, selbst zum Reporter werden, und das wird über das Internet umgesetzt… Wo Berufsreporter früher ihren Einfluss ausschließlich geltend machten, sehen sie sich nunmehr der Konkurrenz der Bürger ausgesetzt, also könnten Berufsreporter wirklich in Schwierigkeiten geraten, wenn sie weiterhin versuchen, die allgemeine Leserschaft mit ihrer Autorität und Arroganz zu konfrontieren … Folglich müssen die Reporter schnell begreifen, wie die Welt sich verändert und dass sie sich mit ihr verändern.«
Die englischsprachige »internationale« Ausgabe von OhmyNews ist zu einer unverzichtbaren Quelle für globale Sichtweisen, Hintergrundreportagen und Meinungen geworden. Inzwischen hat OhmyNews sein »Bürgerreporter«-System gestartet, das es jedem Nutzer ermöglicht, Artikel zu schicken. Die Beiträge werden von den Mitarbeitern gelesen, redigiert und auf die Fakten hin geprüft. Es existiert sogar ein System, das eine Vergütung der Urheber für qualitätsvolle Arbeit vorsieht. OhmyNews ist die Zukunft des Journalismus.


