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Freitag, 03. Oktober 2008 10:35 Uhr
Kategorie: Dossier

Von: EW, HR, TM/© KNESEBECK VERLAG

Die Dienstleistungen der Ökosysteme

Die Natur arbeitet für uns. Ein Blick auf den Wasserhahn genügt: Man hat ihn gekauft und bezahlt monatlich die Rechnung für die Wasseraufbereitung und die Rohrleitungen, über die das Wasser ins Haus gelangt.

Worldchanging

Dieses Wasser beginnt seine Reise meist Hunderte von Kilometern weit weg, wo es als Regen in eine bewaldete Wasserscheide gelangt, die Verunreinigungen herausfiltert und das Wasser in Bächen mit Sauerstoff anreichert, ehe es in einen Fluss und schließlich in ein kommunales Trinkwasserreservoir gelangt. Die Natur liefert uns das Wasser für die Eiswürfel in der Limonade gratis. Einen Ersatz für den Regen, die Wasserscheide oder die Bäche kann man nicht einfach kaufen. Man fragt daher nach ihrem Wert.

 

Auch die Luft, die wir atmen, die Voraussetzung für unsere Nahrung, die wir essen, und das Klima, von dem wir abhängen, all dies wird überwiegend umsonst von der Natur zur Verfügung gestellt. Solche »Dienstleistungen der Ökosysteme« sind die Basis für alles Leben auf Erden, der aber nur die Menschen einen Wert zumessen. Als die Ökonomen diesen Wert vor etwa einem Jahrzehnt erstmals berechneten, ergab eine Grobkalkulation, dass die Dienste der Natur pro Jahr ein Drittel mehr wert sind als die Wirtschaftsleistung der Menschen auf dem gesamten Planeten. In einem Bericht des »Millennium Ecosystem Assessment« schätzen die Fachleute, das es mindestens 22 Billionen Euro im Jahr kosten würde, die von der Natur gratis gelieferten Dienste durch menschliche Arbeit zu ersetzen. Viele dieser Dienste können ohnehin zu keinem Preis geleistet werden. Wenn das keine Subvention ist!

 

Geht es jedoch um die Natur, tun wir Menschen immer so, als hätten wir keinen Bezug zum Geld. Wir rechnen uns gar nicht aus, wie groß der Verlust ist, wenn unsere 16 Billionen Euro starke Wirtschaft die natürliche Ökonomie, von der wir leben, verschmutzt, degradiert und in ihrer Funktion einschränkt.

 

Langsam beginnt sich das aber zu ändern. Allmählich wird uns klar, dass es auf einem kleinen Planeten nicht einfach nur Kosten verursacht, lebenswichtige Systeme zu bewahren, sondern dass es vielmehr eine Investition in das Überleben ist.

 

Pollenflug: die älteste Partnerschaft auf Erden

 

Der Pollenflug ist 300 Millionen Jahre alt und damit die wohl älteste Geschäftsbeziehung auf unserem Planeten. Gut die Hälfte der 250 000 Blütenpflanzen auf der Erde (einschließlich 80 Prozent der wichtigsten Feldfrüchte) ist bei der Fortpflanzung auf die Befruchtung durch Insekten angewiesen. Die Insekten muss man dafür nicht bezahlen. Käfer, Schmetterlinge und Honigbienen sind Teil eines Systems, in dem jede Blütenpflanze genau die Zuwendung erhält, die sie braucht. Man stelle sich vor, wir müssten menschliche Arbeiter anstellen, die im Rahmen des größten landwirtschaftlichen Jobprogramms aller Zeiten diese Aufgabe mit Wattestäbchen übernehmen. Wir würden jämmerlich scheitern.

 

»Jahrmillionen der Koevolution haben die Beziehungen zwischen bestimmten Pflanzen und ihren speziellen Bestäubern aufs Feinste geregelt«, so der Biologe Edward O. Wilson (Buchmann und Nabhan 1997). Hält der Verlust der Artenvielfalt bei Insekten weiter an, dürfte dies für uns auch unabsehbare wirtschaftliche Folgen haben.

 

Millennium Ecosystem Assessment

 

Mehr als 1300 Naturwissenschaftler aus 95 Ländern arbeiteten an dem Bericht des von UN-Generalsekretär Kofi Annan 2001 initiierten »Millennium Ecosystem Assessment« (MEA). Darin werden die Ergebnisse des ersten Abschnitts der auf mehrere Jahre angelegten Untersuchung von Umweltindikatoren dargelegt. Der im Jahr 2005 veröffentlichte Bericht bewertet den Zustand der Ökosysteme auf der Erde, zeigt detailliert, wie sich Veränderungen in den Ökosystemen auf das Leben der Menschen auswirken können, und benennt Instrumente für einen verbesserten Umgang mit diesen Systemen, um Armut zu lindern und das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern.

 

Das Bild ist insgesamt nicht gut: Der MEA evaluierte 24 »Dienstleistungen«, die von Ökosystemen erbracht werden. 15 davon haben sich im letzten halben Jahrhundert verschlechtert, darunter die Fischerei, die Wasserreinigung, die natürliche Schädlingsbekämpfung sowie die Fähigkeit von Mangroven, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Ökosystemen, Gefahren durch Stürme und Tsunamis zu mindern. Nur vier Dienste der Natur haben sich verbessert, drei davon im Bereich der Nahrungsmittelproduktion. Zu den nächsten Aufgaben des MEA gehört eine Untersuchung von vier möglichen Szenarien für das nächste halbe Jahrhundert, auf deren Basis sich voraussagen lässt, wie wir die Zukunft durch unser Verhalten heute beeinflussen können.

 

Grüne Ökonomie

 

Da unsere Ressourcen endlich sind, sollten wir sie rationieren. Und weil die Dienstleistungen der Ökosysteme bedroht sind, sollten wir Anreize schaffen, sie zu bewahren. Die »Grüne Ökonomie « bringt diese Einsichten in die traditionelle Wirtschaft ein, damit der solchermaßen vergrößerte Rahmen neben dem harten Geschäft Raum lässt für die ökologische und physische Realität.

 

Warum aber sollten wir uns zusätzliche Beschränkungen auferlegen? Weil es auf lange Sicht besser für uns ist. Gerade so, wie eine zu hohe Verschuldung die finanzielle Zukunft belastet, so schmälert es unseren Wohlstand langfristig, wenn wir zu viel natürliches Kapital verprassen. Dass jede Firma durch ein Budget eingeschränkt wird, hält ein gutes Unternehmen nicht von ständiger Innovation ab.

 

Ähnlich müssen wir es als Grenze akzeptieren, dass wir das Budget der Ressourcen und natürlichen Dienstleistungen nicht überziehen dürfen, was uns nicht davon abhalten soll, die Effizienz, die Technik, die Kultur und das menschliche Wohl voranzutreiben. Das Budget aber halten wir nur ein, wenn wir es kennen.

 

Nehmen wir beispielsweise das kanadische Projekt »Boreal Initiative«. Der weitläufige boreale Nadelwald in Kanada erstreckt sich über mehr als fünf Millionen Quadratkilometer und bedeckt somit mehr als die Hälfte der kanadischen Landmasse. In dem Bericht Counting Canada’s Natural Capital: Assessing the Real Value of Canada’s Ecosystems wird der Wert dieses einzigartigen natürlichen Lebensraums berechnet. Zunächst wird dafür der Brutto-Marktwert des entnommenen natürlichen Kapitals herangezogen – durch Abholzung, Bergbau, Öl- und Gasförderung sowie Wasserkraft. Anschließend wird der Wert der natürlichen Dienstleistungen addiert – Hochwasserschutz, Wasserfilterung, Erhalt der Artenvielfalt, CO2-Speicherung und Erholungswert.

 

Errechnet man nun den Gesamtwert, so ist der boreale Nadelwald als lebendes Ökosystem erheblich mehr Geld wert – zweieinhalb Mal so viel. Heißt das, dass der Wald nicht für kommerzielle Zwecke genutzt werden darf? Nein, doch es bedeutet, dass Abholzung, Bergbau und andere Nutzungsarten nur in einem Ausmaß erlaubt werden sollten, das die Dienstleistungen, die der boreale Wald uns zur Verfügung stellt, nicht einschränkt. Die Berechnung des Gesamtwertes eines Ökosystems und seine Berücksichtigung als Vermögenswert in unserer Buchführung erlauben uns langfristig Entwicklung und Wohlstand.

 

Alles in allem reichen lokale Effizienzsteigerungen nicht aus, sondern es gilt, Beschränkungen im Erdsystem als Ganzem zu berücksichtigen. Um zu dem Bild eines Unternehmens zurückzukehren: Eine effiziente Niederlassung oder Fabrik kann den Konzern nicht retten, wenn er Geldmittel und Kredite verschleudert. Deshalb ist das Konzept vom nachhaltigen Maß in der Grünen Ökonomie so wichtig. Es verbietet, die nicht erneuerbaren Ressourcen über die Maßen zu beanspruchen und sich von ihrem Rückgang überraschen zu lassen, wie es mit dem Öl geschehen könnte. Außerdem besagt es, dass wir für eine intakte Umwelt sorgen müssen, indem wir den Ausstoß von CO2 und anderen Schadstoffen sowie den Verbrauch von Wasser und Bodenschätzen beschränken.

 

Zum Glück haben wir bereits viele nützliche Instrumente entwickelt, etwa die Berechnung natürlicher Vermögenswerte, Standards für Effizienz und Emissionen, Steueranreize und Umweltzertifikate. Wenn die Bürger begreifen, was die konventionellen Wirtschaftsstatistiken verschleiern oder ignorieren, können sie zukunftsweisende politische Maßnahmen entwickeln und fortschrittlichen Unternehmen zu einem Wettbewerbsvorteil verhelfen. Mit Beschränkungen im Großen und Flexibilität im Kleinen kann die Grüne Ökonomie uns dabei behilflich sein, unsere Denkmodelle mit der Realität in Einklang zu bringen und adäquates Handeln zu unserer zweiten Natur zu erheben.   


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