care&click: Wie ist die künstlerische Zusammenarbeit mit einer Biene?
Bärbel Rothhaar: Ich arbeite seit 10 Jahren mit Bienen. Als Kind wollte ich Biologin werden, habe gerne die Natur beobachtet, geschaut wie Tiere leben. Mein Großvater hatte ein Bienenhaus. So habe ich viele Erinnerungen aus meiner Kindheit an die Bienen, an den Duft des Honigs.
In der ehemaligen DDR gab es so genannte „Wanderimker“, die fuhren mit ihren Bienen in einer Art Bauwagen von Ort zu Ort. Durch einen solchen Imkerwagen habe ich angefangen mit Rähmchen und Kästen zu experimentieren. Bei einem Berliner Stadtimker schließlich habe ich dann die ersten Kunstwerke in den Bienenstock eingepflanzt.
Die Einzelbiene an sich ist relativ einfach gestrickt. Das Bienenvolk als ganzes ist jedoch als Superorganismus zu betrachten, d.h. als ein „Wesen“. Wie eine Zelle im menschlichen Körper, ein Rad im Getriebe. Heute achten die Bienenzüchter darauf, dass durch die Kombination der Gene friedliche Bienenvölker entstehen. Bienenstöcke sind also nicht so gefährlich, wie sie zum Beispiel in Filmen dargestellt werden.
Können Sie kurz erklären, wie Sie bei Ihrer Arbeit vorgehen? In Ihren Arbeiten spielt der Prozess an sich eine wesentliche Rolle. Was interessiert Sie daran?
Es gibt in meiner Arbeit drei Bereiche: Der erste ist, dass ich Objekte einpflanze, die dann von den Bienen verändert werden, die Waben herum bauen. Meine Objekte sind aus Wachs, sie werden manchmal angenommen und bebaut, manchmal aber auch zerstört, was auch für mich, wenn ich nachschaue, eine Überraschung bleibt. Aber für mich gehört dieses destruktive Element zu meiner Arbeit. Ich rätsele oft lange, warum sie das eine ablehnen und das andere nicht. Ein schönes Beispiel dafür ist die gerade laufende Ausstellung „Tierperspektiven“ im Georg-Kolbe-Museum Berlin. Zu Beginn der Lindenblüte, also der Haupt-Bauzeit der Bienenwaben, ist das Volk einfach geschwärmt anstatt, wie erhofft, an den Kunstobjekten weiterzubauen.
Ist das nicht gefährlich, so ein schwärmendes Bienenvolk?
Nein. Die Bienen haben sich dann mit Honig vollgesogen und suchen sich friedlich einen Standplatz. Und – wie gesagt – die Bienen waren noch vor 100 Jahren viel aggressiver. Heute sind sie lange auf Friedlichkeit gezüchtet. Es gibt ein langes Zusammenleben zwischen Bienen und Menschen, zum Beispiel viele Stadtimkereien, auch in Berlin, in Kleingärten, Privatgärten und sogar auf Hausdächern.
Welche Bedeutung haben Biene und Honig in Ihrer Arbeit? Gibt es da bewusste Bezüge/ Abgrenzungen zur Kunstgeschichte? Die Biene ist ja ein sehr symbolträchtiges Tier von der Antike bis heute.
Neben der Rolle, die die Biene bereits in der Antike spielte, habe ich für meine Arbeit vor allem die Arbeit „Honigpumpe“ von Joseph Beuys vor Augen. Dieser Künstler betonte Honig als Energieträger, als ein Lebensmittel, das die Sonnenenergie gespeichert hat. Diese Tatsache ist auch für mich sehr wichtig und ich bin mir dieser Eigenschaft des Honigs bewusst. Die Biene weckt viele Assoziationen, hat eine lange Kulturgeschichte. In der Antike war sie auf Grabsteinen abgebildet, als Bote zwischen Diesseits und Jenseits. Bis in das 19. Jahrhundert gab es in der Literatur militaristische Züge in der Darstellung von Bienen. Dort kämpften Bienen gegen Wespen. Napoleon hatte einen mit Bienen bestickten Mantel als Herrschafts-symbol. Ägypten hatte die Binse und die Biene als Hieroglyphe für Ober- und Unterägypten. Jede Kultur nutzte die Biene für ihre eigenen Zwecke. Auch Banken und Sparkassen hatten die Biene manchmal im Wappen.
Dann wäre da noch der psychologische Aspekt: Bei meinen Installationen spalten sich die Meinungen. Manche finden es zum Beispiel sehr unheimlich, wenn Bienen wie bei meinem weiblichen Torso „Milch & Honig, 2002/2005“ ein und aus fliegen. Es gibt da natürlich auch Verbindungen zur Kunst- und Filmgeschichte wie zu „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel. Insekten haben etwas Unheimliches, Beängstigendes und Schönes. Ich möchte es in der Mitte halten. Bienen können auch gefährlich sein, Natur ist nicht nur niedlich und schön. Ich verstehe uns als Teil der Natur, vor der wir Ehrfurcht haben sollten.
Wie geht es den Bienen derzeit? Hat sich die Population in den letzten Jahren verändert? Ist sie ein Symbol des Klimawandels?
Ein Problem und eine Bedrohung ist derzeit bestimmt der Milbenbefall.
Bei uns gibt es im Gegensatz zu den USA ja noch relativ wenig genmanipulierte Pflanzen. In den USA ist das Bienensterben viel größer.
Bei der Maisbeize letztes Jahr in Süddeutschland kam es zu einem Bienensterben, so dass Imker 4 Millionen Euro Schadensersatz bekamen und dieses Verfahren verboten wurde.
Einstein soll gesagt haben, wenn die Bienen aussterben, hätten wir danach noch vier Jahre zu leben. Das glaube ich nicht, ich denke, es wird in erster Linie bestimmte, empfindliche Arten treffen. Die Bienen als Gattung werden uns lange überleben.
Einer Katastrophe gleich kommt es allerdings, wenn Bienen nicht mehr befruchten und bestäuben. Nutzpflanzen z.B. werden nur zum Teil von Hummeln bestäubt, hauptsächlich aber von Honigbienen. Bestimmte Pflanzen werden vorwiegend von Bienen bestäubt. In den USA werden Bienenvölker zur Bestäubung sogar in Trucks von Ort zu Ort gefahren.
Ihre Ausstellung „Apis Regina – Bienenarbeiten“ findet ab dem 12.6.09 im Umweltbundesamt Dessau statt. Wen möchten Sie mit Ihren Arbeiten erreichen und meinen Sie, dass die Kunst etwas für ein besseres Verständnis von Natur- und Tierwelt sowie deren Schutz tun kann?
Ja, ich sehe Kunst als Transportmittel.
Zunächst: Ohne die Bienen gäbe es meine Arbeit nicht, sie sind meine Partner. Ich nutze ihre Instinkte, weswegen ich auch schon den Vorwurf der Ausbeutung zu hören bekommen habe. Doch für mich ist die Biene ein Haus- und Nutztier. Sie ist auch von uns abhängig, wie zum Beispiel im Falle einer Bekämpfung gegen Milbenbefall.
Viele Leute stellen in Anbetracht meiner Arbeiten Fragen. Sie sind auch irritiert, wenn Bienen menschliche Gesichter verändern. „Die dürfen das.“ Ist die Natur stärker? Vieles spielt sich da auf symbolischer Ebene ab und prallt aufeinander. Es gibt eine Verunsicherung. Ich möchte mit meiner Arbeit die Aufmerksamkeit für die Biene wecken, verschiedene Leute ins Gespräch bringen. In Dessau beispielsweise hält Erika Mayr einen Vortrag. Ihre Umweltprojekte und Landschaftsentwürfe machen in schrumpfenden Industriestädten wie Detroit das Brachland ehemaliger Autostehplätze für die Bienenwirtschaft nutzbar.
Viele Themen sind mit der der Bienenkunst verbunden. Die aktuelle wissenschaftliche Forschung, die Umweltproblematik, etc. Gleichzeitig spielt auch das Narrative für mich eine wesentliche Rolle. Meine Arbeit hat einen Fokus auf Aufbau und Zerfall, Konstruktion und Destruktion des Lebens. Übrigens haben meine Arbeiten, in denen Köpfe in die Bienenstöcke gesetzt wurden, auch Bezüge zu Totenmasken und Mumifizierungspraktiken. Bienen ummanteln mit ihrem Baustoff Propolis (Baumharz) zum Beispiel kleine, tote Tiere wie Mäuse, um sie vor der Verrottung im Bienenstock zu bewahren. Sie sind quasi die Erfinder des Mumifizierens.
Frau Rothhaar, wir danken Ihnen für das Gespräch.
„Apis Regina – Bienenarbeiten“
im Umweltbundesamt Dessau
Eröffnung 11. Juni, 18 Uhr
12.6. - 28.8.2009, Mo-Fr 9-20 Uhr
Wörlitzer Platz 1, 06844 Dessau


